Die jüngsten Veröffentlichungen aus US-Ermittlungsakten werfen ein schwerwiegendes Licht auf die Rolle Österreichs im Umfeld des verurteilten Sexualstraftäters Jeffrey Epstein. Demnach soll Epstein im März 2019 heimlich nach Wien gereist sein, ohne diese Reise – entgegen klarer rechtlicher Verpflichtungen – den zuständigen US-Behörden zu melden. So soll der bestens vernetzte Millionär eine Reise nach Frankreich gemeldet haben, in deren Verlauf er allerdings auch Monaco und Wien besucht habe. Das sei „durch Strafbehörden entdeckt worden“, heißt es in dem Aktenstück. In einem anderen Dokument ist davon die Rede, dass Epstein „mindestens an zwei Gelegenheiten“ heimlich nach Monaco und Wien gereist sei. Flug- und Polizeidaten belegen einen mehrstündigen Aufenthalt in der österreichischen Bundeshauptstadt. Österreich war damit offenbar nicht bloß ein zufälliger Zwischenstopp, sondern Teil eines internationalen Bewegungs- und Kontaktnetzwerks, das sich staatlicher Kontrolle weitgehend entzog.
Im Juli 2019 ist Epstein dann nach einer Paris-Reise wegen Vorwürfen des Menschenhandels und pädokrimineller Handlungen verhaftet worden. Einen Monat später wurde er tot in seiner Gefängniszelle gefunden.
Der Pass: Ein Dokument mit Sprengkraft
Besonders brisant ist der nun erstmals öffentlich belegte gefälschte österreichische Reisepass, der bei einer Razzia in Epsteins New Yorker Penthouse sichergestellt wurde. Der Pass soll bereits 1982 in Wien ausgestellt worden sein, trägt einen falschen Namen und eine ausländische Meldeadresse, zeigt jedoch Epsteins Foto. FPÖ-Generalsekretär Christian Hafenecker wollte bereits im März 2022 per parlamentarischer Anfrage mehr über diesen Reisepass erfahren. Innenminister Gerhard Karner (ÖVP) antwortete ihm damals: „Die Erhebungen konnten die Existenz des gegenständlichen österreichischen Reisepasses bislang nicht bestätigen, weshalb auch keine entsprechenden Erkenntnisse vorliegen.“
Während das österreichische Innenministerium die Existenz eines solchen Dokuments also nicht bestätigt, zeigen neue US-Akten, dass sich die österreichische Botschaft unmittelbar nach dem Fund aktiv nach diesem Pass erkundigte. Dieser Widerspruch wirft ernste Fragen nach der Informationsweitergabe, der Ermittlungstiefe und der Transparenz staatlicher Stellen auf.
Wien als Schaltstelle politischer Einflussnahme
Darüberhinaus dokumentieren E-Mails und Chatverläufe, dass Epstein Wien auch als politische Drehscheibe nutzen wollte. Gemeinsam mit dem ehemaligen Trump-Berater Steve Bannon versuchte er, Kontakte zu europäischen Spitzenpolitikern anzubahnen. In diesem Zusammenhang taucht auch der Name des damaligen Bundeskanzlers Sebastian Kurz auf. Kurz bestreitet jede Kenntnis von Epstein sowie jede Beteiligung an entsprechenden Treffen, konkrete Belege für ein Zustandekommen solcher Kontakte liegen nicht vor. Unbestritten ist jedoch, dass sich Epstein gezielt in der Nähe politischer Machtzentren bewegte und versuchte, politischen Einfluss zu nehmen.
Eine zentrale Rolle spielte dabei das International Peace Institute (IPI) mit Sitz in Wien. Dessen langjähriger Präsident Terje Rød-Larsen stand über Jahre in engem Austausch mit Epstein, der das Institut mit erheblichen Geldbeträgen unterstützte und Zugang zu hochrangigen politischen und diplomatischen Kreisen erhielt. Erst nachdem diese Verbindungen öffentlich bekannt wurden, trat Rød-Larsen zurück, und die Wiener IPI-Dependance wurde geschlossen. Der Fall zeigt exemplarisch, wie internationale Organisationen mit Sitz in Wien als Einfallstor für fragwürdige Netzwerke missbraucht werden können.
Ein Skandal ohne Aufarbeitung
In Summe offenbart die Causa Epstein massive Versäumnisse bei Kontrolle, Aufsicht und politischer Aufarbeitung. Offene Fragen zu Epsteins Reisen, zu möglichen Kenntnissen österreichischer Behörden und zum Umgang mit sensiblen Informationen sind bis heute nicht ausreichend beantwortet. Gerade Österreich, das sich gerne als Standort internationaler Organisationen und als Hort des Rechtsstaates präsentiert, ist hier zu vollständiger Transparenz und lückenloser Aufklärung verpflichtet. Alles andere beschädigt nachhaltig das Vertrauen der Bevölkerung in Staat, Sicherheit und Rechtsordnung.





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