Giovannino Guareschi, der Schöpfer der legendären Figuren Don Camillo und Peppone, verteidigte die amerikanischen Militäroperationen im Koreakrieg und widmete Ausgaben seiner satirischen Wochenzeitung Candido gefallenen US-Soldaten. Der Antikommunist Guareschi war der Überzeugung, der GI kämpfe in Korea auch für das Abendland. Ein Jahrzehnt und eine Generation später ertönten die „Ho-ho-ho-Chi-Minh“-Rufe in den westeuropäischen Universitätsstädten. Ein weiteres Jahrzehnt und eine weitere Generation später marschierte die Rote Armee in Afghanistan ein. Westeuropas Straßen gehörten den Ostermärschen mitsamt Protesten gegen Pershing II, NATO-Doppelbeschluss sowie Anti-Atom und Pro-Greenpeace.
Welche Wandlungen haben sich ereignet, dass die intellektuelle Heimatfront dem Gegner in der Ost-West-Konfrontation nicht nur klammheimlich, sondern ganz offen die Daumen drückt? Und wie konnte es dazu kommen, dass sie anschließend sogar die Form einer fünften Kolonne annahm, welche die eigene Verteidigungsfähigkeit untergraben sollte? Im polemischen Stil der Linken gefragt: Warum waren die vietnamesischen und kambodschanischen Opfer amerikanischer Bomben Proteste wert, die afghanischen und angolanischen Opfer sowjetischer und kubanischer Bomben aber nicht? Was der Linken neben anderem zugutekommt, ist folgender Umstand, den Herfried Münkler in seinem Werk Imperien (2007) allgemein attestiert: „Politische Aufmerksamkeit (...) ist in Verbindung mit Klugheit und Weitsicht eine prinzipiell knappe Ressource.“
Wirft man hingegen einen strategisch wie geopolitisch geschärften Blick auf eben erwähnte militärische Auseinandersetzungen, bietet sich die klassische Sichtweise imperialer Politik: „Eine der beiden imperialen Mächte hatte sich in ihnen (den Stellvertreterkriegen) antiimperiale Gewänder angelegt und eine Widerstandsbewegung an der imperialen Peripherie des Gegners unterstützt, um so den Hegemonialkonflikt (die Ost-West-Konfrontation) (...) auf kleiner Flamme am Köcheln zu halten.“ Münkler weiter: „(...) ob es tatsächlich nur mit diesen (den eher schwachen antiimperialen Akteuren) zu tun zu haben oder ob dahinter das Zentrum einer anderen imperialen Welt steht (...). Den USA ist es in Vietnam so ergangen, der Sowjetunion danach in Afghanistan (…).“
Mit einem blinden Fleck oder dem bloßen Messen mit zweierlei Standards ist dieses Phänomen nicht erschöpfend erklärt. Einerseits machte sich nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa Müdigkeit breit, was sogenannte Realpolitik anbelangt: „die (...) Friedenssehnsucht in den europäischen Gesellschaften (...) haben erheblich dazu beigetragen, dass die (...) Überdehnungslinien neu festgelegt wurden (...). Damit waren die Zeiten vorbei, in denen die Briten mit einigen Hundert Verwaltungsbeamten und ein paar Tausend Soldaten riesige Gebiete kontrollieren konnten.“ Und an anderer Stelle nochmals: „Das ist die Achillesferse (...) je ausgeprägter die postheroischen Mentalitäten sind.“
Die Stärke der Schwachen
Dies hat es den Befreiungsbewegungen bzw. den Partisanen erlaubt, eine klassische asymmetrische Kriegsführung gegen die Kolonialmächte bzw. gegen deren Nachfolger im Ost-West-Konfrontationsmuster, den USA, anzuwenden: Kosten und Verluste, verursacht durch zahllose Nadelstiche, während die konventionellen Streitkräfte wie ein geblendeter Schwergewichtsboxer wuchtig oftmals ins Leere schlugen. „The guerrilla wins if he does not lose. The conventional army loses if he does not win“, so Henry Kissinger treffend wie immer, oder wie es einem Guerillakämpfer zugeschrieben wird: „Ihr habt Uhren. Wir haben Zeit.“
„Der Algerienkrieg wurde zum Muster sämtlicher antiimperialer beziehungsweise antikolonialer Kriege der 1960er- bis 1980er-Jahre, von Vietnam über Mozambique, Namibia und Angola bis Afghanistan.“ Ob das Imperium in Form der USA auftrat oder in Form der Sowjetunion spielte für die Befreiungsbewegungen an sich sozusagen keine Rolle. Münkler spricht von der „(...) klassischen anti-imperialen Ideologie, dem Nationalismus, der imperiale Ordnungen als Gefängnis der Völker verurteilt hat.“ Ferner bemerkt er: „(…) nationalistische wurde zumeist durch eine sozialistische Imperienkritik flankiert (…).“
Fündig wird man eher bei den Metamorphosen, welche die sozialistische Bewegung durchlaufen hat und weiterhin durchläuft. Stalin prägte angeblich das Diktum vom sowjetischen Soldaten, der bleibe, wo er stehe. 1953 wurden die Unruhen in der DDR blutig niedergeschlagen, 1956 der große Ungarnaufstand, der ebenfalls durch den eingangs erwähnten Guareschi in seinen Romanen erwähnt wird. Dort hält Don Camillo eine Messe ab, um an die zehnte Wiederkehr des ungarischen Widerstandes zu erinnern. Wohingegen sein jüngerer Kollege dem Narrativ der sozialistischen Befreiungsideologie folgt: „Die Hoffnungen werden den Völkern der Entwicklungsländer, den unzufriedenen nationalen Minderheiten genommen (...) und den Studenten auferlegt“, erläutert der russische Mathematiker und sowjetische Dissident Igor Rostislawowitsch Schafarewitsch in seinem Werk über den Sozialismus Der Todestrieb in der Geschichte, die Abwendung der Neuen Linken vom Proletariat.
Der Mythos überlebt die Theorie
Folgende kritische Beobachtungen des Sozialismus, insbesondere des Marxismus, sind dem Kern dieser Genese auf den Grund gegangen: Zunächst ist da die Fundamentalkritik des österreichischen Nationalökonomen Eugen von Böhm-Bawerk an der Arbeitswerttheorie. Böhm-Bawerk kam zu dem Schluss: „Die politische Ökonomie hat sich völlig von dieser Theorie losgesagt, doch der Marxismus hat sich auch ohne Herz als durchaus lebensfähiges Wesen behauptet.“ Manche würden anmerken, dass sich der Marxismus auch ohne Verstand als durchaus lebensfähiges Wesen behauptet.
Letztendlich bestärkt dies Schafarewitsch in seiner Auffassung über diese Ideologie als „ein gnostischer Messianismus im Gewand einer ökonomischen Theorie“. Anders gesagt: Eine wirkmächtige Erzählung wiegt eine schwer verdauliche und fehlerhafte Theorie allemal auf, auch wenn kein Wort davon stimmt. Marx hatte zumindest in einigen Punkten Recht, wie Schafarewitsch festhält, im Unterschied zu Marcuse, der reine Scharlatanerie sei.
Die Erzählung handelt vom mutigen, selbstlosen Kampf der sozialistischen Befreiungsbewegungen. „Ho-ho-ho Chi Minh“ skandiert sich allemal leichter als Chruschtschow oder Breschnew. Fidel Castro und Che Guevara dienen als tauglichere Ikonen als Ulbricht oder Honecker. Der grüne Kampfanzug des lateinamerikanischen Guerilleros oder das schwarze Pendant mit Reishut im indochinesischen Dschungel fungiert als „edler Wilder“ mit Kalaschnikow und RPG-7. Oder in der unromantischen Sprache Münklers: „(...) Kundgebungen und Demonstrationen, also die Mobilisierung der Weltmeinung gegen das imperiale Zentrum (…)“ „(...) legitimieren sich als Befreiungskämpfe, und (...) konnten die Aufständischen durchweg Sympathie und Unterstützung für sich mobilisieren.“ Revolution garniert mit Exotik und serviert mit Cocktailschirmchen. Dem stehen nach der Ermordung der progressiven Heilsgestalt John F. Kennedy die Finsterlinge Lyndon B. Johnson und Richard M. Nixon im Weißen Haus gegenüber, deren technologisch hochgerüstete Kriegsmaschinerie den blutgetränkten, jedoch freiheitsdürstenden Boden umpflügt – eine Szenerie, die beinahe an Rebellen und Imperium in der populärkulturellen Filmreihe Star Wars erinnert.
Somit war das PR-Problem des Sozialismus gelöst. Paradoxerweise hätte ein Werbefachmann eines Konzerns wie Coca-Cola oder McDonald's die Herausforderung genauso gelöst. Widersprüchlich ist zudem das fröhliche Ausgeben des Geldes der Eltern für Che-Guevara-T-Shirts und Regenbogenfahnen, was so manchen Kommunisten zum Millionär gemacht hat.
Somit schließt sich der Kreis von der Neuen Linken über die 68er via die Ökobewegung hin zum „Feel-good-Lifestyle“-Geschäftsmodell, welches das Straßenbild des urbanen Westens dominiert, zumindest abseits der Banlieues, Molenbeeks und Neuköllns ...
Der Preis der Befreiung
Die Pointierung soll jedoch nicht den Blick auf die ernsthaften Implikationen versperren. Denn die revolutionäre Befreiungsideologie erwies sich als Pyrrhussieg für die Entkolonialisierten und als Danaergeschenk für die Postkolonialisten. „Auf der Basis der Revolutionstheorien, denen sie anhingen, waren sie davon überzeugt, dass sich die politische Mobilisierung, die den Volksaufstand beziehungsweise den Partisanenkrieg begleitete, unmittelbar in einen Prozess der gesellschaftlichen Modernisierung und des wirtschaftlichen Aufschwungs überführen ließe. Diese Erwartung trog jedoch in jeder Hinsicht“, stellt Münkler richtigerweise fest.
Jedoch führt diese Form der Kriegsführung nicht nur zur Verwüstung der materiellen Infrastruktur, sondern auch zur Verwüstung der ideellen, gesellschaftlichen Infrastruktur: „Entgegen den Erwartungen Frantz Fanons, eines Theoretikers des antikolonialen Kampfes, förderte das Klima von Krieg und Gewalt nicht die Entwicklung freier, selbstbewusster Menschen, welche die Schmach der kolonialen Unterdrückung aktiv überwunden hatten, sondern traumatisierte Charaktere, die den Aufbau einer neuen Gesellschaft mehr behinderten als vorwärts brachten.“ Anders sah das Werner Abelshauser nach dem konventionellen Zweiten Weltkrieg: „1945 war die Hardware zerstört, aber die Software intakt.“
Der Umweg über die Peripherie
So viel zum Pyrrhussieg für die Entkolonialisierten. Das Danaergeschenk für die Postkolonialisten beschreibt Dimitrios Kisoudis im Vorwort für die Neuauflage von Schafarewitschs Werk Todestrieb, insofern der „(...) Sozialismus in seiner neuesten Metamorphose eher psychoanalytisch als ökonomisch gefärbt erschien. Herbert Marcuse (...) köderte die Studenten der Beat-Generation mit einem Sozialismus, der den Kindern der Bourgeoisie das Nirwana der Lusterfüllung verhieß, wenn sie erst einmal die Autorität der kleinbürgerlichen Familie hinter sich gelassen hätten.“ Und weiter: „ (...) erkannte Schafarewitsch die Neue Linke, als deren Vorreiter Marcuse gelten kann, klar als Feind. (...) die Soziologie, die dekonstruktivistische, als Leitwissenschaft dieser politischen Bewegung durchsetzte (...) Antidiskriminierung ist die heute wirksame Zerstörungskraft der Sozialisten. Vom Proletariat spricht heute kein Sozialist mehr.“ An anderer Stelle zitiert Schafarewitsch den von ihm so genannten Scharlatan aus dessen Machwerk Psychoanalyse und Politik: „Die Neomarxisten der New Left sind der Ansicht, dass die Arbeiterklasse aufgehört habe, eine revolutionäre Kraft zu sein; sie sei in das System integriert, und die sogenannte neue Arbeiterklasse sei heute das Liebkind des bestehenden Systems und bewusstseinsmäßig diesem System verfallen.“ 200 New Yorker Bauarbeiter wollten sich das nicht gefallen lassen und gingen als Hard Hats Riot in die Geschichte ein, nachdem sie 1.000 Studenten mit Rohren und Latten lehrten, dass das Verbrennen der eigenen Flagge als Form des Nationalmasochismus kein Kavaliersdelikt ist.
Leider haben sich diese Lektionen nicht dauerhaft durchgesetzt, sodass die Lehrstunde von Schafarewitsch zutrifft: „Die Hinwendung zur Geschichte bestärkt übrigens nur die Zweifel, die die Gegenwart hervorbringt: Sozialistische Staaten entstehen in China, Nordkorea und auf Kuba, in Ländern also, in denen der Einfluss des Kapitalismus auf keinen Fall als bestimmend betrachtet werden kann.“ Erst durch das Dazulernen der Sozialisten bei Kampf- und Beherrschungsmethoden im Zuge der Metamorphose von einer ökonomischen Theorie zu einer libidinösen Bewegung in Form der Neuen Linken konnte mittels Freud, Marcuse und Exotik das uneinnehmbar scheinende Bollwerk dynamischer, kapitalistischer Länder wie USA, Großbritannien, Deutschland, erstürmt werden. Die eigentlichen Zielländer von Marx wurden über die Peripherie erobert.






Kommentare
Sei der Erste, der einen Kommentar hinterlässt!