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Politik

Baden-Württemberg forscht – andere kassieren die Milliarden

Baden-Württemberg zählt zu den führenden KI-Forschungsstandorten Europas, doch die milliardenschweren Investitionen fließen in andere Bundesländer. Martin Rothweiler kritisiert die Standortpolitik der Landesregierung, die den Ausbau der notwendigen Infrastruktur verschlafen habe.

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In Lübbenau in Brandenburg entsteht ein milliardenschweres Rechenzentrum der Schwarz-Gruppe, während Baden-Württemberg trotz seiner starken KI-Forschung bei solchen Großinvestitionen bislang das Nachsehen hat.
In Lübbenau in Brandenburg entsteht ein milliardenschweres Rechenzentrum der Schwarz-Gruppe, während Baden-Württemberg trotz seiner starken KI-Forschung bei solchen Großinvestitionen bislang das Nachsehen hat. (Bild: IMAGO/Jochen Eckel)

Manchmal sagt eine Investitionsentscheidung mehr über einen Wirtschaftsstandort als hundert Regierungserklärungen. Die Schwarz-Gruppe hat ihren Sitz in Neckarsulm, treibt wenige Kilometer weiter in Heilbronn mit dem IPAI eines der ehrgeizigsten KI-Projekte Europas voran und investiert seit Jahren massiv in die digitale Souveränität Deutschlands. Wenn es aber um die ganz große Infrastruktur geht, um Rechenzentren, Milliardeninvestitionen und jene gewaltigen Strommengen, ohne die moderne Künstliche Intelligenz schlicht nicht funktioniert, wandert das Geld nach Norden.

Milliardeninvestitionen im Norden

Für bis zu 5,6 Milliarden Euro will der Konzern im mecklenburgischen Dummerstorf ein Rechenzentrum errichten, es ist die größte Einzelinvestition in der Geschichte des Konzerns. Die Gründe? Die hohe Verfügbarkeit von Strom, den möglichen Anschluss an das 380-Kilovolt-Höchstspannungsnetz und das kühlere Klima. Noch größer fällt die Investition im brandenburgischen Lübbenau aus: elf Milliarden Euro, rund 200 Megawatt Anschlussleistung und perspektivisch bis zu 100.000 Grafikprozessoren für Cloud- und KI-Anwendungen. 

Das sollte in Stuttgart eigentlich alle Alarmglocken schrillen lassen. Denn wenige Regionen Europas verfügen über bessere Voraussetzungen für den Aufstieg zur KI-Metropole als Baden-Württemberg. Stuttgart und Tübingen besitzen mit dem Cyber Valley ein international angesehenes Forschungsnetzwerk, in Tübingen sitzt das weltweit erste ELLIS-Institut, Heilbronn baut mit dem IPAI ein eigenes Ökosystem für angewandte Künstliche Intelligenz auf. Das Land hat allein das Cyber Valley bereits in seiner frühen Phase mit mehr als 160 Millionen Euro unterstützt und für dessen Ausbau weitere dreistellige Millionenbeträge mobilisiert. Hinzu kommen Unternehmen und Neugründungen, die längst zeigen, dass KI aus Baden-Württemberg international konkurrenzfähig sein kann. Das Stuttgarter Robotikunternehmen Sereact sammelte erst in diesem Jahr 110 Millionen Dollar ein.

Am Höchstleistungsrechenzentrum Stuttgart entsteht mit HammerHAI eine von derzeit 19 europäischen „AI Factories“. Der neue Rechner soll Unternehmen, Mittelständlern und Forschern zur Verfügung stehen. Das ist ein Erfolg – und gerade deshalb macht er das eigentliche Problem sichtbar. Baden-Württemberg mangelt es nicht an Forschung, Netzwerken oder öffentlich geförderten Leuchttürmen. Es mangelt daran, aus dieser Stärke industrielle Größe zu machen.

Denn die nächste Stufe des KI-Wettbewerbs wird nicht in Seminarräumen entschieden. Die Europäische Union sucht derzeit Standorte für bis zu sieben sogenannte AI Gigafactories, gewaltige Anlagen für Training und Betrieb der leistungsfähigsten Modelle. Mehr als 20 Milliarden Euro an privaten Investitionen sollen dadurch mobilisiert werden und zwar schnell: Die Bewerbungsfrist läuft bis zum 12. November. Hier geht es nicht mehr um einen weiteren Forschungsverbund oder einige zusätzliche Professuren. Es geht um Rechenleistung im industriellen Maßstab – und damit um die Frage, wo die Wertschöpfung der kommenden Jahrzehnte stattfindet. Denn bisher ist Europa und damit Deutschland bei der KI Frage im Hintertreffen. 

Strom, Netze und Genehmigungen als Standortproblem

Wer Künstliche Intelligenz will, muss deshalb auch Rechenzentren wollen und wer Rechenzentren will, muss Strom, Netze, Flächen und schnelle Genehmigungen bereitstellen. Genau an dieser Stelle wird aus der baden-württembergischen Erfolgsgeschichte ein Standortproblem. Die deutschen Übertragungsnetzbetreiber räumen inzwischen selbst ein, dass Anschlusskapazitäten für Großverbraucher kurz- und mittelfristig begrenzt sind. Für Rechenzentren muss deshalb mittlerweile ein besonderes Auswahlverfahren angewandt werden.

Dazu kommt der Preis. Für gewerbliche Stromverbraucher mittlerer Größe lag Deutschland im zweiten Halbjahr 2025 mit 22,64 Cent je Kilowattstunde auf dem dritthöchsten Niveau der Europäischen Union; der EU-Durchschnitt betrug 18,37 Cent. Für ein Rechenzentrum gelten andere Verbrauchsklassen und individuelle Verträge, der grundsätzliche Standortnachteil bleibt jedoch bestehen. Gleichzeitig dauern Planungs- und Genehmigungsverfahren für neue Rechenzentren in Deutschland zu lange. Gerade in einer Branche, in der technologische Generationen in Monaten statt Jahrzehnten wechseln, ist verlorene Zeit ein handfester Wettbewerbsnachteil. Diese Probleme existieren auch in Mecklenburg-Vorpommern oder Brandenburg aber offensichtlich schafft man dort, was man in Baden-Württemberg versäumt: Trotz der Standortnachteile der Bundesrepublik attraktiver zu sein als das Ländle.

Denn die Schwarz Gruppe ist nicht irgendwer. Der Konzern ist eigentlich in  Baden-Württemberg verwurzelt und baut in Heilbronn selbst ein Zentrum der deutschen KI-Wirtschaft. Mangelnden Lokalpatriotismus kann man dem Unternehmen also kaum vorwerfen. Offensichtlich findet die dazugehörige Schwerindustrie der digitalen Welt anderswo attraktivere Bedingungen – und zwar innerhalb Deutschlands. Der Markt stimmt eben nicht mit Förderbroschüren ab, sondern mit Megawatt.

Das dürfte vor allem an der Prioritätenlage in Stuttgart liegen. Jahrelang hat die grün-schwarze Landespolitik Künstliche Intelligenz vor allem als Forschungs- und Förderthema behandelt. Das war nicht völlig nutzlos – Cyber Valley, ELLIS, IPAI und HammerHAI sind Ergebnisse, auf die das Land aufbauen kann. Aber Forschungspolitik ist noch keine Industriepolitik, die Wissenschaft kann das beste Modell Europas entwickeln: Wenn die Rechenleistung zu teuer ist, der Netzanschluss fehlt und der Bau eines Großrechenzentrums anderswo schneller möglich ist, entstehen Investition und Wertschöpfung eben dort.

Große Versprechen, fehlende Standorte

Im Koalitionsvertrag versprechen Grüne und CDU ausdrücklich, geeignete Standorte in europäische und nationale KI-Infrastrukturprogramme einzubringen und die digitale Wertschöpfung im Land auszubauen – doch bislang ist davon keine Spur ersichtlich. Eine Anfrage in Brüssel ergibt: Stuttgart hat bei der EU keinen einzigen Standort in Baden-Württemberg gemeldet. Auch inhaltlich mangelt es bisher an dem kleinen Einmaleins. Es wurden kaum konkrete Flächen ausgewiesen, ausreichende Netzanschlüsse organisiert oder Genehmigungsverfahren beschleunigt. So werden auch weiterhin Milliardeninvestitionen künftig an der Landesgrenze vorbeifahren.

Baden-Württemberg hat die Hochschulen, die Ingenieure, die industrielle Basis, das Kapital und inzwischen sogar eine beachtliche eigene KI-Szene. Viel mehr kann man einem Land kaum in die Wiege legen. Wenn trotzdem anderswo die großen Rechenzentren entstehen, ist das kein technologisches Schicksal. Es ist das Ergebnis politischer Standortbedingungen.

Forschung allein schafft noch keinen Wohlstand. Aus Wissen müssen Unternehmen, aus Unternehmen Investitionen und aus Investitionen industrielle Wertschöpfung werden. Baden-Württemberg hat die Köpfe, jetzt muss es dafür sorgen, dass nicht andere mit ihnen das große Geschäft machen.

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