In der letzten Ausgabe des „Akademischen Lebens“ (32/2026) habe ich den neuen Prüfungsordnungen der TU Ilmenau und der Friedrich-Schiller-Universität Jena gegenüber ein vernichtendes Urteil ausgesprochen. „Die neue Rahmenprüfungsordnung ist als das zu begreifen, was sie letztlich ist: ein Angriff auf Studenten allgemein und darüber hinaus ein weiteres Werkzeug zur systematischen Unterdrückung nichtlinker Kräfte an Hochschulen.“
Die Öffnung des eigenen Bildungsbetriebs – bereits über dieses geflügelte Wort lässt sich so manche Wahrheit erkennen – zuungunsten der eigenen Universitätskultur hatte bereits mit der Bologna-Reform begonnen, und nun scheint man die Axt an die Wurzel setzen zu wollen. Was eine Maximalstudienzeit mit automatischer Exmatrikulation für zeitintensive „Nebenbeschäftigungen“ wie Studentenverbindungen bedeutet, dürfte klar sein. Aber auch Studenten, die auf einen Nebenjob angewiesen sind oder schlichtweg mehr Zeit benötigen, werden benachteiligt.
Studienordnungen wie in Thüringen werden einen Trend verstärken, den man zumindest in Mitteldeutschland seit einigen Jahren beobachten konnte. Besonders Studenten, die sich nicht mit dem linksorientierten Klima an den Hochschulen identifizieren können, wählen seltener ein traditionelles Studium – von der Bereitschaft, über die Regelstudienzeit hinauszugehen, ganz zu schweigen. Hierfür mögen nicht selten auch materielle Gründe oder ein falsch verstandenes Pflichtbewusstsein eine Rolle spielen. Die Erfahrung zeigt jedoch eine völlige Abneigung gegen eine „Überdehnung“ der Studienzeit in diesen Fällen. Für viele angehende, nicht selten auch praktisch veranlagte junge Männer liegen Möglichkeiten zu berufsbegleitenden, dualen oder Fernstudien näher als ein ergebnisoffenes Studium der verbrämten Geschwätzwissenschaften – die späte Rache der Boomer-Generation.
Nicht den Kopf in den Sand stecken
Hinter den Gipfeln des „Wer-Was-Warum“-Gebirges liegt jedoch eine grundlegende Problematik, die es zu betrachten gilt: Wie können Verbindungen auf ein Milieu reagieren, das zwar politisch wächst, aber keine Verbindungen mehr hat? Der erste Affekt wäre das stoische Aussitzen, die nächste gesellschaftliche Sturmflut abperlen lassen und warten. Diese als strategische Tradition getarnte organisatorische Unfähigkeit gilt besonders in saturierten Altherrenverbänden als Trumpfkarte. Die zwangsläufig umtriebigen Aktivitates dürften sich aufgrund der ohnehin immer dünneren Personaldecke zurecht beunruhigt fühlen. Denn sollte sich keine grundlegende (hochschul-)politische Änderung einstellen, werden sich die bisherigen Schwierigkeiten bei der Mitgliedergewinnung nicht nur verstärken, sondern der gesamte Aktivenbetrieb und damit das eigentliche Leben der Burschenschaft werden sich in einem Paradigmenwechsel befinden.
Wenn junge Männer nicht aus falscher Pflichterfüllung, sondern aus purer Notwendigkeit heraus die Entscheidung gegen das Verbindungsleben treffen, dann kann selbst die charismatischste Keilmaschine nicht viel ausrichten. Sollte es jedoch trotzdem gelingen, diese Studenten neuen Typs für die Burschenschaftliche Sache zu gewinnen, so müssen sich gestandene Hasten bewusst sein, dass es sich bei diesen nicht um die späten Erben des stud. nihil. „Bierlatte“ Demilius handeln dürfte.
Das stellt den verbindungsstudentischen Alltag, wie ihn die meisten kennen dürften, vor ein Problem: Der schmale Grat zwischen Exzess und Disziplin, die Freiheit, einen Tag auch einmal nur durch das Bierglas zu betrachten, und gleichzeitig diszipliniert dem Paukbetrieb zu widmen und den Alltag in Uni oder Privatleben zu meistern, wird dann zu einem reinen Aufgabenkatalog ohne unmittelbaren Gegenwert. Prüfungen schieben oder das Studienpensum zugunsten eines Chargensemesters reduzieren? Sich aufgrund begrenzter Mannstärke noch einmal reaktivieren lassen? Aktivenfahrten, Stiftungswochenenden oder zusätzliches Engagement in einem verbindungsstudentischen Projekt? Diese Freiheiten des Studentenlebens dürften so ziemlich der Vergangenheit angehören.
Der Freiheit eine Gasse schlagen
Was bedeutet das also? Von derartigen Maßnahmen betroffene Verbindungen stehen selbstverständlich weiterhin in der Verantwortung, deutsche Hochschulkultur und -tradition zu pflegen. Sie müssen sich aber vielleicht auch von manchen Gewohnheiten verabschieden und dies als Chance begreifen. Denn die zeitliche Mehrbelastung der Mitglieder im Studium erfordert einerseits eine stärkere Integration (junger) Alter Herren, damit sie ihre Bindung an den Hochschulort und das Aktivenleben nicht kappen, andererseits haben besonders die Burschenschaften die Pflicht, ihren Mitgliedern einen echten Mehrwert zu bieten. Damit erhalten die Veranstaltungen des Semesterprogramms eine neue Bedeutung und sind darauf ausgelegt, gleich mehrere Notwendigkeiten (Erlebnis, Weiterbildung, Mitgliedergewinnung) auf einmal abzudecken. Das erfordert eine grundlegende Überlegung, welche Veranstaltungen überhaupt in das Semesterprogramm aufgenommen werden und wie die Zeit der Bundesbrüder neben den kleinen und großen Verpflichtungen für diese Zwecke optimal verwendet werden kann.
Man darf sich nichts vormachen: In Thüringen wird es ab dem Wintersemester 2026/27 nicht leichter, das einzigartige Kulturpaket Burschenschaft zu leben und jungen Männern als unschätzbaren Gewinn und nicht als studienbedrohende Mehrbelastung nahezubringen. Frei nach Rilkes Requiem (1908): „Wer spricht von Siegen? Überstehn ist alles.“ sollten sich alle Burschenschaften den frohen Mut doch nicht nehmen lassen – wir gewinnen sowieso.
Dieser Text erscheint auch in der kommenden Ausgabe Nr. 33 des Akademischen Lebens.



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