Alfonso zupft auf seiner Gitarre herum, eine vorteilhaft gealterte Violinistin fiedelt das Publikum im Jazz-Lokal Green Mill zur Ektase, dann erhebt sich der Akkordeonspieler von seinem Stuhl und besingt inbrünstig die Stadt Chicago auf Italienisch. Einen sehr starken amerikanischen Akzent hat der hagere Mann mit den gelockten schwarzen Haaren nicht. Vielleicht ist er ein Nachkomme jener Italiener, die hier in Zeiten der Prohibition die ehrenwerte Aufgabe des Alkoholschmuggels übernahmen. Sie wurden, weil sie die hochprozentigen Produkte der Schwarzbrennerei zuweilen im Stiefelschaft unterbrachten, Bootlegger genannt. Der Bekannteste unter ihnen: Al Capone. Er soll in diesem Lokal Stammgast gewesen sein und sogar einen Lieblingsplatz gehabt haben, von dem aus er das Treiben auf der Straße beobachten konnte.
Unstrittig ist, dass Al Capones enger Vertrauter Jack „Machine Gun“ McGurn seine Finger beim Betrieb des Nachtclubs im Spiel hatte. Als der Kabarettist und Sänger Joe E. Lewis, der eine Zeit lang im Green Mill aufgetreten war, ein lukratives Engagement bei einem anderen Club annehmen wollte, geriet er mit McGurn aneinander. Kurz darauf wurde er von Männern angegriffen, die ihm bei dieser Gelegenheit die Kehle aufschlitzten. Lewis überlebte den Angriff schwerverletzt. Weniger Glück hatten die sieben Mitglieder einer rivalisierenden Gang, die beim Valentinstag-Massaker von 1929 ihr Leben verloren. Die genaue Rolle McGurns bei der Planung des Massakers, das sich nur ein paar Meilen südlich der Jazz-Bar Green Mill im Stadtteil Lincoln Park ereignete, ist allerdings nicht vollständig geklärt.
Ebenfalls nur ein paar Meilen in südwestlicher Richtung gelegen befindet sich das Grab Cyrus H. McCormicks, des großen Erfinders und Industriellen, der mit seiner Erntemaschine Virginia-Reaper die Mechanisierung in der Getreideernte vorantrieb und die Produktion der amerikanischen Landwirtschaft erheblich steigern half. Der Nachkomme presbyterianischer Ulster-Schotten, die über Pennsylvania nach Virginia ausgewandert waren, zog 1847 in das aufstrebende Chicago, um von dort aus seine landwirtschaftlichen Maschinen in den gesamten Mittleren Westen zu liefern, der heute noch die Kornkammer Amerikas ist. McCormick hinterließ seinen Nachkommen ein Vermögen von – damals schier unfassbaren – elf Millionen Dollar. Seine letzten Worte sollen „work, work“ gelautet haben. Ein Paradebeispiel für Max Webers protestantische Ethik.
Arbeit, Bier und Aufruhr
Ich beschließe, die Jazz-Bar zu verlassen und seine letzte Ruhestätte aufzusuchen, die nur aus einem überaus schlichten Grabstein bestehen soll. Auch das ist Ausfluss der protestantischen Ethik: Man protzt nicht mit Geld, man investiert es. Zunächst geht es durch das verschlafene Uptown mit seinen Reihenhäusern und Villen aus Klinkersteinen. Über den Wipfeln der den Weg säumenden Bäume ist Ruh', aber in den Büschen veranstalten Millionen von Grillen einen ohrenbetäubenden, infernalischen Lärm. Dann bin ich an der Friedhofsmauer und irgendwann stehe ich vor den Toren des Graceland Cemetery. Sie sind – wer hätte das gedacht? – fest verschlossen. Natürlich denke ich kurz daran, über das Tor zu klettern, aber ich möchte nicht bereits an meinem zweiten Tag in den Staaten wegen Einbruchs verhaftet werden, und so trotte ich in Richtung Downtown davon, dabei den deutschen Friedhof der hiesigen lutherischen Gemeinde, der ebenfalls verschlossen ist, links liegen lassend. Wie unrecht hatte doch Arthur Brisbane mit seinem Aphorismus, wonach Zäune um Friedhöfe herum töricht seien, weil die drinnen nicht hinauskönnten und die draußen nicht hineinwollten!
Die deutschen Einwanderer waren besonders im Norden und Westen Chicagos massiert, verteilten sich aber auch über den Rest der Stadt. Über sie bemerkt Egon Erwin Kisch in seinem Reportagenband Paradies Amerika (1930): „Die Deutschen bilden weder sozial noch geographisch eine geschlossene Masse, es gibt unter ihnen Fabrikanten mit Luxuswohnungen an der Goldküste, Mittelklasse am Lincoln-Park […] und unterstandslose Aushilfskellner im Hull House. So kommt es, daß zum Beispiel die Italiener politisch weitaus energischer in Erscheinung treten als die zahlenmäßig mehr als doppelt so starken Deutschen.“
Das war allerdings nicht immer so. Als die Puritaner unter Bürgermeister Levi D. Boone 1855 ein bereits seit 1851 in Illinois bestehendes Verbot des Alkoholausschanks an Sonntagen durchzusetzen begannen, kam es zum berühmt-berüchtigten Lager Beer Riot, bei dem deutsche und irische Einwanderer gegen die Verhaftung der Saloonbesitzer, die sich über das Verbot hinweggesetzt hatten, Sturm liefen, sodass die Regelung im Folgejahr wieder aufgegeben wurde. Offiziell starb beim Lager Beer Riot nur der Demonstrant Peter Martin. Er wurde von Polizisten erschossen, nachdem er zuvor einen Ordnungshüter angeschossen hatte. Allerdings könnte eine Häufung von Beerdigungen im Norden Chicagos unmittelbar nach den Unruhen darauf hindeuten, dass einige statistisch nicht als Opfer erfasste Lagerbierrebellen ihren Verletzungen im Anschluss an die Revolte erlagen. Ebenfalls bei einem Zusammenstoß mit der Polizei starben am 3. Mai 1886 mehrere Arbeiter, die streikend für eine Reduzierung der täglichen Arbeitszeit von zwölf auf acht Stunden agitiert hatten. Und zwar vor den McCormick Reaper Works, die zu diesem Zeitpunkt bereits von Cyrus H. McCormick Jr. geführt wurden, da Cyrus Sr. 1884 verstorben war. Tags darauf, am 4. Mai 1886, kam es zur sogenannten Haymarket Affair, bei der ein Unbekannter eine Bombe in die Reihen der Polizei schleuderte, die zahlreiche Ordnungshüter aus dem Leben riss, worauf die Polizei abermals das Feuer auf Demonstranten eröffnete. Obwohl niemand den Bombenwerfer erkannt hatte, wurden acht Männer, die den Streik mitorganisiert hatten, verurteilt und vier von ihnen am 11. November 1887 gehängt.
Das Mahnmal für die überwiegend deutschstämmigen Chicagoer Arbeiterführer auf dem Waldheim Cemetery im Westen der Stadt hatte ich mir bereits morgens angesehen – aber erst nach dem Sonnenaufgang über dem Lake Michigan. First things first! Der Michigansee, dessen Name sich wahrscheinlich von mishi-gami ableitet, was in der Sprache der Anishinabe-Indianer so viel wie „großes Wasser“ bedeutet, ist der drittgrößte der fünf Großen Seen, deren kleinster, der Ontariosee, wenige Tage zuvor von Donald Trump per Dekret in Lake America umbenannt wurde.
Grandiose Hässlichkeit?
Apropos Trump: Während ich bei Nacht durch den Stadtteil Lincoln Park schlendere, frage ich mich wieder einmal, was ich mich bereits beim Aussteigen an den Haltestellen Jackson und Madison oder beim Anblick der Van-Buren-Brücke gefragt habe: Wird dieser ungebildete, aufgeblasene dumme August im Weißen Haus eines Tages ebenso geehrt werden wie seine Vorgänger oder wird über ihn die damnatio memoriae verhängt werden? Der einzige Präsident, dessen Beliebtheitswerte noch katastrophaler waren, war Richard Nixon – im Sommer 1974. Er zog die Konsequenz aus dem Watergate-Skandal und trat zurück.
Die Hölle sei eine amerikanische Stadt, hat einmal jemand geschrieben, aber er kann damit nicht Chicago gemeint haben. In Chicago sind die Gehsteige breit und die Straßen fast leer, was nicht bloß an den aktuell hohen Benzinpreisen liegen dürfte, sondern auch an der Tatsache, dass der Verkehr sich im Zentrum Chicagos auf drei Ebenen verteilt. Unterirdisch mittels Subway, ebenerdig mittels Bussen und PKW und – wie in Paris oder Kuala Lumpur – überirdisch mittels Tram. Alfred Kerr stellt in seinem Mitte der 1920er-Jahre, also vor einem guten Jahrhundert, erschienenen Buch Yankeeland die Frage, welchen Eindruck man zuerst von der Stadt habe, um dann selbst zu antworten: „Grandiose Hässlichkeit. Was schauderhaft Rohes und dunkelbrutal Hingehauenes. Speicherhaftes. Rauchschwarzes. Scheußlich großgeartet. Schönheitsfern. Betriebswüst. Blind für Reize.“ Wie unterschiedlich die Geschmäcker doch sein können! Ich habe selten – bis nie – ein schöneres Gebäude als den neugotischen Tribune Tower gesehen, allerdings wurde dieser erst 1925 fertiggestellt, also genau in dem Jahr, in dem Kerr Chicago besuchte. Gut möglich, dass er für ihn also nur eines jener „Stahlskelette von künftigen Himmelsbauten“ war, über die er sich in seinem Reisebericht auslässt.
Aber was ist mit den schönen Hochhäusern der Chicago School, etwa dem Auditorium Building Louis H. Sullivans, der den Ausspruch „form follows function“ (1896) prägte, oder den Art-Déco-Wolkenkratzern? Selbst das Anfang der 1930er-Jahre errichtete Costume House ist noch ein echter Blickfang. Architektonische Hässlichkeit zog in Chicago erst mit den von den Nationalsozialisten aus Deutschland vertriebenen Bauhaus-Architekten ein. Auch Sullivan ist übrigens auf dem Graceland Cemetery bestattet. Er starb 1924 vereinsamt, mittellos und schwer alkoholkrank, weshalb die Kosten für seine Beerdigung von seinem Bewunderer Frank Lloyd Wright übernommen werden mussten. Heute erinnert dort noch ein 1929 errichteter Gedenkstein an den einstigen Mitbegründer der Chicagoer Schule. Vielleicht habe ich das nächste Mal Gelegenheit, ihn mir anzusehen. Morgen geht mein Zug nach Virginia.
Dieser Text wurde zuerst in der FREILICH-Ausgabe Nr. 42 „Yalla, Yalla, Migrantifa“ abgedruckt.






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