Wien/St. Pölten. – Die Bundesregierung plant, im März mit der Ausarbeitung einer umfassenden Fachkräftestrategie zu beginnen. Damit will sie auf die demografischen Verschiebungen und den technologischen Wandel reagieren. Federführend ist das Arbeitsministerium, eingebunden sind außerdem das Wirtschafts- und das Bildungsressort. Bereits Mitte Februar wies Arbeitsministerin Korinna Schumann (SPÖ) auf die Dringlichkeit des Vorhabens hin. „Erstmals seit 1950 schrumpft die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter, und Österreich fehlen aktuell rund 200.000 qualifizierte Arbeitskräfte“, sagte Schumann. Oftmals mangele es Bewerbern an den erforderlichen Qualifikationen.
Qualifizierung, Lehre und internationale Fachkräfte
Die geplante Strategie soll auf drei zentralen Säulen aufbauen: einer breit angelegten Qualifizierungsoffensive, einer Stärkung der dualen Ausbildung und einer besseren Nutzung des Potenzials internationaler Fachkräfte als ergänzender Ansatz. Schumann betonte zudem, dass arbeitsmarktpolitische Maßnahmen allein nicht ausreichen würden. „Es müssen auch die Rahmenbedingungen wie Kinderbetreuung, Pflege, Mobilität und leistbares Wohnen stimmen.“ Besonders entscheidend sei eine höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen.
Unterstützung kommt vom Österreichischen Gewerkschaftsbund. „Endlich wird anerkannt, dass der Fachkräftemangel kein kurzfristiges Problem ist, sondern eine strukturelle Herausforderung“, wurde ÖGB-Bundesgeschäftsführerin Helene Schuberth in einer Aussendung zitiert.
FPÖ übt scharfe Kritik an Regierungsplänen
Von der FPÖ kommt hingegen massive Kritik. Sozialsprecherin Dagmar Belakowitsch warf der Bundesregierung vor, „auf das völlig falsche Pferd“ zu setzen. Anstatt die Lehre substanziell aufzuwerten, würden ÖVP, SPÖ und NEOS mit Erleichterungen bei der Rot-Weiß-Rot-Karte „ausländische Arbeitskräfte importieren, was wiederum Lohndumping befördert“.
Auch Niederösterreichs Arbeits-Landesrätin Susanne Rosenkranz (FPÖ) lehnt zusätzliche Zuwanderung zur Deckung des Arbeitskräftebedarfs ab. „Es gibt eine erhebliche Zahl arbeitsloser Personen, darunter Jugendliche, ebenso Menschen in Schulungsmaßnahmen. Diese Potenziale gilt es gezielt und bedarfsorientiert zu qualifizieren. Eine zusätzliche Zuwanderung ist dafür nicht notwendig“, so die Freiheitliche.
Sie plädiert dafür, offene Stellen vorrangig mit Personen zu besetzen, die bereits in Österreich leben. In diesem Zusammenhang verweist sie auf bestehende Programme wie die „Ausbildungsgarantie bis 25“, die einen nachträglichen Berufsabschluss ermöglicht. Das Land Niederösterreich setze gemeinsam mit dem AMS auf gezielte Qualifizierungs- und Umschulungsangebote. „Bevor Instrumente wie die Rot-Weiß-Rot-Karte weiter ausgeweitet werden, muss der Fokus klar auf der Qualifizierung der bereits im Land befindlichen Arbeitskräfte liegen“, so Rosenkranz. Internationale Studien zeigten, dass migrationspolitische Schritte langfristig differenziert zu bewerten seien.
Forderung nach langfristiger Fachkräfteplanung
Nach Ansicht der Landesrätin ist zudem eine strategischere Planung erforderlich. Zwar liefere das bestehende Fachkräftebarometer Hinweise auf aktuelle Engpässe, es fehle jedoch an mittel- und langfristigen sowie regional differenzierten Prognosen. „Wir brauchen einen österreichweit flächendeckenden Ausbau von Jugendarbeitsprojekten. Gleichzeitig muss die Lehre wieder stärker an Wert gewinnen. Ich stehe für den Ansatz ‚Land der Meister, nicht nur der Master‘“, so Rosenkranz. Sie spricht sich für finanzielle Entlastungen bei Meister- und Lehrabschlüssen nach dem Vorbild Niederösterreichs sowie für zielgerichtete Bildungsförderungen aus.
Deutliche Worte findet sie auch zur Zuwanderungsdebatte: Es sei „unverständlich“ und aus Sicht der Freiheitlichen „unverantwortlich“, dass die Bundesregierung in einer wirtschaftlich angespannten Lage neue Zuwanderungsmodelle diskutiere. Vorrang müsse haben, die Aus-, Fort- und Weiterbildung der Österreicher konsequent zu stärken und arbeitslose Menschen nachhaltig in Beschäftigung zu bringen. „Die vorliegenden Zahlen zeigen, dass Zuwanderung allein keine strukturellen Probleme am Arbeitsmarkt löst“, betonte die Landesrätin.
Personalplanung mit Weitblick
Mit Blick auf den öffentlichen Bereich fordert Rosenkranz eine vorausschauende Personalplanung. „Gerade im öffentlichen Sektor müssen wir frühzeitig abschätzen können, wo in zehn oder zwanzig Jahren zusätzlicher Personalbedarf entstehen wird – etwa im Gesundheitswesen, in der Verwaltung oder im Zuge technologischer Entwicklungen wie der Künstlichen Intelligenz“, so Rosenkranz. Ein entsprechendes Prognoseinstrument könne hierfür eine fundierte Basis schaffen. Wenn man Entwicklungen rechtzeitig erkenne und bedarfsgerecht ausbilde, würden Arbeitnehmer ebenso wie die Betriebe profitieren. Eine vorausschauende Planung stärke den Standort und schaffe langfristige Perspektiven für das Land.



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