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Politik

Blick nach links (1): Monchi und die bröckelnde Brandmauer

Kann eine Linke, die jahrzehntelang vom „Kampf gegen Rechts“ gelebt hat, plötzlich Heimat, Gesprächsbereitschaft und gesellschaftliche Nähe für sich entdecken? In seiner Kolumne „Blick nach links“ nimmt Benedikt Kaiser den Feine-Sahne-Fischfilet-Sänger Monchi und dessen politische Wandlung unter die Lupe.

Benedikt Kaiser
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Die politische Linke sucht angesichts des gesellschaftlichen Rechtsrucks nach neuen Antworten – zwischen „Kampf gegen rechts“, Heimatverbundenheit und alten ideologischen Gewissheiten.
Die politische Linke sucht angesichts des gesellschaftlichen Rechtsrucks nach neuen Antworten – zwischen „Kampf gegen rechts“, Heimatverbundenheit und alten ideologischen Gewissheiten. (Bild: IMAGO / PresseFoto Evans)

Links ist nicht vorbei, aber links wird anders. Wir erleben in der BRD krasse Zuwächse für die Linkspartei im Mitgliederwesen (dazu mehr in FREILICH 42, Oktober 2026) und nicht minder erstaunliche Zuwächse bei Wahlen, insbesondere unter jungen Deutschen mit und ohne Migrationshintergrund. Neben der parlamentarischen Sphäre erleben wir im vor- beziehungsweise metapolitischen Feld Erfolge für linke Bands und Labels, ausverkaufte Konzerte, eine dynamische Mobilisierung auf den Feldern der Festivals wie auf den Straßen bei Demonstrationen.

Doch zugleich erlebt Deutschland, insbesondere Ostdeutschland, einen veritablen Rechtsruck. Die AfD wächst, außerparlamentarische Gruppen des patriotischen Spektrums unterschiedlicher Aktionsformen (von Medienarbeit bis Brauchtumspflege) sprießen, die Alltagsstimmung unter den Landsleuten wird regierungs- und establishmentkritischer, rechte Standpunkte, die bis vor kurzem zur Ächtung oder mindestens für abweisendes Stirnrunzeln sorgten, werden sagbar und dadurch normalisiert. Die Linke reagiert darauf, sie beantwortet es, sie bekämpft das. Sprich: Sie verfällt der Reaktion, des stetigen Hinterher: Was machen „die Rechten“? Wie machen sie es? Wo machen sie es?

Daraus folgt ein (vermeintlicher) Widerspruch: Die Linke, als Wahlpartei, aber auch als viel umfassendere Szene, wächst und gedeiht, wird selbstbewusster und aggressiver. Zeitgleich bestehen ihre Erfolge im bestimmten Dagegen, also: lediglich notwendiger Sparringspartner der wachsenden Rechten aller Ebenen zu sein, von deren Aufwind man insofern profitiert, als dass man sich als einziges authentisches Gegenmodell inszeniert. Von der Aktion zur Reaktion, von den „Gatekeepern“ des Sag- und Machbaren zu bloßen Verzögerern des großen rechten Projekts.

Anders gesagt: Wir beobachten Auflösungsprozesse bestehender linker Hegemonien im Allgemeinen und gleichzeitig verstärkte linke Rekrutierungserfolge unter jungen Menschen im Besonderen, die überwiegend durch „Gegen rechts“-Mentalitäten angezogen werden. So fehlt abseits des „Dagegen“, des mobilisierenden Kampfes gegen rechts, eine taugliche und für die Mehrheit praktikable und akzeptable Perspektive des „Wofür“. Heidi Reichinneks Weggefährte und ehemaliger Berater Jean-Philippe Kindler verrät dies in seinem Debütroman Hier ist der Beginn und das Ende ist dort (Berlin 2026) an einer markanten Stelle selbst, als sein Alter Ego formuliert: „Es war mein Leben lang so gewesen, egal wohin ich ging, es war immer weg von und niemals hin zu.“ 

Diese Flucht als Prinzip, als reine Negation, ist geistig und politisch nutzlos. Wer nichts bejaht, kann nichts Bleibendes hervorbringen, und wer nur entkommen will, wird niemals ankommen. Die Rechte muss allerdings ankommen und der Blick nach links wird das seinige dazu beitragen, Fehler und Unstimmigkeiten des Gegners zu antizipieren, in ihrer weiterführenden Bedeutung einzuordnen und für die eigene politische Arbeit fruchtbar werden zu lassen. 

Aus diesem Grund habe ich mich entschlossen, fortan einmal monatlich bei FREILICH (online) nach links zu schauen. Es geht darum, was sich dort tut, was daraus folgt, für „uns“ wie für „sie“. Denn der politische Gegner wird nicht durch ohnmächtige Empörung eines geist- und begriffsarmen Rechtspopulismus entmachtet, sondern durch das Verständnis seines Wesens, seiner Stärken, seiner Schwächen. Der Kolumnenname „Blick nach links“ knüpft dabei bewusst an mein mehrfach aufgelegtes Buch aus dem Jahr 2019 an, von dem sich eine weitere Neuauflage nun nicht lohnte: Zu viel ist passiert, was damals noch zu prognostizieren war, denken wir beispielsweise an das später tatsächlich erfolgte Experiment Sahra Wagenknechts, eine eigene linkspopulistische Kaderpartei zu gründen. 

Wenn die Linke wieder Wurzeln schlägt

Nun also: Blick nach links „revisited“, fortlaufend, am Puls jener Zeit, die so gar nicht mehr „links“ sein muss, trotz Bemühungen klügerer Linker, wonach genau dies zu erstreben wäre. Aktuell muss sich der Blick hier auf Jan Gorkow richten. Gorkow, der als Monchi bundesweit bekannter Kopf der Musikgruppe Feine Sahne Fischfilet (FSF) ist, darf als einer der wenigen Linken gelten, der begriffen hat, dass die Anti-rechts-Attitüde, das von Kindler bestätigte „immer weg von und niemals hin zu“, an ein selbstverschuldetes Ende gelangt ist. Er praktiziert ein in bestimmten Regionen wieder verwurzeltes Links-sein, wie es kaum noch bekannt war: In der Heimat (!) bleiben, sie als solches begreifen (!!), sie verbessern und schöner machen (!!!), ja konkrete Projekte der gelebten Nähe, der realen Gemeinschaft und der geteilten Verantwortung anzuvisieren und umzusetzen. Klassische Antifa-Vorgehensweisen, die sich darin erschöpfen, mit „Kühe, Schweine, Ostdeutschland!“-Parolen durch sächsische oder pommersche Dörfer zu ziehen, um den Einheimischen, die mit patriotischen Ideen flirten, Angst einzujagen, erteilt er eine Absage; das stumpf-aggressive Wesen des durchschnittlichen Linksautonomen ist ihm – mittlerweile – zuwider. Natürlich war er selbst Teil der gewaltaffinen radikalen Linken und das reflektiert er recht offen und einigermaßen selbstkritisch in seinem Bestseller Jenseits der Brandmauer. Über mein Leben in der ostdeutschen Provinz (Köln 2026), das in vielerlei Hinsicht aufschlussreich zu lesen ist und sich in TV, Radio, Internet und Zeitungen – von Nius bis taz – derzeit in aller Munde befindet. Man sollte das Buch als Reaktion eines antifaschistischen „Stars“ darauf interpretieren, was man als linken Hegemonieverlust und rechten Geländegewinn bezeichnen darf.

Monchi, der nach einigen Jahren Rostock wieder in seiner Heimatstadt Jarmen in Vorpommern lebt, einem Ort mit über 50 Prozent AfD-Wähler-Anteil, begreift ebendort, dass der exkludierende Hyper-Antifaschismus, der prägend für seine Szene mit all ihren unterschiedlichen Strömungen ist, scheitern muss, wo es nicht um einhundert Nationalisten in einem Polizeikessel auf einer Demonstration in einem Industriegebiet, sondern um flächendeckende Einstellungsmuster und daraus resultierendes Wahlverhalten in der Fläche geht, um Nachbarn, Vereinskollegen, Verwandte. Monchi lakonisch: „Wir leben da, wo man miteinander reden muss, auch wenn man sehr unterschiedliche Meinungen hat.“ Es dämmert ihm etwas: Denn er beschreibt, wie die Gesellschaft gespalten ist – nicht abstrakt soziologisch anhand von Daten und Statistiken. Sondern aus eigenem Erleben vor Ort, in der pommerschen Provinz. Ihm ist bewusst, und das muss man anerkennen, dass die Praxis der Anti-rechts-Ausgrenzung absurde und destruktive Formen hervorbrachte, dass die Kränkungen rechter Menschen und ihres Umfelds veritable Langzeitfolgen haben. Ihm schwant Übles: „Wie stark wird das Pendel wohl zurückschlagen?“ Das entspricht ja der heute auch bei „X“ grassierenden Debatte: Sollte sich die AfD „rächen“ für alles, was man ihr und ihrem Vorfeld antat? Oder sollte man „Gentleman“-artig dem Gegner oder gar dem Feind die Hand reichen, weil man eben andere Ansprüche an Volk und Verständigung stellt? 

Monchi jedenfalls lernt auf die harte Art, jedenfalls für einen geschulten Antifaschisten. Er muss begreifen, dass auch der „Andere“, also: der Andersdenkende, verdient hat, gehört zu werden, jedenfalls dann, wenn derjenige kein anonymer „Fascho“ ist, den man denunziert und attackiert, sondern eben der sympathische Nachbar von Gegenüber: „Und wer zusammen an einem Tisch sitzt, kann den anderen viel schwieriger hassen. Ich hab das verinnerlicht.“ 

Der Bruch mit der Antifa hat Grenzen

Wenn man Monchi das abnimmt, und man sollte es tun, weil er sympathisch und reflektiert mit eigenen Denk- und Lebenswegen umgeht, muss man es ihm auch abnehmen, als er schreibt, dass ihm „die Antifa egal“ sei, ja dass er „mit dieser Szene nicht mehr viel zu tun habe“. Das ist konsequent: Denn immerhin praktiziert ja „die Antifa“ all das, was er kategorisch für den falschen Weg erklärt. Man müsse Stimmungen verbessern, die Vor-Ort-Lebensverhältnisse verstehen und anerkennen, die Meinungen anderer aushalten können, damit das Zusammenleben gedeiht. Das ist, im Zeichen einer von mir skizzierten „Politik der Nähe“ (vergleiche FREILICH 41, Juni 2026!), anschlussfähig an ein versöhnliches Konzept solidarisch-patriotischer Graswurzelarbeit. 

Doch zugleich ist Monchis Wandlung vom militanten Antifaschisten zum geläuterten und nachdenklichen Heimatbewahrer von links anfechtbar. Er bewirbt ganz aktuell auf seinen hunderttausendfach geklickten Social-Media-Profilen Antifa-Bands wie die Hinterlandgang, die für all das stehen, was er (vermeintlich?) für die totale Sackgasse erklärte. Im Buch so, im Internet dann aber anders? Das ist mindestens inkohärent, wenn nicht sogar verlogen. Vielleicht liegt es auch daran, dass Monchi auch im Buch stark auf Lothar König, den bundesweit bekannten „Antifa-Pfarrer“ aus Jena, rekurriert. Dabei wäre in diesem Themenfeld ein anderer thüringischer Linker weitaus hilfreicher: Dieter Strützel. Dieser PDS-Intellektuelle, wie König bereits verstorben, blieb wirklich gesprächsoffen, und eines seiner vielbemühten Axiome lautete: „Das Stück Wahrheit, das mir fehlt, hat gewiß der andere.“ Eine Einsicht, die in Jenas Antifa-Szene kaum Beachtung finden dürfte.

Heimatliebe trifft auf offene Grenzen

Eine weitere Schwachstelle Monchis ist die neue Heimatliebe, die er – für Antifaschisten aller Couleur ein Novum – kultiviert. So versucht er im Buch Jenseits der Brandmauer wie auch mit seiner Band FSF den Ritt auf der Rasierklinge: einerseits antifaschistischer Ideologietransfer in den Liedtexten, andererseits die Selbstverortung als stolze „Ossis“, die „ihre Provinz“ lieben (wodurch man in anderen linken Kreisen schon der „Heimattümelei“ geziehen wurde). Man verbreitet tatsächlich ein positives Heimatgefühl. Den linken „Spin“ bekommt man dadurch hin, dass man – etwa im Lied „Zuhause“ – die Heimat für alle zu öffnen bereit ist. Zwar werden die Vorzüge einer gesunden Heimatumgebung affirmiert (Vertrautheit, Gemeinschaft), aber sich inständig versichert: „Doch ich bleib dabei, für eine grenzenlose Welt“. Das geht über die obligatorische Ambivalenz, die das Leben für jeden einzelnen bereithält, weit hinaus. Wer einerseits Vertrauensräume und Gemeinschaftsbildung als positiv empfindet, und andererseits diese tendenziell „exklusive“ Gefühl für alle öffnet, wird in der Realität feststellen, dass dies bereits jetzt in der kleinen Praxis nicht funktioniert. Auch die ostdeutsche Provinz, die von Monchi als lebenswerte Heimat begriffen wird, sieht sich derzeit vielerorts multikulturell umgestaltet. Erste Kleinstädte der Ost-Peripherie haben bereits über Parteigrenzen hinweg den „Asylnotstand“ ausrufen müssen; das „Stadtbild“ oder Dorfbild veränderte sich rasant. Diesen forcierten Wandel erleben Ostjugendliche im Alltag am Bahnhof, Marktplatz oder Supermarkt intensiv – dafür müssen sie nicht Bücher oder Statistiken lesen. 

Das inhaltliche Problem für die klügeren Linken wie Monchi wird dementsprechend mittel- und langfristig darin liegen, dass seine offene und inkludierende Form der Heimatverbundenheit Refugees-Welcome und Offene Grenzen-Agenda unterlaufen wird. Heimat, so schrieb ich es einmal für die Kulturzeitschrift Der Eckart, ist kein abstrakter Raum, sondern ein dichtes Geflecht aus gemeinsamen Erfahrungen, gemeinsamer Sprache und gemeinsamen Vertrauensverhältnissen. Zugehörigkeit und Verwurzelung bestehen insbesondere im Organisch-Konkreten, nicht im Universellen. Heimat lebt von Vertrautheit und Vertrautheit setzt die Fähigkeit zur Unterscheidung, zum Prinzip der Differenz, voraus: Ohne das Fremde gibt es auch kein Eigenes, Identität ist immer „dialogisch“ (Henning Eichberg). Das heißt nicht, dass es keine relative Dimension von Zuwanderung geben kann, statisch ist nun mal nichts, aber spätestens 2015ff. war es mit „relativ“ auch im Osten vorbei. Derlei Widersprüche fichten Monchi nicht an; Migration findet bei ihm, klassisch links, nur als Bereicherung durch einen unproblematischen Imbiss im eigenen Dorf statt, nicht durch die realen Verwerfungen anderswo. Er kann es sich ja leisten: vermögend und behütet aufgewachsen, noch vermögender geworden durch eigene Musik und Arbeit. Ließe sich aber über all das kontrovers diskutieren? Sicherlich, nur ist die neue Diskursliebe klügerer Linker wohl doch nicht so weitreichend. 

Aufgrund einiger immanenter Logikmängel und Monchis unverblümter Werbung für Antifa-Hardliner muss man sich also beim aktuellen Blick nach links die Frage stellen, ob Monchi die geistigen Gefängnismauern des Haudrauf-Antifaschismus wirklich überwinden will – oder ob er einfach nur verstanden hat, dass sich eine moderate Selbstkorrektur mit nachdenklich-reflexiver Attitüde komfortabel vermarkten lässt. Sympathischer wäre Variante eins, doch realistischer wohl die Gegenthese.

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