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Die Rose Barracks: Zwischen US-Armee und deutschem Staatsschutz

Trump hatte im Mai angekündigt, 5.000 US-Soldaten aus Deutschland abziehen zu wollen. Mehrere Medien berichteten damals, damit seien die im oberpfälzischen Vilseck stationierten Soldaten des 2. Kavallerieregiments gemeint. Unser Autor war selbst Angehöriger dieser Einheit. In Vilseck erlebte er eine Zeit zwischen Kavallerietradition, Kameradschaft und schlüpfrigen Abenteuern.

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Die Rose Barracks in Vilseck waren für Jonathan Stumpf über anderthalb Jahre lang Dienstort beim 2. US-Kavallerieregiment.
Die Rose Barracks in Vilseck waren für Jonathan Stumpf über anderthalb Jahre lang Dienstort beim 2. US-Kavallerieregiment. (Bild: IMAGO / Wolfgang Maria Weber)

Auch wenn die Enttäuschung zunächst groß war, nach der Grundausbildung in Georgia ausgerechnet in Deutschland stationiert zu werden, sollten die kommenden anderthalb Jahre alles andere als langweilig werden. Kein Verband der US-Armee existiert so lange ununterbrochen wie das 2. Kavallerieregiment, das auf das am 23. Mai 1836 von Präsident Andrew Jackson aufgestellte 2. Dragonerregiment zurückgeht. Und die Spanische Hofreitschule in Wien verdankt diesem Verband ihre Lipizzaner. Während des Zweiten Weltkriegs wurden alle Gestüte im Einflussbereich der deutschen Wehrmacht nach Hostau im Sudetenland evakuiert. Als gegen Ende des Krieges das Gestüt durch die vorrückende Rote Armee bedroht war, wurden geheime Verhandlungen mit den Amerikanern über eine Rettung der Lipizzaner und übrigen Pferde aus Hostau geführt. Obwohl es sich bei der 2. Kavalleriegruppe schon damals um eine mechanisierte Einheit handelte, waren viele Angehörige des Verbands Reiter und hatten vor der Mechanisierung in berittenen Einheiten gedient. General Patton gab grünes Licht für eine Rettung der Pferde. Das Unternehmen bekam den passenden Namen „Operation Cowboy“. Dabei wurden die etwa 1.200 Pferde in Gruppen von 30 bis 40 Tieren in Richtung der bayerischen Grenze getrieben. Trächtige Stuten und Stuten mit neugeborenen Fohlen wurden mit Lastwagen evakuiert. Die Zuchthengste hingegen wurden geritten. Es kam während des Unternehmens zu Gefechten mit einer nicht in den Plan eingeweihten Einheit der Waffen-SS. Auf eigenen Wunsch hin wiederbewaffnete deutsche Kriegsgefangene und desertierte Kosaken kämpften dabei Seite an Seite mit den US-Kavalleristen. Kurze Zeit später erreichten Panzer der Roten Armee das leere Gestüt.

Das Regiment besteht heute im Wesentlichen aus Panzergrenadieren (mechanisierte Infanterie) und verfügt über „Stryker“ genannte Radpanzer. Das Motto der Einheit: „Allzeit bereit.“ Begegnete man einem Offizier, musste man mit den Worten „Always ready, sir!“ salutieren, worauf dieser auf Französisch zu erwidern hatte: „Toujours prêt!“ Weder hätte ich mir bessere Vorgesetzte noch bessere Kameraden wünschen können, als ich in den Rose Barracks in der Oberpfalz meine Taschen auspackte. Ein junger, ambitionierter Leutnant und ein alter, erfahrener Sergeant First Class führten mein Platoon, und dem First Sergeant der Kompanie beziehungsweise Troop, wie es bei der Kavallerie heißt, sah man schon aus hundert Metern Entfernung an, dass er ein richtiger Haudegen war.

Aus dem Leben eines Taugenichts

In den ersten Wochen hatte ich als Einziger in meinem Platoon keinen Stubenkameraden und ich beschwerte mich nicht darüber. Aber selbstverständlich wusste ich, dass sich dieser Zustand jederzeit ändern konnte. Als wir einmal nach einer Feldübung beim Reinigen der Waffen zusammensaßen, flog die Tür auf und einer der Sergeants rief meinen Namen in den Raum. Er hatte einen Private aus North Carolina im Schlepptau, den er mir als meinen künftigen Stubenkameraden vorstellte. Rob war mir gleich sympathisch und zu der Südstaatenfahne, die schon in meiner Zimmerhälfte hing, gesellte sich alsbald eine Südstaatenfahne auf seiner Zimmerseite. Überhaupt hat man bei der Infanterie das Gefühl, zwei von drei Soldaten seien in den Südstaaten beheimatet. Unser Zimmer war längst nicht das einzige, in dem die „Stars and Bars“ hingen, und einer unserer Texaner pflegte sich bei Feldübungen einen Spaß daraus zu machen, die US-Fahne auf seiner Uniform mit einer Südstaatenfahne zu substituieren. Von Animositäten gegenüber unseren schwarzen und lateinamerikanischen Kameraden fehlte dabei dennoch jede Spur. Alle, selbst die stolzesten Südstaatler, wären für die Handvoll Schwarze in unseren Reihen durch dick und dünn gegangen.

Da Vilseck nur eine knappe Stunde von Nürnberg entfernt ist, nahmen wir uns an den Wochenenden häufig in dem heruntergekommenen Hotel Frankenhof ein Zimmer und soffen in den Kneipen der Stadt, bis die Barhocker auf den Tresen gestellt wurden. Da ich dorthin immer mit dem Zug fuhr, las ich für gewöhnlich ein Reclam-Heftchen auf dem Weg. Gegen Ende meiner Kasernierung in Bayern konnte ich in der Bahnhofsbuchhandlung kaum noch ein Reclam-Heft ergattern, das ich nicht bereits gelesen hatte. Am liebsten war mir Eichendorffs Novelle Aus dem Leben eines Taugenichts. Ein Müller schickt seinen Sohn hinaus in die weite Welt, weil er ihn für einen Taugenichts hält. Dieser nimmt seine Geige und verlässt ohne klares Ziel sein Dorf, wird aber bald von zwei Damen in einer Kutsche von der Straße aufgegabelt, weil sie Gefallen an seiner Musik finden. Sie nehmen ihn mit auf ihr Schloss, wo er sofort eine Anstellung als Gärtnerbursche erhält. Er verliebt sich in das jüngere Fräulein und hinterlegt ihr, inzwischen zum Zolleinnehmer befördert, regelmäßig Blumen. Als er Aurelie eines Tages mit einem Offizier auf einem Balkon erblickt, packt er seine Siebensachen und verlässt desillusioniert das Schloss. Nun zieht es den Taugenichts nach Italien. Auf dem Weg dorthin trifft er auf zwei Reiter, die er zunächst für Banditen hält. Es handelt sich indes um als Maler getarnte Landsleute. Die nachfolgenden Irrungen und Wirrungen, an deren Ende der Taugenichts über Rom und dann per Postschiff auf der Donau wieder zurück in die Heimat gelangt und schließlich doch seine Herzensdame heiratet, seien hier übergangen. Das Wesentliche für mich, das, was mir die Fabel so sympathisch machte, war die im Protagonisten verkörperte Rastlosigkeit.

Kleine Wochenendabenteuer

In Vilseck war das kleine Rose & Crown Stammlokal meines Platoons. Hier wurde Rock gespielt, und Claudia, die Wirtin, schenkte großzügig ein. Wegen meines Dialekts hatte ich dort unter den einheimischen Stammgästen den Spitznamen Schwarzwald-Ami. Am ersten Wochenende, an dem wir mit Rob in Nürnberg auf die Gasse gingen, verloren wir ihn in den frühen Morgenstunden aus den Augen. Als wir ihn tags darauf wieder trafen, hatte er uns eine ziemlich ulkige Geschichte zu erzählen: Er war irgendwann, müde und orientierungslos, in eine Straßenbahn eingestiegen und bis zu deren Endhaltestelle gefahren. Dort war er ausgestiegen und ein wenig herumgelaufen. Als er schließlich durch eine Hecke stolperte und eine Tür offenstehen sah, ging er durch sie hindurch in ein großes Gebäude mit langen Fluren. Dort legte er sich auf ein Sofa und schlief ein. Als er geweckt wurde, standen vor ihm nicht nur zwei Uniformierte, sondern auch Personen in weißen Kitteln. Es stellte sich heraus, dass er die Nacht oder das, was davon übrig gewesen war, in einem Altersheim verbracht hatte. Auf eine Anzeige wegen Einbruchs wurde selbstredend verzichtet und die Polizisten waren so freundlich, ihn wieder ins Zentrum der fränkischen Metropole mitzunehmen. Da es mittlerweile taghell war, hatte er, zumal wieder halbwegs nüchtern, keine Probleme, unsere Unterkunft zu finden.

An Vier-Tage-Wochenenden ging es aufgrund der geografischen Lage Vilsecks in der Regel nach Prag oder Pilsen, aber auch Budapest, Oberitalien und die slowenische Hauptstadt Laibach wurden von uns angesteuert. Da niemand außer mir einen Schaltwagen fahren konnte, wurde auf den langen Autofahrten auch meine Musik gehört, und das war zu dieser Zeit noch fast ausschließlich Rechtsrock. Christian Ronnow, unser MG-Schütze aus Utah, protestierte zwar regelmäßig, aber ich blieb stur. Der Fahrer war gleichzeitig der DJ, das war ein ungeschriebenes Gesetz. Ronnow war der Einzige, mit dem ich immer wieder politisch aneinandergeriet, aber ich schätzte die langen Diskussionen mit ihm in Wahrheit sehr. Er verfügte über eine umfassende Allgemeinbildung, was man etwa von Private Brown nicht behaupten konnte. Brown war in einem Trailerpark aufgewachsen und wie alle meine Kameraden, mit Ausnahme Ronnows, Bostons und eines Puertoricaners, gläubig. Einmal fragte er mich mit weit aufgerissenen Augen, die völliges Unverständnis zeigten: „Was meinst du, du glaubst nicht, dass es Gott gibt?! Bist du dumm oder was?!“

An unserem ersten Wochenende in Prag war es wieder Rob, der mit der besten Geschichte im Gepäck den Heimweg antreten sollte. Wir hatten uns eine Maisonettewohnung in Bahnhofsnähe gemietet und waren zusammen ausgegangen. Während Ronnow und der vierte Mann im Bunde, ich glaube, es war Jason Lobas, aus dem zerbrochenen Weinglas in der Küche und den verrutschten Möbeln im Wohnzimmer gleich durchaus richtig folgerten, ich hätte ein Mädchen abgeschleppt und sei deshalb früher nach Hause gegangen, fehlte von Rob auch noch am nächsten Morgen jede Spur. Er trudelte irgendwann mittags ein und erzählte uns freudestrahlend, was er erlebt hatte: Eine reifere Frau, wahrscheinlich Mitte dreißig, hatte sich sehr für ihn interessiert und ihn zu sich nach Hause mitgenommen. Sie wohnte etwas außerhalb der Stadt. Als er am nächsten Morgen aufgewacht sei, habe er einen sehr großen Harndrang verspürt. Da er bei seiner Suche nach einer Toilette in der großen Wohnung allerdings nicht gleich fündig geworden sei, habe er in den Blumentopf einer Zimmerpflanze uriniert und sich anschließend wieder zu seiner Gespielin ins Bett gelegt. Diese fuhr ihn, nachdem sie ihm ein reichhaltiges Frühstück zubereitet hatte, zurück nach Prag und ich fuhr ihn tags darauf wieder nach Vilseck.

Probleme mit dem Staatsschutz

Da der Pforzheimer Staatsschutz Kontakt mit den US-Streitkräften aufnahm, nachdem ich in unserer früheren Stammkneipe mit Mitgliedern des Heidnischen Sturms (eine rechtsextreme Kameradschaft, die in den 2000er-Jahren aktiv war, Anm. d. Red.) ein Wiedersehen gefeiert hatte, kam eine großangelegte Untersuchung ins Rollen, die zu meiner Versetzung und schließlich zu meinem verfrühten Ausscheiden aus der Armee führte. Kurz zuvor hatte ich mir noch buchstäblich meine Sporen verdient, mein Platoon bei einem Regimentswettlauf vertreten und mit vier oder fünf weiteren Kameraden das Deutsche Sportabzeichen gemacht. Mein Leutnant sagte damals zu mir: „Nehmen Sie die besten aus dem Platoon und kommen Sie alle mit Gold zurück.“ Und so war es denn auch. Die Army Achievement Medal hatte ich für meine Rolle als SAW-Gunner bei einer vierwöchigen Feldübung erhalten, war Soldat der Woche gewesen und hatte neben dem einwöchigen Combat-Life-saver-Kurs auch den Stryker- und LKW-Führerschein sowie die Zusatzqualifikation für Gefahrguttransporte. Ich war bestens für den Einsatz vorbereitet und konnte es kaum erwarten, mit meinen Kameraden in den Flieger zu steigen. Doch es kam anders.

Als mein Platoon nach Afghanistan aufbrach, musste ich mich beim „rear detachment“ melden, das aus jenen Soldaten bestand, die nicht am Auslandseinsatz teilnehmen konnten oder wollten. Meine Vorgesetzten, allen voran mein Spieß, hatten bis zuletzt darum gekämpft, mich in den Einsatz mitnehmen zu dürfen. Meine beiden Seesäcke waren schon dort, sodass ich für einige Wochen nur eine Uniform zur Verfügung hatte. Ich besaß einen dicken Stapel eidesstattlicher Erklärungen und guter Referenzen meiner Vorgesetzten und Kameraden. Gerade die Angehörigen von Minderheiten hoben in ihren Erklärungen hervor, dass ich sie stets mit Respekt behandelt hätte. Ich hätte es auch nie an zwischenmenschlicher Herzlichkeit fehlen lassen. Wäre es zu einer Verhandlung gekommen, hätte ich ein paar Asse im Ärmel gehabt. „It’s 50/50“, sagte der Major, der mich im Falle einer juristischen Auseinandersetzung vertreten hätte. „We could put up a decent fight.“ Da im Rahmen der Untersuchung auch mein Laptop beschlagnahmt worden war, auf dem man das Manuskript zu meinem 2011 geschriebenen und 2013 veröffentlichten Zukunftsroman Das Kreuz des Südens und einige im Jahr 2013 verfasste Fabeln fand, die der Staatsschutz für teuer Geld ins Englische übertragen ließ, hatte ich eine Zeitlang nur ein Radio. Zum Leidwesen meines neuen Stubenkameraden, denn ich hörte immerzu klassische Musik. Zum Glück mochten mich mein neuer Spieß, mein neuer Squad-Leader, mein neuer Zugführer und sogar mein neuer Kompaniechef, sodass ich für die verbleibende Dienstzeit selbst zum stellvertretenden Squad-Leader avancierte und meine Gruppe beim Sport anleitete, auch wenn die beabsichtigte Beförderung zum Corporal aufgrund einer Sperre nicht ausgesprochen werden konnte.

Einmal ließ mich der Hauptmann vor die versammelte Kompanie hintreten und hob in einer Ansprache über Disziplin und Leistungsbereitschaft hervor, was für ein guter Soldat ich sei, obwohl eine Untersuchung gegen mich laufe. Auch durfte ich in diesen Monaten mit unserer deutschen Partnereinheit, dem 1. Panzergrenadierbataillon 122, die Schützenschnur machen.

Als ich mit Daniel, der ebenfalls wegen vermeintlich rechter Umtriebe zum „rear detachment“ versetzt worden war, aufs Nürnberger Volksfest ging, lernte ich auf dem Nachhauseweg Bianca kennen, die mir versehentlich auf die Füße getreten war. Jeansjacke, lange rotbraune Haare, große Augen, Grübchen und ein freundliches Lächeln. Das gefiel mir. Als Daniel und ich am nächsten Tag vor unserem Hotel saßen und frühstückten, lief sie zufällig mit ihrer Mutter an uns vorbei. Ich bat sie um ihre Telefonnummer, da ich es in der Nacht zuvor versäumt hätte, diese einzuspeichern. Als sie und ihre Mutter fort waren, fragte ich Daniel, ob er wisse, wer das gewesen sei. „Das ist die, die dir gestern auf die Füße getreten ist“, sagte er achselzuckend. „Auch“, entgegnete ich. „Das wird meine neue Freundin.“ Ein halbes Jahr lang waren wir ein Paar und die Anfangszeit war sehr schön. Irgendwann lagen wir an den Wochenenden hauptsächlich im Bett und sahen fern, konnten uns aber nur selten auf eine Sendung einigen. Ich bevorzugte Dokumentationen, sie liebte Kochsendungen und andere Formate des Trash-TV. Die Beziehung ging in die Brüche, als ich nach meinem Abschied von der Armee nach Heidelberg zog, um endlich ein Studium aufzunehmen.

Dieser Text wurde zuerst in der FREILICH-Ausgabe Nr. 41 „Der übergriffige Staat“ abgedruckt.

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