Dirk Jandura, der Präsident des deutschen Bundesverbands Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA), hat am 18. Februar 2026 die Idee einer „Handels-NATO“ ins Spiel gebracht. „Denkbar wäre eine ‚Handels-NATO‘ aus EU und CPTPP – ohne Russland, China und die USA – mit einem Artikel-5-Mechanismus, der WTO-widrige Zollangriffe als Angriff auf alle wertet und kollektive Gegenmaßnahmen auslöst. Machtpolitik per Zoll-Diktat darf keinen Platz mehr haben“, so Jandura. Dem ist grundsätzlich zuzustimmen.
Es bleibt aber unter anderem die Frage, ob mit der kraftmeierischen Bezeichnung „Handels-NATO“ nicht über die Zuhilfenahme eines ökonomisch-moralischen Standpunkts das eigene Versagen „abgetarnt“ werden soll. Mit der sogenannten „Beistandsklausel“ sollen sich die europäischen Zollopfer nämlich gemeinsam agierend gegen Zollmaßnahmen von außen verteidigen.
Das wirtschaftliche Verteidigungsbündnis ist dabei als medientaugliche politische Idee nachvollziehbar, aber als formales Bündnis mit automatischer Beistandsklausel kurzfristig eher unrealistisch. Realistischer wäre doch in jedem Fall eine EU-geführte Koalition gleichgesinnter und vor allem auch volkswirtschaftlich gleich starker Handelsstaaten mit abgestimmten Reaktionen, aber ohne echtes „Artikel-5-Automatik“-Versprechen – aber das ist bei der aktuellen EU-Führung, die im Übrigen eine Exklusivkompetenz bei der EU-Handelspolitik für sich beansprucht, auch unrealistisch.
Europäischer Binnenmarkt als unterschätzte Macht
Jandura, selbst Unternehmer im Elektrogroßhandel, sieht den Außenhandels-Klimaindikator eindeutig nach unten zeigend: „Die Erträge und Umsätze stehen unter Druck, Aufträge und Auslastung bleiben schwach.“ Wichtig sei es, die eigene wirtschaftliche Stärke und Wettbewerbsfähigkeit wieder in den Mittelpunkt zu rücken. Vielleicht ist es also der lange stiefmütterlich behandelte, dennoch hochgelobte europäische Binnenmarkt mit seinen 450 Millionen Verbrauchern, der einen Lösungsansatz bringt. Der innereuropäische Warenverkehr hat immerhin ein BIP von 18 Billionen Euro, was knapp 16 Prozent des Welthandels entspricht. Damit ist die EU global ein wichtiger wirtschaftlicher Akteur, der durchaus mit seinen Muskeln spielen könnte.
Auch für Österreich hat der europäische Binnenmarkt existentielle Bedeutung: Allein im Jahr 2023 exportierte Österreich Waren im Wert von rund 200,8 Milliarden Euro; mit einem Exportwert von circa 58,4 Milliarden Euro (29,1 Prozent des Gesamtexports) war die Bundesrepublik Deutschland wichtigstes Abnehmerland. An zweiter Stelle folgen zwar die USA, doch gleich danach kommen Italien, Großbritannien und die Schweiz.
Koalition statt Bündnisrhetorik
Wenn also nur der Intra-EU-Export schon 2017 einen Anteil von 64,0 Prozent am Gesamtexport der 28 Mitgliedstaaten hatte, ist der außereuropäische Handel möglicherweise mit einer „Koalition der Willigen“ – also EU-Partnern wie Japan, Kanada, Australien, UK, Schweiz et cetera – über politische Abstimmung gegen Zwangsmaßnahmen in den Griff zu bekommen. Eine koordinierte und verhandelte Reaktionspalette ist da sicher hilfreicher als das pseudo-militärische Wortgeklingel.
Denn GBA-Chef Jandura hat ja eigentlich erkannt: „Europäische Regeln dürfen nicht durch zusätzliche nationale Bürokratie verschärft werden. Nur mit weniger Bürokratie, einem funktionierenden Binnenmarkt und einer klaren Reformagenda kann Europa seine Wettbewerbsfähigkeit nachhaltig stärken. Mit der Abschaffung des Lieferkettengesetzes könnten wir anfangen.“ Verteidigungsbündnisse entfallen, wenn man nicht angreifbar ist.




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