Landtagswahl in Niederösterreich:

Gespräch mit einem Incel: „Incel zu sein bedeutet für mich nicht, keinen Sex zu haben“

Im 21. Jahrhundert fällt es immer mehr Männern schwerer, eine passende Frau und Partnerin zu finden. Dieses Phänomen wird als „Inceltum“ bezeichnet. FREILICH hat mit einem dieser Männern gesprochen – woran scheitert es? Gibt es eine Verbindung zu einer rechten politischen Einstellung?
Interview von Redaktion
23.10.2022
/
6 Minuten Lesezeit
Gespräch mit einem Incel: „Incel zu sein bedeutet für mich nicht, keinen Sex zu haben“
Incel (Symbolbild), MissLunaRose12, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

FREILICH: Grüß Dich, was für einige ein Spaß ist, kann für andere eine harte Realität sein – das Incel-Dasein (Incels sind Männer, die Probleme haben, einen Kontakt zu Frauen aufzubauen. Gründe hierfür sind unter anderem Angst oder Schüchternheit. Vor allem im Internet versammeln sich Incels und geben sich gegenseitig Tipps, Anm.d.Red.). Wie fühlst Du Dich als Incel?

Arno: Es geht. Zuallererst bin ich kein Incel im Sinne einer Bewegung, oder dass ich Kontakt zu anderen Incels pflege über soziale Netzwerke oder im echten Leben. So wird das in den Medien oft dargestellt. Allerdings passe ich sehr wohl in die Definition des Incels als Mann im Alter von 23 Jahren, der keinerlei romantische oder sexuellen Erfahrungen hat. Ich habe auch ein Leben jenseits meines Incel-Daseins und dennoch fehlt eindeutig etwas. Es gibt Zeiten, da stört es mich kaum und andere, wo es mich nachts wach hält.

Incel zu sein bedeutet für mich nicht, keinen Sex zu haben, was durch Prostitution oder Geschlechtsverkehr außerhalb einer Beziehung zu beheben wäre, sondern die Abwesenheit weiblicher Nähe auf eine romantische Art und Weise. Incel zu sein heißt für mich nicht, keine Ansprüche haben zu dürfen. Ich habe nämlich sehr wohl Ansprüche, die aber eigentlich aus meiner Sicht fair sind, da ich sie großteils auch selbst erfülle. Darunter fällt beispielsweise: kein starkes Übergewicht, durchschnittlich attraktiv, Mitteleuropäerin …

Die Frage ist vielleicht rhetorisch, aber: Wie viel Kontakt hattest Du zu Frauen?

Wenig und das schon immer. Man muss hierzu aber sagen, dass ich erst relativ spät Interesse an Frauen gezeigt habe im Vergleich zu Gleichaltrigen. Während ich in meiner Schulzeit im Rahmen des Unterrichts noch regelmäßig mit Mädchen zu tun hatte, ist das im Studium komplett eingebrochen. Ich hatte nie Mädchen in meinem Freundeskreis. Durch mein Studium im Bereich der Naturwissenschaften komme ich auch so gut wie nie mit Frauen in Kontakt. Wenn es Frauen in diesen Studiengängen gibt, haben diese auch in den allermeisten Fällen bereits einen Freund und obendrauf einen ausgedehnten männlichen Freundeskreis.

Ebenso lagen meine Interessen schon immer in Bereichen, in denen man wenig Frauen findet. Das fing bereits mit der Fächerwahl in der Schule an und setzte sich in der Freizeit so fort. Ich bin interessanterweise auch keine Ausnahme in meinem Umfeld, sondern habe einige Freunde, die de facto Incels sind, auch wenn sie vor dieser Bezeichnung zurückschrecken oder dieses Phänomen ihnen unbekannt ist. Dennoch sprechen wir selten darüber, da es als Gesprächsthema doch eher peinlich ist und Außenstehende sowieso wenig Verständnis haben, weil es ja bei ihnen auch irgendwie funktioniert hat.

Warum klappt es so schlecht? Schüchternheit? Mangelndes Selbstvertrauen?

Das kann eine Vielzahl von Gründen haben.  Mangel an Frauen in meinem Alter, die für eine Beziehung nicht verfügbar sind, Aussehen, Schüchternheit, Ansprüche. Es gab auch schon Frauen, die mich gefragt haben, warum ich keine Freundin habe. Aber eben nie, ob ich ihr Freund sein möchte.

Aufgrund meiner starken christlichen Prägung habe ich es auch nie eilig gehabt, Sex zu haben, was mich womöglich auch hemmt, da für den Großteil der Jugendlichen und Erwachsenen, das einfach mit dazu gehört und das Warten auf wenig Verständnis stößt.

Ebenso sind meine politischen Ansichten kontrovers, sodass ich diese dann auch vor meiner Freundin verbergen müsste und Frauen mit ähnlichen Ansichten äußerst selten sind.


In der heutigen Zeit gelten Stärke, Dominanz und traditionelle Rollenbilder von Mann und Frau zunehmend als verpönt. Schnell steht der Vorwurf der „toxischen Männlichkeit“ im Raum und der Mann wird als Gefahr für sich und andere dargestellt. Doch wann ist ein Mann ein Mann und was ist seine Rolle in der heutigen Gesellschaft? Die neueste Ausgabe des FREILICH MAGAZIN will genau diese Frage beantworten. Zudem widmet sie sich einer neuen Bewegung von Männern, die ihre Männlichkeit wiederentdecken und zurückerobern wollen.

Jetzt abonnieren

Wenn Sie jetzt abonnieren, erhalten Sie die aktuelle FREILICH-Ausgabe „Die Wiederkehr der Männlichkeit“ mit diesen und vielen weiteren Themen schon in Kürze direkt nach Hause! Hier abonnieren: www.freilich-magazin.com/abonnieren


Es hat sich ja mittlerweile eine regelrechte Incel-Ideologie herausgebildet. Hältst Du als Incel diese Theorien für plausibel?

Teilweise. Es ist meiner Meinung nach unbestreitbar, dass es im letzten Jahrhundert in der westlichen Welt nie dagewesene Umbrüche gab, die sich auch auf das Zwischeneinander von Mann und Frau ausgewirkt haben. Die Gleichstellung der Frau, der Zusammenbruch des Christentums als die Gesellschaft dominierende Macht im Rahmen der sexuellen Revolution und der technische Fortschritt, der zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit zu einer effektiven Vorbeugung von Schwangerschaft führte. Die hohe Auswahl, die Frauen heutzutage haben, und ihre komplette Unabhängigkeit vom Mann lassen die Ansprüche steigen. Ebenso passt sich die Biologie nicht den rasanten gesellschaftlichen Veränderungen an. Beispielsweise suchen Frauen im Durchschnitt Männer mit höherem Gehalt, obwohl sie natürlich für ihre Arbeit dasselbe Gehalt einfordern, wodurch zwangsläufig ein Incel-Bodensatz entsteht.

Es liegen auch allerhand Daten vor, wie schwer es Männer beim Online-Dating haben, während bereits durchschnittlich attraktive Frauen mit Aufmerksamkeit überschwemmt werden, was ich aus eigener Erfahrung auch bestätigen kann.

Von den vorgeschlagenen Maßnahmen, die durch das Netz geistern, wie eine staatlich zugewiesene Freundin oder gar einem Recht auf Sex in der Verfassung halte ich nichts.

Rechts und Incel scheinen manchmal synonym zu sein, obwohl es doch auch dem Bild eines rechten Mannes widersprechen sollte. Warst Du zuerst rechts oder zuerst ein Incel?

Ich bin bereits seit meiner frühen Jugend im weiteren Sinne rechts, was für mich bedeutet, ein dezidiert positives Verhältnis zur deutschen Nation und ihrer Geschichte zu haben. Das war also schon lange, bevor ich auf der Suche nach einer Freundin war oder ich mich als Incel gesehen habe. Aber seitdem ich Interesse an Frauen habe im Zuge der Pubertät, bin ich Incel.

Ich sehe auch nicht, inwiefern rechts sein dazu ein Widerspruch sein sollte. Sicherlich sind Incels aus sozialdarwinistischer Sicht die rechtmäßigen Verlierer. Aus rechter und christlicher Sicht läuft in unserer heutigen Zeit im Bereich der Sexualmoral einiges falsch und Incels sind auch eine Gruppe, die diese Vorgänge beobachten, wenn auch bei weitem nicht alle Incels gesellschaftlich konservativ sind. Außerdem sind Rechte in unserer Gesellschaft offenkundige Außenseiter und das haben sie mit Incels gemeinsam. Wer von den derzeitigen Verhältnissen profitiert, hat wenig Grund, sich gegen das Bestehende zu wenden.

Tust Du aktiv was gegen Dein Incel-Dasein?

Da das Incel-Dasein gemäß seiner Definition ungewollt ist und es am Ende auch auf die Frau ankommt, kann man keine direkten Maßnahmen ergreifen. Ich treibe in den letzten zwei Jahren aber Kraftsport, um besser in Form zu kommen, aber mache mir jetzt keine besonders großen Hoffnungen.

Glaubst Du, es wird sich jemals was für Dich ändern?

Es bleibt mir nichts anderes übrig, als darauf zu hoffen. Aber natürlich wird es immer schwieriger, je älter ich werde und es bleibt dann irgendwann nichts anderes übrig, als die Standards stark abzusenken. Wenn ich dann tatsächlich eine Freundin finden sollte, wird diese höchstwahrscheinlich bereits eine Reihe von Freunden und Sexualpartner gehabt haben, was eine erdrückende Vorstellung ist.


Zur Person:

Arno (Name von der Redaktion geändert) ist 23 Jahre alt und ein patriotischer Ingenieurstudent aus Süddeutschland.