Über sämtliche Grenzen hinweg eint eine Frage das gesamte deutsche Verbindungswesen: Wo kommen die nächsten Mitglieder her? Das Nachwuchsproblem betrifft bei weiten nicht alle Spielformen der Korporationen gleichermaßen und nicht jeder Bund profitiert auch von einer Fülle von Anwärtern, sondern zieht wenige, aber dafür standhafte und ins höchste Maß veredelte Mitglieder in seiner Mitte heran. So oder so müssen sich alle Verbindungen (auch jene mit weniger restriktiven Aufnahmekriterien) um die Pflege eben jener Kanäle bemühen, über die sie die größten Chancen sehen, ihren Nachwuchs zu sichern.
Honorige Alte Herren, die ihre Studienzeit und nicht selten auch ihre alma mater längst hinter sich gelassen haben, verweisen dann gern auf Zeiten, in denen sie sich mit Band und Mütze in die nächste Kneipe gesetzt haben, jedem Anwesenden ein Bier ausgaben und am Ende des Abends mit drei neuen Mitgliedern auf das Verbindungshaus zurückgekehrt sind. Auch wenn es jenseits der politisch agierenden Burschenschaften wohl noch genügend Korporationen und Hochschulorte gibt, an denen Verbindungsstudenten auch in der öffentlichen Wahrnehmung der Bevölkerung eine gewisse Rolle spielen (dürfen), aber es ist nicht zu leugnen, dass der Ton auch vermeintlich „gemäßigten“ Verbindungen gegenüber rauer wird.
Vom gesellschaftlichen Rand zurück in die Offensive
Nun kann man diesen Umstand beklagen, einen vermeintlichen Schuldigen ausmachen oder trotzig auf das Recht verweisen, dass den traditionsreichen Studentenvereinigungen doch ein Platz auf dem Parkett des bürgerlich-universitären Tanzballs zustände – nützen wird das alles wenig. Solange sich kein grundlegender Wandel zugunsten der Studentenverbindungen abzeichnet, werden sie auch unter anderen Regierungen weiter an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden. Bis dahin wird man sich wohl oder übel die Rolle als Renegat gefallen lassen und bestenfalls sogar schmackhaft machen müssen, alles andere wäre eine vollkommene Verkennung der eigenen Lage. Besonders hinsichtlich der Gewinnung neuer Mitglieder eröffnet dieser augenscheinliche Nachteil jedoch auch einzigartige Möglichkeiten, die nicht zuletzt für die Burschenschaften eine strategische Rückbesinnung auf ihre Anfangszeit ermöglicht.
Denn die öffentliche Meinung über Studentenverbindungen und Burschenschaften explizit wird von Leuten beeinflusst, die bestenfalls mit den jahrhundertealten Traditionen fremdeln, sie meistens jedoch grundheraus verachten und ablehnen. Der Vergleich zum Umgang mit Oppositionsparteien diesseits und jenseits der bundesdeutschen Grenze liegt klar auf der Hand. Für die Juni-Ausgabe des Zuerst!-Magazins durfte ich einen Text über die Rolle der Sozialen Medien für den Erfolg der AfD schreiben, die durch die Arbeit einiger Zugpferde um ein Vielfaches an Reichweite gewinnen konnte als es ihr über die konventionellen Medien jemals möglich gewesen wäre. Sie kann durch die geschickte Nutzung von Algorithmen der modernen Digitalwelten nicht nur potentielle Wähler erreichen, sondern auch gänzlich politikfremde Nutzergruppen erschließen, die sonst nie in Kontakt mit den Inhalten der Partei gekommen wären. Besonders die jüngsten Wählerschichten im Bereich der 16 bis 24-Jährigen beziehen einen Großteil ihrer Informationen aus den Sozialen Medien – exakt jene Alterskohorte, um die sich die Bünde bemühen.
Was Burschenschaften von der AfD lernen können
Für das Verbindungswesen sind diese Themen jedoch weitestgehend Neuland. Häufig erscheinen die Internetpräsenzen eher gezwungen gepflegt oder als reines Produkt der Not, weil man keine andere Möglichkeit zur Darstellung gefunden hat. Das beginnt bei den bundeigenen Startseiten (die sich nicht selten auf einem technischen und grafischen Stand von vor 20 Jahren befinden) und endet bei lieblos betreuten „Social Media“-Kanälen. Auch gibt es nur selten eine konkrete Medienstrategie oder zumindest grundlegende Überlegungen wie digitale Keilarbeit aussehen kann, beziehungsweise sollte. Erfolgreiche Gegenbeispiele stellen etwa die TikTok-Kanäle der Tübinger Königsgesellschaft Roigel oder der Burschenschaft Danubia München (DB).
Beide Verbindungen, die unterschiedlicher wohl nicht sein könnten, nutzen die Plattform für ihre jeweils ganz eigene Art der Außendarstellung und sind beide auf ihre Weise höchst professionell und ansprechend. Eine weitere Verbindung, die sich in diesem Zusammenhang hervorgetan hat, ist die Alte Hallesche Burschenschaft Rhenania-Salingia zu Düsseldorf (DB). Diese teilte bereits während der Coronazeit Videoankündigungen auf ihrem YouTube-Kanal, deren Qualität selbst manche öffentlich-rechtliche Produktion wie eine Amateurarbeit aussehen lassen. Seit kurzem ist die AHB! Rhenania-Salingia auch auf TikTok vertreten und bewirbt dort Plätze in ihrem Studentenwohnheim.
Die digitale Zukunft der Bünde
Ist mit der Nutzung der Sozialen Medien automatisch das Problem der Nachwuchswerbung von Studentenverbindungen gelöst? Selbstverständlich nicht. Und auch von einem Patentrezept kann nicht die Rede sein, denn vor allem für aufwendig produzierte Videos wie die der AHB! Rhenania-Salingia zu Düsseldorf oder B! Danubia München benötigt man entsprechendes Personal und auch das technische Wissen, damit das fertige Endprodukt nicht mehr Lacher als tatsächliches Interesse hervorruft. Hier liegt es einerseits an den Aktiven, Mut und Ehrgeiz zu entwickeln und sich in der digitalen Welt auszuprobieren und an den Alten Herren das notwendige Vertrauen auszusprechen und bestenfalls sogar Wissen und Ressourcen für diese neue Medienarbeit bereit zu stellen.
Der unverbindliche Kneipenbummel von gestern ist heute die parasoziale Verbindung mit möglichen Anwärtern auf den sozialen Netzwerken. Gestern wie heute gilt: Potenziell jede Aufmerksam kann gute Aufmerksamkeit sein. Ohne zu sehr ins Detail gehen zu wollen, kann über den Charakter von möglichen Internetauftritten gesagt werden, dass sie den inhaltlichen wie formalen Kern der Verbindung widerspiegeln müssen. Aber gerade hinsichtlich des Gedankens einer Jugendbewegung, die der Aktivenbetrieb am Hochschulort nun einmal ist, darf auch eine vitalistische Leichtigkeit nicht fehlen.
Eine produktive Debatte um die Umsetzung der dargelegten Punkte wäre äußerst wünschenswert, da die sozialen Netzwerke zwar die gewünschte Aufmerksamkeit bringen können, aber auch die Möglichkeit einer Verschiebung des Verbindungslebens in den digitalen Raum befördern könnten. Wer jede Veranstaltung nicht mehr um ihrer selbst willen, sondern um der medialen Vermarktung halber durchführt, droht das zu verlieren, was für Verbindungen aller Art im Zentrum stehen sollte: die Gemeinschaft.
Hinweis: Dieser Text erschien ursprünglich in der geduckten Ausgabe 23/2024 des Akademischen Lebens.



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