Mehr als vier Jahre Krieg in der Ukraine – das sind mindestens 140.000 getötete ukrainische beziehungsweise 200.000 russische Soldaten (bereits Mitte 2025) – die Zahlen dürften im September 2026 in beiden Fällen (weit) über 200.000 liegen – und mindestens 16.431 tote Zivilisten, Zerstörungen der Infrastruktur, die Wiederaufbaukosten in Höhe von mindestens 500 Milliarden Euro nach sich ziehen und ein Abnutzungskrieg ohne klare Vorteile für eine der beiden Konfliktparteien. Wie lässt sich dieses Desaster aus Sicht der Kriegstheorie erklären und welche Auswege gibt es? In diesem Artikel soll es nicht um eine militärisch-taktische, operative Erklärung geben, sondern vielmehr um eine strategisch-politische – insbesondere die Rolle der westlichen, ukrainischen und russischen Elite.
Der Irrglaube an die Wunderwaffen
Es sind nicht die Wunderwaffen, die den Ausschlag geben. Sowohl aufseiten des kollektiven Westens, allen voran der Führungsmacht USA – aber auch Russlands –gibt es einen gefährlichen Irrglauben, man könne seine politisch-militärischen Ziele alleine oder primär durch seine technologische Überlegenheit erreichen. Der Verfasser führt diese ideologische Verblendung auf die Fortschrittsideologie der Aufklärung zurück, die eine Art technologisches Nirvana – ein säkular-materialistisch-atheistisches Paradies auf Erden durch den Einsatz von Technologie – schaffen will. Q. Liang und W. Xiangsui, chinesische Militär(vor)denker, kritisieren diesen Irrglauben mehrfach, in dem sie u. a. hervorheben: „We are by no means denying that, in future warfare, certain advanced weapons may play a leading role. However, as for determining the outcome of war, it is now very difficult for anyone to occupy an unmatched position“. Vor allem kritisieren sie mit Blick auf die USA: „They would rather treat war as the opponent in the marathon race of military technology and are not willing to look at it more as a test of morale and courage, wisdom and strategy“.
Einer der profiliertesten Militärtheoretiker der USA, William Lind, stimmt – bereits mit Blick auf den aktuellen Irankrieg – den beiden Chinesen zu: der Glaube an die technologische Überlegenheit und Air Power sei einer der größten Fehler der US-Strategie, die immer wieder in asymmetrischen Kriegen und Konflikten scheitert. So gesehen nutzt auch der Drohnen-Hype nichts, was aktuelle Studien wie die des renommierten Center for Security Studies (CSS) an der ETH Zürich deutlich zeigen: „The analysis demonstrates that while new technologies and the novel adoption and adaptation of existing platforms such as drones function as force multipliers in specific contexts, they have not yet produced a fundamental revolution (…)“. Eine Revolution in Military Affairs (RMA) sei auch nicht der Einsatz einer neuen vermeintlichen Wunderwaffe, sondern: „a profound transformation in the character and conduct of warfare produced by the innovative application of technology in conjunction with fundamental changes in doctrine, organization, and operational concepts”.
Der Widerstandswille als entscheidender Faktor
Der bisherige Abwehrerfolg der Ukraine ist aus Sicht des Autors weder einem Waffensystem noch einer einzigen Entscheidung geschuldet, sondern vielmehr dem erfolgreichen Kampf im Verbund, der Beteiligung aller Teilstreitkräfte und vor allem dem Willen des gesamten ukrainischen Volkes zum Widerstand und den westlichen Waffenlieferungen und sonstiger westlicher, u. a. nachrichtendienstlicher, Unterstützung. Im World Values Survey (letzte vorliegende Daten: 2017-2022), der weltgrößten Studie zur Untersuchung von Werten, gaben 73 Prozent der Ukrainer an, sie hätten großes oder sehr großes Vertrauen in die eigenen Streitkräfte (Deutschland: 47 Prozent), 60 Prozent gaben an, sie würden für ihr Land kämpfen (Deutschland: 42,8 Prozent. Die Armee hat nach jüngsten Daten in der Ukraine die höchsten Vertrauenswerte aller öffentlichen Institutionen.
Die Wunderliche Dreifaltigkeit nach Clausewitz: Volk – Armee – Regierung funktioniert in der Ukraine, was das Zweigespann zwischen Volk und Armee angeht. Auch das Vertrauen in den Präsidenten – Selenskyj – ist nach wie vor hoch: zwei Drittel der Ukrainer vertrauen ihm (das ist derselbe Wert wie für Putin in Russland. Dagegen ist die Werchowna Rada notorisch unbeliebt – 78 Prozent der Ukrainer misstrauen dem eigenen Parlament. Für die weitere Entwicklung der Ukraine – nach einem Friedensschluss oder Waffenstillstand – ist abzusehen, dass erfolgreiche Militärkommandeure wie der „Drohnen-Held“ Robert Brovdi zu erfolgreichen Politikern werden können, die in der Lage sind, Selenskyj zu schlagen. Nach jüngsten Daten vertrauen Brovdi 70 Prozent der Ukrainer und damit mehr als Selenskyj. Die Rolle von Militärkommandeuren in der ukrainischen Politik wird – unabhängig vom Ausgang des Krieges – weiterwachsen, je länger der Krieg andauert. Dies ist nicht im Interesse der zivilen politischen Führung der Ukraine, namentlich nicht von Präsident Selenskyj.
85 Prozent der Ukrainer glauben nach wie vor an den Sieg der Ukraine. Zuletzt ist der Wert aufgrund der erfolgreichen ukrainischen Drohnenangriffe weit ins russische Hinterland sogar gestiegen. Für die russische Seite bedeutet dieser Widerstandswille unter Berücksichtigung der Begebenheiten der Kleinkriegsführung auf russisch besetztem Gebiet, dass selbst bei 30.000 Mann ukrainischen Kleinkriegstruppen im besetzten Donbass, Russland „gezwungen“ sein wird 100.000 bis 150.000 Mann dauerhaft im Land zu stationieren. Für die gesamte Ukraine wäre es die astronomische Zahl von 1.207.400 russischen Soldaten – der bekannte Guerillatheoretiker Hans v. Dach rechnet pro Quadratkilometer besetztes Gebiet mit zwei Mann Besatzungsmilitär. Zum Vergleich: derzeit sind in der Ukraine laut Putin 700.000 russische Soldaten im Einsatz. Hans v. Dach resümiert: „Um Weltanschauungen und politische Überzeugungen ist eben immer härter gekämpft worden als um ein Stück Brot!“
Moskaus folgenschwere Fehleinschätzung
Die Kalkulation der russischen Führung, einen Regime Change nach US-amerikanischem Vorbild in der Ukraine binnen weniger Tagen umzusetzen, ist bereits in der Anfangsphase gescheitert – wegen des Widerstands des ukrainischen Volkes, gepaart mit westlicher Militärhilfe. Bereits Machiavelli hat in seinem Hauptwerk „Der Fürst“ erkannt, dass ein gespaltenes Land durch kaum etwas besser geeint wird, als durch eine äußere Invasion oder jedenfalls eine militärische Intervention, die Gelegenheit für die politische Führung bietet, das eigene Land zu einen.
Es bleibt aus Sicht des Verfassers ein Versagen der russischen politischen Führung, die ihren Machiavelli offensichtlich nicht kennt – der Ukraine-Krieg war eine Fehlentscheidung aufgrund von falschen Annahmen („ukrainisches Brudervolk wird die Befreiung begrüßen“, bestärkt durch die rasche und erfolgreiche „Spezialoperation“ auf der Krim). Auf russischer Seite wiederum hat das Fehlen einer klaren politischen Zielrichtung, eines Auftrags, gravierende Konsequenzen („wofür sind wir in der Ukraine?“). Wenn Militärs nicht wissen, wofür sie kämpfen, sinkt ihre Kampfbereitschaft. Die fehlende politische Schulung, das fehlende Verständnis für die eigene Mission, haben bereits im Ersten Weltkrieg bei der russischen Armee zur Niederlage maßgeblich beigetragen.
Das Problem ist, dass die russische Führung gerade wegen des Scheiterns in der Ukraine die eigenen Ziele und die Narrative so verändert hat, dass ein Kompromissfrieden unwahrscheinlicher wird. Hatte man sich noch in Istanbul im März 2022 – der aufgrund der westlichen Intervention vom damaligen britischen Premierminister Johnson gescheiterten Friedensverhandlungen – auf den Abzug der russischen Truppen und die Neutralität der Ukraine geeinigt, hat Russland im September 2022 die vier neuen Regionen inkorporiert – sie sind also Bestandteil der russischen Verfassung, was auch von einem Nachfolger Putins nicht per Dekret zu ändern ist. Die westliche Unterstützung, die bis heute die Kampfkraft der Ukraine aufrechterhält – neben dem Willen des ukrainischen Volkes selbst – hat wiederum auf der anderen Seite dazu beigetragen, dass die russische Seite ihr Narrativ vom Kampf gegen die gesamte NATO entwickeln konnte – ein für die russische Öffentlichkeit mobilisierendes Thema.
Die innenpolitische Krise des Westens
Beide Seiten befinden sich also in einer strategischen Sackgasse, die höchstwahrscheinlich nur ein Wechsel der Führungen in Russland sowie Deutschland, Frankreich und Großbritannien verändern kann. Entscheidend ist in den drei westlichen Staaten – wie in Russland und der Ukraine – die innenpolitische Lage. Prof. Betz, ein Kanadier am renommierten Department of War Studies des King’s College London, dem er seit 2002 angehört, spricht bereits jetzt von einem low-grade civil war im Westen (nicht nur in Großbritannien), der sich in der wachsenden Polarisierung und Dämonisierung und dem Schwinden des Sozialkapitals durch den Multikulturalismus zeige, ohne dass die Herrschenden die gravierenden Probleme (Wirtschaft, Sicherheit, Demograie, Infrastruktur, Migration …) lösen würden. Durch die Unterstützung der Ukraine werden die westlichen Streitkräfte „will be exhausted and demoralized, their arsenals drained, and their economies too weakened to rebuild them“, zudem brechen Logistik und Reparatursysteme. Betz kommt zum Schluss, dass die Wahrscheinlichkeit für einen Bürgerkrieg in westlichen Staaten bei 40 Prozent innerhalb von zehn Jahren liegt.
Wirtschaftlicher Niedergang und innere Unruhen
Die rapide Deindustrialisierung und der wirtschaftliche Verfall des Westens lässt sich an der Ratio der Schulden zum BIP zeigen, der in den USA voraussichtlich bei 225 Prozent im Jahr 2050 liegen wird (1946, nach dem II. Weltkrieg lag sie bei 106 Prozent – bei besserer Schuldentragfähigkeit). Dazu kommt die zunehmende De-Dollarisierung der Welt: Anfang der 2000er-Jahre hatte der US-Dollar einen Anteil von 70 Prozent am Welthandel; jetzt liegt er bei ca. 58 Prozent; für 2030 gehen Prognosen von einem Wert zwischen 52 und 55 Prozent aus, bis 2040 sinkt der Anteil des US-Dollars unter der Hälfte – 45 bis 50 Prozent. Die Kosten der sozialen Sicherheitssysteme in den USA werden bei Extrapolation des jetzigen Verlaufs (Trend) 2031 nicht mehr tragbar sein.
Zunehmend – spätestens in den 2040er Jahren – wird es in den USA massive Probleme bei der Finanzierung der steigenden Sozialleistungen und Aufrechterhaltung der riesigen Militärausgaben (mehr als mindestens die zehn nachfolgenden Staaten) geben. Für Großbritannien, Frankreich und Deutschland ließe sich – cum grano salis – dasselbe sagen. In Großbritannien, Frankreich, Irland und Spanien hat es bereits ethno-kulturell bedingte Ausschreitungen gegeben. In Großbritannien hatten Sicherheitskräfte schon Probleme, als ein paar Tausend randaliert haben (2011) – was passiert dann bei 100.000, fragt sich nicht nur Prof. Betz. Wie werden sich die westlichen Sicherheitsbehörden verhalten – so wie auf dem Tiananmen oder während des Arabischen „Frühlings“? Zudem sei es nach Betz ein leichtes, die Gasleitungen, Stromleitungen, Supermärkte anzugreifen, die nicht geschützt und auf Google Maps offen zu sehen sind, sogar transatlantische Internetleitungen. Oftmals liegt die kritische Infrastruktur außerhalb der Städte, im ländlichen Raum. Dies wurde im Kalten Krieg aus Angst vor sowjetischen Nuklearschlägen so geplant, bietet dadurch aber auch weniger Kontrolle.
Betz empfiehlt zuletzt, einen revolutionssicheren Sitz der Regierung (auch gegen Nuklearschläge), diverse und redundante Kommunikationssysteme, sowie die Dispersion der Ministerien und Regierungsbehörden. Waffen, die in die Ukraine geliefert wurden, so Betz, werden bereits auf dem Schwarzmarkt gehandelt – und was ist, wenn sie dann an diejenigen retour gehen, die sie in die Ukraine geschickt haben?
Ein politischer Kurswechsel als Ausweg
Die Hoffnung auf einen Eliten- und damit Politikwechsel in Deutschland, Frankreich und Großbritannien bleibt – sie ist im Interesse der Völker. Die zunehmende Instabilität der westlichen Gesellschaften bietet ein weiteres, wichtiges – wenn nicht gar das wichtigste – Argument, Waffenlieferungen an die Ukraine einzustellen und mit einem Russland zu verhandeln, das zwar geschwächt, aber nicht besiegt ist, schon alleine, weil es aufgrund seiner nationalen Interessen, die in Gestalt einer mit der NATO verbündeten Ukraine (gar einer Ukraine mit NATO-„Friedenstruppen“ auf dem eigenen Territorium?) ein wichtiges Sicherheitsrisiko für Russland ausschalten will und materielle und personelle Ressourcen hat, die der Ukraine überlegen sind. Nach den Duma-Wahlen am 18. bis 20. September in Russland wird sich auch aus russischer Sicht ein Gelegenheitsfenster für Verhandlungen bieten. Zwar kann Putin noch bis 2036 an der Macht bleiben, muss gleichwohl aber in seinem Alter (er ist 73) an eine geordnete Amtsübergabe und einen geeigneten Nachfolger denken.
Ein Machttransfer in einem autoritären System birgt immer Risiken und läuft häufig nicht friedlich ab. Umso größer sind die Gefahren während eines laufenden Krieges. Zudem würde Putin gerne im Gedächtnis der Nachwelt mit einem (teilweisen) Sieg und nicht mit einem verlustreichen, laufenden Krieg in Erinnerung bleiben. Ja, er könnte nach den Duma-Wahlen eine weitere teilweise Mobilisierung durchführen und so weitere 300.000 Russen an die Front schicken. Die innenpolitischen Kosten solch einer Eskalation sind allerdings hoch – bereits die erste Teilmobilisierung im September 2022 hat Putins Beliebtheitswerte stark gesenkt und zur Auswanderung von hunderttausenden dringend benötigten Fachkräften, u. a. aus dem IT-Sektor, geführt. Als Ausweg bleiben gesichtswahrende Verhandlungen. Und in Deutschland hat eine Landtagswahl stattgefunden, in der zwei Anti-Establishment-Parteien – die AfD und das BSW – zusammen die absolute Mehrheit errungen haben. Ein geschwächter Bundeskanzler Merz sollte über seinen eigenen Schatten springen – und in Moskau anrufen.







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