Es gibt Texte, die mehr über ihren Verfasser als über ihren Gegenstand aussagen. Rüdiger Lucassens offener Brief an seinen Fraktionskollegen Torben Braga, den er auf der Plattform X veröffentlichte, gehört zu dieser Kategorie. Bereits die Wahl des Formats ist dabei aufschlussreich: X ist kein Medium des vertraulichen Gesprächs, sondern die Arena der öffentlichen Selbstdarstellung, der performativen Geste, des Publikums. Wer dort einen mehrseitigen Brief veröffentlicht, der formal an eine Einzelperson gerichtet ist, sucht nicht das Gespräch, sondern Zeugen. Lucassen inszeniert einen Zweikampf, während er das Stadion füllt.
Was liegt hier vor? Ein politisches Manifest ist es nicht, da ihm jede programmatische Zuspitzung fehlt. Eine Abrechnung – ja, das schon –, aber eine, die nicht aufgeht, weil sie auf halbem Wege abbricht. Was bleibt, ist ein Text in einem eigentümlichen Schwebezustand: zu persönlich für eine Analyse, zu analytisch für eine Klage, zu aufgewühlt für Souveränität und zu kalkuliert für echten Kontrollverlust. Dieser Schwebezustand ist jedoch kein stilistischer Mangel, sondern die präzise Entsprechung der inneren Verfassung seines Verfassers.
Der Gestus der Kontrolle, die keine ist
Lucassen eröffnet mit dem Gestus des Überlegenen. Die Ostertage hätten ihm Muße verschafft und eine krankheitsbedingte Rekonvaleszenz habe ihm die Gelegenheit geboten, sich tiefer in die Vorwürfe einzulesen. Man gewinnt den Eindruck, hier schreibe jemand aus der Position des entspannten Beobachters. Doch schon dieser Auftakt verrät, was er zu verdecken versucht. Wer auf X einen langen offenen Brief veröffentlicht, hat die Arena der Öffentlichkeit gewählt und damit zugegeben, dass das Private nicht mehr reicht. Ein Mann, dem die innerparteilichen Angriffe tatsächlich gleichgültig wären, würde entweder schweigen oder handeln. Politische Souveränität zeigt sich nicht darin, Vorwürfe zu widerlegen, sondern darin, sie irrelevant werden zu lassen. Lucassen widerlegt. Das ist im politischen Sinne bereits die halbe Niederlage.
Dies ist besonders dort spürbar, wo der Ton seine Kontrolle verliert, beispielsweise in den Passagen über die anonymen Accounts, den Mann mit der Skimaske, die Wortschöpfungen seines politischen Umfelds, die er mit sichtlichem Unbehagen aufzählt: „NATO-Huren“, „Cuckservatives“, „BRD-Boomer“ und schließlich das Kürzel „HS“, dessen Bedeutung er peinlich genau dekodiert. Wer aufzählt, was über ihn gesagt wird, zeigt damit, dass er es gelesen hat. Wer es gelesen hat, zeigt, dass es ihn trifft. Der Gestus der Überlegenheit wird vom Betroffensein aufgehoben.
Freund und Feind im falschen Koordinatensystem
Lucassen war Berufssoldat und Offizier in der Bundeswehr des Kalten Krieges – in jener Institution, die in ihrer gesamten Existenz auf Eindeutigkeit ausgerichtet war. Sie kannte den Feind, seine Lage, seine Doktrin und seine Panzerverbände in der norddeutschen Tiefebene. Sie kannte die Antwort, bevor die Frage gestellt wurde. Missverständnisse gab es kaum. Aber: Diese Welt existiert spätestens seit 1989 nicht mehr.
Was an ihre Stelle getreten ist – hybride Bedrohungen, digitale Meinungskorridore, ein innerparteilicher Machtkampf, der über anonyme Accounts auf einer amerikanischen Plattform geführt wird, während die Vereinigten Staaten und Israel immer mehr zu einer Karikatur der westlichen Welt werden – hat mit dem Koordinatensystem des Berufssoldaten nichts gemein. Es gibt keinen General mehr, der klipp und klar sagt, wo der Russe steht und wo der Feind ist, auch das Pentagon ist nicht mehr verlässlich. Dass Lucassen dies als Defizit empfindet, wird in dem Brief auf jeder Seite deutlich – nicht durch ein Eingeständnis, sondern durch den Ton, die Auswahl und die nervöse Energie, mit der er Kürzel dekodiert und Accounts seziert, die ihm strukturell fremd sind.
Doch die Überforderung reicht tiefer als das militärisch-operative Handwerk. Es ist nicht nur das Werkzeug, das nicht mehr passt, sondern das Fundament, das sich als schief erweist. Lucassen hat sein politisches Leben im Vertrauen auf eine Ordnung verbracht: den liberalen Westen als legitimen Rahmen, die Bundeswehr als Wertegemeinschaft und das parlamentarische System als reformierbares, im Kern aber verteidigungswürdiges Gefüge, vor allem im Vergleich zum menschenfeindlichen damaligen Ostblock. Mittlerweile hat ihn diese Ordnung selbst aussortiert.
Die Bundeswehr, der er sein Berufsleben gewidmet hat, marginalisiert Männer seines Typs aktiv. Noch absurder ist, dass der liberale Westen, den er gegen die Russlandfahrer in seiner eigenen Fraktion verteidigt, genau die Zustände produziert, aufgrund derer es die AfD als Partei gibt. Dies ist keine falsche Abzweigung, die man korrigieren könnte, sondern ein schiefes Fundament. Lucassen weicht diesem Befund aus – nicht aus Feigheit, sondern weil das Eingestehen ihn zwingen würde, sein gesamtes politisches Leben neu zu überdenken und gegebenenfalls auch bisherige Wahrheiten zu revidieren. Entsprechend ist sein Schmerz über mangelnde Anerkennung zu verstehen: als das Signal eines Mannes, dessen Koordinatensystem nicht mehr zur Wirklichkeit passt.
Das Generationenproblem als Weltanschauungsproblem
Lucassen streut den Begriff „Boomer” mit einer ironischen Geste durch seinen Text, als wolle er ihm die Schärfe nehmen, bevor seine Gegner ihn als Waffe einsetzen können. Was er dabei jedoch außer Acht lässt, ist der Kern: Der in dem Brief thematisierte Generationenkonflikt ist kein Missverständnis, das sich durch Korrespondenz ausräumen ließe. Was Lucassen als Differenz der Erfahrungshorizonte beschreibt, ist eine Differenz der politischen Ontologien.
Knapp formuliert: Die jüngere Gruppe denkt in Kategorien des Bruchs, der metapolitischen Langfristigkeit und der weltanschaulichen Fundierung als Voraussetzung für jedes Handeln. Lucassen hingegen denkt in Kategorien der Institution, der Kontinuität und des parlamentarischen Schritts. Beide Positionen sind zwar kohärent, jedoch nicht miteinander vereinbar.
Fairerweise muss man sagen: Lucassen ist kein schlechter Schreiber. Einige Passagen haben echte Schärfe, der Abschnitt über Kameradschaft ist begrifflich präzise und der über Benedikt Kaiser ist mit trockenem Humor ausgestattet. Doch der Gesamteindruck ist der des Murrens, des Aufzählens und des Nicht-Loslassens. Lucassen dokumentiert Seite um Seite, was man ihm angetan hat: das verzerrte Zitat, die angebliche Drohung gegen seinen Mitarbeiter, die Beleidigungen, die mangelnde Wertschätzung.
Er erinnert an Vorlagen, die er geschrieben hat, an Geld, das er gespendet hat, und an Kollegen, die er in Schutz genommen hat. All das ist menschlich. Das ist das Gegenteil von Souveränität. Der Text, der den Anspruch erhebt, eine nüchterne Antwort auf politische Angriffe zu sein, ist in Wirklichkeit eine Schmerzchronik. Man spürt, wie sehr Lucassen in seiner persönlichen Würde getroffen ist – und genau das nimmt dem Brief die Souveränität, die er ausstrahlen will. Die Gekränktheit bestimmt die Rhetorik; sie macht den Verfasser sichtbar, wo er unsichtbar bleiben müsste.
Werther zieht die Konsequenz, Lucassen nicht
Auch wenn der Vergleich zunächst überspitzt klingt, muss man ihn wagen: Goethes Werther leidet. Er leidet an einer Welt, die seinen Empfindungen keinen Raum lässt, an gesellschaftlichen Konventionen, die er nicht akzeptieren kann, und an einer Liebe, die keine Erfüllung findet und keine andere Auflösung kennt als die, die er sich schließlich selbst bereitet. Die Konsequenz, die Werther aus seinem Leiden zieht, ist extrem – das versteht sich; man muss sie nicht gutheißen. Doch sie ist konsequent.
Auch Lucassen leidet. Er leidet unter einer Partei, die sich verändert hat, unter einem politischen Milieu, in dem er sich nicht mehr zurechtfindet, unter einer Generation, die seine Kategorien nicht teilt und seine Lebensleistung nicht anerkennt, sowie unter der Uneindeutigkeit einer Welt, in der niemand mehr klar sagt, wer der Feind ist. Er dokumentiert dieses Leiden auf vielen Seiten mit einer Genauigkeit, die nichts auszulassen scheint. Und dann? Dann lädt er zum Dienstag ein. „Wir sehen uns am Dienstag in alter Frische.“ Lucassen nimmt seinen Hut nicht.
Das ist die entscheidende Leerstelle dieses Textes. Ein Dokument, das auf so viel Raum so viel Leiden ausbreitet, schuldet seinen Lesern – und vor allem seinem Verfasser – eine Konsequenz. Diese Konsequenz wäre nicht schwer zu benennen: Ich passe nicht mehr in diesen Moment. Die Koordinaten haben sich verschoben, mein Werkzeugkasten passt nicht mehr zu den zu lösenden Problemen. Mein politischer Abtritt wäre kein Versagen, sondern ein Akt der Klarheit. Das ist der einzige Schluss, den die eigene Argumentation zwingend einfordert – und den der Text beharrlich verweigert. Werther findet unter schrecklichen Umständen eine Form und einen Abschluss. Lucassen findet beides nicht.
Das Leiden als Zeugnis ohne Akt
Lucassens Brief ist trotz aller Kritik ein menschliches Dokument von einigem Gewicht. Es ist das Zeugnis eines Mannes, der sein politisches Leben ernst genommen hat, der gekämpft hat – nach eigenem Verständnis – für das Richtige, der die Veränderung um sich herum spürt, ohne sie vollständig begreifen zu können, der leidet – und der, darin liegt das eigentliche Paradoxon, zu stolz oder zu unbeweglich ist, um dieses Leiden als Signal zu lesen.
Der Boomer-Vorwurf, den er ironisch von sich weist, trifft ihn tiefer, als er ahnt. Nicht wegen des Jahrgangs – das wäre zu billig. Vielmehr wegen der Haltung, die das Wort bezeichnet: die Unfähigkeit zur Selbstkritik als Systemmerkmal, der Glaube, dass Durchhalten an sich schon eine Tugend ist, und die Überzeugung, dass die Welt sich irrt und man selbst recht behält, wenn man nur lange genug wartet. Diese Haltung ist nicht böse, sie ist nicht einmal unverständlich. Sie ist schlicht nicht mehr zeitgemäß in einer Konstellation, die andere Qualitäten verlangt.
Lucassens Text ist das Protokoll einer unterlassenen Entscheidung. Am Dienstag sieht man sich in alter Frische. Der Russe ist, wo er immer war. Der Feind trägt noch immer keine Uniform.





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