Alle paar Monate, mindestens aber einmal im Jahr, flattert eine bestimmte Art von Meldung durch meinen Nachrichtenhorizont, die in etwa so lautet: „Jugendlicher stirbt bei menschenverachtendem Aufnahmeritual von Studentenverbindung“. Diese Meldungen kommen nie aus Deutschland, und bis auf einen mir bekannten Fall nicht mal aus Europa, sondern aus Übersee, und trotzdem sollen sie mit ihrer extrem vagen Betitelung natürlich das Bild eines verschmissten, bebänderten und vermützten Korpo vor Augen zaubern. Umso mehr ein Grund zu vergleichen, ob die Bruder- und Schwesternschaften („fraternities“ und „sororities“) überhaupt eine Wesensverwandschaft mit den deutschsprachigen Verbindungstypen haben.
Das „Greek Life“ und seine historische Entwicklung
Wie auch bei den kontinentalen Verbindungen liegt der Ursprung der amerikanischen Ableger zeitlich im späten 18. Jahrhundert, und wie bei uns hat man aus dieser Zeit alles Mögliche an Kitsch mitgenommen, im Falle der Amerikaner anstatt des Zirkels als Erkennungszeit die Namen in griechischen Buchstaben (daher auch die Bezeichnung „Greek life“ für das Verbindungsleben) und in manchen Verbindungen Aufnahmerituale, die stark an die Freimaurerei angelehnt sind; die Burschung heißt deshalb dort auch „initiation“. Die Hochphase beginnt dann im 19. Jahrhundert, als die endlos erscheinende Ausbreitung der Vereinigten Staaten über den gesamten nordamerikanischen Kontinent auch unzählige neue Universitäten schuf, und gegen Anfang des 20. Jahrhunderts hatte sich das Phänomen auch an so manche Universität Kanadas, des Vereinigten Königreiches und der Philippinen verbreitet.
Während das 20. Jahrhundert für die deutschen Korporationen jedoch eine große Herausforderung, ja man kann konstatieren, eine Geschichte der Katastrophen und des Niedergangs, war, haben sich die Verbindungen an den amerikanischen Universitäten gut gehalten. Wer einmal einen amerikanischen Campus besucht, der wird entweder auf diesem selbst oder in einer nahegelegenen Straße direkt die Häuser der Verbindung finden, und insgesamt sind fast neun Millionen aktive Studenten und Akademiker Mitglied einer solchen Verbindung; Zahlen also, die uns paar Tausend Korpos quantitativ völlig in den Schatten stellen.
Organisation und Hierarchie
Der innere Aufbau der durchschnittlichen aktiven Verbindung (bei einer „social fraternity“) ist zwar zu dem einer klassischen Korporation verschieden, aber nicht so unähnlich, dass man sich nicht irgendwo darin wiederfinden könnte. Kleinste Einheit ist das „chapter“, die lokale Zweigstelle der Verbindung am Hochschulort; denn das ist auch ein Detail, das uns hier öfter begegnet: Die Verbindungen sind meistens, ähnlich wie etwa der Wingolfsbund oder der VDSt, nach dem Prinzip „ein Ort, ein Bund“ organisiert und begreifen sich als Gliedverbindungen des „nationals“, also des gesamtamerikanischen Dachverbandes, der in der Regel zwei oder drei griechische Buchstaben im Namen trägt. Dieser Dachverband kontrolliert zuweilen auch, ob vor Ort Tradition und Sitte des Verbandes eingehalten wird.
Die örtliche Filiale wird von einem Vorstand geleitet, der den Chargen und Ämtern einer deutschen Verbindung gar nicht so unähnlich ist: Der „president“ nimmt die Rolle des x (Sprechers) ein, jedoch erweitert um die Rolle des Hauswarts. Der „treasurer“ ist wohl das zweitwichtigste Amt der Verbindung. Er kümmert sich um das Budget der Verbindung, kassiert Mitgliedsbeiträge und Mieten und teilt die Gelder für die Austragung von Veranstaltungen zu. Der „recording secretary“ ist nicht ganz unser xxx (Schriftwart), wenngleich er Protokolle der Mitgliedersitzungen anfertigt. Er ist quasi der xxx (Schriftwart) im Internen, jedoch erweitert zu einer Art Generalsekretär der Verbindung, der gutes Verhalten kontrolliert, sich um die Vermietung der Zimmer und andere Orgasachen kümmert. Der „corresponding secretary“ wiederum kümmert sich um den Postverkehr, das Mitgliederverzeichnis und die Verteilung von Veranstaltungseinladungen. Fehlt nur noch der „historian“, der mehr oder minder unserem Fuxmajor entspricht. Die Häuser selbst sind in der Regel im Besitz einer Alumni-geleiteten Stiftung, in Einzelfällen gehören sie aber auch dem Korporationsverband selbst oder sogar der Universität, an der die Verbindung zuhause ist.
Aber auch jene, die nicht zum Vorstand gehören, haben oftmals vorgeschriebene und anlassgebundene Rollen inne. „Socials“ planen Veranstaltungen, während „risks“ dafür verantwortlich sind, dass diese einwandfrei ablaufen und als Ansprechpartner für die Gäste auf diesen agieren. Je nach Anlass können, etwa in Fragen der Hausverwaltung, weitere Ämter zugeteilt werden. In der Regel sind die Aktiven Bachelorstudenten, eine reguläre Aktivenzeit dauert also etwa drei Jahre. Mitglied einer Verbindung wird man in der Regel durch einen dreiteiligen Prozess der Anwerbung. Als erstes wird man, als Teil einer meist großen Gruppe an Erstsemestern, zu Veranstaltungen der Verbindung eingeladen („rushing“), bei Potenzial wird an einzelne Teilnehmer einer solchen Veranstaltung eine Einladung („bid“) geschickt, falls der Convent dies beschließt. Wenn der Kandidat dies annimmt, wird er zum „pledge“, also „Schwörer“, dem amerikanischen Gegenstück zum Fux. Wenn er dann eine gewisse Zeit „pledge“ ist und sich bewährt (hier passiert der große Unsinn mit den Aufnahmeritualen), wird er Vollmitglied, ein „active“. Angeblich bietet sich Amerika ein ähnliches Bild wie hier: Studienabschluss und Alkoholmissbrauch korrelieren beide mit der Mitgliedschaft in einer Verbindung.
Alumni ohne Altherrenschaft
Nun zur Frage, die alle brennend interessiert: Wie stehen die „fratbros“ zu den alten Säcken, die bei uns ja bekanntermaßen das zünftige Studentenleben finanzieren? Bei den Studentenverbindungen Amerikas hat sich das ursprüngliche Modell des Beisammenseins von jung und alt erhalten: Wer fertig ist, ist raus. Eine Altherrenschaft im eigentlichen Sinne existiert nicht, und die „alumni“ üben also eher indirekten Einfluss aus, etwa durch die schon angesprochenen Stiftungen, durch Verbandszeitschriften, Einflussnahme auf die „nationals“ und Traditionsweitergabe. In der Regel werden die früheren Mitglieder jedoch durch besondere Veranstaltungen, etwa jährliche Festessen, weiter an ihr ehemaliges „chapter“ gebunden, was sich oftmals durch sehr schicke Spenden an die Verbindung auszahlt. Im Berufsleben der Vereinigten Staaten ist wohl auch immer noch Tatsache, was für Burschenschafter in der BRD oftmals nur noch eine unbegründete Behauptung ist: Die Zugehörigkeit, oder in den meisten Fällen besser, ehemalige Zugehörigkeit, zu einer bestimmten Verbindung und einem bestimmten „chapter“ kann Vorteile im Berufsleben bringen.
Zwischen Tradition und Campus-Lifestyle
Die Bandbreite und Anzahl der Verbindungen ist sehr groß. Frühere ethnische und religiöse Schranken sind bei den allermeisten Verbindungen, dem Zeitgeist entsprechend, gefallen, wenngleich es weiterhin explizit jüdische, christliche und afroamerikanische, ja selbst muslimische „frats“ gibt. Exklusive Verbindungen wie „Skull & Bones“ existieren genauso wie die Wald- und Wiesen-Verbindung, exzessiv trinkende Verbindungen und solche, in denen man einen Schwur auf Abstinenz leisten muss. Grob lassen sich drei große Gruppen unterscheiden: Die „social fraternities“ pflegen das oben beschriebene „griechische Leben“ und bilden die große Mehrheit, „professional fraternities“ beschränken, wie viele deutsche Verbindungen früher, die Aufnahme von Mitgliedern auf bestimmte Studiengänge und Berufszweige, und „service fraternities“ widmen sich vor allem gemeinnützigen Tätigkeiten. Die Verbände sind oftmals organisiert in politischen Lobbygruppen, gemeinnützigen Ausschüssen, Organisationen zur Förderung der politischen Interessen gewisser Bevölkerungsgruppen („National Multicultural Greek Council“) und Dachverbänden wie dem „National Panhellenic Conference“ einiger Frauenbünde oder der „North American Interfraternity Conference“ von über fünfzig Männerbünden.
Es gibt auch einige wenige Verbindungen nach Deutschland: Die Tau Kappa Epsilon etwa pflegte eine Zeit lang ein gutes Verhältnis mit dem Weinheimer Senioren-Convent, mindestens einer der Gründungsmitglieder von Skull & Bones hat zeitweise in Deutschland studiert und dort wohl die eine oder andere Sache aufgeschnappt, und tatsächlich versuchten engagierte Emigranten zeitweise, die Stadt Cleveland in Ohio zum Heidelberg der westlichen Hemisphäre zu machen: Ab Mitte der Dreißiger Jahre existierten dort bis zur Jahrtausendwende mindestens vier Verbindungen nach deutschem Muster, angefangen mit dem Corps Brandeburgia-Berlin zu Cleveland/Ohio, der Burschenschaft (später Corps) Teuto-Rugia, Goto-Rugia Cleveland und der Burschenschaft Normannia Cleveland. Mensuren sollen auf die Farben der Bünde gefochten worden sein, ein Alter Herr von mir soll sogar einmal mit den Brandenburgen irgendwann Ende der Achtziger eine Telefonstafette gesoffen haben. Jedoch waren alle diese Versuche nicht haltbar; keine der Verbindungen existiert noch.
Eigenständige Tradition jenseits des Atlantiks
Man sieht: Drüben ist eine andere Welt, die sich aus einer eigenen nationalen Tradition speist, und für unsereins vielleicht nur im weiteren Sinne als Korporation gelten kann. Aber stellt sich nicht auch die Frage, wie viele unserer traditionsreichen Verbindungen mittlerweile nicht auch „nur noch“ „frats“ mit Altherrenschaft und unregelmäßiger Mensur sind, heute mehr denn je? Die Corps haben jedenfalls zum Teil einige der unschönen Trinksitten übernommen, die sich in Amerika zumindest als Reaktion auf das hohe Mindestalter für den Alkoholkonsum (21) erklären lässt, während viele nichtschlagende Bünde in den letzten Jahren Tendenzen aufgewiesen haben, den unnützen deutschen Ballast zu entsorgen und so hip und sozial anerkannt wie die „fratbros“ drüben zu werden. Amerika, ob man es will oder nicht, hat, als Welthegemon, also auch seinen Einfluss auf unsere kleine Verbindungswelt.



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