„SPD-Chefin Bärbel Bas irrt“, meint Reinhard Müller. Dennoch dürfte sie „vielen in jenem politischen Lager (und seinen staatlich finanzierten Vorfeldorganisationen) aus dem Herzen gesprochen haben, die Buntheit als Staatsziel begreifen“. Für diese „Offenheit“ zeigt er sich dankbar; sie habe „der scheinbar endlosen Migrationsdebatte, in der schon alles längst gesagt schien, noch einmal neues Leben eingehaucht“. Was ist also die Antwort auf die sozialdemokratische Volksfeindlichkeit?
Müllers erster Einwand richtet sich – ironischerweise – gegen Bas‘ Ausgangsfeststellung eines deutschen Deutschlands:
„Dem liegt zunächst eine bemerkenswerte Vorstellung dieses unseres Landes zugrunde. Denn Deutschland war nie homogen. Als föderales Gebilde mit jahrhundertealten Traditionen verfügte es immer über starke landsmannschaftliche, konfessionelle, ganz generell kulturelle Unterschiede, ja Spannungen. Es gab auch immer schon Austausch und Migration.“
An dieser von Müller kritisierten Vorstellung ist aber eigentlich rein gar nichts bemerkenswert. Seine Einwände – allesamt typische Dekonstruktionsmittel – widerlegen keinesfalls jene Homogenität, um der es Bärbel Bas ging. Denn Bas meinte das deutsche Volk als Volk; also als ethnische Gruppe mit relativ einheitlich ausgeprägter – „einheitsgrauer“ – Kultur. Und diese Homogenität war real und bildete sich in einer kulturellen Binnenpluralität ab. Auch die ethnische Kontinuität des deutschen Volkes ist mittlerweile populationsgenetisch belegbar. Die Genom-Revolution bzw. die Archäogenetik liefert ein relativ klares Bild von den populationsgenetischen Umbrüchen der Vorzeit und der finalen Ethnogenese der Deutschen zu Beginn des Mittelalters. Spätere baltisch-slawische Einschläge durch die Ostsiedlung oder die Assimilation von Hugenotten haben daran wenig geändert. Kulturelle Transferleistungen, die translatio imperii des Römischen zum Deutschen Kaisertum und die stammespezifischen Identitäten sind als Elemente der deutschen Nationwerdung zu verstehen und nicht als beliebig-kosmopolitische Erscheinungen, die zufällig in Mitteleuropa stattfanden. Immerhin geht Müller nicht soweit, die Existenz Deutschlands selbst anzuzweifeln:
„Was freilich alle Volksgruppen oder ‚Stämme‘, wie es noch in der Präambel der Weimarer Reichsverfassung hieß (‚Das deutsche Volk, einig in seinen Stämmen ...‘), verband, war die Zugehörigkeit zu Deutschland. Und mit dieser Zugehörigkeit ist eben auch klar: Alle teilen dieselben übergreifenden Werte und Grundsätze.“
Nur dumm für Müller, dass diese zeitübergreifende Entität namens Deutschlands über die Zeit verschiedene Werte und Grundsätze verband – die längste Zeit auch solche, die der Autor heute vermutlich komplett ablehnt.
Deutschland als Ethnos
Das noch recht archaische „thiudisk“ Land von Otto dem Großen wäre ihm sicherlich genauso unbehaglich wie das preußisch-deutsche Kaiserreich unter Wilhelm II mit seinen Fanfaren und Märschen. Dennoch ist klar, dass beide historischen Gebilde in einer Abfolge derselben Meta-Entität „Deutschland“ stehen. Was also die Zugehörigkeit zu Deutschland begründete, war das Ethnos; das eingeborene Deutschsein, das politisch bereits im Mittelalter reflektiert wurde – beispielsweise sprach der Sachsenspiegel aus dem 13. Jahrhundert dem böhmischen König das volle Kurrecht ab, weil er kein Deutscher („Teutonicus“) war. An dieser ethnisch-kulturellen Kontinuität ist Müller aber nicht wirklich viel gelegen, weshalb seine Kritik an Bas scheitert:
„Das Problem Deutschlands ist nicht fehlende Vielfalt und Buntheit, sondern fehlende Verfassungstreue, ja mangelnder Patriotismus unter Migranten (…)“
Mit anderen Worten: das Problem der BRD ist, dass ihre Ordnung ursprünglich von einer spezifischen Population begründet und geformt wurde und andere, nun hier lebende Populationen sich anders zu dieser Ordnung verhalten. Die genauen Gründe dafür erörtert Müller nicht – vermutlich auch deshalb, weil er automatisch mit den eigenen Glaubenssätzen in Konflikt geraten würde. „Ein Teil dieser Misere“ sei jedoch „hausgemacht“:
„Denn wie sollen Einwanderer Deutschland (jenseits seiner Sozialleistungen) mögen, wenn es selbst die Deutschen nicht tun.“
Warum die Deutschen sich selbst fremd wurden
Da stellt sich eigentlich die Frage, warum die Deutschen überhaupt mit ihrem nationalen Selbstbezug fremdeln. Auch dieses Gepäck an generationenübergreifender psychosozialer Demontage wird nicht weiter erwähnt: Re-education, die Einflussnahme der Amerikaner auf deutsche Institutionen, die Rolle antideutscher linker Intellektueller mit dem BRD-Philosophen Habermas als Papst der „offenen Gesellschaft“ und die bis heute andauernde seelische Selbstgeißelung durch die Siegernarrative des Zweiten Weltkriegs – all das wäre an dieser Stelle kritisch aufzuarbeiten. Aber das möchten Müller und der Rest der satisfaktionsfähigen bundesdeutschen Journaille ganz sicherlich nicht. Dennoch dämmert es, dass das Projekt der „offenen Gesellschaft“ zweifelsohne im Fiasko enden wird:
„Wenn nicht ein Mindestmaß der Menschen, die hier leben, die gemeinsamen Grundwerte teilen und dieses Land als das ihre betrachten, dann ist kein Staat zu machen. Dann ist irgendwann ein Kipppunkt erreicht.“
Richtig. Dieser Kipppunkt ist in einigen Großstädten und Schulen bereits erreicht worden und wird in einer Generation vermutlich ganze Bundesländer erreicht haben. Und eine Umkehr ist nicht in Sicht: während der einheimischen, zahlenmäßig schrumpfenden Jugend noch immer von staatlichen Medien und Bildungseinrichtungen eingetrichtert wird, dass sie „weiße Privilegien“ hätten und als „Tätervolk“ keine positive Identität als Gruppe ausbilden dürften, verhilft der ganze staatlich finanzierte „Vielfalt“-Zivilgesellschaftskarneval den fremdstämmigen Nachkömmlingen mit aller Kraft zum „Empowerment“ und sichert ihre Raumnahme durch etliche Melde- und Beratungsstellen, linksliberale Richter und Staatsanwälte und verschärfter Zensur ab.
An dieser Stelle kommt es Müller gar nicht in den Sinn, diese verselbstständigte Selbstzerstörung bei den verantwortlichen Akteuren zu verorten. Nein, er wirft gar der AfD „antideutsche“ Politik vor:
„Auch die Popularität der AfD ist unter diesem Gesichtspunkt mehr als bemerkenswert. In Programmatik und Personal zeigt sich, dass man zwar ‚Deutschland‘ im Namen tragen, aber zugleich eine ziemlich antideutsche Politik machen kann.“
Russland, AfD und der westliche Deutungsrahmen
Was aber soll an der AfD bitte antideutsch sein? Die Begründung gibt abermals Einblick in den verzerrten Deutschlandbegriff von Müller, der stellvertretend für seine Berufsgruppe ist:
„Die Kungelei mit dem Moskauer Regime, das jeden zivilisatorischen Grundsätzen Hohn spricht und auch Deutschland bedroht und auf mehrfache Weise schon hybrid angegriffen hat, ist das genaue Gegenteil von patriotisch. (…) Nicht nur die außen- und europapolitischen, sondern auch die Rentenpläne der Partei weisen den Weg in Isolation und Verarmung Deutschlands.“
Deutschland wird hier über die ideologische Lesung der zwischenstaatlichen Beziehung zur Russischen Föderation definiert. Also: tolle liberale Demokratie vs. böser autoritärer Staat. Die ganze Betrachtung unseres Landes findet mal wieder unter westzentrischer, das heißt: amerikanisierter Verortung statt. Entsprechend weltfremd erscheint Müllers Lösung für den demographischen wie sozialen Niedergang der Bundesrepublik:
„Im Grunde ist das alles eine Chance für eine bürgerliche Politik im besten Sinn. In einem demokratischen, rechtsstaatlichen Deutschland kann jeder sein Glück finden und machen. Wer dazu gehören will, sollte sich mit seinen Grundsätzen und seinen Farben identifizieren. Es sind die Farben der Freiheit und des Rechts.“
Eine fast schon antiklimaktische Schlussfolgerung, die den vorausgegangenen Überlegungen eigentlich widerspricht. Denn wirklich nichts spricht zur Mitte der 2020er in einem multiethnisch-multikulturellen Staat noch für den Traum einer meritokratischen Utopie. Selbst die USA, die hier offenbar in idealisierter Form als geistige Vorlage dienten, sind heute weiter von diesem Ideal entfernt als je zuvor – und auch weniger anglo-europäisch („weiß“) als je zuvor. Dass es da eine gewisse Korrelation gibt, wird Müller vermutlich klar sein. Aber dass er genau diesen Aspekt runterspielt bzw. ausklammert, zeugt von der fehlenden Analysefähigkeit der bundesdeutschen Öffentlichkeit.
Die Sackgasse des Bürgerlichen
Was haben Müller und der ganze etablierte Zug zentristischer Journalisten und Politiker – von der Union und FDP bis zu irgendwelchen Werteunionen – also als Antwort auf Bärbel Bas‘ Volkszerstörungspolitik anzubieten? Nichts. Eine nostalgische Vorstellung bürgerlicher Gesellschaftspolitik, die in der Realität zur gezielten Vernichtung der „einheitsbraunen“ Deutschen geführt hat.
Man kann die BRD aber nicht wieder auf Werkeinstellung zurückstellen und diesmal die Massenintegration von Fremden mit etwas mehr Schwarz-Rot-Gold zu moderieren versuchen. Probierte man dies, würde dies auf jeden Fall Remigration in maximalster Form bedeuten. „Deutschland braucht sogar mehr Homogenität. Zu wenige, die hier leben, teilen die Werte des Grundgesetzes“, stellt Müller eingangs fest. Ob er sich dann für die Ausschaffung jener Migranten einsetzen würde, die jene Werte nicht teilen? Vermutlich nicht. Und damit irrt am Ende nicht Bärbel Bas, sondern Reinhard Müller.








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