Die AfD steht heute dort, wo andere Parteien nie wieder hinkommen werden. Sie gilt Millionen Bürgern als einzige echte Opposition zu einem politischen System, das den Staat wie Beute behandelt. Ein Kartell aus Altparteien, Vorfeldorganisationen und medialen Schutzmächten hat sich über Jahrzehnte hinweg etabliert. Es versorgt einander mit Posten, Pfründen und moralischen Absolutionen und bezeichnet dies als „unsere Demokratie“. Gegen dieses Geflecht hat die AfD ihr politisches Kapital aufgebaut.
Ihr Erfolgsrezept war stets einfach und zugleich anspruchsvoll: Sie versprach, anders zu sein. Unbestechlich. Nicht käuflich. Nicht verfilzt. Sie stellte sich als Alternative zum falschen Ganzen dar. Während sie den etablierten Parteien ein politisch-moralisches Versagen vorwarf, stellte sie sich selbst als sittliche Gegenmacht dar. Nicht im Sinne linksmoralischer Erbauung, sondern im klassischen Verständnis von Anstand, Pflicht und Verantwortlichkeit. Nach dem Motto: Der Bürger sorgt für seinen Staat, er benötigt keine dreiste Elite.
Gerade deshalb ist die Fallhöhe enorm. Die AfD kann sich inhaltliche Härte, polemische Zuspitzung, Tabubrüche und scharfe Rhetorik gegen ein System leisten, das selbst längst jede Grenze eingerissen hat. Was sie sich jedoch nicht leisten kann, ist Korruption in den eigenen Reihen. Vetternwirtschaft, Selbstbedienung und private Vorteilsnahme aus öffentlicher Macht überschreiten eine rote Linie. Wer sie überschreitet, zerstört das Fundament, auf dem diese Partei ruht. Dann wird aus der Alternative eine Kopie – nur mit anderem Vokabular.
Korruption als Zeichen des Verfalls
Ein Blick in die Vergangenheit zeigt: Die Geschichte ist unerbittlich. Schon die römische Republik wusste, dass politische Ordnung nicht zuerst an äußeren Feinden zerbricht, sondern an innerer Fäulnis. Solange das Amt als Dienst verstanden wurde, als Verpflichtung gegenüber der res publica und dem Gemeinwohl, war Rom stark. Als die Ämter jedoch zu Einkommensquellen und Machtpositionen degradiert wurden, begann der Niedergang. Korruption ist kein Randphänomen und auch kein Betriebsunfall der Politik. Sie ist das sichtbare Zeichen eines tieferen Verlusts: des staatsbürgerlichen Geistes. Das Wirken eben jenes Geistes in der AfD im Vergleich zu anderen Parteien, die eher von einem kleptomanischen Poltergeist angetrieben werden, war bisher einer der großen Gründe für den Aufstieg der AfD.
Wie destruktiv ein Korruptionsvorwurf sein kann, konnte man 2019 in Österreich beobachten: Ein wohl fingierter Vorwurf gegen den freiheitlichen Vizekanzler Heinz-Christian Strache sprengte die gesamte Regierung. Zwar zeigte sich später, dass Strache sich kaum etwas zuschulden kommen ließ, doch das Etikett „korrupt“ zog die FPÖ nach unten. Nachdem Herbert Kickl die Partei übernommen hatte, wurden einige sehr dreiste Hasardeure, die es mit der Bereicherung übertrieben hatten, an den Rand gedrängt. Nun steht die FPÖ bei teilweise 40 Prozent in Umfragen.
Besonders gefährlich ist dabei nicht der offen korrupte Karrierist, sondern der „rosarote Spießer“ in den eigenen Reihen: jener Typus Funktionär, der seine Stellung auskostet, Netzwerke pflegt, Gefälligkeiten verteilt und die Macht seiner Funktion mit persönlicher Bereicherung verwechselt. Er tarnt sich als Loyaler, als Organisator, als „Macher“ – und frisst sich langsam durch die Substanz der Bewegung.
Das eherne Gesetz der Oligarchie im rechten Gewand
Niemand kann behaupten, nicht gewarnt gewesen zu sein. Robert Michels’ „ehernes Gesetz der Oligarchie“ gilt auch für rechte Parteien. Jede Organisation neigt dazu, sich von ihrem ursprünglichen Zweck zu lösen und sich selbst zum Zweck zu machen. Funktionäre entwickeln Eigeninteressen. Macht ballt sich. Loyalität ersetzt Leistung.
Auch die AfD ist davor nicht gefeit. Wo Strukturen wachsen, wächst das Risiko von Patron-Klienten-Verhältnissen. Posten werden nicht nach Qualifikation, sondern nach Nähe vergeben. Kritik gilt als Nestbeschmutzung. Der Apparat beginnt, sich selbst zu schützen. Dies wirkt besonders fatal dort, wo weltanschauliche Bildung und persönliche Standhaftigkeit fehlen, denn Macht und Privilegien korrumpieren vorwiegend diejenigen, die innerlich nicht gefestigt sind. Aber: Selbst weltanschauliche Bildung schützt nicht vor Karrierismus und Arroganz, wie das Beispiel von Maximilian Krah zeigt.
Rechte Politik war historisch nie bloß Interessenpolitik. Sie war stets an ein Ethos gebunden. Der preußische Stil – jenseits aller Karikaturen – verstand Macht als Last. Der Staatsmann war nicht der Nutznießer seines Amtes, sondern dessen erster Diener. Mehr Pflichten, mehr Haftung, mehr Verzicht. Das sind jedoch Gedanken, die in der bleiernen BRD fehl am Platz sind. In einem Land, das nur das Maximum, aber nicht das Optimum kennt. Aber die AfD will ja eine Alternative sein. Also muss sie nicht nur darüber sprechen, sondern es auch sein. Korruptionsbekämpfung ist deshalb nicht nur eine Frage von Regelwerken, sondern auch der inneren Disziplin. Eine Partei, die Ordnung predigt, aber Unordnung praktiziert, verliert ihre Glaubwürdigkeit.
Die Glaubwürdigkeit ist in Gefahr
Korruption und Vetternwirtschaft schaden auch ganz konkret dem Ansehen der Partei: Die AfD beansprucht für sich, die soziale Heimatpartei zu sein. Sie spricht all jenen aus der Seele, die sich von Inflation, Steuerlast und wirtschaftlicher Unsicherheit erdrückt fühlen. Gerade deshalb wirkt jede Form innerparteilicher Selbstbedienung wie Hohn. Solidarität ist keine Einbahnstraße. Wer den arbeitenden Bürger verteidigt, darf ihn nicht durch eigene Gier verhöhnen. Wenn man eigenen Familienmitgliedern Löhne auf Kosten von Steuergeldern zahlen lässt, die 99 Prozent der eigenen Wähler niemals bekommen würden, wirkt das „Wir stehen an eurer Seite!“ nicht ernst gemeint, sondern wie Makulatur.
Was es jetzt benötigt, ist keine von den Mainstreammedien angeheizte Hexenjagd, sondern Fingerspitzengefühl. Die Vorwürfe aus Partei und Medien müssen grundlegend aufgearbeitet werden. Gegebenenfalls sind Korrekturen vorzunehmen. Gefragt sind klare Regeln, transparente Verfahren und eine konsequente Trennung von Amt und Vorteil. Ausnahmen müssen begründet werden.
Und natürlich ist die AfD im Vergleich zum Filz der Altparteien nur ein Zwerg. Der Hohn und Spott von Union und Sozialdemokraten wirkt in dieser Situation heuchlerisch und muss als Doppelmoral entlarvt, aber nicht als Ausrede missbraucht werden. Das ist aber nur ein erster Schritt, weitere müssen folgen.
Denn: Politik ist mehr als Verwaltung, wie sie von den Altparteien betrieben wird. Sie ist Ausdruck eines kollektiven Willens. Wenn die AfD diesen Anspruch ernst meint, dann muss sie begreifen, dass ihre Existenzberechtigung an sittlicher Überlegenheit gebunden ist – nicht an moralischer Perfektion, aber an klaren Grenzen. Die Bürger und Wähler vertrauen darauf, dass die AfD eben nicht so ist wie die anderen Parteien.





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