In diesen Tagen wurde viel über den Tod des ehemaligen Generals der bosnischen Serben Ratko Mladić geschrieben. Im Mittelpunkt steht dabei meist seine Rolle im Bosnienkrieg, insbesondere die Belagerung Sarajevos und die Ereignisse in Srebrenica, für die er später wegen Völkermordes, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt wurde. Mladićs Rolle im Kroatienkrieg zu Beginn der 1990er-Jahre findet hingegen weitaus weniger Beachtung – zumindest außerhalb Kroatiens. In Kroatien selbst wird Mladić mit zahlreichen Kriegsverbrechen in Verbindung gebracht. Aus kroatischer Perspektive beginnt Mladićs blutiges Vermächtnis deshalb nicht erst in Bosnien und Herzegowina. Bereits als Kommandeur des Knin-Korps der Jugoslawischen Volksarmee spielte er eine bedeutende Rolle im Krieg in Kroatien. Seine Handlungen in dieser Zeit prägen bis heute das kroatische Bild des späteren Oberkommandierenden der Armee der Republika Srpska (Vojska Republike Srpske).
Was einer breiteren Weltöffentlichkeit ebenfalls nicht ausreichend bekannt ist: Mladić beging ähnliche Verbrechen auch in Kroatien. Dort wurde Mladić von einem Gericht in Split in Abwesenheit zu 20 Jahren Haft verurteilt, da er im Raum Drniš und Sinj in Dalmatien Menschen verfolgt und Städte zerstört hatte. Ein bekannter Fall ist der Angriff auf das Dorf Kijevo nördlich von Split im August 1991. Die Jugoslawische Volksarmee feuerte dabei unter serbischer Führung und mit Unterstützung paramilitärischer Einheiten rund 1.600 Geschosse ab und setzte auch verbotene Streumunition ein. Das Dorf wurde vollständig zerstört und seine Einwohner vertrieben. Ein Teil von ihnen wurde gefoltert und getötet. Hinzu kamen weitere Angriffe mit Streuraketen in ganz Kroatien, unter anderem auf Zagreb. Darüber hinaus erfolgten wahlloser Artilleriebeschuss und Luftangriffe auf zivile Ziele im kroatischen Adriaraum sowie der Beschuss der Stadt Šibenik und ihrer Umgebung in der Nähe von Split, bei dem Zivilisten ums Leben kamen und erhebliche Schäden am historischen und kulturellen Erbe Kroatiens entstanden.
In Kroatien ist zudem seine Befehlsverantwortung für das Knin-Korps der jugoslawischen Armee im Kontext des entsetzlichen Massakers an Zivilisten in Škabrnja und Nadin in Dalmatien im November 1991 bekannt. Besonders schwer wiegt aus kroatischer Sicht der Versuch, im Januar 1993 den Peruća-Staudamm zu zerstören. Mladić hatte dessen Verminung mit 30 Tonnen Sprengstoff angeordnet. Während der Verhandlungen erklärte er stolz und direkt vor laufender Kamera: „Ich habe Ihnen gesagt, dass der Staudamm vermint ist. […] Sie wissen, dass auch die Maslenica-Brücke vermint ist. Und Sie wissen, dass ich das persönlich mit meinen Leuten gemacht und überprüft habe. Was ich tue, ist, wie Sie wissen, effizient und von hoher Qualität. […] Deshalb bestimme ich die Lage in Dalmatien. Das Knin-Korps, nicht ich.“
Befehle, Drohungen und ethnische Säuberungen
In Kroatien gilt er daher auch als verantwortlich für Folter, Tötungen, Plünderungen und Brandstiftungen sowie für Verbrechen an zahlreichen kroatischen Zivilisten jeden Alters. Dazu zählt auch die Zerstörung ziviler Gebäude und katholischer Kirchen mit dem Ziel, die kulturelle und religiöse Identität der Kroaten auszulöschen. Zu den schwersten Verbrechen gehörten zudem die systematischen Vergewaltigungen von Frauen in Kroatien sowie in Bosnien und Herzegowina. Aus kroatischer Sicht handelte es sich dabei nicht um isolierte Vorfälle, sondern um ein strategisches Vorgehen im Dienste der ethnischen Säuberung der kroatischen, bosniakischen und übrigen nichtserbischen Bevölkerung.
Während des Krieges in Kroatien sagte er in einem aufgezeichneten Telefongespräch mit dem damaligen Polizeichef von Šibenik, Nikola Vukošić: „Ich werde durch dich hindurchmarschieren wie durch Kijevo“, womit er Bezug auf das zuvor zerstörte kroatische Dorf Kijevo nahm. Sein offenes Eintreten für ethnische Säuberungen im Raum Zadar und Šibenik zeigte sich auch in der Drohung: „Alles, was älter als zehn Jahre und jünger als 75 Jahre ist, wird in Šibenik zugrunde gehen, und wir werden kein einziges Haus stehen lassen […]“. Dabei blieb es nicht bei Drohungen und psychologischer Kriegsführung. Wie weit seine Befehle dabei gingen, zeigt eine Aufnahme des Kriegsfilmers Petar Malbaša aus dem Jahr 1991. Darin ist Mladić mit dem Befehl an seine Einheiten zu hören: „Bringt alles um, was nicht Militär ist!“
Auch auf einer Sitzung der Versammlung der Republika Srpska in Banja Luka, im serbisch dominierten Teil Bosnien-Herzegowinas, formulierte Mladić seine großserbischen politischen und militärischen Ziele ganz offen. Mladić sagte: „Wir ziehen die Grenzen nicht mit dem Bleistift, sondern mit unseren Panzern und unserem Blut.“ Solche Aussagen wurden später auch als Beweismaterial in Verfahren zu Mladićs Verantwortung herangezogen. Ein Teil dieser Äußerungen wurde bereits während des Krieges von der Spionageabwehr und der kroatischen Polizei aufgezeichnet; andere sind durch Zeugen und Dokumente überliefert.
Die kroatische Bilanz des Krieges
Die Bilanz der aus kroatischer Sicht großserbischen Aggression ist verheerend: Mehr als 9.000 kroatische Zivilisten wurden getötet. Das entspricht 45 Prozent aller kroatischen Opfer in Kroatien sowie 39 Prozent aller kroatischen Opfer in Bosnien und Herzegowina. Überdies werden noch immer mehr als 1.700 vermisste Kroaten gesucht. Allein diese Tatsache verdeutlicht das Ausmaß der Verbrechen, für die zu einem erheblichen Teil auch Ratko Mladić verantwortlich gemacht wird.
Aus kroatischer Sicht war Mladić auch keineswegs der herausragende Feldherr, als der er von seinen Anhängern dargestellt wird. In den abschließenden Operationen des Kroatienkrieges gerieten die kroatischen Streitkräfte direkt mit den damaligen VRS-Truppen aneinander. Mladićs Truppen erlitten dabei erhebliche Niederlagen und verloren große Gebiete. Auf amerikanischen Druck stoppten die kroatischen Streitkräfte ihren weiteren Vormarsch auf Banja Luka, obwohl sie unmittelbar vor der Stadt standen. Ein hochrangiger Offizier der später aufgelösten VRS, General Slavko Lisica, bestätigte mehrfach, dass die Moral niedrig gewesen sei, sich die Bevölkerung auf die Flucht vorbereitet habe und die Stadt bald gefallen wäre, hätten die Kroaten ihren Angriff fortgesetzt.
Mladićs Verehrung und die Warnungen aus Kroatien
Serbien verabschiedete Ratko Mladić in diesen Tagen offiziell und entsandte einen Staatsflieger, um seinen Leichnam zu überführen. Ihm wurden militärische Ehren unter vollständigem Militärprotokoll auf höchster Ebene erwiesen, während der Patriarch der Serbisch-Orthodoxen Kirche, Porfirije Perić, die Totenliturgie hielt. Für kroatische Sicherheitsexperten bestätigt dies eine Warnung, die sie seit Jahren äußern: Großserbische politische Vorstellungen sind aus Teilen der serbischen Politik und Gesellschaft nicht verschwunden, sondern wirken bis heute fort.
Dementsprechend werden in Kroatien sowohl die Rede von der „zweiten Halbzeit“ als auch die beschleunigte Aufrüstung Serbiens aufmerksam verfolgt. In den Straßen der Republika Srpska in Bosnien und Herzegowina sowie in Serbien sind Graffiti mit dem Konterfei Mladićs zu sehen. Zudem tragen in Serbien und der Republika Srpska zahlreiche Straßen und andere öffentliche Orte die Namen serbischer Kriegsakteure, die wegen Kriegsverbrechen verurteilt wurden.
In Kroatien sowie in kroatisch geprägten Orten Bosnien und Herzegowinas waren dagegen keine besonderen Feiern zu beobachten; bei vielen, insbesondere bei den Opfern, überwog vielmehr Erleichterung. Entsprechend groß ist die Erleichterung vieler Kroaten darüber, dass Mladić nicht wie andere verurteilte serbische Kriegsverbrecher vor ihm auf freien Fuß kam.
Vor diesem Hintergrund ist die kroatische Sicht auf Mladić eindeutig: Sein Vermächtnis wird dort vorwiegend mit den Verbrechen verbunden, für die er verantwortlich gemacht und verurteilt wurde. Es ließe sich noch viel über seine Kriegsverbrechen und die gegenwärtige Lage in Serbien schreiben. Viele Kroaten in Kroatien, Bosnien und Herzegowina sowie in der Diaspora betrachten Mladić als einen der schwersten Kriegsverbrecher des späten 20. Jahrhunderts. Aus kroatischer Perspektive bleibt er ein völkermörderischer Henker und eine Verkörperung jener großserbischen Politik, deren Folgen die Region bis heute prägen.
Ratko Mladić und sein Erbe: Ein General, zwei Erinnerungen (02.09.2026)




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