Wer den Streit der deutschen Rechten über Alexander Dugin verfolgt, sollte einen Blick über den Atlantik werfen. Dort, bei American Greatness – einem der einflussreichsten Organe jener intellektuellen Rechten, die den geistigen Resonanzraum der Trump-Bewegung bildet –, ist am 23. Juni 2026 ein Text erschienen, der mit dem russischen Philosophen abrechnet. Er trägt den nüchternen Titel „Ten Points to Understand Alexandr Dugin“, und er verdient es, im deutschsprachigen Raum bekannt zu werden. Denn was hier verhandelt wird, ist längst auch unsere Debatte.
Der Verfasser, J. Michael Waller, ist kein beliebiger Kommentator. Er ist Senior Analyst for Strategy am Center for Security Policy in Washington, in internationaler Sicherheitspolitik promoviert, dreizehn Jahre Professor am Institute of World Politics. Ein Mann der harten sicherheitspolitischen Schule also, kein woker Gegner der Rechten. Gerade das macht seinen Einwand interessant. Denn die amerikanische Rechte ist in der Dugin-Frage gespalten: Teile der dissidenten Rechten kokettieren mit dem Eurasier und lesen in ihm den großen Antiliberalen. Waller markiert die Gegenlinie — und er zieht sie scharf.
Seine These ist unbequem und klar. Dugin treffe einen wahren Nerv. Er spreche die echte Verzweiflung über kulturelle Entwurzelung an, die Sehnsucht nach Souveränität, nach christlicher Tradition, den Überdruss an Wokeness und Globalismus. Doch seine Antwort sei ein geopolitisches Gift. Der Preis für Dugins Heilsversprechen heiße: das Ende der Vereinigten Staaten und der westlichen Zivilisation. Waller nennt ihn einen falschen Propheten, seinen Traditionalismus eine Form von Heidentum und russischem Imperialismus.
Die Geopolitik: Amerika als Hauptgegner
Den Kern bildet Wallers geopolitischer Befund. Dugin denke von einem Feind her – den Vereinigten Staaten. „Hauptgegner“: So nannte schon die Sowjetunion Amerika. In seinen „Grundlagen der Geopolitik“ von 1997 habe Dugin ausbuchstabiert, wie das angloamerikanische „atlantizistische Imperium“ zu brechen sei. Nicht durch Krieg, sondern durch Zersetzung von innen: durch das Schüren von Separatismus, Rassenunruhen, Terror, durch Verschwörungstheorien, die sich weder beweisen noch widerlegen lassen und ein Gemeinwesen gerade deshalb spalten. Folgerichtig verwerfe Dugin die amerikanischen Gründungsprinzipien als „verrottet“ – als modernes Erbe von Aufklärung, Reformation und protestantischem Christentum, das beseitigt gehöre. Aus politischen, nicht aus theologischen Gründen.
Was Dugin an die Stelle setze, sei aber gerade keine Ordnung souveräner Nationen. Es sei „Eurasien“: ein russisch beherrschtes Imperium der Imperien, das von Irland bis Japan und von der Arktis bis Iran reiche. Seine vielzitierte „multipolare Welt“ kenne nur Achsen, die in Moskau zusammenliefen – eine Europa-Achse über Berlin, eine Iran-Achse über Teheran, eine Japan-Achse über Tokio. Afrika und der Nahe Osten kämen unter europäische Verwaltung zurück, untergeordnet Russland. Wer von Souveränität spricht und Eurasien meint, verkauft den Völkern einen neuen Käfig als Freiheit.
Die Ideologie: vierte Theorie aus alten Giften
Auch ideologisch lässt Waller wenig übrig. Dugins „Vierte Politische Theorie“ wolle aus Liberalismus, Kommunismus und Faschismus das Brauchbare destillieren und die Fehler verwerfen. Vom Marxismus akzeptiere Dugin ausdrücklich das Mythische, das Soziologische – den Marxismus als Abrisswerkzeug gegen den Westen, nicht als materialistische Heilslehre. Er habe die Nationalbolschewistische Partei mitbegründet und propagiere einen „Sozialismus ohne Materialismus“. Vom Faschismus und Nationalsozialismus übernehme er nicht nur Denkfiguren von Julius Evola, Jean Thiriart oder Martin Heidegger; er deute Mussolini und Hitler als Traditionalisten, die Vorchristliches hätten wiederbeleben wollen — das heidnische Rom, die nordisch-arische Mythologie. Und am Ende stehe die Abschaffung des Einzelnen: Individuelle Freiheit sei ihm bloß ein „modernistisches“ Konstrukt, das Individuum gehe auf in Volk, Zivilisation, Reich, im „Sein“. Die Nation alles, der Einzelne nichts.
Hier liegt der erste Punkt, an dem ein deutscher Leser von rechts hellhörig werden sollte. Denn wer den Einzelnen restlos im Kollektiv auflöst, hat mit dem christlich-abendländischen Erbe gebrochen, das er zu verteidigen vorgibt. Die Würde der Person, der freie Wille – beides ist keine Erfindung der Aufklärung, sondern tief in der orthodoxen wie der katholischen Lehre verankert. Dugin opfert es seinem Imperium.
Die Metaphysik: Religion als Werkzeug
Am schärfsten wird Waller dort, wo Dugin am frommsten auftritt. Trotz aller orthodoxen Mystik sei Dugin kein Christ. Seine Hinwendung zum Okkultismus in den achtziger Jahren sei kein Jugendfehler, sondern Fundament. Er drehe das offene, allen offenbarte Christentum in ein esoterisches System geheimer Bedeutungen um, das nur eine auserwählte Elite verstehe – eine Denkfigur direkt aus der Nomenklatura der sowjetischen Partei. Religion sei ihm nicht Wahrheit, sondern Hülle: Orthodoxie, Katholizismus, Islam, Hinduismus, Buddhismus – alles brauchbare Gefäße, deren Autorität über die Gläubigen man kapern und mit der eigenen Ideologie füllen könne, um ein eurasisches Großreich zu verwalten.
Selbst sein Verhältnis zum Judentum sei nur scheinbar gemäßigt. Den plumpen Antisemitismus seiner Frühzeit habe Dugin durch eine esoterische Unterscheidung ersetzt. Westliche, assimilierte, zionistische Juden rechne er dem dekadenten „atlantizistischen“ System zu — Zionisten nennt er gar „satanische Juden“ –, während vormoderne, traditionale jüdische Gemeinschaften in sein Schema passten. Antijüdische Verschwörungstheorien wiederum schätze er offen als psychologische Kriegswaffe gegen Zielgesellschaften wie die amerikanische.
Und so laufe alles auf eine heidnische Metaphysik hinaus. Dugins Großprojekt „Noomachia“, der „Krieg des Geistes“, sei eine Strategie subversiven Widerstands gegen den Westen, gespeist aus vorchristlicher Philosophie. Russland erscheine als biblischer Katechon, als göttlicher Aufhalter des Antichristen – und der Antichrist sei Amerika. Im März habe Dugin gedroht, die „Engel des Zorns“ würden Amerika vernichten wie Sodom und Gomorrha; gemeint war nicht die Dekadenz der amerikanischen Kultur, sondern das militärische Vorgehen Washingtons gegen den Iran, den Dugin zu seinem Eurasien zählt. Dugin gebe vor, den Antichrist zu bekämpfen, ohne selbst Christ zu sein. Er restauriere, schließt Waller, jene heidnische Metaphysik, gegen die das Christentum sich einst behauptet hat – und entkerne das Christentum, während er behauptet, es zu retten.
Warum uns das angeht
So weit Wallers Anklage. Man muss ihr nicht in jedem Punkt folgen – der amerikanische Blick auf „Eurasien“ ist selbst ein interessierter, und Wallers Schule sieht in Russland traditionell den Gegner schlechthin. Doch der Kern seines Einwands trifft, und er trifft auch uns.
Denn in Teilen der deutschen und österreichischen Rechten geistert die Versuchung, in Dugin den großen Antipoden des liberalen Westens zu sehen, den Stichwortgeber einer „multipolaren“ Befreiung vom amerikanischen Hegemon. Diese Versuchung ist verständlich und doch ein Irrweg. Wer das Protektorat verlassen will, unter dem Europa seit 1945 steht, darf nicht ins nächste streben. Die Antwort auf die transatlantische Bevormundung kann nicht die eurasische sein. Souveränität heißt nicht, den Herrn zu wechseln.
Dugins „Multipolarität“ ist eben keine Welt freier Völker, sondern ein Imperium mit russischer Mitte. Für ein souveränes Europa der Nationen – für die konföderale, am Subsidiaritätsprinzip orientierte Ordnung, die mir vorschwebt – ist in diesem Entwurf kein Platz. Da würde aus der deutschen Frage eine Provinzfrage Eurasiens. Wer als Konservativer das Eigene, das Gewachsene, die Nation verteidigt, kann an einer Lehre kein Interesse haben, die den Einzelnen im Kollektiv und die Nation im Imperium auflöst.
Das eigentlich Lehrreiche an Wallers Text liegt deshalb nicht im Detail, sondern in der Haltung. Hier verwirft ein Mann der Rechten Dugin nicht, obwohl er rechts ist, sondern weil er rechts ist: aus Treue zur eigenen Nation, zur eigenen Freiheit, zur eigenen religiösen Tradition. Genau diese Konsequenz sollte sich die europäische Rechte zu eigen machen. Unsere Antwort auf die Krise des Westens heißt Selbstbestimmung – nicht Unterwerfung unter einen eurasischen Katechon.






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