Berlin. – Der Konflikt um die Zukunft der Deutschen Nationalbibliothek spitzt sich zu. Auslöser ist zum einen der gestoppte Ausbau des dringend benötigten Erweiterungsbaus in Leipzig, zum anderen die gleichzeitig vorangetriebene Digitalstrategie der Bundesregierung. Kritiker sehen darin einen kulturpolitischen Kurswechsel mit weitreichenden Folgen. Im Zentrum der Debatte steht Kulturstaatsminister Wolfram Weimer. Ihm wird vorgeworfen, den Ausbau faktisch auszubremsen, während öffentlich ein gegenteiliger Eindruck vermittelt werde.
Baustopp trotz wachsender Archivpflicht
Die Nationalbibliothek steht vor einem strukturellen Problem, denn ihre Magazine sind nahezu ausgelastet. Gleichzeitig ist sie jedoch gesetzlich dazu verpflichtet, sämtliche Publikationen in Deutschland dauerhaft in physischer Form und in doppelter Ausführung zu archivieren. Deshalb wird bereits seit Jahren ein Erweiterungsbau geplant. Dieser sollte Platz für rund 35,5 Millionen weitere Medien bieten. Doch obwohl bereits Planungskosten in Millionenhöhe angefallen sind, wurde das Projekt gestoppt.
Laut Angaben der Bundesregierung belaufen sich die bisherigen Ausgaben unter anderem auf mehrere Millionen Euro für Planung, Verwaltung und Wettbewerbe. Offiziell wird jedoch betont, dass das Vorhaben nicht endgültig gestrichen ist. In der Antwort auf eine vom AfD-Bundestagsabgeordneten Matthias Helferich initiierte parlamentarische Anfrage heißt es: „Die Bundesregierung lehnt die Realisierung des fünften Erweiterungsbaus nicht ab.“
Regierung setzt auf Digitalisierung
Parallel dazu treibt die Bundesregierung eine Neuausrichtung des gesetzlichen Auftrags voran. Künftig soll die Sammlung stärker digital erfolgen, wodurch physische Bestände reduziert werden könnten. Weimer formuliert es wie folgt: „Selbstverständlich ist und bleibt der Bund der Deutschen Nationalbibliothek als Schatzkammer unseres schriftlichen Kulturerbes verpflichtet […] Gleichwohl wollen wir […] die Möglichkeiten der Digitalisierung stärker einsetzen.“ Zugleich soll es möglich werden, Pflichtabgaben flexibler zu handhaben, beispielsweise durch digitale Ersatzlösungen anstelle zusätzlicher gedruckter Exemplare. Doch viele zentrale Fragen bleiben unbeantwortet. In der offiziellen Antwort heißt es zu Kosten, Risiken oder konkreten Maßnahmen der Digitalisierung lediglich, diese würden aktuell erörtert.
Politische Linie und Realität vor Ort
Während die Bundesregierung von Modernisierung spricht, verweisen Kritiker auf praktische Probleme. Die Lagerflächen sind nahezu erschöpft, der gesetzliche Sammelauftrag bleibt bestehen und selbst die digitale Archivierung verursacht erhebliche Kosten. Hinzu kommt ein grundlegender Widerspruch: Verlage müssen noch immer physische Exemplare abliefern. Gleichzeitig fehlen die Kapazitäten, um diese langfristig aufzubewahren. Auch innerhalb der Nationalbibliothek selbst wird die pauschale Abwertung physischer Medien kritisch gesehen. Hintergrund ist eine Aussage Weimers, wonach die Sammlung körperlicher Medienwerke bis weit in die Zukunft hinein „nicht mehr zeitgemäß“ sei.
Zwischen Sparzwang und Kulturauftrag
Die Bundesregierung begründet ihre Pläne offiziell auch mit finanziellen Zwängen. Der gesetzliche Auftrag soll an die veränderten Gegebenheiten, insbesondere vor dem Hintergrund begrenzter Haushaltsmittel, angepasst werden. Gleichzeitig betont die Regierung, man werde weiterhin sicherstellen, „dass die Unterbringung aller eingehenden Medienwerke möglich ist“.
Die Deutsche Nationalbibliothek versteht sich als das „Gedächtnis der Nation“. Generaldirektor Frank Scholze warnt in einer gemeinsamen Presseerklärung mit Weimer vor den langfristigen Konsequenzen unzureichender Infrastruktur: „Es ist nicht nur unser gesetzlicher Auftrag, sondern auch unsere gesamtgesellschaftliche Verantwortung, das kulturelle Erbe […] zu bewahren und für künftige Generationen zugänglich zu machen.“






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