Hanau, 19. Februar 2020: Ein psychisch schwer kranker Attentäter erschießt neun Menschen mit Migrationshintergrund. Anschließend tötet er seine Mutter und sich selbst. In der späteren Aufarbeitung werden bei dem 43-jährigen Deutschen eine paranoide Schizophrenie und ein rassistisches Weltbild festgestellt. Die Behörden stufen die Tat als rassistisch und rechtsextremistisch ein. In den Monaten danach treten in mehreren Städten unter dem Namen „Migrantifa“ vermehrt neue linksradikale Zusammenschlüsse auf. Sie seien entstanden, „um migrantischen Selbstschutz zu organisieren“, erklären Aktivisten der Migrantifa Berlin im November 2020 in Ausgabe 665 von analyse & kritik (ak). Dahinter steht ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber den staatlichen Behörden: „Für uns ist klar, dass der Staat uns vor faschistischen Angriffen nicht schützt und schützen wird.“ Für die Berliner Aktivisten ist Migrantifa aber nicht bloß eine migrantische Interessenvertretung. Sie grenzten sich ausdrücklich von einer Identitätspolitik ab, die sich auf Repräsentation und individuelle Selbstermächtigung beschränkt. Ihr Anspruch sei, „Antirassismus mit Antifaschismus und Antikapitalismus zusammenzudenken“ und mit einer antiimperialistischen und antikolonialen Haltung zu verbinden. Das Ganze soll auch kein Onlinephänomen sein: „Wir wollen nicht nur #Migrantifa sein, sondern eine tatsächliche revolutionäre Kraft“, formulierten sie ihren Anspruch in ak.
Wirklich neu sind migrantische Antifagruppen nicht. Die Migrantifa-Aktivisten nennen u. a. die Antifaşist Gençlik als Vorbild. Diese Gruppe entstand Ende der 1980er-Jahre in Berlin als überwiegend türkisch-kurdischer Zusammenschluss. Sie verband migrantische Selbstorganisation mit der autonomen Antifa, knüpfte Kontakte zu Jugendlichen aus Straßengangs und versuchte, diese politisch zu organisieren. Nach einem Angriff auf eine Gruppe rechter Personen im April 1992, bei dem der ehemalige Republikaner-Funktionär Gerhard Kaindl erstochen wurde, geriet das Umfeld der Gruppe ins Zentrum polizeilicher Ermittlungen und Verhaftungen. Die folgende staatliche Repression und interne Streitigkeiten, u. a. über die starke Orientierung an Militanz, setzten der Gruppe so stark zu, dass sie ihre Arbeit Mitte der 1990er-Jahre einstellte.
Die nach Hanau entstandene Migrantifa ist keine Neuauflage der Antifaşist Gençlik und auch keine einheitliche bundesweite Organisation. In einem im März 2026 veröffentlichten Interview mit The Left Berlin beschreiben zwei Aktivisten der Migrantifa Berlin die Bewegung als Geflecht eigenständiger, dezentraler Gruppen, die miteinander kooperierten, aber keiner einheitlichen bundesweiten Struktur angehören.
Politisch bewegt sich dieses Geflecht überwiegend im antiimperialistischen und sozialistisch bzw. kommunistisch geprägten Lager. Linksextreme Organisationen wie Young Struggle halfen beim Aufbau lokaler Gruppen mit. Deutsche Verfassungsschutzbehörden ordnen Young Struggle als Jugendorganisation der türkischen Marxistisch-Leninistischen Kommunistischen Partei (MLKP) ein. Die MLKP ist in der Türkei verboten und wird von den dortigen Behörden als Terrororganisation eingestuft. In einer gemeinsam mit der Föderation der Arbeitsmigranten in Deutschland (AGIF) veröffentlichten Stellungnahme im Jahr 2021 erklärte Young Struggle: „Nach dem Anschlag in Hanau initiierten Aktivist:innen von Young Struggle gemeinsam mit weiteren Antifaschist:innen in mehreren Städten Migrantifa-Strukturen.“
Alte Konflikte neu entfacht
Die zahllosen (Splitter-)Gruppen der Szene bilden keine vollständig geschlossenen Lager. Dennoch lassen sich folgende Konfliktlinien zusammenfassen: Autoritäre „rote Gruppen“ setzen auf ein orthodoxes Verständnis von Kommunismus und stehen eher in der Tradition klassischer K-Gruppen mit klaren Führungsstrukturen. Ihnen steht eine sich als undogmatisch und antiautoritär verstehende Linke gegenüber, die solche Hierarchien ablehnt (auch wenn sie sich selbst ebenfalls als kommunistisch verstehen können).
Dazu kommt die linke Gretchenfrage: Wie hältst du es mit Israel? Sehr vereinfacht zusammengefasst gibt es zumindest drei (idealtypisch beschriebene) Positionen: Im klassischen antiimperialistischen Denken erscheint der Staat Israel als Vorposten westlicher Macht, der palästinensische Kampf als nationale Befreiung. Das ist die klassische linke Position, wie man sie schon aus den 60er- und 70er-Jahren kennt. Diese antiimperialistischen Gruppen verstehen sich meistens auch als antizionistisch.
Antinationale Gruppen dagegen sind in der Regel israelsolidarisch, aber kritisieren Nation und Staat grundsätzlich. Den klassischen Antiimperialismus leninistischer Prägung lehnen sie ab und warnen vor einer linken Romantisierung nationaler Befreiungsbewegungen sowie vor der Unterstützung reaktionärer oder islamistischer Gruppen.
Für Antideutsche ist Israels Bedeutung als jüdischen Schutzraum wiederum so zentral, dass sie meist eine bedingungslose Solidarität mit Israel vertreten. Wer da nicht mitzieht, wird schnell mit dem Antisemitismusvorwurf konfrontiert. Die Position zu Israel entscheidet in der linken Szene häufig, mit wem man überhaupt redet und kooperiert und mit wem nicht.
Wie erbittert dieser Konflikt bereits früher ausgetragen wurde, zeigt ein Berliner Fall aus dem Jahr 2004. In der 2010 erschienenen Broschüre Der Nahostkonflikt. Befindlichkeiten der deutschen Linken zitiert Isabel Erdem im Kapitel Antideutsche Linke oder antilinke Deutsche? einen Bericht des Berliner Verfassungsschutzes. Unter der Überschrift Linksextremisten demonstrieren gegen Linksextremisten schilderte die Behörde eine skurrile Szene: Rund 200 Antideutsche und ebenso viele antiimperialistische Gegendemonstranten riefen einander „Nazis raus“ zu und bewarfen einander mit Flaschen und Steinen. Zuvor hatte ein Mitglied der Revolutionären Kommunisten einen Aktivisten der antideutschen Gruppe „Kritik und Praxis“ mit einem Messer verletzt.
Der Konflikt verschwindet danach nicht. In den 2010er-Jahren gewinnen antideutsche und antinationale Positionen in Teilen der linken Szene weiter an Einfluss und werden an einigen Orten sogar tonangebend. Zum Erfolg des Milieus gehören provokante Parolen, Popkultur und Bands wie Egotronic. Israel- und USA-Fahnen werden auf linken Demos immer präsenter und das Palituch, früher der Klassiker in der linken Szene, gilt fortan als anrüchig und verpönt.
Szenestreit in Wien
In Wien gerät die Migrantifa ins Zentrum eines erbitterten innerlinken Streits. Die Vorgeschichte reicht zurück in den Winter 2020/21. Nach Darstellung der Migrantifa tritt damals ein Mitglied aus und wird anschließend in Zusammenhängen aus dem Umfeld der (antinationalen) Plattform Radikale Linke aktiv. Kurz darauf seien von dort erste Vorwürfe verbreitet worden: Die Migrantifa Wien vertrete antisemitische Positionen. Öffentlich sichtbar wird der Streit bei einer Hanau-Gedenkveranstaltung im Februar 2021. Eine von der Migrantifa eingeladene jüdische Aktivistin sorgt mit der Formulierung „jüdischer Faschismus“ für einen Eklat (wofür sie sich später via Twitter entschuldigte). Vertreter der jüdischen Hochschülerorganisation JöH verlassen aus Protest die Veranstaltung, die Autonome Antifa kritisiert den Auftritt. Damit stehen die Fronten für die nächsten Jahre.
Aus dem Umfeld der Plattform Radikale Linke wird der Migrantifa Antisemitismus und Delegitimierung Israels vorgeworfen. Die Migrantifa selbst spricht von „rassistischen Gerüchten“ und „faschistischen Strategien der Isolation und Bestrafung“, denen eine „Genossin“ und die Gruppe ausgesetzt seien. Nach dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 erreicht die Auseinandersetzung das selbstverwaltete linke Zentrum W23. Ende Oktober legen mehrere Verantwortliche ein Veto gegen einen dort geplanten Filmabend der Migrantifa ein. Sie begründen es mit den politischen Bündnispartnern der Gruppe (Young Struggle, Revolution und die Kommunistische Jugend Österreichs) und deren angeblich fehlender Distanz zur Hamas sowie ihrem Umgang mit Antisemitismus. Andere Projekte im W23 – darunter auch anarchistische und undogmatische – werten das Veto dagegen als „rassistischen Ausschluss“ und „Machtmissbrauch“. Der Streit dreht sich also nicht nur um Israel oder um den Gegensatz zwischen Internationalisten und Antinationalen. Es geht vor allem auch darum, wer in einem gemeinsam genutzten linken Raum die politischen Grenzen bestimmt – und dadurch letztlich auch um politischen Einfluss. Im Januar 2024 vollziehen das Archiv der sozialen Bewegungen, die Rosa Antifa Wien und das Café Sabotage den Bruch: Das W23 werde „ab sofort wieder exklusiv von jenen Gruppen verwaltet, die [sic!] sie auch gegründet und seitdem sowohl organisatorisch als auch finanziell maßgeblich getragen haben“; A-Café, Bibliothek von unten, Kollektiv Lauter*, PiKo und Zinnoberrot werden ausgeschlossen. Wo die Migrantifa Wien in der Israelfrage steht, macht die Gruppe auf ihrem Instagram-Kanal vom 28. Dezember 2023 deutlich: In einem Video werden Aufkleber mit der Aufschrift „Free Gaza from Hamas. Solidarität mit Israel“ heruntergerissen und in einen Mistkübel geworfen.
Linke demonstrieren gegen Linke
In Wien endet der Streit mit öffentlichen Ausschlüssen. Die österreichische Hauptstadt ist halt gemütlicher als Berlin oder Leipzig: Dort gehen die rivalisierenden Gruppen nämlich sogar öffentlich direkt gegeneinander auf die Straße. Am 17. Januar 2026 soll eine Demonstration unter dem Motto „Antifa means: Free Palestine“ durch Connewitz ziehen. Initiiert wird sie von der Gruppe Lotta Antifascista; die damals erst wenige Wochen alte Migrantifa Leipzig, Handala und weitere Organisationen schließen sich dem Aufruf an. Darin wird Connewitz als „rassistische No-go-Zone der Angst“ bezeichnet. Dem dortigen israelsolidarischen Milieu werfen die Aufrufer vor, migrantische und palästinasolidarische Linke auszugrenzen. Die ursprünglich geplante Strecke führte am Kulturzentrum Conne Island und am Büro der Linken-Politikerin Juliane Nagel vorbei – zwei Symbolen der israelsolidarischen Linken des Stadtteils. Kurz vor der Demonstration wird die Route geändert, der Zug marschiert in Richtung Innenstadt. Rund um das Connewitzer Kreuz versammeln sich gleichzeitig mehrere Gegenkundgebungen. Die Polizei zählt etwa 1.400 Teilnehmer beim pro-palästinensischen Aufzug und rund 1.600 Menschen bei zwei stationären Gegenveranstaltungen. Es kommt zu Verstößen gegen das Vermummungsverbot sowie zu einem körperlichen Angriff auf einen Kameramann.
Bereits im Vorfeld hatte der linke Journalist Tobias Prüwer den Konflikt in einem Radiointerview als Teil eines älteren Gegensatzes zwischen orthodox-kommunistischen roten Gruppen und der eher undogmatischen Linken im Leipziger Süden eingeordnet. Der Leipziger Konflikt steht dabei nicht allein. Prüwer war wenige Monate später Mitautor des Beitrags Die Intifada-Linke in der antideutschen Jungle World, der ähnliche Auseinandersetzungen in mehreren deutschen Städten unter dem Schlagwort „antizionistische Raumnahme“ zusammenfasste. Antizionistische Gruppen versuchten demnach, bestehende linke Zentren und Organisationen durch Boykotte, Störungen, Drohungen und teilweise Gewalt unter Druck zu setzen oder deren politische Ausrichtung zu verändern. Beide Seiten schenken sich hier wohl wenig.
Fazit
Die Beispiele aus Wien und Leipzig zeigen, wie ein älterer Richtungsstreit der radikalen Linken unter dem Label Migrantifa wieder neue Brisanz erhält. Gruppen, die mit dem Anspruch migrantischer Selbstorganisation auftreten, bringen einen neuen Fokus in die linksextreme Szene, die bisher alles andere als divers, sondern ziemlich biodeutsch war. Dabei geht es längst nicht nur um den Nahostkonflikt: Verhandelt wird auch, wer Antifaschismus definiert, welche Bündnispartner akzeptabel sind und wer Zugang zu Räumen und Infrastruktur erhält. Auch ein Ende des Gazakrieges dürfte diesen Konflikt kaum beseitigen. Hanau war der Ausgangspunkt der neuen Migrantifawelle, der Krieg nach dem 7. Oktober ihr Beschleuniger. Ob daraus tatsächlich eine dauerhafte Neuordnung der radikalen Linken entsteht, lässt sich noch nicht ableiten. Sicher ist nur: Migrantifa ist zu einem sichtbaren Bezugspunkt geworden, an dem sich ältere Gegensätze neu bündeln.







Kommentare
Sei der Erste, der einen Kommentar hinterlässt!