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Kultur

Ein feste Burg ist unser Gott: Der Kern der Reformation

Nicht der Bruch mit Rom oder die Verehrung Martin Luthers, sondern die Frage nach dem Heil des Menschen steht im Mittelpunkt der Reformation. Ihre eigentliche Botschaft liegt in der Rechtfertigung allein durch den Glauben und der Gnade Gottes.

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Im Mittelpunkt des evangelischen Glaubens steht die Rechtfertigung des Menschen allein durch Gottes Gnade und den Glauben an Christus.
Im Mittelpunkt des evangelischen Glaubens steht die Rechtfertigung des Menschen allein durch Gottes Gnade und den Glauben an Christus. (Bild: IMAGO / Eberhard Thonfeld)

Am 31. Oktober begangen evangelische Christen erneut den Reformationstag. Es gäbe nun viele Möglichkeiten, einen Artikel hierzu zu schreiben. Man könnte beispielsweise auf das Ereignis des Thesenanschlags eingehen. Man könnte das historische Für und Wider abwägen und die praktischen Auswirkungen hervorheben. Man könnte auch in alter national-protestantischer Manier dieses Datum zum Anlass nehmen, um einmal mehr gegen die römisch-katholische Kirche zu schreiben und Luthers Anschlag als Akt nationaler Befreiung von einem fremden Joch zu stilisieren. Oder aber man erklärt ganz simpel, dass man am 31. Oktober einen christlichen Feiertag hat und tatsächlich nicht Halloween feiert. Einige scheinen das heutzutage tatsächlich nicht mehr zu wissen.

Nacherzählung? Nationalpathos? Katholiken-Bashing? Oder kleine Kinderlehre?

Alle drei Möglichkeiten haben ihre Vorzüge, allerdings auch erhebliche Mängel. Wenn man beispielsweise nur die historischen Abläufe und Fakten berücksichtigt, würde die Erzählung relativ schnell zu einem Ende kommen. Der Augustinermönch und Theologieprofessor Martin Luther hat am 31. Oktober eine Einladung zur Disputation über Missbräuche im Ablasswesen (sehr wahrscheinlich) an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg geschlagen. So kurz könnte es sein. Natürlich könnte man das auf 1200 Wörter ausschmücken, im Kern ist allerdings genau das passiert. Hier soll bitte nicht ein falscher Eindruck entstehen. Die Reformation ist ein hochinteressantes und komplexes geschichtswissenschaftliches Thema. Allerdings feiern Protestanten am Reformationstag nicht die schlichte Historie. Ich habe einmal von einem Pfarrer den Satz gehört: „Wo die lutherische Lehre immer weniger zählt, wird die Person Luther immer größer gemacht.“ Das soll hier nicht geschehen. Daher habe ich auch ein Problem mit dem zweiten Ansatz.

Wenn man sich auf Kritik an der römisch-katholischen Kirche versteift und Luther zum Nationalhelden macht, ist das zwar eine schöne Erzählung, die aus nationaler Sicht auch förderlich für das deutsche Nationalbewusstsein ist. Für das Seelenheil, worum es im Kern der Reformation ging, ist das jedoch leider überhaupt nicht förderlich. Wie werde ich gerecht vor Gott? Nicht: „Wie werde ich frei von Rom?” Daher auch kein stumpfes Katholiken-Bashing. Vielleicht sollte man also doch lieber zum Einfachen zurückkehren? Der breiten Masse, die leider zum großen Teil kulturelle Analphabeten geworden sind, erklären, dass wir am 31. Oktober Reformation und nicht Halloween feiern? Als mich ein alter Schulfreund vor ein paar Wochen fragte, ob ich über Halloween in die Heimat kommen würde, antwortete ich ihm, dass ich es über den Reformationstag und Allerheiligen nicht schaffen würde.

Er entgegnete, dass er aber nach Halloween gefragt habe. Für ihn wäre es sicherlich förderlich den Text als kleine Kinderlehre zu verpacken um zu erfahren, dass es sich bei Halloween um den Abend vor Allerheiligen handelt und dass das christliche Fest mit alten heidnischen Ritualen der Kelten bei ihrer Missionierung in Verbindung geraten ist. Einwanderer aus Schottland und Irland haben diese dann in die Neue Welt mitgenommen und von dort kommt es seit einiger Zeit wieder nach Europa zurück – bereinigt von allen ursprünglich noch enthaltenen christlichen Inhalten. Mit dieser Erkenntnis ist allerdings auch niemandem geholfen. Nicht einmal meinem alten Schulfreund, der jetzt immer noch nicht weiß, was es mit dem Reformationstag auf sich hat.

Die reformatorische Entdeckung

Es scheint mir daher am sinnvollsten, über eine andere Erkenntnis zu schreiben. Nämlich um den religiösen und theologischen Kern der Reformation, die reformatorische Entdeckung, die aus den fünf Solas besteht: Sola scriptura, Sola gratia, Sola fide Solus Christus und Soli Deo Gloria. Luther ging es nie um den völligen Bruch mit Rom. Zumindest nicht zu Beginn seines Wirkens als Augustinermönch. Er nahm die Pflicht zum Gehorsam sehr ernst und so sind auch seine 95 Thesen noch in keiner Weise anti-papistisch. Eher im Gegenteil. Luther glaubte, dass der Papst schlichtweg falsch oder gar nicht über die Missbräuche im spätmittelalterlichen Ablasswesen informiert war.

Erst als Luther durch seine Exegese des Römerbriefs die Erkenntnis gewann, dass der Mensch durch keine eigenen Werke und Kirchliche Ablässe gerecht vor Gott werden kann, nahm er auch den Bruch mit Rom in Kauf, falls die Kurie dieser Erkenntnis widersprechen würde. Sola gratia – allein durch Gnade – und Sola fide – allein durch den Glauben – wird der Mensch vor Gott gerecht. Jesus Christus hat am Kreuz für alle Schuld bezahlt. Zu glauben, der Mensch könne auch nur eine Kleinigkeit dazugeben, ist für Luther vermessen. Dem Autoritätsargument der römischen Kirche entgegnet Luther mit dem Prinzip Sola scriptura. Allein die Heilige Schrift kann unfehlbare Richtschnur sein, an der sich alle kirchlichen Lehren zu messen haben.

Missverständnisse und Missbrauch

Gerade mit „Sola scriptura” wurde und wird allerdings bis heute viel Missbrauch getrieben. So meinen einige evangelikal-freikirchlich organisierte Kirchen, dass sie für ihre Organisation und gottesdienstliche Struktur nur die Schrift benötigen und alle kirchlichen Traditionen falsch sind, da sie nur vom Wort ablenken würden. Für Luther war dies keineswegs der Fall. Die kirchliche Tradition und Lehre sind sehr wohl eine Autorität, nach der sich alle Christen zu richten haben. Nur wenn diese der Heiligen Schrift widersprechen, müssen sie weichen. Genauso bedeuten Sola fide und Sola gratia nicht, dass man nun munter und fröhlich weitersündigen darf. Luther erklärt dies in seiner Freiheitsschrift: Von der Freiheit eines Christenmenschen. Es gibt den inneren Menschen, der durch den Glauben an Jesus Christus neugeboren wurde und bereits geheiligt ist. Dieser Mensch will überhaupt nicht mehr sündigen, sondern aus lauter Dankbarkeit die Gebote und das Gesetz des Herrn halten.

Allerdings muss er sich sein Leben lang gegen den äußeren, fleischlichen Menschen zur Wehr setzen. Dieser ist durch die Erbsünde derart verdorben, dass er sein ganzes Leben lang gezüchtigt werden muss. Diese Züchtigung, die erst durch den Glauben und die damit einhergehende Dankbarkeit an den Sühnestod Christi einhergeht, bringt allerlei gute Werke und Früchte des Glaubens hervor. Durch das Opfer Christi können wir Heilsgewissheit erlangen. Anders als die katholischen Glaubensgeschwister, die teils besessen davon sind, in einem Zustand der Gnade zu sterben, kann der Lutheraner getrost dem Tod entgegengehen, ohne die Furcht vor ewiger Verdammnis zu haben. So heißt es im Kleinen Katechismus Luthers über die Taufe: „Unser Herr Christus spricht bei Markus im letzten Kapitel: ‚Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden; wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden.“

Aus dem christlichen Wegweiser für jeden Tag

Doch soll das letzte Wort beim Reformator selbst liegen: Hier ist das von Luther auslegte Bibelwort aus dem „Christlichen Wegweiser für jeden Tag” für den 31. Oktober, den Gedenktag der Reformation:

So halten wir es nun, daß der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben. (Römer 3,28)

So hoch der Himmel von der Erde ist, so weit soll auch das Gesetz von der Rechtfertigung geschieden werden. Und im Handel der Rechtfertigung soll nichts gelehrt, geredet noch gedacht werden als allein das Wort der Gnade in Christo Jesu beweist. Das Gesetz dient und hilft gar nichts zur Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, auch im kleinsten Stücke. Wenn es recht verstanden wird, so macht´s verzagt und richtet Verzweiflung an; wird´s aber nicht recht verstanden, so macht es Heuchelei. Gleichwie das Evangelium, wenn es nicht recht verstanden wird, so macht es sichere, rohe Leute wieder; wenn es recht verstanden und geglaubt wird, so macht es fromme, gottselige Leute. Die christliche Gerechtigkeit, die unser einiger Schutz ist, nicht allein wider die Pforten der Höllen, ist, wie gesagt, daß wir gerecht und selig werden durch den Glauben an Christum, ohn alles Zutun aller Werke.

(Römer 4,5: Dem aber, der nicht mit Werken umgeht, (oder durch die Werke selig werden will), glaubet aber an den, der die Gottlosen gerecht machet, dem wird sein Glaube (das ist, die durch den Glauben ergriffene Unschuld und Gerechtigkeit Christi) gerechnet zu Gerechtigkeit.)

Gottes Wort und Luthers Lehr

Vergehen nun und nimmermehr 

Einen gesegneten Reformationstag.

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