Zur eigentümlichen Logik des deutschen Politikbetriebs gehört, dass jede Kurskorrektur sofort in ihr Gegenteil umschlägt. Jahrelang wurde die Energiewende als alternativlos dargestellt, als moralische Pflicht und historische Weichenstellung. Kaum begann sie jedoch unter dem Gewicht ihrer eigenen Widersprüche zu schwanken, war die Gegenbewegung mit Kohle, Gas, Kernkraft und Fracking schon zur Stelle, nach dem Motto: Zurück zu dem, was funktioniert. Zurück zur Wirklichkeit. Man versteht den Impuls. Trotzdem muss man ihn für unzureichend halten.
Denn die Rückkehr zu konventionellen Energieträgern ist keine Antwort auf die eigentliche Frage. Sie ist eine Reaktion auf den Schmerz – und Schmerz, das wissen Mediziner wie Staatsmänner, ist ein schlechter Ratgeber für strukturelle Entscheidungen. Kurzfristig und mittelfristig führt an dieser Reaktion kein Weg vorbei: Deutschland muss seine industrielle Substanz stabilisieren, Strom liefern und eine stabile Wirtschaft garantieren sowie verhindern, dass der Deindustrialisierungssog, der seit Jahren an der deutschen Wirtschaftsstruktur zieht, vollends zur Strömung wird.
Die Dringlichkeit ist messbar: Seit Februar 2022 ist die Produktion in energieintensiven Branchen – Chemie, Metallerzeugung, Glas, Papier und Mineralölverarbeitung – laut dem Statistischen Bundesamt um 15,2 Prozent zurückgegangen, während der gesamte Industriesektor ein Minus von 9,5 Prozent verzeichnete. Laut einer IHK-Umfrage erwägen vier von zehn Betrieben, Teile ihrer Produktion ins Ausland zu verlagern, um günstigere Energie zu nutzen. Wichtig ist auch: Das ist eine Entwicklung der letzten 50 Jahre. Seit den 1970er-Jahren hat die Industrie in Deutschland relativ an Gewicht verloren. Doch die Rückkehr zu Kohle und importiertem Gas, zu amerikanischem LNG und Kernenergie löst das Grundproblem nicht. Sie verschiebt es nur.
Ein rohstoffarmes Land in einer rohstoffharten Welt
Deutschland verfügt über kaum eigene bedeutende konventionelle Energieträger. Das ist eine geologische Tatsache. Öl wird seit Jahrzehnten kaum noch gefördert, Gas reicht nicht aus und Uran gibt es nicht in nennenswertem Umfang. Was Deutschland an fossilen Energieträgern hat, ist im Wesentlichen Braunkohle – ein Rohstoff, der erhebliche Umweltkosten verursacht, dessen Vorkommen endlich sind und dessen energetische Dichte mit Öl oder Gas nicht konkurrieren kann.
Zur Verdeutlichung: Die eigene Erdgasförderung Deutschlands liegt inzwischen bei lediglich 34 Terawattstunden pro Jahr, während die Gesamtimporte im Jahr 2025 bei über 1.000 Terawattstunden lagen. Das entspricht einem Selbstversorgungsgrad von kaum mehr als drei Prozent.
Ein Land, das seine Energiepolitik auf diesen Trümpfen aufbaut, kauft sich damot Zeit für Jahrzehnte, aber nicht für Generationen. Diese generationelle Perspektive war in der politischen Debatte nie wirklich präsent, auch nicht auf der Seite derer, die heute lautstark die Rückkehr zu konventionellen Energiequellen fordern. Der Ölschock von 1973 hätte die Lektion sein können. Westdeutschland, das seine gesamte industrielle Leistungsfähigkeit auf importierten Rohstoffen aufgebaut hatte, war plötzlich extrem anfällig für Entscheidungen, die in Riad, Bagdad und Moskau gefällt wurden. Die Lektion wurde notiert und dann vergessen.
Wie tief diese Gewöhnung saß, zeigen die Vorkrisenzahlen: Im Jahr 2020 deckten russische Lieferungen rund 55 Prozent des deutschen Gasbedarfs ab. Erdgas machte zu diesem Zeitpunkt 27 Prozent des deutschen Primärenergieverbrauchs aus, was einen der höchsten Werte unter den europäischen Ländern darstellte. Der Einmarsch der Russen in die Ukraine erinnerte dann mit einer Schärfe, die politisch nicht zu ignorieren war, an die Lektion – und produzierte prompt die nächste Variante desselben Fehlers.
Der Gläubigerwechsel
Was auf die Ablösung russischer Gaslieferungen folgte, ist eine Entwicklung, die in der deutschen Öffentlichkeit erstaunlich selten beim Namen genannt wird. Deutschland hat ein Abhängigkeitsverhältnis gegen ein anderes getauscht. Amerikanisches Flüssiggas, das über neue LNG-Terminals an deutschen und europäischen Küsten geliefert wird, hat russische Pipelinelieferungen ersetzt – zu höheren Preisen und mit größerem logistischen Aufwand. Zudem steht der neue Partner, die USA, unter dem Druck einer innenpolitischen Dynamik, die sich nach eigenen Gesetzen bewegt, und deren außenpolitische Verlässlichkeit infolgedessen fraglich ist.
Die Zahlen illustrieren die strukturelle Schieflage: Im Jahr 2025 stammten laut dem Branchenverband BDEW rund 96 Prozent der deutschen LNG-Importe aus den USA. Zwar macht direkt importiertes LNG derzeit nur etwa zehn Prozent der gesamten Gasversorgung aus, doch die Richtung ist eindeutig. Auf EU-Ebene bezogen die Mitgliedstaaten 2025 bereits 57 Prozent ihrer LNG-Importe aus den USA und im Europäischen Wirtschaftsraum beläuft sich der US-Anteil auf nahezu 60 Prozent. Das Oxford Institute for Energy Studies warnte in einer Analyse, dass die Förderung von US-LNG-Importen „eine potenziell risikoreiche neue geopolitische Abhängigkeit geschaffen“ habe. Im Juli 2025 unterzeichnete die EU-Kommission zudem einen Deal mit Washington, in dem sie sich verpflichtete, bis Ende 2028 mehr amerikanisches LNG, Öl und Kernbrennstoffe abzunehmen – ein Arrangement, das unter dem Druck von Zolldrohungen ausgehandelt wurde.
Das ist kein souveräner Kurs. Es ist der Austausch eines Gläubigers gegen einen anderen – mit dem Unterschied, dass der erste Gläubiger geografisch nah war und seine Konditionen sich über Jahrzehnte eingespielter Handelsbeziehungen vergleichsweise kalkulieren ließen, während der zweite weit entfernt ist und seine Konditionen nach strategischen Interessen setzt, die nicht notwendigerweise mit denen Kontinentaleuropas übereinstimmen. Von „Energiesicherheit“ ist hier nicht zu sprechen.
Auch Atomkraft und Fracking – derzeit hauptsächlich in bestimmten Kreisen als Patentlösung gehandelt – ändern an diesem Grundproblem wenig. Uran müsste ebenfalls importiert werden, sodass sich die Abhängigkeit lediglich von russischen Pipelines zu kasachischen oder nigerianischen Bergwerken verlagert. Heimisches Fracking würde die Frage der Versorgungssicherheit lediglich um einige Jahrzehnte hinauszögern und auch große Fragen zu Umwelt und Natur stellen. Beide Optionen sind taktische Korrekturen, aber keine strategischen Antworten.
Wenn Politik zum Selbstzweck wird
Knapp formuliert: Das eigentliche Scheitern der deutschen Energiepolitik ist nicht in einer einzelnen Entscheidung begründet – weder im Atomausstieg, noch in der Förderung erneuerbarer Energien oder dem Festhalten an russischem Gas. Es liegt in der vollständigen Abwesenheit strategischer Disziplin. Die Energiewende war von Beginn an ein Sammelgefäß für zu viele und zu widersprüchliche Interessen. Für Energiekonzerne und Privatpersonen, die in neuen Subventionsstrukturen neue Geschäftsmodelle witterten. Für Parteien, die im Klimathema ein mobilisierendes Wahlkampfmittel erkannten. Für eine politisch-kulturelle Strömung, die in der Abkehr von Kohle und Atom ein moralisches Erlösungsprojekt sah. Oder anders formuliert: eine Endzeitpolitik im säkularen Gewand, die nur am Rande mit Versorgungssicherheit und Industriepolitik zu tun hatte.
Das Ergebnis ist ein Politikfeld ohne kohärenten roten Faden. Energiemengen wurden aus ideologischen Gründen vom Netz genommen, ohne dass Ersatz gesichert war. Speicherkapazitäten wurden vernachlässigt. Der Netzausbau blieb hinter dem Ausbau der Erzeugungskapazitäten zurück. Die Industrie – jener Teil der deutschen Wirtschaft, der nicht nur Strom verbraucht, sondern auch konventionelle Energieträger als chemische Grundstoffe für petrochemische Prozesse und Crackeranlagen benötigt – wurde in einer Debatte, die sich fast ausschließlich um Kilowattstunden drehte, weitgehend vergessen.
Die Preiswirkung dieser Versäumnisse ist im internationalen Vergleich schmerzhaft sichtbar: Industrieunternehmen mit mittlerem Verbrauch zahlten 2024 in Deutschland 5,7 Cent je Kilowattstunde für Gas, in Frankreich waren es 4,6 Cent und in Spanien 4,3 Cent. Der Vergleich mit den USA fällt noch drastischer aus. Dort lagen die Gaspreise 2023 bei lediglich 1,4 Cent je Kilowattstunde, also bei einem Viertel des deutschen Niveaus. Beim Strom zeigt sich ein ähnliches Bild: Ohne staatliche Hilfen zahlten Industriebetriebe 2024/25 rund 15 bis 22 Cent je Kilowattstunde – einer der höchsten Werte weltweit.
Das chinesische Prinzip
Das es anders funktionieren kann, zeigt ein Blick nach Fernost. China errichtet Windparks und Solaranlagen mit einer Geschwindigkeit, die westliche Kapazitäten bei Weitem übersteigt – und eröffnet gleichzeitig neue Kohlekraftwerke und Pipelines, betreibt Kernkraftwerke und sichert sich weltweit Zugänge zu fossilen Energieträgern. Das ist die Folge einer nationalen Perspektive auf das Thema Energie, sie resultiert aus der chinesischen Energiepolitik, die als das verstanden wird, was sie ist: eine Frage nationaler Handlungsfähigkeit, die keine ideologischen Selbstbeschränkungen verträgt.
Die Dimensionen dieses pragmatischen Ansatzes sind beeindruckend. So installierte China im Jahr 2024 eine Rekordmenge von 277 Gigawatt Solar- und 79 Gigawatt Windenergie und übertraf die Ausbauziele für Wind und Solar deutlich. 2024 vereinte China rund 46 Prozent der weltweiten Windkraftkapazität und fast 50 Prozent der weltweiten Solarkapazität auf sich. Gleichzeitig begann China im Jahr 2024 mit dem Bau neuer Kohlekraftwerke mit einer Gesamtleistung von 94,5 Gigawatt. Der Kohleanteil an der chinesischen Stromerzeugung lag im selben Jahr bei etwa 55 Prozent. „Grüne“ Technologien haben sich in China zu einem wirtschaftlich wichtigen Sektor entwickelt und tragen spürbar zum industriellen Wachstum bei.
Diese Haltung muss man nicht in jeder Hinsicht bewundern, man kann ihr gegenüber Vorbehalte haben. Als analytischen Befund muss man sie jedoch ernst nehmen. Ein Land, das ernsthaft Weltmacht sein will – oder, bescheidener formuliert, ein Hochtechnologieland, das seine Industrie erhalten möchte –, kann sich keine energiepolitischen Glaubenskriege leisten, in denen einzelne Technologien aus moralischen Gründen gegen andere ausgespielt werden.
Wo liegt das Problem, wenn der deutsche Strommix im Jahr 2040 aus Kernkraft, erneuerbaren Energien sowie Kohle und Gas besteht? Die Frage ist rhetorisch, aber nicht trivial. Sie zielt auf eine politische Klasse, die offenbar außerstande ist, eine pragmatische Antwort zu formulieren, da inzwischen jede Technologie mit einem weltanschaulichen Vorzeichen versehen ist. Kernkraft ist rechts. Windkraft ist grün. Kohle ist rückständig. Gas ist russisch. Das sind keine energiepolitischen Kategorien, sondern kulturpolitische Markierungen, die bei der realen Versorgungsfrage gar keine Rolle spielen.
Souveränität als Projekt
Ein nüchterner Blick auf die Lage Deutschlands legt Folgendes nahe: Langfristig führt kein Weg an erneuerbaren Energien vorbei. Wind, Geothermie und Sonne sind die einzigen unendlichen Energieträger, über die Deutschland tatsächlich selbst verfügt. Ein massiver und technologisch ernsthafter Ausbau dieser Kapazitäten, kombiniert mit Speichertechnologien, wäre der einzige Weg, um die strukturelle Importabhängigkeit langfristig wirklich zu reduzieren.
Parallel dazu benötigt Deutschland eine Außen- und Handelspolitik, die Energiezugänge aktiv gestaltet: diversifizierte Lieferbeziehungen im Rohstoffbereich zu Nordafrika, dem Nahen Osten und Kanada – und unter anderen politischen Konstellationen perspektivisch wieder zu Russland. Es braucht darüber hinaus strategische Reserven, die diesen Namen verdienen. Eine Kohlepolitik, die Braunkohle nicht als billige Stromquelle, sondern als industriellen Rohstoff und Sicherheitspuffer für außerordentliche Lagen behandelt. Und eine Bereitschaft, sämtliche verfügbaren Technologien – einschließlich moderner Kernkraftoptionen – ohne ideologische Vorentscheidung zu prüfen und taktisch in einem strategischen Konzept einzusetzen. Wichtig ist, dass der temporäre Wegfall einer Energieart nicht direkt eine destruktive Kettenreaktion wie in den letzten Jahren auslöst – ein gesunder und pragmatischer Mix aus Kernkraft, „grüner Energie“ sowie Öl und Gas kann das gewährleisten. Kurz formuliert: weniger hektischer Aktionismus, der von Krise zu Krise reagiert., mehr strategische Planung, die über Wahlzyklen hinausreicht.
Nüchternheit als politische Haltung
Die Energiepolitik ist ein Bereich, in dem die Kosten von Illusionen nicht abstrakt bleiben. Sie wirken sich in Form von abgewanderten Industrien, gestiegenen Energiepreisen und geopolitischer Erpressbarkeit ganz konkret aus. Deutschland hat sich in den vergangenen Jahrzehnten mehrfach den Luxus idealistischen Denkens geleistet: erst die Vorstellung, russisches Gas sei ein unpolitisches Handelsgut, dann die Vorstellung, erneuerbare Energien ließen sich ohne strategische Gesamtplanung ausbauen, und jetzt die Vorstellung, die Rückkehr zu Kohle oder Atomkraft und importiertem Flüssiggas sei eine Antwort auf die Souveränitätsfrage.
Alle drei Illusionen haben eines gemeinsam: Sie ersetzen strategisches Denken durch Wunschdenken – einmal linksliberal, einmal grün, einmal konservativ koloriert. Die Farbe wechselt, die Substanzlosigkeit bleibt.
Was fehlt, ist ein Begriff von nationaler Handlungsfähigkeit, der nicht vom nächsten Wahltag, sondern von der Frage her gedacht ist, welche energetische Grundlage eine industrielle Gesellschaft in einer rohstoffharten, geopolitisch instabilen Welt benötigt, um handlungsfähig zu bleiben. Eine wirklich souveräne Energiepolitik muss weder grün noch grau sein. Sie muss strategisch sein.







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