Berlin. – Bibliotheken kaufen pseudowissenschaftliche KI-Bücher, die voller Fehler und erfundener Quellen stecken – während die SPD indirekt am Geschäft mitverdient. Nach Recherchen des Leipziger Bibliothekars Stephan Wünsche und Berichten der Frankfurter Allgemeinen Zeitung geriet die Self-Publishing-Plattform „Tredition“ unter Druck, nachdem zahlreiche mutmaßlich KI-generierte Sachbücher in Bibliotheksbestände gelangt waren.
An „Tredition“ ist die Deutsche Druck- und Verlagsgesellschaft (ddvg), die Medienholding der SPD, mit 9,9 Prozent beteiligt. Das Unternehmen verdient damit indirekt an einem Geschäftsmodell mit, über das offenbar massenhaft fehlerhafte KI-Texte in den Buchmarkt gelangten.
KI-Schrott mit öffentlichen Geldern gekauft
Der Fall begann mit auffälligen musikwissenschaftlichen Veröffentlichungen. In Bibliotheken in Leipzig, Dresden, Weimar und Hannover tauchten Bücher auf, die äußerlich wie seriöse Fachliteratur wirkten. Tatsächlich enthielten sie grobe sachliche Fehler, erfundene Werke und fingierte Quellenangaben. Stephan Wünsche schilderte die Problematik drastisch: „Auf den ersten Blick wirken sie spannend, die musikwissenschaftlichen Bücher des Verlags ‚Treditionʻ aus Ahrensburg bei Hamburg.“ Gleichzeitig seien mehrere Bibliotheken „einem Betrug aufgesessen.“ Besonders brisant: Die fehlerhaften Bücher wurden teils aus öffentlichen Mitteln angeschafft. Wünsche warnte deshalb vor direkten Schäden für den Steuerzahler. Der Bibliothekar sieht darüber hinaus eine Gefahr für die Glaubwürdigkeit wissenschaftlicher Arbeit insgesamt.
SPD-Beteiligung profitiert vom Geschäftsmodell
Nach Angaben der FAZ gehört „Tredition“ teilweise zur SPD-Medienholding ddvg. Die Plattform veröffentlicht Bücher im sogenannten Print-on-Demand-Verfahren. Autoren zahlen Zusatzleistungen wie Covergestaltung, Katalogeinträge oder Lektorate separat, während der Verlag an Verkäufen mitverdient. Die ddvg erklärte gegenüber der Zeitung, man halte lediglich eine Finanzbeteiligung und habe keinen Einfluss auf Strategie oder operative Entscheidungen des Unternehmens. „Die ddvg ist seit rund 16 Jahren an Tredition beteiligt, also lange bevor KI-generierte Inhalte massenhaft erstellt werden konnten“, wird Geschäftsführer Matthias Linnekugel zitiert. Zugleich räumte er ein, dass das Unternehmen wirtschaftlich erfolgreich sei. Im Geschäftsbericht werde für das Beteiligungssegment „ein Ergebnis auf hohem Niveau“ ausgewiesen.
Verlag räumt Versagen ein
Laut den Recherchen wurden zahlreiche Titel unter Pseudonymen veröffentlicht. Wünsche vermutet hinter mehreren Autorenprofilen dieselbe Person. „Da erstellt jemand, nennen wir ihn Klaas Klever, mit Hilfe von generativer KI Bücher mit wissenschaftlichem Anstrich. Bei genauerem Hinsehen entpuppen sich die Bücher als Fake“, schrieb er. Die Bücher seien äußerlich professionell gestaltet gewesen, hätten sich aber bei genauer Prüfung als wertlos erwiesen. Besonders problematisch sei dabei die Geschwindigkeit der Produktion. Wünsche vermutete, die Herstellung eines solchen Werkes dauere „vielleicht eine Stunde“. Experten müssten dagegen erheblich mehr Zeit investieren, um Fehler und erfundene Quellen aufzudecken.
Nach der öffentlichen Kritik entfernte „Tredition“ zahlreiche Titel aus dem Programm. Geschäftsführerin Sandra Latußeck erklärte: „Die Bücher über Johann Christoph Bach und Salomon Jadassohn hätten in dieser Form nicht veröffentlicht werden dürfen.“ Der Verlag habe dem betreffenden Autor gekündigt und die Löschung der Werke veranlasst. Zudem seien Prüfprozesse verschärft worden. Laut Latußeck habe man inzwischen ein eigenes Kontrollsystem entwickelt, das automatisiert erzeugte Texte erkennen solle. Später erklärte das Unternehmen außerdem, sämtliche problematischen Titel seien aus dem Vertrieb genommen worden. Käufer würden ihr Geld zurückerhalten. Auch Bibliotheken seien kontaktiert worden. „Jede weitere Bibliothek, die ein betroffenes Buch im Bestand hat, ist eingeladen, sich an uns zu wenden“, teilte das Unternehmen mit.





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