Stellen Sie sich vor, Erich Honecker oder Egon Krenz wären nach der deutschen sogenannten Wiedervereinigung nach Schleswig-Holstein geflüchtet. In den Jahren und Jahrzehnten nach der Flucht hätte einer der beiden dort mit beträchtlicher Waffengewalt durch eigene Anhänger ein neues autokratisches Regime errichtet und Schleswig-Holstein zur „Republik Deutschland“ erklärt, die das eigentliche Deutschland repräsentiere und die Bundesrepublik nicht als Staat anerkenne. Obwohl es sich ganz eindeutig um einen Akt gegen die territoriale Integrität der Bundesrepublik handelt, unternimmt diese militärisch über Jahrzehnte lang nichts gegen den separatistischen Staat, weil sie die Einheit mit friedlichen Mitteln erreichen will.
Doch das Ausland beginnt schrittweise, die in Schleswig-Holstein ansässige „Republik Deutschland“ zumindest informell als Staat zu akzeptieren, auch wenn es formal von einer „Ein-Deutschland-Politik“ spricht. Eine befreundete Supermacht geht sogar so weit, der Bundesrepublik mit dem Dritten Weltkrieg zu drohen, würde sie sich wieder auf ihr eigenes nördlichstes Territorium begeben. Sie errichtet Militärbasen in Dänemark und arbeitet mit mehreren Nachbarn an Waffenstationierungen in direkter Nachbarschaft. Wenn die Bundesrepublik in Reaktion darauf dann ihrerseits militärische Macht demonstriert und Truppen an den Grenzen stationiert, wird das in ausländischen Medien als „Säbelrasseln“ und als „Drohkulisse“ bezeichnet, während die ausländischen Basen in Dänemark als freundschaftlicher Akt der „Solidarität mit Schleswig-Holstein“ geframed werden.
Taiwan ist seit jeher chinesisch
Verlagern Sie das Szenario einige tausend Kilometer weiter Richtung Osten, vergrößern Sie die jeweiligen Territorien und Sie haben im Grunde den China-Taiwan-Konflikt. Eine Insel spaltet sich ab, erklärt sich unter sehr blutigen Umständen zum eigenen Staat und – nicht nur das – bezeichnet sich in ihrem Namen auch noch als das einzig wahre China, spricht damit also der Volksrepublik China implizit die Existenzberechtigung und die Legitimation ab, für das chinesische Volk zu sprechen. Eigentlich sollte angesichts der komplexen, aber nichtsdestotrotz völkerrechtlich sehr eindeutigen Lage allen beteiligten Akteuren auch im Ausland klar sein, dass es sich bei dem separatistischen Gebilde auf der taiwanesischen Insel zu keinem Zeitpunkt um einen rechtmäßigen Nationalstaat gehandelt hat.
Vor einigen Tagen las der Autor dieser Zeilen unter dem Social-Media-Post eines chinesischen Leitmediums anlässlich des Besuches der taiwanesischen Kuomintang-Oppositionsführerin Cheng Li-wun auf dem Festland folgenden Nutzerkommentar: 哥哥本來可以輕易打敗弟弟,但他不想傷害他;畢竟,他們是一家人。他熱情地歡迎弟弟回家,晚餐已經準備好了。Übersetzt: „Der ältere Bruder hätte den jüngeren mühelos besiegen können, wollte ihn aber nicht verletzen; schließlich waren sie Familie. Er empfing ihn herzlich zu Hause; das Abendessen war bereits vorbereitet.“
Der Begriff „Familie“ in diesem kleinen Gleichnis kommt nicht von ungefähr. Denn anders als in manch anderen Territorialkonflikten handelt es sich bei Taiwan eben nicht um eine historisch eigenständige Nation mit eigenem Volk, eigener kultureller Identität und eigener Geschichte (woraus man in vielen solcher Fälle ja durchaus berechtigt dann auch den Anspruch auf eigene nationalstaatliche Identität herleiten kann; siehe etwa Palästina, Baskenland, Schottland etc.). Taiwan war – bis auf eine kolonialistisch herbeigeführte japanische Epoche – über Jahrhunderte hinweg Teil Chinas. Der Anteil der Han-Chinesen unter der Bevölkerung Taiwans beträgt 98 Prozent. Die am häufigsten gesprochene Sprache ist Mandarin. Taiwan ist sprachlich, kulturell und ethnisch völlig eindeutig ein Teil Chinas.
Außenpolitischer Realismus der Kuomintang
Angesichts dessen mutet es immer wieder befremdlich an, die westliche Berichterstattung zum Taiwan-Konflikt zu rezipieren. Regelmäßig ist sie, ähnlich wie im Falle der Ukraine, geprägt von neokonservativ-liberaler Parteinahme, oft vermutlich auch aus dem Motiv heraus, sich auf die Seite des jeweils liberaldemokratischen Regimes zu stellen. Doch die, die das „eigene“ politische System teilen, sind eben nicht automatisch im Recht – Separatismus bleibt Separatismus, auch wenn er durch ein liberaldemokratisches Narrativ verschleiert wird.
Umso mehr ist zu begrüßen, dass die taiwanesische Oppositionsführerin und Chefin der Kuomintang (KMT) offensichtlich mehr politischen Realismus aufbringt als die Separatisten-Regierung in Taipeh und auch als so manche politische oder mediale Kommentatoren aus dem Westen, die sich seit jeher darin gefallen, sich mit moralistischer Attitüde in die Angelegenheiten von Staaten einzumischen, die ihre eigenen Vorfahren gelegentlich kolonisiert hatten. Cheng Li-wun scheint erkannt zu haben, dass eine militärische Intervention der Volksrepublik für Taiwan kaum erstrebenswert sein kann und andere Möglichkeiten der Annäherung ausgelotet werden sollten. Das war nicht immer so: Zu früheren Zeiten hatte sie sich noch als entschiedene Gegnerin der Volksrepublik profiliert. Nun scheint mehr außenpolitischer Realismus Einzug gehalten zu haben.
Neokoloniale Attitüde des Westens
Nur in der linksliberal dominierten Presse des Westens wird diese neueste Annäherung mit misstrauischem bis schlicht missgünstigem Unterton kommentiert. Immer wieder wird deutlich: Die politisch-medialen Eliten Europas und Nordamerikas wollen keine asiatische Einigkeit – manche aus geopolitischen oder wirtschaftshegemonialen Gründen; andere, weil sie um die globale Vorherrschaft ihrer radikalindividualistischen Ideologie fürchten, die gefälligst in der Ukraine, im Nahen Osten und möglichst auch in Fernost Einzug halten soll. Sie fürchten noch immer, wie schon im Kalten Krieg des 20. Jahrhunderts, das Schreckgespenst des Kollektivismus.
Dabei merken sie gar nicht, wie neokolonial sie, die sich sonst für keine woke „postkoloniale Progressivität“ zu schade sind, eigentlich selbst sind: Während die patriotischen Kräfte in Europa eher für nationale Selbstbestimmung sowohl auf dem eigenen als auch auf anderen Kontinenten eintreten, sind es zumeist die Linksliberalen, die in Asien und andernorts mit der oberlehrerhaft gerümpften Nase des moralischen Besserwissers auftreten und dabei ein diplomatisches Porzellan nach dem anderen zerschlagen. Bestes Beispiel dafür: Die frühere deutsche Außenministerin Baerbock (Grüne) – jetzt ausgerechnet hochrangige UN-Diplomatin. Eine ganze Elite, die nicht mehr realisiert, wie ähnlich sie den Kolonialisten der eigenen Vergangenheit im Grunde sind – und wie sehr sie damit die Völker gerade auch der Schwellenländer, die derlei Debatten aufmerksamer beobachten, verprellen.
Für das chinesische Volk gilt, was auch für das koreanische gilt, für das russische und für viele andere: Man hat es satt, aus dem Westen belehrt zu werden. Das westliche Lebensmodell hat keine universelle Geltung, sondern ist eines unter vielen. Die Zukunft wird es zeigen.






Kommentare
Sei der Erste, der einen Kommentar hinterlässt!