Wien. – Österreichs Schulen stehen vor einem tiefgreifenden Umbau. Bildungsminister Christoph Wiederkehr (NEOS) möchte die Lehrpläne neu gewichten, die Volksschule verlängern und die Oberstufe verkürzen. Trotz massiver Kritik aus Politik, Gewerkschaft und Fachwelt hält er an seinen Plänen fest.
Im Zentrum steht eine inhaltliche Neuausrichtung der AHS-Oberstufe: Künftig soll es mehr Raum für Informatik und Künstliche Intelligenz geben, während die Stundenzahl für Latein und die zweite lebende Fremdsprache reduziert werden soll. Zusätzlich plant der Minister die Einführung des neuen Unterrichtsfachs „Medien und Demokratie“. Einen eigenen KI-Gegenstand werde es allerdings nicht geben. Vielmehr gehe es darum, „informatische Grundkompetenzen in der Schule zu verstärken“. Zugleich betont Wiederkehr: „Aber natürlich soll KI in jedem Fach vorkommen.“
Er weist die häufig formulierte Gegenüberstellung von KI und Latein zurück. „Das ist eine medial inszenierte Zuspitzung gewesen. Es geht darum, Bildung zu definieren und Allgemeinbildung zu definieren.“ Sprachliche Kompetenzen seien nach wie vor bedeutend. Insgesamt gebe es mehr Lateinstunden als Unterricht zu Informatik, KI und Medienbildung zusammen.
Systemwechsel mit Pilotprojekt
Ein weiterer Kernpunkt ist die Verlängerung der Volksschulzeit von derzeit vier auf künftig sechs Jahre. Für Wiederkehr ist dies „eine Frage der Chancengleichheit“. Österreich sei hier im europäischen Vergleich eine Ausnahme. Zunächst soll ein Pilotprojekt durchgeführt werden, das wissenschaftlich begleitet wird. Wien soll als freiwillige Modellregion dienen. Der Minister spricht selbst von einem kompletten „Systemwechsel“, der behutsam getestet werden müsse. Grundsätzlich sollen Mittelschule und Gymnasium bestehen bleiben, allerdings mit verkürzter Oberstufe.
Wiederkehr begründet seine Reformagenda mit einem Reformstau. Er sieht einen „jahrelangen Stillstand“ im Bildungssystem. „Aber die Welt hat sich extrem schnell verändert, und wir müssen mit dem Schritt halten.“ Reformen brächten zwangsläufig Veränderungen mit sich: „Aber man kann ja nicht immer gegen Veränderungen sein und Reformen verweigern.“ Österreich müsse den „Mut haben, auch Sachen neu zu denken“.
Massive Kritik an Kürzungen und Strukturplänen
Seit das Vorhaben Ende Januar bekannt wurde, wird hochemotional darüber debattiert. Der Widerstand kommt nicht nur von der Opposition, sondern auch vom Koalitionspartner, von der Lehrergewerkschaft sowie von einem Großteil der AHS-Direktionen. In einer Umfrage unter rund 360 Schulleitungen lehnten über 90 Prozent die vorgesehenen Kürzungen bei Latein und der zweiten lebenden Fremdsprache ab, wie orf.at berichtet. Auch aus der SPÖ wurden Zweifel laut, ob die Lehrplanänderung in absehbarer Zeit realisiert werden könne.
FPÖ warnt vor „gefährlichem Spiel mit dem Feuer“
Während Wiederkehr auf Modernisierung und Zukunftsfähigkeit setzt, zeichnet die FPÖ ein völlig anderes Bild der Lage an Österreichs Schulen. In einer Aktuellen Stunde im niederösterreichischen Landtag mit dem Titel „Deutsch stärken und Leistung sichern – Gefährden Reformen von Bildungsminister Wiederkehr NÖs Schulen?“ wird die FPÖ Niederösterreich am Donnerstag die Pläne des Ministers thematisieren.
In einer Aussendung zeichnet FPÖ-Bildungssprecher Helmut Fiedler schon vorab ein drastisches Szenario: ��Stellen Sie sich ein Haus vor, in dem es im Erdgeschoss lichterloh brennt. Die Bewohner rufen um Hilfe, aber der Hausbesitzer im Dachgeschoss überlegt ernstlich, ob man die Wohnzimmerwand im Obergeschoss pink oder blau streichen soll.“ Mit dem Hausbesitzer meint Fiedler dabei Minister Wiederkehr, der seiner Ansicht nach die eigentlichen Probleme verkennt. Aus Sicht der Freiheitlichen sollte nicht die Modernisierung von Lehrinhalten, sondern die Sicherung grundlegender Voraussetzungen für den Unterricht im Vordergrund stehen. „Deutsch ist keine Option. Deutsch ist die Voraussetzung, damit Unterricht überhaupt stattfinden kann. Deutsch ist somit eine Bringschuld der Zuwanderer und somit Pflicht“, so Fiedler.
„Brandgefährliche Kosmetik“
Er bezeichnet die geplanten Anpassungen in der Oberstufe als oberflächlich und riskant: „Wiederkehrs Kosmetik ist brandgefährlich.“ Inhalte wie KI, Demokratiebildung und Medienkompetenz seien zwar grundsätzlich sinnvoll, würden an den AHS jedoch bereits unterrichtet und seien im Lehrplan 2027 als überfachliche Themen vorgesehen. Ein tiefer Eingriff in die Stundentafel sei daher unnötig.
Die FPÖ kritisiert auch die aus ihrer Sicht falsche Schwerpunktsetzung scharf: „Die geplante Reform brächte Chaos in die nö. Schulorganisation, eine Schwächung bewährter Schulprofile und eine schleichende Austrocknung ganzer Fächergruppen, weil man Lehrkräften die Perspektive nimmt. Das Schlimmste: Man philosophiert über PR-Projekte in der AHS-Oberstufe und die Pflichtschulen gehen unter.“
Brennpunktschulen und Leistungsprinzip im Fokus
Ein zentrales Thema in der Debatte sind für die FPÖ auch Schulen mit einem hohen Anteil nicht deutschsprachiger Kinder. „Das Problem ist nicht Vielfalt, das Problem ist Überforderung. Wenn zu viele Kinder kein Deutsch sprechen, ist kein normaler Unterricht möglich und das ist reines Systemversagen.“
Anstelle neuer Fächer und Strukturdebatten fordert die FPÖ eine klare Linie: den Ausbau der Deutschförderklassen, ausreichende Sprachkenntnisse als Voraussetzung für den regulären Unterricht, mehr Autorität für Lehrkräfte sowie eine stärkere Betonung des Leistungsprinzips. „Zudem brauchen Lehrer endlich Respekt und keine Ideologien, Schluss mit der Gleichmacherei“. Ohne Leistungsprinzip gäbe es nämlich auch keine Bildungsgerechtigkeit, so Fiedler. Demokratiebildung sei wichtig, dürfe aber nicht in einer überhasteten Vorgangsweise umgesetzt werden.



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