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Kultur

Budapest bei Nacht: Heißer als jede Versuchung

Nächtliche Streifzüge, verrauchte Bars und Gespräche über Politik: Budapest versprüht einen Charme, den man anderswo längst vermisst. Zwischen Musik, Alkohol und Begegnungen zeigt sich eine Stadt, in der Freiheit und Sicherheit noch selbstverständlich erscheinen.

Ilia Ryvkin
Von

Dieser Beitrag ist ein Archiv-Text aus Freilich 37.

Zwischen historischen Fassaden, pulsierendem Nachtleben und dem Charme vergangener Zeiten entfaltet Budapest nach Einbruch der Dunkelheit seinen ganz eigenen Reiz.
Zwischen historischen Fassaden, pulsierendem Nachtleben und dem Charme vergangener Zeiten entfaltet Budapest nach Einbruch der Dunkelheit seinen ganz eigenen Reiz. (Bild: Unsplash)

In Budapest brennt die Dunkelheit heißer als jede Versuchung – ein Spruch, der sich zu einer Plattitüde entwickelt hat und selbst im Flieger Berlin–Budapest nicht zu überhören ist. Zwei Sitze hinter mir hockt ein angetrunkener Fluggast in den Wechseljahren, der mit ungedämpfter Lautstärke mit seinen Kondomen prahlt. Ich versuche, in meine Lektüre einzutauchen, doch sein penetrantes Geplapper macht alles zunichte. Schließlich avanciert er zum Casanova, als er eine Chinesin, die neben ihm sitzt, für ein gemeinsames Abenteuer anwirbt – sein aktuelles Steckenpferd: Handschellen und sonstiger Fetischkram.

Kleine Unannehmlichkeiten haben mich bereits ab dem Berliner Flughafen fest in ihrem Griff. Meine Powerbank erregte an der Sicherheitskontrolle mehr Aufmerksamkeit als erwartet – angeblich überschreitet sie die Hundert-Wattstunden-Marke, sodass ich prompt am Schalter der Airline landete, um zu erfahren, ob sie den internen Vorschriften entspricht. „Natürlich tut es das!“, entgegnet eine schwarze Mitarbeiterin in einer purpurfarbenen Uniform, sichtlich entrüstet. „Die da oben sollten es wissen – hier steht es deutlich: Die Leistung beträgt weniger als 160 Wattstunden!“

Ich bat um eine schriftliche Bestätigung. Ihre Antwort: „Die gibt’s nicht! Sagen Sie es ihnen einfach weiter!“ Und als ich dann noch nach einer Nummer fragte, um von oben anzurufen, ließ sie es fast spöttisch klingen: „Anrufen müssen Sie nicht – das sollten die da oben schon wissen.“

Zurück an der Sicherheitskontrolle traf mich dann das erwartete Schulterzucken: „Sie können uns viel erzählen – aber wo bleibt der Beweis?“ Da mein Flugzeug kurz vor dem Abflug stand, blieb mir nichts anderes übrig, als mein nicht gerade preiswertes Gerät zurückzulassen. Mit einem dumpfen Knall landet es im Mülleimer.

Da mein Sitz direkt an der Wand liegt, blicke ich durch das Bullauge auf den Horizont. Unten schimmert die Donau, von winterlich-durchsichtigen Gewächsen geschmückt, und zieht sich sanft zwischen geschwungenen Hügeln hindurch. Während die Maschine langsam sinkt, entfaltet sich vor uns ein Panorama moderner Strukturen – die Neubauvororte – und dann taucht, fast beiläufig, die Landebahn des Ferenc-Liszt-Flughafens auf.

Bei deutschen Expats

Während der Transferbus vom Flughafen in Richtung Stadt rollt, zieht die Landschaft in langen, stillen Sequenzen vorbei, wie eingefangen in einem Béla-Tarr-Film – schön in ihrer winterlichen Tristesse. Felder, nichts als Felder, überzogen mit einem Hauch von Eis. Ein Plattenbau aus sozialistischer Zeit ragt einsam am Straßenrand auf, sein grauer Beton gesprenkelt mit rostbraunen Flecken jahrzehntelangen Regens. Werbetafeln mit endlosen Wortgebilden wie „megvásárolható“, „szolgáltatásaikat“, „környezetbarátabb“. Dann die Vororte – saubere, fast ein wenig zu ordentliche Häuser, als würde sich hinter diesen Fassaden ein Leben abspielen, das niemand stören will.

Ich steige in die Metro ein. Sie fährt ruckartig an, ich lehne mich zurück, spüre das sanfte Vibrieren des Wagens. Die Wände von Vörösmarty tér sind mit hellen Kacheln versehen, die eine sterile Eleganz ausstrahlen, als hätten sie nie wirklichen Schmutz gesehen – ein Überbleibsel aus einer Zeit, in der Schönheit noch eine gewisse Nützlichkeit besaß. Das Holz der Geländer glänzt speckig, abgerieben von unzähligen Händen. Für einen kurzen Moment fühlt sich die Metrofahrt nicht wie eine Bewegung, sondern wie ein Innehalten an.

Am ersten Abend in Budapest bin ich eingeladen. Ein Treffen deutscher Expats, in einer Pizzeria irgendwo in Buda, unweit der Schwefelbäder. Ich komme früh an und werde sofort allen vorgestellt. Die meisten sind mittleren Alters. Ein Dozent, ein Ingenieur, ein Privatpilot – Menschen mit ordentlichen Berufen. Dann die Ehepaare, die sich hier niedergelassen haben, weil sie es sich leisten können. Immobilien waren erschwinglich, viele haben gekauft. Ich mustere sie, diese Existenzen: stabil, pragmatisch, doch mit einer warmen Offenheit. Gespräche über Alltägliches, während über allem eine Art stillschweigendes politisches Einverständnis liegt.

Ich bestelle mir ein Lángos, ein knuspriges Stück Teig, belegt mit Sauerrahm und Käse. Ich beiße hinein, schmecke Fett, Salz und Knoblauch. Mein Gegenüber lacht. „Du magst das also?“ Ich zucke die Schultern. Pálinka in kleinen Gläsern, fast wie Wasser, aber das täuscht. Ich nehme einen Schluck, spüre die Frucht, dann die Hitze. „Wie viel Prozent?“, frage ich. „Vierzig? Fünfzig?“ Dann lachen wir, weil die Frage plötzlich albern wirkt.

Sie reden über die Sprache, über ihre Härte, ihre Eigenheit. In Budapest kommt man mit Englisch durch, am Plattensee mit Deutsch, aber auf dem Land? Ohne Ungarisch fühlt man sich wie ein Kind, das zum ersten Mal Buchstaben sieht. Die Worte fremd, ungreifbar. Ich denke an Romanisch, an Slawisch – alles Sprachen, die sich mit Mühe entschlüsseln lassen. Ungarisch ist ein isolierter, hermetischer Code, und wer ihn nicht knackt, bleibt draußen. Und doch sind die Ungarn freundlich zu Deutschen, sagen sie. In Deutschland werden Dinge benannt. Man sagt, was man meint. In Ungarn spricht man in Andeutungen, tastet sich vorsichtig heran. „Sie müssen ein Naturfreund sein“, sagt der Nachbar – und meint damit, dass Ihr Garten längst einen Gärtner bräuchte.

„Warum ausgerechnet Ungarn?“ frage ich. „Bereuen Sie es manchmal, hergezogen zu sein?“ Die Frau mir gegenüber schüttelt den Kopf. „Ganz und gar nicht. Ich fühle mich hier sicher. Ich kann alleine auf der Margareteninsel joggen, ohne ständig über die Schulter schauen zu müssen. In Deutschland – na ja, das ist lange vorbei.“ Ihr Begleiter nickt. „Hier ist es noch wie vor zwanzig Jahren. Wie in meiner Jugend.“

Durch die Stadt

Mit fortschreitendem Aufenthalt in Budapest wird mir klar, was er meinte. Die Stadt wirkt wie ein Ort, an dem die Zeit nicht vollständig ins Digitale überführt wurde. Ich flaniere durch die nächtlichen Straßen, sehe das Licht auf bröckelnden Fassaden, höre Gespräche in einer Sprache, die mir fremd ist und gerade deshalb zu mir spricht.

Auf der Kettenbrücke: Stahl, Nieten, Seile. Ich bleibe stehen, lehne mich an das kalte Geländer und starre in die Donau. Das schwarze Wasser unter mir ist durchzogen von den Lichtreflexen der Straßenlaternen.

Ein steinerner Löwe am Ende der Brücke. Der Stein hat Risse, der Sockel ist stellenweise poliert – von unzähligen Händen, die ihn berührt haben, als könnte er etwas weitergeben. Kraft vielleicht. Oder nur Kälte. Ich schreite auf den Platz vor dem Burgtor: massiv, neobarock, mit Säulen und Stuck, als ließe sich Geschichte durch Ornamente aufwerten. Dann dieses Geräusch, kaum greifbar – das ferne Rufen einer Straßenbahn? Budapest hat eine Frequenz, die sich langsam in mich einschreibt. Menschen gehen an mir vorbei. Gesichter, Smartphones. Kein Blickkontakt. Kein Grund.

Über das raue Kopfsteinpflaster geht es bergauf, der kalte Wind treibt mich weiter. Oben angekommen, bleibe ich kurz stehen. Der Blick ist erhaben, fast kitschig. Autos ziehen Lichtspuren über die Brücken. Das Parlament am anderen Ufer, angestrahlt wie ein antikes Monument, als wäre es wichtig. Und dann ist da noch dieser Gedanke, der sich festsetzt: dass von Le Havre bis Wladiwostok die Gesichter, die Gesten, die unausgesprochenen Regeln des Zusammenlebens dermaßen ähnlich sind.

Ich kehre ins Hotel zurück, spät in der Nacht, betäubt von Sinneseindrücken. Ein Schlaf, tief und traumlos. Dann der Morgen, wie er immer kommt, dann der Abend. Erzsébetváros. Der 7. Bezirk, einst jüdisches Viertel, jetzt eine Ansammlung von Touristenfallen.

Die Nacht wirft ihr gelbes Licht auf die brüchigen Fassaden. Das Pflaster unter meinen Füßen ist uneben, gesprenkelt mit Schatten und reflektierenden Pfützen, die das flackernde Neon verzerren. Britische Touristen in dünnen Jacken taumeln aneinander vorbei, grölend. Zwei Männer gehen mir entgegen, in dunklen Jacken, die Kragen hochgeschlagen. Rechts an der Wand zwei junge Frauen, eine hebt ihr Glas an die Lippen, während die andere lacht – das offene, schnelle Lachen, das durch schmale Straßen fliegt. Graffiti haften an den Mauern wie Antworten, die auf ihre Fragen warten. Eine alte Hausfront erhebt sich links, der Putz löst sich, dunkle Flecken durchziehen die Fassade. Über den Fenstern des Hauses drehen sich große Ventilatoren, hecheln warme Luft hinaus. Ein Schild schwebt in giftigem Grün: „UDVAR ROM“ – ein Code, eine Einladung, ein Mahnzeichen. Darunter leuchtet ein Pfeil auf: „DEEP BURGER“, eine Einladung in die Wärme. Der Geruch von Frittiertem hängt in der Luft, vermischt mit kaltem Rauch und einer fernen Melodie aus dem Inneren der Bar. Ich trete ein, die Türsteher mustern mich kurz, dann wenden sie ihre tätowierten Gesichter ab, uninteressiert, routiniert.

Der Club ist ein Club, ist ein Käfig, ist eine Ansammlung von Körpern, die sich wie in einem Topf voller Eintopf bewegen, Brodeln, Gären, alles schwankt, nichts steht still. Die Luft ist schwer, abgestanden, von Alkohol und menschlicher Nähe getränkt. Ich schiebe mich durch die Menge, meine Jacke streift fremde Arme, fremde Rücken. Eine dunkle Holzempore, an deren Geländer sich ein paar Mädels lässig lehnen, ihre Gesichter im flackernden Licht der Bildschirme, auf denen Fußball läuft. Die Bar liegt tief in einem Meer aus violettem und bläulichem Licht, schwebt fast.

Noch einen Pálinka

Die Nacht wird lang. Hier herrscht wieder diese Stimmung, als wären die „alten guten Zeiten“ nie vergangen. Die Musik? Genau die gleiche wie auf der Abschlussfeier meiner Schule. Vielleicht sogar der Schule meiner Eltern. Kein einziger Track aus dem neuen Jahrtausend. Neben mir lacht jemand, ein zu lautes, zu kurzes Lachen. Menschen in Leder, die sich an der Theke vorbeischoben, das nostalgische Echo der Synthesizerklänge in ihren Bewegungen.

Ich will mich aber sozialisieren. Neben mir steht ein Typ, Mitte vierzig, mit einer Elvis-Frisur, der Zigarette um Zigarette raucht. Ich stelle mich vor: „Ich bin Journalist aus Berlin – bin hier in Budapest unterwegs, um einen Bericht über das Nachtleben zu schreiben. Für welche Zeitschrift? Eine österreichische. Welche Richtung? Konservativ, genau.“

Er mustert mich, sein Grinsen schief, und fragt: „Und was sagst du zu Orbán – ist er wirklich konservativ?“

Ich zögere kurz, dann antworte ich: „Interessant. Kompliziert.“

„Interessant? Das sagen Touristen, die nicht wissen, was sie wirklich meinen. Orbán hat den Konservatismus zur Marke gemacht, ja, aber was passiert wirklich? Er zähmt die Banken, ja, aber die halbe Wirtschaft gehört seinen Leuten, die andere Hälfte den Ausländern. Er gibt den starken Mann, aber am Ende gibt es hier immer noch Nestlé-Wasser in den Supermärkten und nicht unser eigenes. Er redet von nationaler Souveränität und verkauft halbe Landstriche an die Chinesen.“

„Und was wäre die Alternative?“, frage ich.

„Die Frage ist nicht, welche Alternative es gibt, sondern ob sich noch jemand traut, sie auszusprechen. Wir hatten mal eine Idee von einem starken, echten Ungarn, einem Land, das sich nicht vor den Ausländern beugt. Aber das hat er verhindert.“

„Immerhin beneide ich euch, die Ungarn“, antworte ich.

So sitzen wir da, mitten im pulsierenden Nachtleben von Budapest, und diskutieren über Politik und konservative Werte – wir müssen beinahe schreien, nicht weil wir streiten, sondern um einander wirklich zu verstehen.

Ich will ja nicht nur in Clubs versacken, nicht nur solchen mit Evergreens vergangener Tage und ungarischen Schlagern. In der Nacht vor meinem Abflug besuche ich das Zsír – dort gibt es immer Live-Musik: Jazz, Soul, Gipsy, Folk …

Der Club wirkt wie eine unterirdische Kapelle für gestrandete Existenzen. Eine niedrige Holzdecke, gewölbt, reflektiert das rote und blaue Licht der bunten Lichtketten. Die Wände sind voll mit Stickern, alten Plakaten und kuriosen Memorabilien.

Die Band spielt. Latino-Grooves und Retro-Beats füllen den Raum, vermischt mit einer undefinierbaren Rastlosigkeit. Der Sänger lehnt sich nach vorn, als wolle er sich am Mikrofon festhalten, die Stimme rau, von was auch immer. Die Trompete wummert, ein dunkler, warmer Ton, der in der Luft hängen bleibt. Die Gitarre jagt sich selbst, ein Nostalgie-Loop, der nie endet.

Frauen in übergroßen Jacken, als wären sie direkt einem Modemagazin der 1970er entsprungen, lehnen an den Tischen, beugen sich vor, lachen, trinken, lachen, trinken – während die Männer beobachten oder so tun, als würden sie es nicht, bis der Alkohol ihre Hände wie von selbst auf Schultern und Schenkel lenkt. Jemand ruft nach einer Zugabe. Es ist einer dieser Orte, an denen man sich verliert und plötzlich, mit den Armen in die Luft gereckt, einen Song mitsingt, der aus einer Jugend stammt, die nie die eigene war. Stimmen, Lachen, halbe Sätze, die in der Lautstärke verschwimmen, so seicht, dass man sie mit einem Nicken abtun könnte.

Eine flüchtige Berührung auf der Haut – kaum mehr als ein Streifen Wärme im Vorübergehen. Der Blick einer Frau, der nicht erwidert wird. Sie lacht, leise, als hätte sie es nicht anders erwartet. Ihre Augen bleiben ernst, ihr Glas ist halb leer. Pálinka, ein Zaubertrunk, der meinen Bewegungen eine Richtung verleiht. Immer weiter, immer durch die Nacht.

Die Nacht hat eine eigene Geräuschkulisse. Ein brummender Bass aus einer Kellerbar, das Schlagen einer Tür, das Lachen einer Frau, das nach Sekunden abbricht. Ein Mann lehnt an einer Mauer, betrachtet die vorbeiziehenden Körper, als wären sie Teil eines Traums, den er nicht versteht. Die Lichter der Bars werfen violette Schatten auf das Kopfsteinpflaster, das nach Bier riecht. Autos parken schief am Rand, als wären sie achtlos zurückgelassen. Ein Honda mit dunklen Scheiben, das Blech spiegelt die Straßenlaternen.

Ich denke über das Gespräch von letzter Nacht nach, über den Konservatismus. In Russland erlässt die Duma fast täglich neue Vorschriften, in Brüssel regeln Bürokraten das Leben bis ins Kleinste. Darum geht es doch nicht. Konservatismus ist, wenn ein Mädchen die ganze Nacht durchtanzen kann, betrunken vielleicht, erschöpft, und dann am frühen Morgen allein mit der Bahn nach Hause fährt – sicher und ungestört. So wie hier.

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