„Den Burschenhut bedeckt der Staub, es sank der Flaus in Trümmer“ heißt es im Lieb „O alte Burschenherrlichkeit“. Kern vieler Lieder ist der Lebenszyklus eines Korporierten, vom frischen Fux über die glorreichen Burschenjahre hin zum Alten Herren und das Bestehen des Lebensbundes bis zum Grabe.
In Zeiten, wo das Beständige an Wert verliert und dem Schnelllebigen der Vorzug gewährt wird, stellen Korporationen und allen voran Burschenschaften einen Fels in der Brandung dar. Hier werden seit Generationen bewährte Traditionen bewahrt, wo akademische Milieus der Großstädte mit einem eisernen Besen auskehren, von dem Bismarck hätte träumen können. Im ländlichen Raum bleibt erhalten, was in den Städten oftmals nur Nische geworden ist. Die Nomenklatura der modernen Gesellschaft vermag einer Universität mit Bildungsauftrag und eigener Tradition nichts abzugewinnen. Wenn das Ziel lautet, junge Menschen binnen kürzester Zeit durch ein verschultes System in den Arbeitsmarkt zu spülen, wo sie als unterbezahlte Jungführungskräfte mit 25 Jahren die Hälfte ihres Einkommens abgeben sollen und den Rest für Statussymbole in ihrem kompetitiven Umfeld verwenden, ist für den tieferen Sinn von Universität kein Raum.
Wenn ernste Ansprüche, studentische Traditionen und auch Fröhlichkeit zusammenkommen, dann ist für die Massenhochschule des 21. Jahrhunderts nur noch der bloße Abschluss vorgesehen, das studentische Leben findet in der Korporation statt. Als junger Mensch bietet einem die Burschenschaft den Impetus der individuellen Entfaltung, den die Gesellschaft anpreist, welcher sich aber in als alternativ verballhornten Uniformität erschöpft. Bunte Haare und linksautonome Thesen sind derart vereinheitlicht, dass der Burschenschafter in seinem Beharren heutzutage mehr Alternativer ist als die Hochschulgruppe der PDS.
Dem Fleischwolf der Massenuniversitäten zu widerstehen und am Bewährten festzuhalten, könnte man mittlerweile als einen Kern der Burschenschaften bezeichnen. Hierbei hohen persönlichen Ansprüchen zu genügen und sich immer wieder selbst herauszufordern, ist ein natürlicher Preis, wenn man von sich erwartet, Elite zu sein.
Zwischen Anspruch und Wirklichkeit
Hohe Ansprüche an ihre Mitglieder zu stellen, liegt in der Natur der allermeisten Organisationen, welche nicht ausschließlich der Freizeitbeschäftigung dienen. Burschenschaften fallen hier nicht heraus. Werte wie Ehrhaftigkeit, Treue und Bekenntnis erfordern in schweren Zeiten stärkere Charaktere. Wer heutzutage Burschenschafter wird, muss gleichermaßen in der Lage sein, der modernen Welt zu entsprechen und den Spagat zu einer Welt meistern, welche Normen an junge Mitglieder ansetzt, die auf die Elite des 19. Jahrhunderts angepasst sind.
Diese Herausforderung zu meistern, ist Aufgabe der aktiven Bünde. Füxe, junge und ältere Burschen erhalten ein über Generationen entwickeltes System, um trotz aller Veränderungen den Kern der burschenschaftlichen Idee zu bewahren. Dass bei Verlust von elterlicher Prägung, gymnasialer Erziehung und der Abschaffung des Wehrdienstes der Erziehungsauftrag der Burschenschaften umso größer geworden ist, bleibt eine Herausforderung. Musste man dereinst nur den Feinschliff vornehmen, kommen mittlerweile Studenten in korporative Kreise, deren persönliche Eignung einem Rohdiamanten gleicht. Diesen Wandlungen Rechnung zu tragen und dennoch den eigentlichen Kern zu behalten, dürfte die Überlebensfrage der Burschenschaft werden.
Den jungen Burschenschaftern ist dabei ein zentraler Aspekt klarzumachen: Burschenadel kann nicht nur im Korporativen gesucht werden. Das schneidige Auftreten auf Mensur, für seine Überzeugungen mit starken Worten einzustehen und unsere Ideen zurück in die gesellschaftliche Relevanz zu führen, ist ein hehres Ziel für junge Männer. Wenn man aber die 200jährige Geschichte der Burschenschaften sieht und die Tragweite des linken Marsches durch die Institutionen einbezieht, dann müssen die jungen Burschenschafter den Spagat zwischen Boot und Wald schaffen, um es mit Ernst Jünger zu sagen. Wie im „Waldgang“ skizziert, muss man versuchen, in der Welt des Alltäglichen zu bestehen. Wenn man elitär sein möchte, aber die Studienleistungen nicht genügen, nützt einem ein schneidiges Auftreten wenig. Am Tresen wird die linke Vorherrschaft in Deutschland nicht gebrochen. Hierfür braucht es Burschenschafter, die in der Lage sind, außerhalb der eigenen Kreise Verantwortung zu übernehmen und den gestellten Ansprüchen Taten folgen zu lassen.
Reicht von der Wand mit dort hernieder – Burschenadel als Alter Herr?
Was bleibt? Diese Frage stellt sich auch das eingangs zitierte Lied. Man studiert, man macht, bestenfalls, ein gutes Examen und kehrt der Universität den Rücken, um in Alltag und Familie, im Berufsleben und Gesellschaft seinen Teil zu leisten. Zwischen Steuererklärungen und Videokonferenzen geraten Burschenadel und studentische Traditionen schnell ins Hintertreffen. Man hat in seinen Zwanzigern das Gefühl von Freiheit und den Hauch von Abenteuer erlebt, nur um dann im selben Malstrom gefangen zu sein wie die einstigen Kommilitonen des linken Mainstreams.
Was bleibt also? Manch einer hat das Glück, in seinem Hochschulort zu bleiben oder in einer der Altherrenzirkel der Vereinigung Alter Burschenschafter Anschluss zu finden. Eventuell gibt es auch eine Korporation, wo man Gleichgesinnte trifft. Diese Form des Mittelwegs wird den überwiegenden Teil der Alten Herren repräsentieren. In Österreich ist die Konzentration auf Wien ein Vorteil, wohingegen in der Bundesrepublik das korporative Leben deutlich dezentraler ist. Die Mehrheit der Alten Herren werden aber von Zeit zu Zeit auf ein Verbindungshaus kommen, zu Kneipen, Stiftungsfesten oder gerne auch Bundesbrüder zu sich einladen. Die Korporation spielt aber im Alltag nur noch eine untergeordnete Rolle, und man erinnert sich gerne der Zeit, in welcher man ungebunden junger Aktiver sein konnte.
Es gibt jene Alte Herren, ich hörte einst den Begriff der „Präger“, welche auch nach dem Ende des Studiums nahe an der Burschenschaft verbleiben. Oftmals stellen diese den Altherrenvorstand und stehen den Aktiven mit Rat und Tat beiseite. Ob als Kassenwart, Vorsitzender des Hausbauvereins, Fuxmajor oder verlässlicher Ansprechpartner, bilden diese Alten Herren das Rückgrat einer jeden Korporation. Sie sind die Enzyklopädie, aus welcher sich das Bewahren der Traditionen speist. Sie sind neutral, wenn es um Fragen geht, wo Aktive unsicher sind. Ihnen fallen Veränderungen in der Burschenschaft schneller auf, und sie erkennen, wann ein Eingreifen erforderlich wird. Zumeist sind bei diesen Alten Herren Berufsleben, Familie und Korporation in ständigem Wettstreit miteinander. Die Überzeugung, einer guten Sache zu dienen, begründet aber den Fleiß, sich auch nach 50 oder mehr Arbeitsstunden in der Woche noch um den Bund zu bemühen.
Wer gestanden hat, wird bestehen
Für die Aktiven stellen die Häuser immer mehr einen Rückzugsort in einer feindlichen Umwelt dar. Das Beharren auf den Traditionen begründet einen Erfahrungsschatz, von dem man ein ganzes Leben zehren kann. Die Gemeinschaft, die Regeln und Rituale, stellen kein Alleinstellungsmerkmal dar. Vieles davon kann man auch in anderen Organisationen in vergleichbarer Intensität erleben. Was Burschenadel wirklich ausmacht, ist das Einstehen. Die Mensur ist jene Überwindung, jene Aufforderung zum Beweis, welche heutzutage sonst nicht mehr zu finden ist. Triviale Gleichsetzungen mit Extremsportarten oder arrogante Surrogate können niemals den eigentlichen Kern der Mensur kopieren.
Den Erfahrungswert einer Mensur zu beschreiben, ist kaum zu leisten. Das emotionale Spektrum des Erlebten ist hierfür zu weit. Was sich aber konkret fassen lässt, ist die charakterliche Reifung, die mit einer Partie einherzugehen scheint. Wer gefochten hat, wird den Problemen des Alltags mit größerer Gelassenheit begegnen und Konflikte anders, lösungsorientierter und diesen mit mehr Beharrlichkeit begegnen. Die Synthese aus persönlicher Entwicklung in einer formalisierten und von Ritualen geprägten Burschenschaft ist das stärkste Argument, das wir haben: Wer sich überwindet, die Möglichkeiten dieser Welt zu seiner persönlichen Reifung zu nutzen, der kann in der von Beliebigkeit und schnöden Eigennutz geprägten Welt bestehen, ohne sein Selbst in dieser zu verlieren.



Kommentare
Sei der Erste, der einen Kommentar hinterlässt!