Die jüngsten Tode zweier Anti-ICE-Aktivisten in Minnesota schlugen in der amerikanischen Medienöffentlichkeit mit voller Wucht ein. Die amerikanische Linke in Form der Demokratischen Partei, der großen Medienhäuser und des linken Vorfelds strauchelte bis in die jüngste Vergangenheit unter dem fulminanten Sieg Trumps aus dem Jahr 2024. Es fehlte an zentralen Schlüsselfiguren sowie an Narrativen, um die man sich versammeln konnte. Mit dem Tod von Nicole Good und Alex Pretti im Januar 2026 änderte sich dies.
Nun war offensichtlich, wogegen man sich gesammelt aussprechen könnte, wo die Achillesferse der Trump-Administration liegt, nämlich bei ICE (Immigration and Customs Enforcement) und bei dem von Christi Noem geführten Department of Homeland Security (DHS). Ob das Vorgehen der Beamten in den beiden Fällen rechtmäßig war, wird hierbei ausgeklammert, dies werden amerikanische Gerichte entscheiden. Die Nachwehen und das Management der Trump-Administration stehen in diesem Beitrag im Mittelpunkt.
ICE wird zur neuen Frontlinie
Innerhalb der breiten MAGA-Koalition taten sich jetzt erste Risse auf: Während sich Hardliner wie Stephen Bannon klar pro ICE positionierten und zu Geschlossenheit aufriefen, orteten andere Teile der Pro-Trump-Koalition eine inakzeptable Eskalation der „Mass Deportations“ und forderten Zurückhaltung ein. Speziell der libertäre Flügel des republikanischen Vorfelds tat sich hier hervor – bekanntermaßen waren jene nie große Freunde der Bundesbehörden – und so sah man die Gelegenheit, diesbezüglich Druck auf den Präsidenten auszuüben.
Wichtig hierbei anzumerken ist, dass das MAGA-Lager immer schon eine lose Koalition aus diversesten Gesellschaftsgruppen war und ist. Wie bei jeder politischen Sammelbewegung ist auch MAGA von inneren Widersprüchen gekennzeichnet. Donald Trump hat allerdings die einzigartige Fähigkeit, diese Widersprüche in seiner Person aufzulösen. Oberste Priorität ist seine Persönlichkeit als Kristallisationspunkt sowie Projektionsfläche der jeweiligen Gruppen und ihrer politischen Forderungen.
Die Uneinigkeit in der Kommunikation der Trump-Regierung, die Spaltung des MAGA-Lagers und die neu gefundene Einigkeit der nun mobilisierten amerikanischen Linken stellen einen Paradigmenwechsel dar. Der ICE-Bevollmächtigte Greg Bovino wurde abberufen und in den vorläufigen Ruhestand geschickt. Der „Border Czar“ Tom Homan reiste nach Minnesota, um bekanntzugeben, dass ab sofort nur noch straffällige Illegale abgeschoben würden. Laut neuesten Gerüchten aus dem Weißen Haus hat auch die Amtszeit von Kristi Noem ein Ablaufdatum erreicht. Die amerikanische Exekutive befindet sich auf dem Rückzug. Gleichzeitig gibt dies dem linken Aktivistenmilieu, dem Good und Pretti entstammten, Aufwind und Bestärkung, dass ihre Obstruktionen der Abschiebevollzüge wirksam sind – ein fatales Signal. Doch wie kam es so weit?
Trump und die „Mass Deportations“
Während des Präsidentschaftswahlkampfs 2024 gab es breite Unterstützung der republikanischen Basis für die „Mass Deportations“. Dies stellte in erster Linie eine Reaktion auf die Masseneinwanderung der Biden-Administration dar. Unter der Präsidentschaft Joe Bidens dürften laut Schätzungen rund zehn Millionen Illegale, primär aus Zentral- und Südamerika, in die Vereinigten Staaten eingereist sein. Donald Trump selbst sparte bekanntlich nie mit Kritik an seinem Vorgänger, speziell was die Migrationspolitik betrifft, jedoch rief er schon während seines Wahlkampfs 2024 zur Vorsicht auf, speziell was die kontrovers diskutierten H1B-Visa anging.
Grund hierfür dürfte der Einfluss wohlhabender Spender sein, welche Unternehmen in Branchen unterhalten, die sich weitgehend auf billige Arbeitskräfte aus dem Ausland stützen. Interessanterweise gebrauchte Donald Trump während des Wahlkampfs kein einziges Mal den Begriff der „Mass Deportations“. Jenes Versprechen gab es somit auch nicht und dürfte wiederum eine reine Projektion der Parteibasis auf die Persönlichkeit Trumps gewesen sein. Dennoch war es ein Anliegen der angehenden Administration im Frühjahr 2025, zumindest den Anschein zu erwecken, dass massenhaft abgeschoben werden würde.
Mit dem Verabschieden der BBB (Big Beautiful Bill) im Jahr 2025 konnte die Administration nun eine kräftige Finanzspritze für ICE garantieren, wobei nur mehr die Frage blieb, wer nun abgeschoben werden sollte: Es sollten nicht jene hunderttausende illegale Arbeiter sein, welche im Agrar- und Servicesektor arbeiten, ebenso wenig wollte man die steigende Zahl an Asiaten innerhalb der Tech-Branche und den Universitäten vergraulen; also entschied man sich für präzise Einsätze in den diversen Großstädten der USA, von denen die meisten sogenannte „Sanctuary Cities“ sind, also Städte, in denen Demokratische Bürgermeister die illegal aufhältigen Migranten vor Abschiebung schützen. Dieses chirurgische Vorgehen, gepaart mit zu wenig Rückendeckung von lokalen Ordnungskräften, brachte bescheidene Abschiebungszahlen hervor: Im vergangenen Jahr belaufen sich Schätzungen auf Abschiebezahlen zwischen 250.000 und 300.000.
Warum Trumps Bilanz ernüchtert
Was auf den ersten Blick nach einer sehr hohen Zahl aussieht, wird allerdings von der Migrationsbilanz Bidens stark relativiert: Von den zehn Millionen illegal Eingereisten im Zeitraum 2020–2024 ergäbe dies lediglich drei Prozent. Da die Trump Administration nun aber im Rückzug ist und nicht zuletzt wegen der anstehenden Midterms schlechte Presse vermeiden will, ist 2026 von einer weitaus kleineren Zahl an Abschiebungen auszugehen. Somit lässt sich prognostizieren, dass in der gesamten Amtszeit Trumps bis 2028 wohl kaum mehr als zehn Prozent der unter Biden eingereisten Migranten außer Landes gebracht werden. Anders gedacht: Nur um die Migrationsbilanz Bidens auszugleichen, bräuchte Trump wohl noch weitere neun (!) Amtszeiten.
Hieraus ergibt sich ein klares Muster des Trumpschen Modus Operandi: vollmundige Ankündigungen und Kokettieren mit Autoritarismus, gepaart mit fragwürdiger Umsetzung und nicht zuletzt chaotischem Rückzug, sobald der Gegenwind zu stark wird. Trump versteht es, zu polarisieren und die Aufmerksamkeit der Medien für sich zu gewinnen, allerdings fehlt es ihm an politischem Willen und der Ausdauer, einem Shitstorm der Medien oder gar Teilen der eigenen Basis standzuhalten.
Déjà-vu 2016 bis 2020
Alten Kennern der US-Innenpolitik kommt dies bekannt vor, die Situation erinnert an Trumps erste Amtszeit von 2016 bis 2020: Der Enthusiasmus von 2016/17 verflog schnell, eine ineffiziente Administration eilte den Schlagzeilen hinterher, um schließlich bei den Midterms eine Niederlage zu erleiden. Die Folge war eine sogenannte „Lame-Duck-Periode“, in der die versprochene Grenzmauer nicht gebaut wurde, einzelne Regierungsmitglieder sich bereicherten und die illegale Migration sich sogar im Vergleich zur Obama-Administration verschlimmerte.
Sollte sich die erste Amtszeit Trumps tatsächlich nach acht Jahren wiederholen, wären die Millionen von Amerikanern, die ihm ihre Stimme gaben, ein weiteres Mal verraten worden, ohne wesentliche Gewinne verzeichnen zu können. Ganz im Gegenteil steht ihnen nun eine erneut geeinte Linke gegenüber, welche mit voller Härte gegen ihre Gegner vorgeht, sobald sie sich erneut konsolidieren kann. Die eigentliche Frage, die sich dann stellt, ist diejenige der inneren Einigkeit innerhalb der republikanischen Partei. Wie oft können die konservativen Wähler noch zu den Wahlurnen bewegt werden, wenn sich an der nationalen Situation nichts ändert, während die Versprechungen immer unglaubwürdiger werden? Und wie möchte Vizepräsident J. D. Vance – der schon jetzt von Parteigranden zum Kronprinzen ausgerufen wurde – mit diesem Vermächtnis die Präsidentschaftswahlen 2028 gewinnen?




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