16. Krieg und Nachkrieg
Kriegszeiten gehören fraglos zu den dunklen Jahren. Deutschland im Zentrum Europas hat dabei mehr als viele andere gelitten. Der Dreißigjährige Krieg, den Gryphius so eindringlich beschwor, der Siebenjährige Krieg, Ludwigs des XIV. oder Napoleons Feldzüge samt Befreiungskämpfen verheerten das Land. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts schienen der Sieg über Dänemark, der deutsch-österreichische Bruderkrieg und der glorreiche Deutsch-Französische Krieg 1870/71 zwar Deutschlands unaufhaltsamen Aufstieg zu garantieren. Doch zwei mörderische Weltkriege beendeten solche Illusionen. Stattdessen wuchs hierzulande eine tiefe Sehnsucht nach Frieden, die oft sogar Verteidigungshandlungen zu Verbrechen erklärte. Tucholskys fundamentalistisches „Soldaten sind Mörder“ galt vielen als humanes Credo, bis überraschend die gegenwärtige „Zeitenwende“ all dies auf den Kopf stellt.
Krieg als vielleicht größtes Verhängnis, das Gesellschaften ereilen kann, verstrickt alle in Blutschuld, die ihm nicht wehren. Er entfesselt niedrigste Instinkte, aber entfaltet zugleich die größten Seelenkräfte im Opfer für andere. In diesem Sinn bewahrt Ludwig Uhlands 1809 geschriebenes Gedicht Der gute Kamerad über alle Zeitläufte hinweg seinen Rang, selbst im Trauerzeremoniell der Bundeswehr, deren übereifrige „Traditionserlasse“ sonst Dekanonisierungen nicht scheuen:
Ich hatt einen Kameraden
Einen bessern findst du nit.
Die Trommel schlug zum Streite,
Er ging an meiner Seite
In gleichem Schritt und Tritt.
Eine Kugel kam geflogen,
Gilt‘s mir oder gilt es dir?
Ihn hat es weggerissen,
Er liegt mir vor den Füßen,
Als wär‘s ein Stück von mir.
Will mir die Hand noch reichen,
Derweil ich eben lad.
„Kann dir die Hand nicht geben,
Bleib du im ewgen Leben
Mein guter Kamerad!“
Man tut allerdings gut daran, den Text gemeinsam mit einem anderen zu würdigen, z. B. mit Matthias Claudius‘ ergreifendem Kriegslied von 1778:
’s ist Krieg! ’s ist Krieg! O Gottes Engel wehre,
Und rede Du darein!
’s ist leider Krieg – und ich begehre,
Nicht schuld daran zu sein!
Die folgenden Verse beschwören alptraumhaft die „Geister der Erschlagenen“, Verstümmelte, Abertausende ins Unglück gestürzte „Väter, Mütter, Bräute“, Hungers- und andere Nöte. Kronen, Ehre, Landgewinn oder Reichtum seien diesen Preis nicht wert. So gilt der Schlussappell den Fürsten und der Bewahrung des Friedens. Größeres könnten sie als Regenten nicht tun.
Der Erste Weltkrieg erzeugte millionenfach Kriegsgedichte, Heldengesänge oder Totenklagen. Ernsthafte Würdigung verdienen nur solche, die sich von naiver Glorifizierung freihalten und auch die Schattenseiten soldatischen Einsatzes anklingen lassen (Wildgänse rauschen durch die Nacht). Tiefe Erschütterung zeigt sich etwa in Georg Trakls wohl letztem Gedicht Grodek. Die gleichnamige Stadt steht für eine blutige Schlacht in Ostgalizien. Der in einem völlig unterversorgten Lazarett dienende Autor musste dabei hilflos dem Sterben seiner Kameraden zusehen. Er erlitt eine Nervenkrise und verstarb im November 1914.
Am Abend tönen die herbstlichen Wälder
Von tödlichen Waffen, die goldnen Ebenen
Und blauen Seen, darüber die Sonne
Düstrer hinrollt; umfängt die Nacht
Sterbende Krieger, die wilde Klage
Ihrer zerbrochenen Münder.
Doch stille sammelt im Weidengrund
Rotes Gewölk, darin ein zürnender Gott wohnt
Das vergossne Blut sich, mondne Kühle;
Alle Straßen münden in schwarze Verwesung.
Unter goldnem Gezweig der Nacht und Sternen
Es schwankt der Schwester Schatten durch den schweigenden Hain,
Zu grüßen die Geister der Helden, die blutenden Häupter;
Und leise tönen im Rohr die dunkeln Flöten des Herbstes.
O stolzere Trauer! ihr ehernen Altäre,
Die heiße Flamme des Geistes nährt heute ein gewaltiger Schmerz,
Die ungebornen Enkel.
Trakls Gedicht verlässt noch nicht den Rahmen traditioneller Metaphorik. Andere Expressionisten hingegen bezweifelten, dass wohlgefügte Worte, Verse oder Reime dem ungeheuer Verstörenden und der gigantischen Dimension der Vernichtung gerecht würden. Das erklärt Texte wie die August Stramms. Wer die Motive billigt, sollte auch den bewussten Verstößen gegen Grammatik und konventionelle Wortbedeutung Verständnis entgegenbringen. (Dass sich solche Stilbrüche nicht beliebig fortsetzen ließen, ohne irgendwann zur manieristischen Marotte zu verkommen, steht auf einem anderen Blatt.)
Patrouille
Die Steine feinden
Fenster grinst Verrat
Äste würgen
Berge Sträucher blättern raschlig
Gellen
Tod
Im Zweiten Weltkrieg entwickelten jüngere Poeten im Kontrast zur heroischen Pose einen nüchtern-beiläufigen Ton absichtlicher Coolness. Exemplarisch Wolfgang Borcherts 1943 verfasster Brief aus Rußland:
Man wird tierisch.
Das macht die eisenhaltige
Luft. Aber das faltige
Herz fühlt manchmal noch lyrisch.
Ein Stahlhelm im Morgensonnenschimmer.
Ein Buchfink singt und der Helm rostet.
Was wohl zu Hause ein Zimmer
mit Bett und warm Wasser kostet?
Wenn man nicht so müde wär!
Aber die Beine sind schwer.
Hast du noch ein Stück Brot?
Morgen nehmen wir den Wald.
Aber das Leben ist hier so tot.
Selbst die Sterne sind fremd und kalt.
Und die Häuser sind
so zufällig gebaut.
Nur manchmal siehst du ein Kind,
das hat wunderbare Haut.
Die durch Flächenbombardierungen gekennzeichnete Heimatfront findet in Hans Leips (erstaunlicherweise 1943 publiziertem) Lied im Schutt seine bewegende Kommentierung. Im Dialektgedicht Kriesch hat auch Heinrich Kraus sein Bombardierungstrauma eindrucksvoll gebannt. (Mehr dazu unten.)
17. Diktatur und Verfolgung
Jede Nation kennt Tiefpunkte, die nicht zuletzt ihrer Kulturelite außergewöhnliche Charakterprüfungen abverlangen. So brachten die Jahre 1933–1945 für deutsche Schriftsteller ein erhöhtes Maß an Repression. Tausende emigrierten, weil sie aus politischen oder ethnischen Gründen um ihr Leben bangten. Daheimgebliebene Nonkonformisten suchten einen vertretbaren Weg zwischen geforderter Gleichschaltung und (verdecktem) Widerstand. Wo man angesichts der gemeinsamen Unterdrückung anfangs noch Gemeinsamkeiten empfand, entfremdeten sich vor allem in den Kriegsjahren die Autoren inner- und außerhalb Deutschlands zunehmend voneinander. Der heutige germanistische Trend konstruierte daraus sogar eine moralische Hierarchie zulasten der Inneren Emigranten.
Das scheint mir ungerecht oder unergiebig und wird daher hier nicht weiter vertieft. Stattdessen kümmern uns humane Literaturreaktionen auf die Diktatur generell. Was Verfolgung konkret bedeutete, illustriert das 1938 geschriebene Gedicht Wer läutet draußen an der Tür? des österreichisch-jüdischen Sozialisten Theodor Kramer, dem 1939 gerade noch rechtzeitig die Flucht nach London gelang. Es veranschaulicht Stationen der Angst wie der trügerischen Entspannung bis hin zum Klingelzeichen, das endgültig die Schergen ankündigt:
Wer läutet draußen an der Tür,
kaum daß es sich erhellt?
Ich geh schon, Schatz. Der Bub hat nur
die Semmeln hingestellt.
Wer läutet draußen an der Tür?
Bleib nur; ich geh, mein Kind.
Es war ein Mann, der fragte an
beim Nachbar, wer wir sind.
Wer läutet draußen an der Tür?
Laß ruhig die Wanne voll.
Die Post war da; der Brief ist nicht
dabei, der kommen soll.
Wer läutet draußen an der Tür?
Leg du die Betten aus.
Der Hausbesorger war’s, wir solln
am Ersten aus dem Haus.
Wer läutet draußen an der Tür?
Die Fuchsien blühn so nah.
Pack, Liebste, mir mein Waschzeug ein
und wein nicht: sie sind da.
Werner Bergengruen, Deutschlands vielleicht letzter großer Vertreter klassischer Lyrik, stand zum Dritten Reich in einem besonderen Konfliktverhältnis. Seine jüdische Frau und sein Beharren auf christlichen Werten gestatteten ihm nur eine Schreibexistenz unter Vorbehalt. Im privaten Kreis bzw. anonym kursierten seine subversiven Texte, darunter Schüttelreime gegen den „Führer“, dem der Führerschein fehle, oder das 1937 anonym in Österreich publizierte Gedicht Das Dauernde:
Erblosen Todes sterben die Tyrannen.
Tribunen zeugen nicht.
Und die der Tausende Gehör gewannen,
gewannen sich Gericht.
Sein Zyklus Dies irae vereinigt einige der bedeutendsten Widerstandsgedichte, darunter das 1944 verfasste Die Lüge („Wo ist das Volk, das dies schadlos an seiner Seele ertrüge? / Jahre und Jahre war unsere tägliche Nahrung die Lüge.“), das selbstkritische Wer will die Reinen von den Schuldigen scheiden? sowie den später skandalisierten Appell ans christliche Abendland, nicht in Selbstgerechtigkeit zu verfallen (An die Völker der Erde). Internationale Aufmerksamkeit erlangte Die letzte Epiphanie:
Ich hatte dies Land in mein Herz genommen.
Ich habe ihm Boten um Boten gesandt.
In vielen Gestalten bin ich gekommen.
Ihr aber habt mich in keiner erkannt.
Ich klopfte bei Nacht, ein bleicher Hebräer,
ein Flüchtling, gejagt, mit zerrissenen Schuhn.
Ihr riefet dem Schergen, ihr winktet dem Späher
und meintet noch Gott einen Dienst zu tun.
Ich kam als zitternde geistgeschwächte
Greisin mit stummem Angstgeschrei.
Ihr aber spracht vom Zukunftsgeschlechte
und nur meine Asche gabt ihr frei.
Verwaister Knabe auf östlichen Flächen,
ich fiel euch zu Füßen und flehte um Brot.
Ihr aber scheutet ein künftiges Rächen,
ihr zucktet die Achseln und gabt mir den Tod.
Ich kam als Gefangner, als Tagelöhner,
verschleppt und verkauft, von der Peitsche zerfetzt.
Ihr wandtet den Blick von dem struppigen Fröner.
Nun komm ich als Richter. Erkennt ihr mich jetzt?
Auch bei Bergengruens katholischem Freund und Kampfgefährten Reinhold Schneider wechselten Trost- mit Warngedichten wie das (auf Hitler gemünzte) Der Antichrist (1939):
Er wird sich kleiden in des Herrn Gestalt,
Und seine heilige Sprache wird er sprechen
Und seines Richteramtes sich erfrechen
Und übers Volk erlangen die Gewalt.
Und Priester werden, wenn sein Ruf erschallt,
Zu seinen Füßen ihr Gerät zerbrechen,
Die Künstler und die Weisen mit ihm zechen,
Um den sein Lob aus Künstlermunde hallt.
Und niemand ahnt, daß Satan aus ihm spricht
Und seines Tempels Wunderbau zum Preis
Die Seelen fordert, die er eingefangen;
Erst wenn er aufwärts fahren will ins Licht,
Wird ihn der Blitzstrahl aus dem höchsten Kreis
Ins Dunkel schleudern, wo er ausgegangen.
Ein regelrechtes Hassgedicht publizierte Ricarda Huch 1944 gegen all das Böse, das dieser mutigen Nonkonformistin in jenen dunklen Jahren widerfuhr:
Mein Herz, mein Löwe, hält seine Beute fest,
Sein Geliebtes fest in den Fängen,
Aber Gehaßtes gibt es auch,
Das er niemals entlässt
Bis zum letzten Hauch,
Was immer die Jahre verhängen.
Hoffnung bot NS-Gegnern die historische Vergänglichkeit von Despotien, wie sie Oskar Loerkes Nachlass-Gedicht Der Traum von den Raubtieren und von dem Schattenreich beschwört:
Wo blieb Babylon, die große?
Gilgamesch und Engidu?
Mit des Urtags Archenfloße
Fuhren sie der Urnacht zu […].
Susa, Ninive in Strahlenmähnen,
Pasargadä, Ekbatana,
Glichen sie nicht abgewehten Löwenzähnen,
die ein Säugling hinterm Zaun einst blühen sah?
Und Ägyptens Doppelkrone, Doppelfahne,
Flotten bis zum Weihrauchlande Punt –
Als Matrosen in den Rahen Paviane –
Modern ewig im Papyrusgrund. [...]
Wo sind Karthagos Elefanten
Und die Stadt des Hannibal?
Wie ein Glühwurmflug verbrannten
Ihre Spuren längst im All.
Und die Schrecklichste von allen,
Rom, von Blute feist und Lügenlärm,
Ist ins Niemalsmehr zurückgefallen,
Kaum ein Wind aus Hundsgedärm. […]
Alle Siege sind zerstoben.
Zählt für einen immer zehn!
Seht, so hat es angehoben,
Und so will es weitergehn.
Während die schärfste Systemkritik naturgemäß meist nicht oder nur in Privatdrucken publiziert wurde – exemplarisch Gottfried Benns Monolog –, wagte Friedrich Georg Jünger die bereits zeitgenössische Konfrontation. Stellvertretend für zahlreiche Mutproben sei Der Mohn genannt, dessen Courage auch im Ausland registriert wurde, so wie sein Abschiedslied (1937/1943). Er adressierte es streitbar an die „Mandarine“ bzw. „Hohe Schreiberkaste“, die mit „feierlich verdross’nen Mienen“ liebedienerisch im Amtspalast hocken. Ihr gilt des Autors Verachtung und sein Rat, „die abgegriffnen Leiern“ wegzuwerfen und sich aus dem Dunstkreis der Macht zu entfernen. Denn:
Ruhm nicht bringt es, eure Schlachten
Mitzuschlagen.
Eure Siege sind verächtlich
Wie die Niederlagen.
Aus dem Kanon der Exillyrik verdient Else Lasker-Schülers Mein blaues Klavier (1937) Beachtung. Das Gedicht illustriert auf poetisch anrührende Weise die tragische, fassungslos machende Hilflosigkeit der Verfolgten:
Ich habe zuhause ein blaues Klavier
Und kenne doch keine Note.
Es steht im Dunkel der Kellertür,
Seitdem die Welt verrohte.
Es spielen Sternenhände vier
– Die Mondfrau sang im Boote -
Nun tanzen die Ratten im Geklirr.
Zerbrochen ist die Klaviatür.....
Ich beweine die blaue Tote.
Ach liebe Engel öffnet mir
– Ich aß vom bitteren Brote –
Mir lebend schon die Himmelstür –
Auch wider dem Verbote.
Quantitativ dominierten im Exil eher bittere Kampf- und Schmähgedichte bis hin zu Mascha Kaléko, die sich zur Bestrafung der Deutschen eine lyrische Neutronenbombe herbeisehnte, die nur Menschen liquidiert und die unschuldige Natur verschont. Die agitatorische Berechtigung oder Effizienz solcher Verse seien nicht bestritten. Als vornehmlich überliefernswert gelten mir jedoch Texte, die sich von solchen Emigrantenverhärtungen freihalten, so verständlich sie sein mögen. Ausgerechnet Brecht, der belletristische Advokat sowjetischer Machtpraxis (Die Maßnahme) bis hin zu den Niederungen kommunistischer Propagandaverklärung, wusste um solche Neigungen. So rückte er im Gedicht An die Nachgeborenen die Verse ein: „Auch der Haß gegen die Niedrigkeit / verzerrt die Züge“, und bat die Nachwelt um Verständnis. Sein zwischen 1934 und 1938 entstandener Text, gewiss eines der größten Exilgedichte überhaupt, wird nur aus Platzgründen nicht gänzlich zitiert:
Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!
Das arglose Wort ist töricht. Eine glatte Stirn
Deutet auf Unempfindlichkeit hin. Der Lachende
Hat die furchtbare Nachricht
Nur noch nicht empfangen.
Was sind das für Zeiten, wo
Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist
Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!
Der dort ruhig über die Straße geht
Ist wohl nicht mehr erreichbar für seine Freunde
Die in Not sind?
Es ist wahr: ich verdiene noch meinen Unterhalt
Aber glaubt mir: das ist nur ein Zufall. Nichts
Von dem, was ich tue, berechtigt mich dazu, mich satt zu essen.
Zufällig bin ich verschont. (Wenn mein Glück aussetzt
Bin ich verloren.) […]
Ich wäre gerne auch weise
In den alten Büchern steht, was weise ist:
Sich aus dem Streit der Welt halten und die kurze Zeit
Ohne Furcht verbringen
Auch ohne Gewalt auskommen
Böses mit Gutem vergelten
Seine Wünsche nicht erfüllen, sondern vergessen
Gilt für weise.
Alles das kann ich nicht:
Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!
Im zweiten Teil hält sich ein fast mythisches Ich grob im biographischen Rahmen des Autors. Geboren in ein Zeitalter der Unordnung habe ihn Empörung zum Engagement mit den Hungernden geführt. Das „deutlich sichtbare“ utopische Ziel sei für ihn selbst (wie für Moses) wohl noch nicht zu erreichen. Denn „Ich vermochte nur wenig. Aber die Herrschenden / Saßen ohne mich sicherer, das hoffte ich.“ Der dritte Abschnitt wendet sich an künftige Leser:
Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut
In der wir untergegangen sind
Gedenkt
Wenn ihr von unseren Schwächen sprecht
Auch der finsteren Zeit
Der ihr entronnen seid.
Gingen wir doch, öfter als die
Schuhe die Länder wechselnd
Durch die Kriege der Klassen, verzweifelt
Wenn da nur Unrecht war und keine Empörung.
Dabei wissen wir ja:
Auch der Haß gegen die Niedrigkeit
Verzerrt die Züge.
Auch der Zorn über das Unrecht
Macht die Stimme heiser. Ach, wir
Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit
Konnten selber nicht freundlich sein.
Ihr aber, wenn es soweit sein wird
Daß der Mensch dem Menschen ein Helfer ist
Gedenkt unsrer
Mit Nachsicht.
18. Vergangenheit, die nicht vergehen darf
Zur deutschen Befindlichkeit gehört auch der Umgang mit jenen rund zwölf Jahren, die schon bald ein Jahrhundert zurückliegen und uns gleichwohl belasten, als sei vieles erst gestern geschehen. Ernst Nolte sprach diesbezüglich von einer „Vergangenheit, die nicht vergehen will“ respektive darf. Dabei vergiften bestimmte volksdidaktische Dogmen in politischer, historischer wie belletristischer Hinsicht die Atmosphäre wie ein faulender Kadaver. Und noch immer zielen kollektive Schuldsprüche auf selbst unbelastete Generationen.
Dabei dient das Ganze immer weniger der moralischen Selbstbesinnung als dubiosen Zwecken der Tagespolitik. Nicht, dass eine Nation Verantwortung für in ihrem Namen begangene Untaten grundsätzlich ausschlagen dürfe. Aber wo diese Vergangenheitsreflexion durch permanente Erinnerungsexerzitien ein gesundes sozialhygienisches Maß überschreitet, geht der Schuss nach hinten los. Karl Christian Müller hat diesen Bumerangeffekt bereits 1967 aphoristisch gefasst:
Wer Schuld will versteinen,
Des andern und eigne,
Versteint das Herz,
Das andre und eigne.
Fragwürdig erscheint auch, dass diese „Aufarbeitung“, von Gegenwartsinteressen geleitet, die weltweiten Opfer von politisch-militärischem Terror ungleich gewichtet. Danach gibt es modische und unmodische Tote, privilegierte und unprivilegierte, worüber gegebenenfalls Regierungen, Gerichte und nicht zuletzt Medien nach aktuellen Opportunitätskriterien entscheiden. Wie gering zählen circa hundert Millionen weltweit Ermordeter nach gängiger Lobbyistenmoral, sofern sie angeblich einem die Gleichheit verkündenden Menschheitstraum dienten? Wie wird ein erschlagener Balte, Ukrainer oder Armenier im Aufmerksamkeitsranking klassifiziert? Warum werden afrikanische Genozide, was die Weltöffentlichkeit betrifft, eher zu Discountpreisen gehandelt, zählen umgekommene deutsche Vertriebene oder Bombenopfer kaum? Wann wird man staatsaktswürdig, wann auf keinen Fall? Solchen Fragen widmet sich Reiner Kunzes nachricht von der menschheit:
Ein unermeßliches leid
verwies
ein unermeßliches leid
auf die tiefere stelle am mast
und sprach:
Meiner trauer
ist keine trauer ebenbürtig
Da faltete das
auf die tiefere stelle verwiesene
unermeßliche leid
seine trauer zusammen
und ging
in die einsamkeit seiner toten.
Heinrich Kraus wiederum, einer der größten rheinfränkischen Dialektpoeten, widmete sich dem Elend der bombardierten Heimatfront im Zweiten Weltkrieg. Es war sein Jugendtrauma, und er litt an der Bagatellisierung der Opfer durch Nachgeborene, von Politblasphemien wie „Bomber Harris, do it again!“ nicht erst zu reden. Sein gegen solche Frivolitäten 1992 publiziertes Gedicht Kriesch hat mit Georg Heyms fast gleichnamigem Poem von 1911 lediglich den ähnlichen Titel gemein. Denn nicht lustvoll skizzierte Gewaltfantasien kennzeichnen die Verse, sondern Abscheu, Erbitterung oder nachwirkende Verstörung. Expressionistisches findet sich allenfalls in der Metaphorik: „Die Nächt han schwarz gebrummt von Bomberschwärm.“ Klassischen Einfluss zeigt die durchgängige gekonnte Verwendung des Blankverses als erlesene Rarität im Mundartbereich.
Kriesch
Ich war e Kind; un doch, ich han‘s erläbt:
Die Nächt han schwarz gebrummt von Bomberschwärm.
Ich bin wie blind durch Dunkelhät gerennt,
de Rucksack mit m‘Neetischte o’m’Buckel,
un hinner mir de Odem von de annre,
gerennt um s‘Läwe, un de Himmel isch
off ämol hell un grell wor, gruselisch,
so wie am Jingschte Dah, un Bombe han
wie dausend Orschele gepiff, gejault...
gerennt zum Felsestolle... Dabber nin!
Nä, nit gerennt... gefall... un iwwer mir
wie Riesehammerschlääch die Explosione,
daß gar die Stän gezittert han... wie ich!
Ich war e Kind; un doch, ich han‘s erläbt:
Die beese Wuche, nix wie Wut un Blut,
Granate iwer Dächer, schlimmi Mussik,
m‘Dod sei Trommel hat mol do, mol dort
gekracht, un Splittere sin wie Insekte
erumgesirrt, am Kopp vorbej. Ruine
han schwarz gequalmt. Ich heer se hejt noch krejsche,
die wo‘s getroff hat: offgeschlitzte Bejch
un abgerissne Ärm un Bän... ganz still,
mit offne Aue die, wo‘s iwwerstann han...
un immer de Gedanke: Wann trefft‘s mich?
Die Landser, rußisch, abgekämpft un blutisch,
redour... die Schlacht verlor. Un mir? Mir blejbe!
Ich war e Kind; un doch, ich han‘s erläbt:
Die Panzer von de Feinde in de Strooße,
Soldate hinnedran mit de Gewehre...
Wer schießt äm dot? Wer bringt äm um? Die Angscht!
Die Naacht voll Rejber un de Dah voll Haß,
Schikane, Kält un Hunger... kän Erbarme...
e Läwe wie e Hund, der wo gepärdst werd...
kaputt die Hejser un verroppt die Bääm,
Verwesung, käner, wo sich traut, die Dote
ins Loch se schmejße, daß se nimmeh stinke.
Un ich wär schuld: Das han se äm verzehlt.
E Kind wär schuld dran, daß die Welt gemordt hat?
Das sahn se Johr um Johr... un sahn‘s noch hejt!
Ich bin e Mann; all das han ich erläbt,
un s‘steckt mir in de Knoche, bis ich sterbe,
well ich erläb‘s noch immer, wenn ich trääme,
un deswäh: nä un immer wieder nä!
Ich war nit schuld un bin nit schuld; im Gähdäl,
mich han gequeelt die äne wie die annre:
Wer ebbes se verzeihe hätt, bin ich!
Un deswäh: nä zu ejre große Sprich,
scheinheilisch Lumbechor, wo wieder stichelt!
Un deswäh: nä zu Bomber un Kanon,
wo wieder Kinner umbringt un versteert!
Un deswäh: nä! un nä! un wieder nä!
Krieg
(hochdt. Übertragung von G. Scholdt und D. Walter)
Ich war ein Kind, und doch, ich hab’s erlebt:
Die Nächte, schwarz von Bomberschwärmen brummend.
Ich bin wie blind durch Dunkelheit gehetzt,
den Rucksack mit dem Nötigsten auf mir.
Und hinter mir Gekeuche von den andern.
Gerannt ums Leben, und der Himmel war
auf einmal hell und grell und grauenvoll
so wie am Jüngsten Tag. Im Bombenhagel
ein Pfeifen, Jaulen, tausend Orgeln gleich.
Gerannt zum Felsenstollen – schnellstens rein!
Nein, nicht gerannt, gestürzt! Und über mir
wie Riesenhammerschläge Explosionen,
dass selbst die Steine bebten, so … wie ich!
Ich war ein Kind, und doch, ich hab’s erlebt:
Die bösen Wochen, nichts als Wut und Blut,
Granaten über Dächern, schlimme Töne.
Die Todestrommel hat mal hier, mal da
gekracht. Die Splitter sirrten bös wie Wespen
am Kopf vorbei. Ruinen qualmten schwarz.
Ich höre heute noch Getroffne schreien:
Aufgeschlitzt die Bäuche, abgerissen Arm und Bein.
Ganz still, wer’s überstand, mit offnen Augen.
Und immer der Gedanke: Wann trifft’s mich?
Die Landser, rußig, abgekämpft und blutig
zurück … die Schlacht verlorn. Und wir? Wir bleiben!
Ich war ein Kind, und doch, ich hab’s erlebt:
Die Panzer strenger Feinde in den Straßen,
Soldaten hintendran mit den Gewehren …
Wer schießt mich tot? Wer bringt mich um? Die Angst!
Die Nacht voll Räuber und der Tag voll Hass,
Schikanen, Kälte, Hunger – kein Erbarmen…
Ein Leben wie ein Hund, den alle treten,
zerstört die Häuser, jeder Baum zerfetzt,
Verwesung, keiner der sich traut, die Toten
ins Loch zu werfen, dass sie nicht mehr stinken.
Und ich wär schuld: Das haben sie erzählt.
Ein Kind wär schuld dran, dass die Welt voll Mord war?
So heißt es Jahr für Jahr … und heißt’s noch heut!
Ich bin ein Mann, all das hab ich erlebt,
und ’s steckt mir in den Knochen, bis ich sterbe,
denn ich erleb’s noch immer, wenn ich träume.
Und deshalb: nein und immer wieder nein!
Ich war nicht schuld und bin nicht schuld! Im Gegenteil:
Gequält hab‘n mich die einen wie die andern:
Wer etwas zu verzeihen hätt‘, bin ich!
Und deshalb nein zu euren großen Sprüchen
scheinheil‘ger Lumpenchor, der wieder stichelt!
Und deshalb: nein zu Bomber und Geschütz,
die wieder Kinder töten und verstörn!
Und deshalb: nein! und nein! Und wieder nein!
Ein wie Kraus durch Krieg gebranntes Kind scheut verständlicherweise Feuer und darüber hinaus – Phrasen. Der Text immunisiert nicht gegen umfassende Erinnerung, aber missbilligt unbedachte Pauschalurteile, die wenig mit konkreten Lebensläufen und verantwortungsbewusster Geschichtsbesinnung zu tun haben. Der Autor verwahrt sich in trotziger Gegenrede eines Angehörigen der gequälten, um die Jugend gebrachten Generation: „Ich war nit schuld un bin nit schuld; im Gähdäl, / Wer ebbes se verzeihe hätt, bin ich!“ Ein Menetekel, wo einstige Fundamentalpazifisten heute so unbedacht mit dem Säbel rasseln. Denn eine Lehre verkündet Kraus als Summe jener Erziehung durch Bomberschwärme: Das da – nie wieder!






Kommentare
Sei der Erste, der einen Kommentar hinterlässt!