Kopenhagen. – Nach den Kommunalwahlen im November galten Mette Frederiksens Sozialdemokraten als schwer angeschlagen. Besonders der Verlust Kopenhagens, der Hauptstadt Dänemarks, war ein symbolischer Tiefschlag – erstmals seit 100 Jahren. Doch seitdem Trump wiederholt damit gedroht hat, die arktische Insel Grönland annektieren zu wollen, wächst die Unterstützung für Frederiksen spürbar, wie Politico in einer Analyse zeigt.
„Rally-around-the-flag“-Effekt dank Grönland
Anfang Jänner erklärte Trump, er wolle Grönland notfalls mit allen Mitteln in amerikanische Hand bringen. Frederiksen reagierte mit einer offensiven Verteidigung der dänischen Souveränität und traf damit offenbar einen Nerv in der Bevölkerung. In dieser Situation hätten sich die Dänen hinter ihre Regierungschefin gestellt. Politikwissenschaftlerin Anne Rasmussen nennt vor allem einen Grund dafür: „Es gibt eigentlich keine andere Erklärung dafür. Es ist in erster Linie Grönland“, zitiert Politico die Politikwissenschaftlerin. Ähnlich wie während der Coronapandemie profitiere die Regierung von einem nationalen Krisenmoment, der Amtsinhaber häufig stärke.
Sozialdemokraten legen in Umfragen deutlich zu
Laut einer aktuellen Umfrage des Instituts Megafon, die vom 20. bis 22. Januar unter 1.012 Befragten durchgeführt wurde, kommen Frederiksens Sozialdemokraten auf 22,7 Prozent und würden 41 Sitze im Parlament gewinnen. Noch Anfang Dezember waren es lediglich 32 Mandate. Damit hätten die Sozialdemokraten zwar weiterhin keine eigene Mehrheit, sie wären aber wieder stärkste Kraft und könnten Koalitionsverhandlungen anführen. Insgesamt zeigt sich ein deutlicher Stimmungsumschwung, nachdem vor wenigen Monaten noch ein politisches Debakel möglich schien.
Selbst aus dem linken Oppositionslager kommt Anerkennung für Frederiksens neue Entschlossenheit. So erklärte der EU-Abgeordnete Per Clausen von der Enhedslisten laut Politico: „Nach langer Zeit haben sie endlich eine klare Linie gezogen, statt unterwürfig zu wirken.“
Internationales Muster erkennbar
Der dänische Fall lässt sich laut der Analyse in ein größeres westliches Muster einordnen. In mehreren Demokratien – von Kanada bis Australien – wird politische Stärke gegenüber Trump zu einem entscheidenden Mobilisierungsfaktor. Wer sich als Verteidiger nationaler Souveränität inszeniert, wird von vielen Wählern belohnt. Auch die sozialdemokratische EU-Abgeordnete Christel Schaldemose betonte dies: „Ich glaube, viele Dänen bewegen sich derzeit zu den Sozialdemokraten, weil die Partei ihre Kernprioritäten erfüllt … und gleichzeitig starke Führung zeigt, wenn selbst der mächtigste Mann der Welt die [dänische] Souveränität herausfordert.“
Kommt nun eine schnelle Neuwahl?
In Dänemark muss spätestens bis zum 1. November gewählt werden. Nun stellt sich die Frage, ob Frederiksen ihre neue Popularität für eine vorgezogene Wahl nutzen wird. Anne Rasmussen hält einen Urnengang vor dem Sommer zwar für wahrscheinlich, warnt aber vor dem politischen Timing. „Es mag vielleicht etwas zu instrumentell erscheinen, dies [die Einberufung von Neuwahlen] mitten in der größten außenpolitischen Krise für Dänemark und die Weltordnung zu tun … aber es ist sehr wahrscheinlich, dass es noch vor dem Sommer dazu kommen wird.“
Der Aufschwung könnte nicht von Dauer sein
Frederiksens Popularität war zuvor stark eingebrochen. Laut einer YouGov-Umfrage sank ihre Zustimmung von 79 Prozent im Jahr 2020 auf lediglich 34 Prozent im Dezember. Politologen warnen daher, dass der Grönland-Effekt nicht von Dauer sein werde. „Ich glaube nicht, dass es einfach über Nacht verschwinden wird, aber man kann sich vorstellen, dass, wenn einige der nationalen Themen wieder mehr in den Vordergrund rücken, die Menschen ihre Entscheidungen eher darauf stützen werden, wenn sie darüber nachdenken, wen sie wählen sollen“, meint Rasmussen. Auch Rune Stubager von der Universität Aarhus spricht von einem kurzfristigen „Rallying effect“, der wieder abebben dürfte, sobald der äußere Druck nachlasse.




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