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Kultur

Nolans „Odyssee“ und Wokeness: Das eigentliche Problem liegt woanders

Die Aufregung über Christopher Nolans „Odyssee“ lenkt laut Bruno Wolters vom eigentlichen Problem ab. Er fordert, den Kulturkampf nicht länger auf Empörung zu beschränken, sondern selbst neue Mythen und Erzählungen zu schaffen.

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Die Besetzung von Helena in Christopher Nolans „Odyssee“ löste bereits vor dem Kinostart eine kulturpolitische Debatte aus. (Bild: IMAGO / Starface)

Noch bevor die Verfilmung von Christopher Nolans „Die Odyssee“ zu sehen war, stand das Urteil in rechten Milieus bereits fest: Die Besetzung der Helena mit einer schwarzen Schauspielerin galt als weiterer Beleg für die planvolle Umschreibung europäischer Mythen. Diese Empörung ist verständlich und ernster zu nehmen, als ihre Kritiker glauben, denn sie registriert, dass hier tatsächlich etwas verhandelt wird. Nur was? Wer die Frage genau stellt, gelangt zu einer unbequemeren Antwort, als es der Reflex der Entrüstung erlaubt.

Um die Fallhöhe zu ermessen, lohnt es sich, einen Blick darauf zu werfen, was Homer für die Griechen war. Die Ilias und die Odyssee waren keine Unterhaltungsstoffe unter anderen, sie waren keine fiktiven Stoffe, sondern bildeten den panhellenischen Fixpunkt einer Kultur, die sich über den Agon, über Könnerschaft, Ehre und Ruhm definierte, sie waren echte Geschichte, an der man anknüpfen wollte. Die Heroen setzten den Maßstab des Handelns, an dem sich der Einzelne aufrichten und an dem er tragisch zerbrechen konnte. Wie tief diese Selbstauslegung reichte, zeigt keine Episode schöner als die Landung Alexanders des Großen am Hellespont: Bevor er Persien betrat, opferte er am Grab des Achilles und vollzog die Rituale von Aulis nach. Er war ein Feldherr, der das Lebensgefühl der homerischen Helden nicht nur zitierte. Er lebte es, interessanterweise auch im weiteren Lauf seines Lebens fast schon wortwörtlich. Mythos war hier keine Ware, sondern ein gelebtes Selbstverständnis, der Wurzelgrund, aus dem eine Kultur ihre Gegenwart deutete.

Wer Helena besetzt, betritt also – im doppelten Wortsinn – europäisches Erinnerungsterrain. So weit trägt die Intuition der Kritiker. Sie erklärt allerdings noch nicht den Vorgang. Denn wer Nolan eine destruktive und bewusste Absicht unterstellt, verwechselt die Wirkung mit dem Motiv und adelt einen Kulturproduzenten zum Ideologen, der keiner ist.

Die Maschine kennt keine Bosheit

Zu den feineren Ironien dieser Debatte gehört, dass ausgerechnet die Frankfurter Schule das präziseste Analysewerkzeug bereithält. Adorno und Horkheimer bezeichneten mit dem Begriff „Kulturindustrie” eine Kultur, die ihre eigentliche Funktion eingebüßt hat und nur noch als Verwertungszusammenhang existiert. Die Neigung, alles auf den Nenner des Tauschwerts zu bringen, folgt einem Zwang zur Verallgemeinerung, der für das Besondere blind macht. Die Massen, so das ernüchternde Diktum, werden von oben modelliert, weil sie modelliert werden müssen, wenn man sie bei der Stange halten will. Dass die Erben Adornos heute selbst zu den eifrigsten Apologeten jener Industrie zählen, die ihr Lehrmeister verachtete, ändert nichts an der Schärfe des Instruments – man darf es getrost gegen seine Verwalter richten.

Vor diesem Hintergrund erscheint die Nolan'sche Austauschbarkeit der Helena in einem anderen Licht. Sie ist keine Verschwörung gegen das Abendland, eher aber die logische Konsequenz eines Systems, das Stoffe als Rohmaterial und historische Figuren als Verfügungsmasse behandelt. Nolan stammt aus dem inneren Kreis dieses Systems, aus Hollywood und der amerikanischen Filmindustrie. Er tut, was ein Produzent unter dem Dogma des permanenten Maximierungs- und Verwertungszwangs eben tut: Er verfilmt den nächsten Stoff und verdient dabei noch gut und schreibt Rekorde. Dabei tritt die kulturelle und historische Dimension einer Figur hinter ihre Austauschbarkeit zurück – nicht in der Regel aus bewusster Bosheit, sondern weil die Maschine gar keine andere Operationsweise kennt. Der Vorwurf der Absicht oder der großen Verschwörung überschätzt den Regisseur und unterschätzt die Struktur.

Doch diese ökonomische Erklärung greift zu kurz. Sie beantwortet nämlich nicht die eigentlich interessante Frage: Warum bemerkt Nolan den Verlust überhaupt nicht? Warum fehlt ihm jede Ahnung davon, worüber sich seine Kritiker erregen?

Das Differenzierungsverbot

Die Antwort liegt in der Tiefengrammatik des Liberalismus selbst. Ihr Fundament bilden Rationalismus, Individualismus und Universalismus – ein Dreiklang, der den Menschen abstrakt als autonomes, voraussetzungsloses Wesen denkt, dem seine biologische und kulturelle Natur äußerlich bleibt. Da die Gesellschaft aus liberaler Sicht eine Konstruktion ist, muss sie jederzeit umkonstruierbar sein – und was für die Gesellschaft gilt, gilt erst recht für ihre Erzählungen. Ein Denken, das kollektive Identitäten nur als Fiktionen kennt, hat kein Argument dafür, warum Helena nicht beliebig darstellbar sein sollte. Diese Frage stellt es sich nicht einmal.

Das eigentliche Differenzierungsverbot liegt hier vor: Es ist kein Zensurakt und auch kein Dekret, sondern ein Wahrnehmungsdefekt, der aus den Prämissen folgt. Nolan fehlen die begrifflichen Raster und kulturellen Folien, um nachzuvollziehen, was rechte Kritiker an der Besetzung stört – er kann nicht anders sehen, als er sieht. In die entstandene Leerstelle wird jene Gestalt eingeschrieben, die Günter Rohrmoser als Kernidee der modernen Ideologien identifizierte: der „Neue Mensch”. Was der Sozialismus eschatologisch wollte, vollzieht der liberale Kulturbetrieb beiläufig, ohne Pathos und Programm. Der Neue Mensch wird schlicht in den jeweiligen Stoff hineingeschrieben, sei es in die Odyssee oder in jede andere Vorlage und dass dies über die Softpower einer global operierenden Unterhaltungsindustrie geschieht, mithilfe von indirekter Propaganda statt Kommissaren, macht den Vorgang wirksamer, aber nicht harmloser. Der Amerikanismus war stets beides: Politik und Kultur, getragen von einem quasi-religiösen Sendungsbewusstsein, das sich als letzte und endgültige Deutung der Welt versteht. Sein Ziel ist die Unterschiedslosigkeit, das Melangeprinzip, das jede Herkunft in Verfügungsmasse verwandelt und die Entfernung vom eigenen Anfang zur Tugend erklärt. In dieser Logik ist eine schwarze Helena kein Bruch, sondern das Programm, die beiläufige Demonstration, dass Herkunft nichts bedeutet, vorgeführt am prominentesten Herkunftsstoff der europäischen Literatur.

Die unpopuläre Konsequenz

Nun folgt die Pointe, die im eigenen Lager wohl kaum Beifall finden wird. Nolan darf das. Aus seiner Perspektive ist es sogar folgerichtig. Ist es wirklich überraschend, dass ein liberaler Künstler liberale Prämissen verfilmt, das Maximale herausholt und weiß, welche Knöpfe er für welche Vorteile drücken muss? Hollywood macht, was es machen soll: liberale Kulturpropaganda. Sich darüber zu beschweren, hat denselben Erkenntniswert wie die Klage, dass Feuer heiß ist und Wasser bergab fließt. Klar, die Kritik ist nachvollziehbar, aber die Erregung ist bequem, da sie von der eigentlichen Blamage ablenkt: Es gibt kaum dezidiert rechte Filmemacher, die mit anderen weltanschaulichen Vorzeichen an diese Stoffe herangehen würden. Mit einer gewissen Traurigkeit kann man sogar sagen, dass die Rechten den Mythos verteidigen, ohne ihn zu erzählen. Sie verwalten ein Erbe, das sie längst nicht mehr produktiv nutzen.

Das ist eine harte Diagnose. Die homerische Kultur, auf die man sich beruft, war eine Kultur des Agon, des Wettstreits um die Bestleistung und die Arete, die Könnerschaft, ihre Helden errangen Ruhm, indem sie sich maßen, nicht indem sie sich beschwerten. Wenn die Rolle des gekränkten Erben eingenommen wird, ist von den Griechen erstaunlich wenig verstanden worden, denn der Daseinsernst der Alten schloss die Anerkennung des Wirklichen ein, ohne in Resignation zu verfallen; man nahm die Lage an, wie sie war, und handelte in ihr. Übertragen auf die Gegenwart hieße das, die Kulturindustrie als das zu akzeptieren, was sie ist – nämlich ein liberaler Kulturschlepper – und die eigene Kraft dorthin zu lenken, wo sie etwas bewirkt.

Ne Zha statt Nörgelei!

Was daraus folgt, hat ausgerechnet die linke und liberale Gegenseite längst begriffen. Antonio Gramsci wusste, dass sich auf Dauer jene politische Kraft durchsetzt, die ihre Position kulturell und geistig zu verankern vermag – gerade auch aus der Opposition heraus, Benedikt Kaiser hat dies in seinem neuesten Buch „Der Hegemonie entgegen“ ausgearbeitet. Die liberale Mitte – vor allem in Form der US-amerikanischen Massenkultur – hat ihr kulturelles Mosaik über Jahrzehnte hinweg in Schulen, Universitäten, Medien, Verlagen, Filmstudios und den Bilderwelten der Populärkultur aufgebaut. Die Rechte hingegen begnügte sich allzu oft damit, dieses fremde Mosaik zu kommentieren, zu lamentieren und am Spielfeldrand zu bleiben, teils aus Zwang, teils aus Snobismus. Aber: Eine Rechte, die sich im Kommentieren erschöpft, bleibt Publikum. Erst wenn sie beginnt, selbst Bilder, Erzählungen, Ästhetiken und Werke hervorzubringen, wird aus Deutungskritik ein eigener Deutungsanspruch.

Wie das aussehen kann, zeigt ausgerechnet ein Film, über den im Westen kaum gesprochen wurde. Der erfolgreichste Kinofilm des vergangenen Jahres kam nicht aus Hollywood. Er kam aus China. „Ne Zha 2“ erzählte einen genuin chinesischen Mythos für ein Milliardenpublikum und brach viele Rekorde. Der Film verstand sich nicht als Protest gegen die amerikanische Kulturindustrie, er wollte den US-Amerikanern nicht schmeicheln oder die US-Westküste überzeugen, sondern sich auf eigenem Terrain als deren Überbietung präsentieren. Kurz gesagt: Die Chinesen haben begriffen, was der europäischen Rechten noch immer zu entgehen scheint: Ein Mythos lebt nicht davon, konserviert zu werden, sondern davon, immer wieder neu erzählt zu werden. Alexander opferte am Grab des Achilles, er beklagte sich nicht bei den Persern über deren Achilles-Bild.

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