Lang, lang ist's her, als Felix Menzel und Götz Kubitschek den Versuch unternahmen, eine eigene „Freie Messe“ für das konservative Spektrum auf die Beine zu stellen. Dieser „zwischentag“ fand am 6. Oktober 2012 in Berlin statt. Es gab rund dreißig Aussteller und 713 zahlende Gäste. Flaggschiffe waren Sezession & IfS, die Blaue Narzisse und die Junge Freiheit. Unter den Buchverlagen waren Ares, Telesma und Regin vertreten. Auch die prominenten Internetportale Politically Incorrect und Unzensuriert hatten Stände. Meine Wenigkeit hatte einen kurzen Film beigetragen (man findet ihn heute noch auf YouTube unter dem Titel „50x Sezession“), der auf einer großen Leinwand aufgeführt wurde. Mein zweiter Beitrag war ein Wutanfall, den ich anlässlich einer Diskussion zwischen Karlheinz Weißmann und Michael Stürzenberger über das Thema „Ist der Islam unser Feind?“ bekam. Die Berichterstattung der Medien war wie erwartet hemmungslos dffamierend. Im nächsten Jahr gab es laut Auskunft von Kubitschek „38 Messestände, 738 verkaufte Messekarten, 108 Ausstellerkarten, sieben beteiligte Nationen, 37 gründlich vorbereitete, sehr deutsche Gegendemonstranten, 44 Polizisten, vier eigene Sicherheitsleute, null Probleme.“ Weißmann und die Junge Freiheit waren inzwischen ausgeschieden, neu hinzugekommen war die frischgebackene „Identitäre Bewegung“. Das Experiment, hauptverantwortlich von Felix Menzel dirigiert, wurde noch zweimal wiederholt, allerdings in deutlich geschrumpfter Form.
Was für ein Unterschied, dreizehn Jahre nach dem ersten Versuch, am 8. und 9. November in Halle/Saale auf dem „Seitenwechsel“! 90 Verlage und Projekte, zwei Tage, sagenhafte 6.000 Besucher. Ins Leben gerufen von der Dresdener Buchhändlerin Susanne Dagen war das gesamte Spektrum der alternativen, konservativen, im weitesten Sinne „rechten“ oder zumindest „nicht-linken“ Medien abgedeckt, die sich seit dem Schicksalsjahr 2015 um ein Vielfaches multipliziert haben: Die Bandbreite reichte von Achse des Guten und Tichys Einblick bis zu den neurechten Verlagen Antaios und Jungeuropa, von Compact bis zur Jungen Freiheit, vom Demokratischen Widerstand bis Tumult, von Crowdpleasern wie Gerald Grosz und Matthias Matussek bis zu stillen Esoterikern wie dem Dichter Rolf Schilling und dem Maler Frank Schäpel. Ich könnte noch unzählige andere Namen, Künstler, Verlage und Projekte nennen. Es war mit anderen Worten eine „echte“ Buchmesse, allein durch die Größenordnung unterschieden von den handelsüblichen Veranstaltungen in Frankfurt und Leipzig.
War der „zwischentag“ noch weitgehend ein Nischenprogramm gewesen, so hatte man diesmal das Gefühl, sich in einem ausgesprochen „diversen“ Freiraum zu bewegen, in dem Begegnungen und Gespräche aller Art möglich waren. Dieses Gefühl der Befreiung, der Raumnahme, der endlich erlangten Normalität ohne Furcht vor sozialen Repressionen und Antifa (die in winzigen Grüppchen hilflos vor sich hinkrähte) hat zweifellos zur durchweg guten Laune und zum Optimismus beigetragen, die sowohl den Ausstellern als auch den Gästen so deutlich anzumerken waren. Das fiel auch vielen Beobachtern von außen auf. So schrieb Marc Reichwein in der Welt: „Der Erfolg der 'Seitenwechsel'-Büchermesse zeigt, dass es in Deutschland rechts der Mitte eine diskursive Leerstelle gab und gibt, die der ach so diverse Kult um Vielfalt bislang nicht abgebildet hat.“ Für mich persönlich glich es einem anrührenden Klassentreffen mit alten und neuen Weggefährten aus drei Jahrzehnten. Bereichernd für jemanden, der einen so einsamen Job hat wie ich, waren auch die Begegnungen mit Lesern.
Ein weiterer Höhepunkt war der Auftritt von Aron Pielka alias „Shlomo Finkelstein“, der nicht zuletzt dadurch einen Status als Szeneheld erlangt hat, dass er ernsthaft aufgrund von kantigen Scherzen eine Gefängnisstrafe abbüßen musste. Bauzeit, sein Bericht über diese Knasterfahrung, ist ein einzigartiges und fesselndes Dokument. Pielka las vor einem vollgestopften Saal ein paar Passagen aus dem Schlusskapitel vor. Als er an der Stelle angelangt war, in der sein kleiner, von seinem Vater getrennter Sohn zum Telefon „Papa“ sagt, versagte ihm die Stimme. Jeder anwesende Mensch mit Kindern spürte, wie ein Stich sein Herz durchbohrte. Kubitschek nahm das Buch in die Hand und las an Arons Stelle weiter. Als er fertig war, konnte ich in der dritten Reihe sehen, dass auch seine Augen glänzten.
Dieser Text wurde zuerst in der FREILICH-Ausgabe Nr. 37 „Vier gegen Brüssel“ abgedruckt.







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