Kaum steigen die Temperaturen auf über 30 Grad, beginnt die alljährliche Debatte über Hitzeschutz. Es werden neue Förderprogramme erfunden, Klimaanlagen installiert und ganze Straßenzüge „klimafit“ umgebaut, was in erster Linie bedeutet, dass Parkplätze zu Gunsten von langweiligen, gleichaussehenden, eingezäunten Hundeklos vernichtet werden. Dazwischen finden sich dann noch mit wertvollem Trinkwasser betriebene Zerstäuber, die ihre feinen Wasserwolken auf die Glasfassaden der angrenzenden Auslagenscheiben sprühen. Sehr zum Ärger der Geschäftsinhaber, denn diese müssen mehrmals täglich ihre Scheiben abziehen. Das ist die nach außen hin sichtbare Reaktion der Regierenden auf die sogenannte Klimakrise. Dabei wird jedoch auf einen wesentlichen anderen Punkt völlig vergessen: Die Architektur!
Moderne Wohnbauten werden zur Hitzefalle
Wer durch neue Wohnviertel geht, erkennt schnell ein Muster. Kubische Betonbauten mit niedrigen Raumhöhen, großen Glasflächen und möglichst kostengünstiger Bauweise prägen das Bild. Was auf den ersten Blick modern und elegant wirkt, entpuppt sich an heißen Sommertagen oft als Hitzefalle. Die Sonne heizt die großzügigen Fensterfronten auf, Beton speichert die Wärme, die niedrigen Räume erwärmen sich rasch und ohne Klimaanlage wird das Wohnen schnell zur Belastung.
Dabei zeigt ein Blick auf viele klassische Gründerzeithäuser, dass es auch anders geht. Massive Ziegelwände speichern Wärme wesentlich träger als leichte Konstruktionen und verhindern, dass sich Innenräume innerhalb weniger Stunden aufheizen. Hohe Räume schaffen mehr Luftvolumen und tragen zu einem angenehmeren Raumklima bei. Werden die Wohnungen nachts gut durchlüftet, bleibt die Hitze oft deutlich besser beherrschbar. Diese Eigenschaften sind keine romantische Verklärung alter Architektur, sondern bauphysikalische Tatsachen. Denn auch früher war es schon im Sommer heiß. Nur haben die damaligen Architekten offenbar besser mitgedacht als die heutigen.
Wenn Wirtschaftlichkeit Wohnqualität verdrängt
Natürlich gibt es auch hervorragend geplante Neubauten. Das Problem ist jedoch, dass diese längst nicht mehr den Regelfall darstellen. Viel zu oft bestimmen Baukostenoptimierung und maximale Flächenausnutzung die Planung. Jeder eingesparte Kubikmeter Raumhöhe, jede vereinfachte Konstruktion und jedes standardisierte Bauteil verbessert die Wirtschaftlichkeit eines Projekts. Die Bewohner bezahlen den Preis später mit stickigen Wohnungen und steigenden Stromkosten für Klimaanlagen.
Über Jahre hinweg haben sich Entwürfe durchgesetzt, bei denen spektakuläre Fassaden, bodentiefe Fenster und minimalistische Optik häufig wichtiger waren als die Alltagstauglichkeit eines Gebäudes. Was in Architekturzeitschriften beeindruckend aussieht, muss deshalb noch lange kein angenehmer Wohnraum sein. Ein Haus ist kein Ausstellungsstück. Es soll Menschen über Jahrzehnte hinweg ein komfortables Zuhause bieten – im Winter ebenso wie während einer Hitzewelle.
Die Bauordnung muss Hitzeschutz neu denken
Es ist höchste Zeit, dass die Bauordnung auf diese Entwicklung reagiert. Der sommerliche Wärmeschutz darf nicht länger eine nachrangige Planungsgröße sein. Neubauten sollten verpflichtend so gestaltet werden, dass sie auch ohne dauerhaften Einsatz von Klimaanlagen ein gesundes Raumklima ermöglichen. Dazu gehören ausreichend große Raumhöhen, wirksame außenliegende Beschattung, eine Begrenzung übermäßiger Glasflächen auf sonnenexponierten Fassaden, ausreichend thermische Speichermasse und eine Planung, die natürliche Querlüftung ermöglicht.
Die Klimaanlage darf nicht zur Voraussetzung dafür werden, dass eine Wohnung im Sommer überhaupt bewohnbar ist. Gute Architektur sollte sich daran messen lassen, wie gut ein Gebäude funktioniert – nicht daran, wie spektakulär es auf einer Visualisierung wirkt. Wer heute Häuser errichtet, baut für Generationen. Und laut Klimaforschern wird es nicht so schnell kühler werden. Ganz im Gegenteil. Deshalb sollte Wohnqualität wieder wichtiger werden als modische Gestaltungsprinzipien und kurzfristige Einsparungen. Die Bauordnung muss dafür den Rahmen schaffen und verhindern, dass die Hitzefallen von morgen schon heute genehmigt werden. Das wäre deutlich sinnvoller und auch billiger als jene Maßnahmen, die heute gesetzt werden.





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