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Warum die AfD kapitalismuskritischer sein sollte

Folgt man der offiziösen Farbenlehre der politischen Lager, dann scheint eines klar: je weiter man rechts ist, desto prokapitalistischer ist man. Auch das eigene konservative Lager hat diese Beschreibung mittlerweile akzeptiert und setzt dies um. Verfolgt man die politischen Botschaften wichtiger Medien wie der Jungen Freiheit oder sogar der AfD, dann gibt es konservativ und kapitalistisch nur zusammen. Aber warum überhaupt? Es ist Zeit, über die konservativ-kapitalistische Romanze nachzudenken.
Kommentar von Bruno Wolters
30.10.2022
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4 Minuten Lesezeit
Die in Gastbeiträgen geäußerten Ansichten geben ausschließlich die Meinung des jeweiligen Autors wieder und entsprechen nicht notwendigerweise denen der Freilich-Redaktion.
Warum die AfD kapitalismuskritischer sein sollte

In einer ersten Hinsicht scheinen konservatives und kapitalistisches Denken wesensgleich zu sein: Kapitalistische Prinzipien basieren zum Teil auf konservativen Werten wie Leistungsbereitschaft, Kreativität und Verantwortungsbewusstsein. Hier ist es doch naheliegend, als ein Konservativer eben jenes Wirtschaftssystem auch aktiv zu unterstützen. Analysiert man jedoch dieses System genauer, dann wird man auf eklatante Widersprüche treffen, die letztendlich alles konterkarieren, was Konservative erreichen möchten.

Die logische Konsequenz

Beginnen wir mit einem Blick auf die philosophischen und soziologischen Grundannahmen des Kapitalismus – der radikale Individualismus, die Absage an Metaphysik, Denksysteme wie der kritische Rationalismus oder der methodologische Individualismus, sie alle befördern ein anti-kollektives, rein auf den einzelnen Menschen zentriertes Denken. Das Menschenbild des Kapitalismus – der Homo oeconomicus – basiert auf liberalen Axiomen wie dem rationalen Handeln und der Vernunft.
Ein gemeinschaftliches Denken wird somit schon a priori verhindert oder erschwert, da immer nur das einzelne Subjekt im Vordergrund stehen kann, das als einzig handelndes Subjekt akzeptiert wird. Wer aber sich konservativ nennt und sein Volk liebt, der kann nicht eine Gesellschaft als Menge atomisierter, individualisierter Einheiten ansehen und zuallererst an sich selbst denken. Wer Metaphysik und die Totalität einer Gemeinschaft ablehnt, der kann schlecht mit Begriffen wie Volk und Nation hantieren, ohne in logische Löcher seines Denkens zu fallen. Kurzum: Wer mit Ayn Rand und Hayek als Basis über Volk, Nation und Gemeinschaft reden möchte, ist entweder inkonsequent oder ein Heuchler.

Ebenso verhält es sich mit den kapitalistischen Prinzipien: Wirken diese nicht wie Säure auf jegliche gemeinschaftliche Werte? Letztendlich kennt doch das Kapital nur das atomisierte Individuum. Begriffe wie Nation und Volk können in einem kapitalistischen System keine Wirkung haben, da das Profitstreben, auf dem alles basiert, nicht unterscheidet. Die aktuellen Entwicklungen um das globale Finanzkapital, aber auch das woke capital bezeugen die Konsequenz, dass das (Groß)Kapital, wenn es sich wirtschaftlich lohnt, ganze Völker abwickeln kann. Genauso – analog zum Freund-Feind-Denken bei Schmitt – gibt es im ungezügelten Kapitalismus auch nur Verlierer und Gewinner. Letztere profitieren oft von kapitalistischen Gewinnen, ohne irgendwie zum Beispiel selbst eine gewisse Art von Arbeit geleistet zu haben – im krassesten Fall haben sie einfach nur spekuliert. Wie soll das mit konservativen Werten vereinbar sein?

Zudem wird durch den aktuellen globalen Finanzkapitalismus eine klare Ungleichheit in der Gesellschaft angefacht – Gift für jede Gemeinschaft und den sozialen Frieden. Wie kann man sich also an dieser Stelle als konservativ bezeichnen und eben jenem Treiben aktiv zuarbeiten? Akteure der Jungen Freiheit oder des Krautzone Magazins verstehen leider diesen Widerspruch nicht – diese sehen ein Bündnis zwischen Kapitalismus und konservativem Denken als möglich an.

Die ideengeschichtliche Tradition

Vielen ist es gar nicht bewusst, aber der radikale Kapitalismus war kein Kind der historischen Konservativen. Allein schon aus logischen Gründen, da der Kapitalismus ein Erzeugnis des modernen Liberalismus war, haben Konservative seit Edmund Burke immer kritisch auf kapitalistische Systeme geblickt, denn bis ins Vorfeld des Ersten Weltkrieges waren viele konservative Intellektuelle ausgesprochen kapitalismuskritisch (aus den vorgenannten Prämissen). Der Sieg des Bolschewismus und eine drohende soziale Revolution in allen europäischen Gesellschaften sorgte jedoch für ein Umdenken, da nun viele neben der kritisierten liberalen Massendemokratie, die keine große materielle Niederlage für das Besitzbürgertum implizierte, eine noch größere Gefahr in der bolschewistischen Revolution sahen, die im Ernstfall natürlich eben jenen konservativen Intellektuellen an die Substanz gegangen wäre.

Zum Beispiel sah der „Marx für Bürger“ Vilfredo Pareto den Zusammenschluss eines marktradikalen und gesellschaftlich-konservativen Denkens als die einzige Antwort, um bestehende Strukturen zu schützen und den drohenden Weltkommunismus aus dem Osten abzuwehren. Ab der Zwischenkriegsperiode begann also eine gewisse Synthese zwischen kapitalistischem und konservativem Denken. Die Weltwirtschaftskrise und der Zweite Weltkrieg potenzierten diese Entwicklung, auch wenn ein offen prokapitalistisches Denken bis zur neoliberalen Wende in den 70er-Jahren nicht mehr en vogue war. Keynes war der Star der Ökonomie, nicht Hayek – im Hintergrund agierten aber jene ultrakapitalistischen Akteure in gewisser Weise metapolitisch, zum Beispiel durch den Aufbau der Mont Pèlerin Society, um im richtigen Zeitpunkt anwesend sein zu können.

Der Systemkonflikt zwischen dem kapitalistischen Westen und dem planwirtschaftlichen Osten engte zudem vor allem im geteilten Deutschland das Denken auf der wirtschaftlichen Achse ein. Für Konservative blieb einerseits durch die Anwesenheit der Besatzer, vor allem der USA, andererseits durch die Existenz der DDR, nur ein kapitalistisches System übrig. Selbst die SPD verabschiedete sich deswegen in den 50er-Jahren von einem allzu radikalen Programm, denn der Vorwurf, nur dem Feind im Osten Vorschub zu leisten, war schnell gefallen. Die wirtschaftlichen Probleme der 70er-Jahre und die Unfähigkeit der keynesischen Ideen, diese Probleme zu lösen, sorgten endgültig für einen Durchbruch einer neoliberalen Wende – nicht nur bei konservativen Parteien.

Zudem: der marktradikale Liberalismus, der den Menschen immer nur als einzelnes Individuum ansieht, hatte seine Wurzeln mit Adam Smith und anderen Intellektuellen vor allem im angelsächsischen Raum. Im kontinentalen Europa war man im konservativ-intellektuellen Bereich gegenüber solchem Liberalismus skeptisch und folgte eher einem autoritären Etatismus. Carl Schmitt ist hier das beste Beispiel, der explizit von einem starken Staat ausging – ein völliger Widerspruch zum liberalen und marktradikalen Blick auf den Staat.

Man kann also an dieser Stelle fragen, ob man als Konservativer wirklich in einer kapitalistischen Tradition stehen muss – oder ob man hier nicht einem Trugschluss aufsitzt.


Zur Person:

Bruno Wolters (Jahrgang 1994) hat Philosophie und Geschichte in Norddeutschland studiert. Gemeinsam mit Erik Ahrens gründete er im Sommer 2020 das konflikt Magazin, ein konservatives Onlinemagazin für Berichterstattung aus Politik und Gegenkultur. Im Jahr 2021 folgte das Buch Postliberal im Verlag Antaios. Wolters Interessensgebiete sind Ideengeschichte und politische Philosophie.

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