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Kultur

Deutsche Verse – Anfänge (Teil 1)

Mit den 20 Lektionen über deutschsprachige Lyrik startet eine sechsteilige Serie über die Entwicklung deutscher Dichtung. Im ersten Teil führt Günter Scholdt zu den Anfängen deutscher Literatur und zeigt, wie Zaubersprüche, Heldenlieder sowie Volks- und Kirchenlieder das kulturelle Gedächtnis prägten.

Günter Scholdt
Von

Dieser Beitrag ist ein Archiv-Text aus Freilich 38.

Die Merseburger Zaubersprüche gelten als die ältesten erhaltenen Zeugnisse althochdeutscher Dichtung und markieren den Beginn der deutschsprachigen Literaturtradition.
Die Merseburger Zaubersprüche gelten als die ältesten erhaltenen Zeugnisse althochdeutscher Dichtung und markieren den Beginn der deutschsprachigen Literaturtradition. (Bild: Unknown scribe, Public domain, via Wikimedia Commons)

Mit einem auf Althochdeutsch verfassten zweistrophigen Spruchgedicht beginnt diese Serie literarischer Traditionswahrung. Ich höre schon den Einwand: Wen außer weltfremden Sonderlingen in Gelehrtenstübchen interessiert dergleichen? Und mancher FREILICH-Leser greift sich vielleicht an den Kopf, wenn ich dafür werbe, sich solchen (vor fast 1.300 Jahren gedichteten, schwer verständlichen) Versen mit Sympathie zu nähern. Oder gar dafür plädiere, ein paar davon auswendig zu lernen, um die Klangschönheit einer noch unabgeschliffenen Sprache zu genießen. Denn immerhin besitzen jene 13 Zeilen den Charme des Ursprungs der deutschen Literatur.

Zwar gab es im germanischen Gebiet, das sich erst langsam als Deutschland begriff, noch frühere Dichtung, die in Klöstern ge- oder abgeschrieben wurde. Doch geschah dies auf Latein, der gängigen Sprache der Kleriker, Wissenschaft und höheren Verwaltung, und war meist christlich-seelsorgerisch geprägt. Insofern mustere ich nie ohne Rührung die Faksimiles der Merseburger Zaubersprüche oder des Hildebrandslieds. Zeugnisse eines außergewöhnlichen Wertbewusstseins und der geistigen Freiheit von Mönchen, die es sich nicht nehmen ließen, auch Heidnisches per Abschrift zu bewahren.

Pergament war schließlich kostbar. Man „verschwendete“ es eigentlich nicht für profane oder unchristliche Zwecke. Jene Skribenten jedoch besaßen Respekt vor dem, was aus Jahrhunderten der Völkerwanderungszeit auf uns überkommen ist. Üblich war das nicht. Karl der Große ließ zwar noch frühe Heldenlieder sammeln. Sein Sohn Ludwig der Fromme jedoch schätzte sie wenig und ließ etliche davon verbrennen. Bilderstürmer gab es schließlich zu allen Zeiten. Unsere heutige zivilreligiöse Cancel Culture steht lediglich in einer langen Folge alternativloser Unkultur.

Zurück zu den zwei in der dortigen Dombibliothek gefundenen Merseburger Zaubersprüchen, die demnächst wohl zum UNESCO-Weltdokumentenerbe erhoben werden. Man fand die höchst seltenen althochdeutschen Texte aus vorchristlich-germanischer Mythologie in einer theologischen Handschrift des 9./10. Jahrhunderts. Der erste Spruch behandelt die Befreiung von Gefangenen:

Eiris sâzun idisi, sâzun hêra duoder.
suma haft heftidun, suma heri lêzidun,
suma clûbodun umbi cuoniowidi:
insprinc haftbandun, infar wîgandun. 

Frei übersetzt heißt das:

Einst saßen ‚Idisi‘, saßen hier und dort.
Einige hefteten Haftbänder, einige hemmten das Heer,
einige klaubten an Fesseln herum:
Entspring den Banden, entweich den Feinden!  

Die hier abgedruckte Textversion wurde – wie später das Hildebrandslied – textlich und orthographisch geglättet. Generationen von Germanisten haben die berühmten Verse in jeder Zeile dutzendfach diskutiert und interpretatorisch ausgeleuchtet. Schließlich herrscht bis heute über manche der überlieferten Worte keine letzte Klarheit. Umstritten bleibt etwa die Bedeutung von „Idisi“. Sie schwankt zwischen zauberkundigen Frauen generell, Walküren, schlicht adligen Damen oder den nordischen Göttinnen der Disen. Auch im zweiten Zauberspruch zur Heilung eines verrenkten Pferdefußes bleibt manches offen.

Phôl ende Wuodan fuorun zi holza.
dû wart demo balderes folon sîn fuoz birenkit.
thû biguol en Sinthgunt, Sunna era swister;
thû biguol en Frîja, Folla era swister;
thû biguol en Wuodan, sô hê wola conda:
sôse bênrenki, sôse bluotrenki,
sôse lidirenki:
bên zi bêna, bluot zi bluoda,
lid zi geliden, sôse gelîmida sîn.  

(Phol und Wodan ritten in den Wald.
Da verrenkte sich Balders Fohlen den Fuß.
Da besprach ihn Sinthgunt, Sunnas Schwester,
da besprach ihn Frija, Fullas Schwester,
da besprach ihn Wodan, der es bestens verstand:
Sei es Knochenverrenkung, Blutverrenkung oder
Gliederverrenkung:
Knochen zu Knochen, Blut zu Blut,
Glied zu Gliedern, als ob sie geleimt wären!) 

In diesem Spruch sind nicht einmal alle Götternamen gesichert. Wir entziffern den Göttervater Wodan, seine Gattin Frija, ihre Dienerin Folla alias Fulla, den Lieblingssohn Balder und die Sonnengöttin Sunna. Doch von einem Phol und einer Sinthgunt ist außerhalb dieser Handschrift nichts bekannt, sodass man den Anfang des Pferdesegens zuweilen auch anders dechiffriert hat: z. B. Phol als das verletzte Fohlen oder die Zusammenziehung „Pholhendi Wuodan“ als „der allmächtige Wodan“. Überlassen wir solche (hier nur stellvertretend erwähnten) Spekulationen den Fachleuten. Immerhin belegen sie, mit welch' „heißem Bemüh'n“ Forscher besonders des 19. und 20. Jahrhunderts um eine letztgültige Fassung rangen, überzeugt, dass es bei der möglichst peniblen Bewahrung der frühesten Literaturdenkmäler unserer Ahnen um ganz Wichtiges ging.

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