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Wirtschaft

Le Pen setzt auf Atomstrom: Hat Deutschland sich verzockt?

Le Pens Atomstrategie zeigt, wie unterschiedlich Frankreich und Deutschland ihre energiepolitische Zukunft gestalten. Der deutsche Atomausstieg könnte sich dabei als folgenschwerer Fehler erweisen.

Marine Le Pen will Frankreichs Atomstrom vorrangig für die heimische Wirtschaft nutzen und setzt damit auf eine Energiepolitik im nationalen Interesse.
Marine Le Pen will Frankreichs Atomstrom vorrangig für die heimische Wirtschaft nutzen und setzt damit auf eine Energiepolitik im nationalen Interesse. (Bild: IMAGO / IP3press)

Marine Le Pen hat in Brüssel die Karten auf den Tisch gelegt. Frankreichs Nettobeitrag zur EU soll auf fünf Milliarden Euro gedeckelt werden, die Beiträge der Mitgliedstaaten künftig auch danach bemessen, wie weit ein Land von den Klimazielen entfernt ist, und der französische Atomstrom soll vorrangig der eigenen Industrie und den energiehungrigen Rechenzentren dienen. In Deutschland löste das Empörung aus. Auf der Rechten löste es Irritation aus: Fällt Le Pen dem gemeinsamen Projekt der europäischen Rechten in den Rücken?

Nein. Sie führt vor, was nationale Interessenpolitik ist. Ein starkes Europa entsteht nicht durch die Einebnung nationaler Interessen, sondern aus der Stärke seiner Vaterländer. Und Stärke setzt voraus, dass jede Nation für ihre eigene Politik und deren Folgen geradesteht. Die Frage ist deshalb nicht, ob Frankreich seine Stärken nutzen darf. Die Frage ist, warum Deutschland seine eigenen aus der Hand gegeben hat und wie wir das Zurück-nach-Vorn organisieren. 

Frankreichs Vorteil ist selbst erarbeitet

Der Rassemblement National verfolgt seit Jahren ein klares Ziel: Frankreichs energiepolitische Souveränität. Die Kernenergie soll nicht nur die Versorgung sichern, sondern zur Grundlage nationaler Wertschöpfung werden. Industrie, Rechenzentren, Künstliche Intelligenz – alles, was die nächsten Jahrzehnte wirtschaftlich entscheidet, verlangt große Mengen verlässlich verfügbaren Stroms. Frankreich hat mit seinem Kraftwerkspark einen strategischen Vorteil, und es will ihn wirtschaftlich nutzen.

2025 stammten 68 Prozent des französischen Stroms aus Kernkraft, über 95 Prozent waren CO₂-arm; die Emissionsintensität lag bei knapp 20 Gramm je Kilowattstunde, der EU-Durchschnitt bei 178. Frankreich exportierte netto 92,3 Terawattstunden, ein Rekord. Deutschland importierte netto rund 22 Terawattstunden, davon etwa elf aus Frankreich – überwiegend Kernkraftstrom.

Ein Exportstopp ist bislang nicht beschlossen, und Le Pen hat ihn so auch nicht angekündigt. Doch die politische Frage stellt sich unabhängig davon: Warum sollte Frankreich auf Dauer die energiepolitischen Fehlentscheidungen seines Nachbarn ausgleichen? Dass eine französische Regierung den eigenen Vorteil zuerst für die eigene Volkswirtschaft einsetzt, ist kein Affront. Es ist genau jene Interessenpolitik, die die europäische Rechte für sich selbst beansprucht.

Die deutsche Selbsttäuschung

Grenzüberschreitender Stromhandel ist kein Zeichen von Schwäche. Er gehört zum Binnenmarkt, und er senkt Kosten. Problematisch wird er erst dort, wo aus Austausch strukturelle Abhängigkeit wird, weil ein Land seine gesicherte Erzeugung politisch abgeschafft hat. Der europäische Strommarkt kann nationale Versorgung ergänzen. Ersetzen kann er sie nicht.

Genau hier liegt die deutsche Selbsttäuschung. Man verabschiedet sich aus ideologischen Gründen von einer leistungsfähigen Technologie, kauft deren Produkt anschließend jenseits des Rheins ein und erklärt den Vorgang zum Erfolg der Energiewende. Als ließe sich Physik durch Grenzziehung außer Kraft setzen. Der Atomstrom bleibt derselbe, ob er in Lyon oder in Ludwigshafen verbraucht wird. Nur die Wertschöpfung, die Arbeitsplätze und die energiepolitische Handlungsfähigkeit liegen dort, wo die Kraftwerke stehen.

Der CO₂-Schlüssel als Interessenpolitik

Noch aufschlussreicher ist Le Pens Vorschlag, die EU-Beiträge am Abstand zu den Klimazielen auszurichten. Deutschland ist mit rund 23 Prozent der EU-Emissionen der größte Emittent der Union, Frankreich liegt bei elf Prozent. Ausgerechnet die klimapolitische Logik, mit der Berlin seinen Atomausstieg vor dem eigenen Publikum rechtfertigt, würde zum Instrument französischer Interessenpolitik – gegen Deutschland.

Man kann darin einen Widerspruch zu Le Pens Kritik am Green Deal sehen. Tatsächlich zeigt sich etwas anderes: Nationale Politik ist nicht der widerspruchsfreien Anwendung abstrakter Prinzipien verpflichtet, sondern den konkreten Interessen des eigenen Landes. Frankreich würde seine vorhandene Stärke in Geld verwandeln. Deutschland müsste mit den Folgen seiner eigenen Entscheidungen leben. Das ist keine Erpressung. Das ist die Rechnung für fünfzehn Jahre Energiewende, präsentiert vom Nachbarn.

Europa souveräner Vaterländer

Ein Europa souveräner Vaterländer ist keine Gemeinschaft, in der nationale Interessen verschwinden. Es ist eine Ordnung, in der Nationen ihre Eigenständigkeit bewahren, ihre Fähigkeiten entwickeln und auf dieser Grundlage kooperieren. Frankreich muss keine deutschen Interessen vertreten, Deutschland keine französischen. Entscheidend ist die gegenseitige Anerkennung legitimer Interessen – und die Bereitschaft, aus eigener Stärke zu gemeinsamer Handlungsfähigkeit zu kommen.

Das unterscheidet ein Europa der Nationen von jener Integration, die nationale Unterschiede als zu überwindendes Problem behandelt. Europas historische Stärke beruhte auf der Vielfalt seiner politischen Ordnungen, seiner wirtschaftlichen Wettbewerber, seiner technischen Wege. Nicht Gleichförmigkeit hat diesen Kontinent vorangebracht, sondern Wettbewerb. Wer das ernst nimmt, kann nicht erwarten, dass andere die Kosten eigener Irrtümer dauerhaft tragen. Solidarität setzt Eigenverantwortung voraus. Sie ersetzt sie nicht.

Die Konsequenz heißt Kurskorrektur

Für Deutschland folgt daraus eine zwingende Konsequenz: Die Energiepolitik muss grundlegend korrigiert werden. Die AfD hat den Atomausstieg von Anfang an als schweren industriepolitischen Fehler bezeichnet – nicht aus Anhänglichkeit an eine Technologie, sondern aus der Einsicht, dass eine Industriegesellschaft gesicherte, preiswerte und verlässliche Energie braucht. Die Elektrifizierung industrieller Prozesse und der Energiehunger der digitalen Zukunftstechnologien machen diese Einsicht dringlicher, nicht entbehrlicher.

Deutschland muss deshalb den Wiedereinstieg in die Kernenergie einleiten. Erstens: Der Rückbau noch nutzbarer kerntechnischer Infrastruktur wird gestoppt, und es wird unverzüglich geprüft, welche Anlagen technisch, sicherheitsrechtlich und wirtschaftlich wieder in Betrieb gehen können. Zweitens: Die gesetzlichen Hindernisse für die Kernenergienutzung werden beseitigt, und die Voraussetzungen für den Neubau moderner Reaktoren werden geschaffen. Drittens: Kleine modulare Reaktoren, fortgeschrittene Reaktorkonzepte und die Wiederbelebung der kerntechnischen Forschung gehören in eine langfristige nationale Energiestrategie. Das sind keine Wunderlösungen für morgen. Gerade weil Planung, Genehmigung und Bau Jahre brauchen, ist jedes weitere Zuwarten unverantwortlich. Bis dahin sichern konventionelle Kraftwerke und eine verlässliche Gasversorgung das Netz.

Die Energiewende muss in ihren politischen Grundvorgaben zurückabgewickelt werden – nicht durch eine neue Bevormundung, sondern durch die Rückkehr zu Technologieoffenheit, marktwirtschaftlichen Investitionsentscheidungen und einer Energiepolitik, die Versorgungssicherheit und Wettbewerbsfähigkeit wieder zu ihren Maßstäben macht. Denn Energiepolitik ist nicht Umweltpolitik. Sie ist Industrie-, Standort- und Machtpolitik. Wer seine Energieversorgung nicht beherrscht, verliert wirtschaftliche Gestaltungsmacht und am Ende politischen Einfluss. Frankreich hat das verstanden. Deutschland muss es wiederentdecken.

Die Verantwortung liegt in Berlin

Es wäre ein Missverständnis, die Lösung deutscher Probleme von einem Wahlsieg Marine Le Pens zu erwarten. Ein Machtwechsel in Paris nimmt Berlin keine Entscheidung ab. Im Gegenteil: Je konsequenter andere Nationen ihre Interessen vertreten, desto schonungsloser treten die Versäumnisse der deutschen Politik hervor.

Die Verantwortung liegt in Berlin – heute, nicht nach der nächsten Wahl. Eine Bundesregierung, die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit wiederherstellen will, muss die ideologischen Grundlagen ihrer Energiepolitik infrage stellen. Der Atomausstieg ist kein Naturgesetz, sondern eine schlicht falsche politische Entscheidung, und politische Entscheidungen lassen sich korrigieren. Die Aufgabe der AfD besteht darin, auf diese Korrektur unmissverständlich zu pochen, und nicht auf Regierungsverantwortung zu warten. 

Ein Deutschland mit gesicherter Erzeugung, wettbewerbsfähigen Strompreisen und eigener technologischer Kompetenz wäre auch in Europa ein stärkerer Partner. Es könnte in Brüssel aus eigener Leistung heraus verhandeln, statt um Ausgleich für selbst geschaffene Nachteile zu bitten. Darin liegt der Sinn eines Europas souveräner Vaterländer: Nationen stärken sich nicht, indem sie ihre Schwächen gegenseitig verwalten, sondern indem sie ihre Fähigkeiten entfalten und in die Zusammenarbeit einbringen.

Frankreichs energiepolitische Interessen sind deshalb keine Bedrohung. Sie sind eine Erinnerung an eine Selbstverständlichkeit, die hierzulande verloren gegangen ist: Nationale Souveränität verlangt nationale Verantwortung. Ein starkes Europa braucht ein starkes Deutschland – und ein starkes Deutschland braucht keine energiepolitischen Ausreden, sondern den Mut, seine eigenen Fehler zu korrigieren. Das macht dann auch Europa als Ganzes wieder stärker!

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