FREILICH: Herr Scholdt, Sie lesen offenbar noch Gedichte.
Prof. Dr. Günter Scholdt: Allerdings. Ich sehe sogar ein großes Manko darin, dass dies immer weniger tun. Nicht zuletzt im alternativen Lager.
Wieso?
Weil gute Gedichte komprimiert Wesentliches über Menschen, gesellschaftliche Werte und ihr politisches oder metaphysisches Umfeld aussagen. Auch gehören Sprache und Dichtung zu den zentralen Kulturfaktoren, die einem Volk Identität verleihen. Und pragmatisch gesehen, wird nur der Mehrheiten erobern oder behaupten, der auch das metapolitische Vorfeld nicht gänzlich dem Gegner überlässt.
Einverstanden. Leider verbinden jedoch viele (ehemalige) Schüler Gedichte eher mit gähnender Langweile. Mit stupider Repetition von Vers- und Reimschemata (a-b-a-b). Mit interpretatorisch nur Halbverdautem und Nachgeplappertem. Mit Texten, die vom eigenen Horizont meilenweit entfernt sind. Mit Gefühligem, Schwulst und wenig Rationalem …
... sagen Sie ruhig „Unmännlichem“. Alles (wohl unausrottbare) Vorurteile, die jedoch bestenfalls schlechte Gedichte und ebensolche Analysen definieren. Das beginnt mit der Vorstellung vom weltfremden Dichter à la Spitzwegs Armer Poet, der schwärmerisch in eigenen Ideenwelten oder Utopien kreist und sich zudem unverständlich ausdrückt. Könnte es jedoch sein, dass er deshalb schwerer als andere zu verstehen ist, weil ihm inhaltsleere Alltagsphrasen nicht genügen? Weil er den uns alle einlullenden, werbungsorientierten Worthülsen misstraut und weniger abgegriffene, aussagekräftigere Vokabeln nutzt oder passendere ersinnt?
Sind seine Überlegungen abseits von dem, was angeblich alle denken (sollen), vielleicht gar nicht so exklusiv? Könnten sich auch Dutzendbürger, die Jahrzehnte lang nur „funktioniert“ haben, irgendwann im Leben einmal gleichfalls solche Fragen stellen oder nicht mehr verdrängen? Schlägt dann vielleicht doch die Stunde jener Spezialisten für Sinnfragen? Der weltberühmte Autor Antoine de Saint-Exupéry, wahrlich kein blässlicher Stubenhocker, sondern eine kraftvolle Persönlichkeit, auch technisch auf der Höhe, was ihm als Postflieger in den Anden oder der Sahara das Leben rettete, bekannte einmal: „Sehen Sie, man kann nicht mehr leben von Eisschränken, von Politik, von Bilanzen und Kreuzworträtseln. Man kann es nicht mehr. Man kann nicht mehr leben ohne Farbe, ohne Liebe, ohne Poesie.“ Ist das, was Rilke im Gedicht Der Panther über Gefangenschaft in Verszeilen bannte, nicht erheblich mehr als die persönliche Regung eines Sensibelchens?
Sein Blick ist vom Vorübergehn
der Stäbe so müd geworden,
dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.
Auch Empfindungen sind – gegebenenfalls sogar äußerst einflussreiche – Realitäten. Ende des 18. Jahrhunderts schrieb ein Unterdrückter sich seinen Kummer über staatliche Repression von der Seele mit dem zur Losung gewordenen Text Die Gedanken sind frei. Weltfremd? Eher ein Sprachrohr für Massenproteste oder -sehnsüchte, und so wurde das Gedicht in späterer Bearbeitung zu einem der bekanntesten deutschen Volkslieder.
Kein Widerspruch. Nur der Hinweis, dass für viele, die mit Lyrik fremdeln, die Differenz zu früheren Epochen als Verständnisbarriere wirkt. Manche ehemaligen Zustände oder Wörter sind uns fremd geworden bzw. nahmen andere Bedeutungen an. Lässt sich Vergangenes tatsächlich umstandslos auf uns heute beziehen? Oder transportieren wir nur Bildungsballast?
Zeitbedingte Verständnisprobleme spielen stets eine Rolle. Doch was folgt daraus? Dürfen wir uns deshalb bewusstseinsmäßig ganz von früher abnabeln? Historisch wurzel- bzw. horizontlos nur noch im aktuellen Saft schmoren? Auch wo Denkmuster oder Wendungen zuweilen antiquiert wirken, sind es die überzeitlichen Botschaften häufig keineswegs. Als mir neulich ein 1957 aufgenommenes Foto der zerstörten Dresdner Frauenkirche vor weidenden Schafen zu Gesicht kam, hat mich dies nahezu elektrisiert. Augenblicklich fiel mir eine mahnende Sonett-Strophe des Barockdichters Andreas Gryphius ein, wo just dies bereits 1637 als erwartbares Schicksal beschworen wurde.
Du sihst/ wohin du sihst nur Eitelkeit auff Erden.
Was dieser heute baut / reist jener morgen ein:
Wo itzund Städte stehn / wird eine Wiesen seyn /
Auff der ein Schäfers-Kind wird spielen mit den Herden.
Was itzund prächtig blüht/ sol bald zutretten werden.
Was itzt so pocht vnd trotzt ist morgen Asch vnd Bein/
Nichts ist/ das ewig sey/ kein Ertz/ kein Marmorstein.
Itzt lacht das Glück vns an/ bald donnern die Beschwerden.
Der hohen Thaten Ruhm muß wie ein Traum vergehn.
Soll denn das Spiel der Zeit/ der leichte Mensch bestehn?
Ach! was ist alles diß/ was wir vor köstlich achten/
Als schlechte Nichtigkeit/ als Schatten/ Staub vnd Wind;
Als eine Wiesen-Blum/ die man nicht wider find’t.
Noch wil was ewig ist/ kein einig Mensch betrachten!
[Modernisierte Fassung]
Es ist alles eitel
Du siehst, wohin du siehst, nur Eitelkeit auf Erden.
Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein;
wo jetzund Städte stehn, wird eine Wiese sein,
auf der ein Schäferskind wird spielen mit den Herden.
Was jetzund prächtig blüht, soll bald zertreten werden,
was jetzt so pocht und trotzt, ist morgen Asch und Bein;
nichts ist, das ewig sei, kein Erz, kein Marmorstein.
Jetzt lacht das Glück uns an, bald donnern die Beschwerden.
Der hohen Taten Ruhm muß wie ein Traum vergehn.
Soll denn das Spiel der Zeit, der leichte Mensch bestehn?
Ach, was ist alles dies, was wir für köstlich achten,
als schlechte Nichtigkeit, als Schatten, Staub und Wind,
als eine Wiesenblum, die man nicht wiederfind’t!
Noch will, was ewig ist, kein einig Mensch betrachten!
Eine lyrische Prognose, die unter die Haut geht. Andererseits steht Lyrik im Verdacht, bloße Wortranken zu schlingen, Schönschreiberei für Jubiläen zu betreiben. Dekoration für Weihestunden oder vorpubertäre Poesiealben.
Das Gros großer Gedichte tut sogar das Gegenteil, bringt Gedanken knapp auf den Punkt, wozu Romane oder Dramen Hunderte von Seiten benötigen. Gute Gedichte sind zupackend und anschaulich, tendieren vom Prinzip her zu äußerster Kürze.
Beispiele?
Etwa den Hoffmann von Fallersleben zugeschriebenen Spruch:
Der größte Lump im ganzen Land,
das ist und bleibt der Denunziant.
Wie könnte man diese auch aktuelle Politpest prägnanter geißeln? Gleiches gilt für einen 1987 verfassten DDR-Aphorismus von Waldemar Dege:
Das ist die beste
Art von Witzen:
Pointe und Erzähler sitzen.
Gefällt mir. Vielleicht noch ein Beispiel jenseits der Politik.
Gern. Nehmen wir Lessings gereimten Spott über zweierlei verbreitete Unarten der Kulturszene: Namedropping ohne wirkliche Kenntnis und die einschüchternde Wirkung von Prominenz. Im 18. Jahrhundert galt Friedrich Klopstock als ästhetische Autorität schlechthin. Um nicht von ihr erdrückt zu werden, wehrte sich Lessing, der aufsteigende Stern am Literaturhimmel, in geistvoller Respektlosigkeit:
Wer wird nicht einen Klopstock loben?
Doch wird ihn jeder lesen? – Nein.
Wir wollen weniger erhoben
Und fleißiger gelesen sein.Mein Lieblingsmotto stammt von Erich Kästner:
Es gibt nichts Gutes,
außer: man tut es!
Ich zitiere es mindestens fünfmal im Jahr, wenn mir Schwätzer bei Gemeinschaftsaufgaben vollmundig versichern, wie großartig das Projekt sei, um dann schlankweg nichts dazu beizutragen. Und da ich gerade eine hartnäckige Erkältung auskuriert habe, schätze ich Eugen Roths genial-lakonische Diagnose mehr denn je:
Zwei Dinge trüben sich
beim Kranken:
a) der Urin, b) die Gedanken.
Natürlich gibt’s auch erheblich Längeres: Hymnen, Gedichtzyklen usw. Schillers Balladen nehmen viele Seiten ein. Aber grundsätzlich ist Lyrik die Gattung mit den geringsten Textumfängen. Und gerade solche Konzentration bereitet vielen Probleme bei der Entschlüsselung des Sinns. Kommt es doch häufig buchstäblich auf jedes Wort an. Sabbernde Weitschweifigkeit ist guten Gedichten fremd, im Gegensatz zu etlichen ihrer Interpreten.
Ein letzter Einwand. Zu allen Zeiten gab es Menschen, die mehr dem praktischen Leben und entsprechenden beruflichen Anforderungen zugetan sind als den Künsten. Soll man ihnen aufzwingen, was ihnen nicht liegt? Oder brutal gesagt: Haben nicht zahlreiche tüchtige, kluge und einfallsreiche Menschen für Poesie einfach keinen Sinn, so wie andere unmusikalisch sind oder zwei linke Hände haben?
Nichts liegt mir ferner, als mein Metier als Mittelpunkt der Welt zu betrachten oder hochmütig auf jene herabzublicken, von deren praktischen Kenntnissen und Fertigkeiten ich täglich so oft profitiere. Zu viele Mandarine bekommen einem Land ohnehin so schlecht wie zu wenige. Und an mäßig begabten „Geisteswissenschaftlern“ plus -innen mangelt es uns gewiss nicht. Also: Jede(r) nach seinen Qualitäten und Neigungen! Dennoch weigere ich mich zu glauben, dass die Mehrzahl der vermeintlich für Dichtung Unempfänglichen es tatsächlich sind. Denn auch diese scheinbaren Nur-Nüchternen erliegen immer mal wieder der Verzauberung durch Worte, Slogans, Schlagzeilen oder populäre Songs, ja sogar Werbetexte, die etwas ansprechen, was pure Sachklärung übersteigt. So zahlreich sind die sprachlich völlig Unsensiblen, die man abschreiben muss, meines Erachtens nicht. Sie wurden meist nur früh entmutigt, weil ihnen der Königsweg zur Literatur verschlossen blieb: Dichtung aufs eigene Leben zu beziehen.
Es bedarf einer Initialzündung, tatsächlich zu spüren, dass z. B. in Nis Randers der gefeierte Todesmut um der Gemeinschaft willen nicht nur einen Balladenhelden um 1900 betrifft, sondern auch uns Heutige fordert. Dass Storms Beschwörung seiner Geburtsstadt Husum Fragen nach dem Wert von Heimat schlechthin aufwirft. Man muss sinnlich erfassen, dass jedes beeindruckende Freiheitsgedicht auch die Bedrohten unserer Gegenwart einschließt. Wenn Walther von der Vogelweide elegisch seine früheren Lebensjahre passieren lässt – sie seien ihm fremd geworden wie ein Traum –, beschreibt er doch ein Massenschicksal. Ähnlich wie Rilkes: „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.“ Das kann ein junger Mensch oft erst ahnen. Aber wo die Verse im Gedächtnis gespeichert bleiben, wird er es irgendwann auch tiefer spüren. Dichtung wirkt häufig als Zeitzünder.
Und was spezifisch lyrische Formung betrifft: Kinder haben oft (bis in die Grundschule hinein) noch ein natürliches Verhältnis zu Reimen oder Rhythmen. Sie mögen Abzählverse und vieles, was sich singen lässt. Irgendwann geht diese Aufgeschlossenheit verloren.
Ist die Schule daran schuld? Liegt es an den Lehrern, Schülern oder an falscher Textauswahl?
An allem ein wenig, und heute besonders an den politischen Rahmenbedingungen. Nicht jeder Text eignet sich für jeden Schülertyp. Gleichmacherei schadet nur. Und was heutige Durchschnittsschüler betrifft, ist die Bildungsmisere ja unübersehbar. Gut ein Viertel leidet unter strukturellem Analphabetismus, und wer dies mit „Leichter Sprache“ bekämpft, bekämpft mal wieder nur Symptome. Auch herrscht ein gewaltiges Defizit an täglicher Lektüre bzw. grundsätzlicher Lesefähigkeit.
Und die Lehrer?
Nach zehn Berufsjahren in unterschiedlichen Schulformen überschätze ich meine Kollegen gewiss nicht, wo es gilt, Schüler für Poesie zu motivieren. Eine Handvoll spezifischer Ungeschicklichkeiten fiele mir sofort ein. In erster Linie muss man nämlich von einer Sache selbst gepackt sein, um andere zu begeistern. Allerdings waren Deutschlehrer auch früher keine Top-Influencer für Poesie, allerdings fachlich im Schnitt gewiss versierter. Und erst nach Jahrzehnten zeigten sie eine so linke Kollektivgesinnung, dass sie Generationen konservativer Schüler den Deutschunterricht vermiesten. Doch bereits zu meiner Zeit verschlossen sich viele Kollegen der Idee, durch Auswendiglernen von Schlüsseltexten ein geistiges Depot anzulegen. Für künftige Zeiten, wo die Einsicht wächst, „der Mensch lebt nicht vom Brot allein“.
Was jedoch war damals besser?
Das Bewusstsein der grundsätzlichen Bedeutung von Sprache und Dichtung als Bildungswert. Daran ließen die Kultusbehörden zumindest der meisten südlichen Bundesländer lange keinen Zweifel, und ein klassischer Kanon stand nicht zur Disposition – wie heute skandalöser Weise selbst im einst eliteverdächtigen Bayern, das seinen Gymnasiasten nicht einmal mehr den Faust zumutet. Schule soll fraglos auch Spaß machen, aber nicht darin aufgehen. Und Eliteerziehung verlangt mehr. Zu meiner Gymnasialzeit erhielt, wer in Deutsch nicht wenigstens „ausreichend“ bekam, kein Abitur. Selbst „Einsen“ in allen anderen Fächern hätten da nicht geholfen. Das mochte zu starr sein. Aber die leitende Idee, dass man von Schülern nur Anstrengungen erwarten kann, wenn man klare Prioritäten und Leistungsnormen setzt, war richtig.
Insofern mögen Gedichtanalysen auch manchmal ermüden. Ihren Bildungswert sollte man aber nicht in Frage stellen und alle paar Jahre die Qualitätsnormen noch weiter senken. Widerspruchsfreie wie innovative Textexegese ist schließlich geistige Knochenarbeit sowie Kampf gegen den Zeitgeist anspruchsloser (medialer) Babbelei. Ein Freund von mir hörte im Deutschunterricht einmal eine Schülerin stöhnen: „Das ist aber schwer.“ Umgehend erfolgte seine Antwort: „Richtig. Denn wir sind hier auf dem Gymnasium.“ Warum soll auch, wer im Leistungskurs Deutsch sitzt, während andere Schüler sich mit Integral- oder Vektorrechnung plagen, mit ein paar Labereien davonkommen, um später beruflich unterzukommen, wo sprachliche Verwaschenheit fast die Norm ist. In diesem geistigen Klima lassen sich Gedichte, wo sie nicht zur Agitation für woke Erziehungsziele taugen, getrost entsorgen. Wie auch die sonstige nationale Tradition zunehmend unter den Hammer kommt.
Sprache und Dichtung als Kern der Kultur oder Tradition. Solche Stichworte interessieren eine politische Zeitschrift besonders.
Zu Recht. Sonst könnten Sie alle Identitätsansprüche ad acta legen. Die bloße DNA tut’s nicht. Ohne positiven Bezug zur eigenen Kultur läuft der schönste Patriotismus ins Leere. Nicht zuletzt Gedichte indizieren mittels konzentrierter Botschaften die Tradition eines Volkes, die zuweilen selbst in seinen bedrückendsten Stunden bewahrt bleibt. Diesen Sinn trotzte sogar Gottfried Benn seinem nihilistischen Grundgefühl ab, als er 1948 Berlin verfasste:
Wenn die Brücken,
wenn die Bogen
von der Steppe aufgesogen
und die Burg im Sand verrinnt,wenn die Häuser leer geworden,
wenn die Heere,
wenn die Horden
über unseren Gräbern sind –Eines lässt sich nicht vertreiben:
dieser Stätte Male bleiben
Löwen noch im Wüstensand,wenn die Mauern niederbrechen,
werden noch die Trümmer sprechen
von dem großen Abendland.
Ein großes Bekenntnis in bitterster Stunde!
In der Tat. Doch stimmt die verkündete These überhaupt? Im Gedächtnis weiterleben – ohne eigenes Dazutun. Wie viele Kulturen und deren Denkmäler sind versunken, weil sich niemand um sie kümmerte, für sie warb. Stimmt nicht eher, dass wir nur eine Überlieferung haben, wenn wir eine haben wollen? Und diesbezüglich ist unsere Gesellschaft im wahrsten Sinn außer Form und Norm. Unsere Funktionselite gar repräsentiert eine „Expertin“ wie die ehemalige Integrationsbeauftragte des Bundes, Aydan Özoğuz, die „eine spezifisch deutsche Kultur, jenseits der Sprache“ nicht zu erkennen vermochte. Eine exorbitante Einsicht, die sie offenbar zur Bundestagsvizepräsidentschaft qualifizierte.
Welch fremder Blick auf ein Land, in dessen Namen sie sich äußert. Nicht gerade ein Exempel gelungener Akkulturation.
Schlimmer noch ist, dass auch die, die schon „länger hier leben“, solche Respektlosigkeit vielfach gar nicht mehr als Entgleisung wahrnehmen. So amüsierte sich in der Sarrazin-Debatte der alerte Talkshow-Moderator Lanz über unser hiesiges Belletristikdefizit, indem er sein Publikum – natürlich vergeblich! – dazu aufforderte, Goethes Wandrers Nachtlied zu rezitieren. Sarrazin hatte nämlich zuvor auch bedauerliche Bildungsverluste durch Masseneinwanderung angesprochen. Selbst dichterische Hochleistungen wie die von Goethe wären bald vergessen. Und nun belegten Lanz‘ zynisch vorgeführte Versuchskaninchen schlagend, dass dies nicht nur Immigranten betraf.
Das Dilemma war benannt. Denn dass, eingedenk großer Kulturahnen, in Schulen noch in nennenswertem Umfang Gedichte gelernt werden, ist zum unerfüllten Wunschtraum verkommen. Schon zu Gymnasialzeiten meiner Tochter ereignete sich die Peinlichkeit, dass die Deutsch lehrende Direktorin auf Schülerwunsch hin keine einzige Gedichtstrophe aufsagen konnte. Der Fisch stinkt offenbar schon lange vom Kopf.
Selbst die Muttersprache wird zum Abfallprodukt, angesichts einer Generation, die sich inzwischen kollektiv mit „Hallo“ begrüßt, von Kind an Geburtstage mit Happy birthday und sportliche Siege mit We are the champions feiert. Und einer Universitäts- wie Wirtschafts-„Elite“, deren Stolz zunehmend darin besteht, Lehrveranstaltungen nur mehr auf Englisch anzubieten. In einem Saarbrücker Gymnasium sang der Chor der Eltern, Lehrer und Schüler unter elf Liedern – zur Verblüffung einer eingeladenen Partnerschule aus Frankreich – ein einziges in deutscher Sprache. Die „weltaufgeschlossenen“ Kids seien für Texte ihrer Landessprache weniger zu haben, lautete die pädagogische Bankrotterklärung. Traditionsbewahrer stehen hierzulande also mit dem Rücken zur Wand, was gleichwohl Resignation verbietet. FREILICH immerhin sah sich mit dieser Serie verdienstvollerweise in Pflicht genommen.
Kommen wir zu Einzelheiten der Reihe und zur Frage: Sind die behandelten Texte tatsächlich die bedeutendsten deutschsprachigen Gedichte in ultimativer Auswahl?
Das zu behaupten, wäre angesichts einer unüberschaubaren millionenfachen Gesamtzahl Hybris. Gewiss Tausende von ihnen dürfen beanspruchen, „groß“ bzw. „eindrucksvoll“ genannt zu werden. Und wie wäre eine Qualitätsauswahl überhaupt zu objektivieren? Ein Liebes- oder Naturgedicht mit einem lyrischen Revolutionsappell oder Kriegspoem, ein Freiheits- mit einem humoristischen Gedicht oder einer Nationalhymne in einen Topf zu werfen, um eine Rangfolge zu ermitteln, ergibt eher unseriöse Pseudohierarchien. Wertschätzung hängt von Dutzenden unwägbarer Grundeinstellungen ab: Lebensumständen, Stimmungen, Interessen, dem Alter.
Einfacher gefragt: Welche Kriterien lagen der Auswahl zugrunde?
In erster Linie gefielen mir die Gedichte oder bilden repräsentative Stimmungen ab. Auch sollten sie nicht zu viel historische Patina angesetzt haben, um für Jüngere kompatibel zu bleiben. Teils sprach Prominenz für ihre Aufnahme, die Verankerung im traditionellen Bildungskanon. Nicht wenige Texte wurden ihres besonderen Deutschlandbezugs wegen ausgewählt. Natürlich sind Österreichs Poeten stets eingeschlossen, ohne dass darin eine subkutane literaturimperialistische Absicht verborgen wäre.
Haben Sie die Reihe als Literaturgeschichte im Kleinen konzipiert?
Das wäre zu hoch gegriffen, obwohl historische Großereignisse thematisiert und wichtige Epochen charakterisiert sind. Von den Anfängen deutschen Schrifttums künden Zaubersprüche, Helden- und Volkslieder, von seinen Höhepunkten Klassiker wie Goethe und Schiller. Auch die Romantik gilt als wesenhaft deutsch. Einbrüche in die Geschichte wie Aufstände und Kriege sind nationale Kristallisationspunkte, die erbittern oder erheben. Mit Tugenden wie Mut im Kampf um Freiheit und Recht sympathisierten auch hiesige Poeten. Deutschlands jüngere Geschichte seit 1914 setzt Akzente kollektiven Leids. Ebenso die unser Volk bis in die Gegenwart verfolgende NS-Epoche, gespiegelt aus der Sicht von außen und innen. Die Polarität von Heimat und Exil wird auch aus der Distanz von Jahrhunderten gemustert. Den Abschluss bilden klassische Deutschlandgedichte im Wandel der Zeiten, DDR inklusive.
Können wenige Schlaglichter die deutsche Lyrik tatsächlich repräsentativ erhellen?
Gegen meine Konzeption lässt sich vieles einwenden. Zwanzig Lektionen – die Zahl hat natürlich etwas Willkürliches. Ich selbst könnte Seiten mit übergangenen Namen füllen und gänzlich andere Textlisten erstellen. Auch bei einem Umfang von tausend Seiten wären ja noch schmerzliche Defizite zu beklagen. So rechtfertigt sich das Ganze nur dadurch, dass ohne Mut zur Lücke die Misere noch größer wäre. Die unwirtlichen Rahmenbedingungen gestatten eben nur dieses eng dosierte geistige Marschgepäck als lyrische Notration.
... die Sie jedoch mit einer zusätzlichen Anregung versehen.
Allerdings. Aus den Vorgestellten sollten sich Leserinnen und Leser ein gutes Dutzend aussuchen – zuweilen auch wenige bedeutsame Strophen –, um sie besonders zu kennen und gegebenenfalls Kindern und Enkeln zum Auswendiglernen zu empfehlen. Auch Oma und Opa dürfen zu Weihnachten oder Geburtstagen nämlich mal Wunschzettel verfassen. Und wie bei Fontanes Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland erschließt sich der Segen solcher Maßnahmen erst ganz in der Zukunft. Wenn die einst damit „geplagten“ Kleinen sich als Erwachsene bewusst werden, dass solche geistigen Erbschaften nun abermals Früchte tragen.
Vielen Dank für das Interview!
Dieses Interview wurde zuerst in der FREILICH-Ausgabe Nr. 37 „Vier gegen Brüssel“ abgedruckt.






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