Ende des 18. Jahrhunderts kamen Zehntausende Deutsche als Bauern nach Russland. Sie stammten aus vielen deutschen Landstrichen, waren katholisch, evangelisch oder Angehörige von Freikirchen. Trotz aller Mühen der ersten Jahre brachten die Siedler es zu beschaulichem Wohlstand. Die Bevölkerung wuchs auf mehrere Hunderttausend an. Die Russlanddeutschen lebten ein eher abgeschiedenes Leben in ihren Dörfern, blieben unter sich und sprachen kaum Russisch. Die Kirche war der Kern des dörflichen Lebens.
Vom Musterkolonisten zum Staatsfeind
Mit dem ausgehenden 19. Jahrhundert wuchsen die Ressentiments gegen die Minderheit. Im Ersten Weltkrieg kam es dann erstmals zu Pogromen gegen Reichsdeutsche und auch Russlanddeutsche. Dies gipfelte in ihrer Deportation aus den Frontgebieten, da große Teile der russischen Gesellschaft sie pauschal der Kollaboration beschuldigten und sie ein willkommener Sündenbock für die russische Serie von Niederlagen waren. So begrüßten viele Russlanddeutsche die Russische Revolution, obwohl sie dem Zarentum über ein Jahrhundert treu ergeben waren. Hinzu kam, dass Lenin und Stalin zahlreiche autonome Territorien schufen, um die zahlreichen ethnischen Minderheiten des Russischen Reiches auf ihre Seite zu ziehen.
In dieser Lage wurde die Autonome Sozialistische Sowjetrepublik der Wolgadeutschen aus der Taufe gehoben. Auf einem Gebiet an der Wolga, welches etwa so groß war wie das Bundesland Brandenburg, lebten etwa 600.000 Menschen, davon zu zwei Dritteln Deutsche. Die Hauptstadt der Wolgarepublik wurde zu Ehren des deutschen Kommunisten in Engels umbenannt. Die Jahre bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs waren geprägt von zwei großen Hungersnöten, die mit bolschewistischer Willkür einhergingen und viele Menschenleben forderten. Allerdings erholte sich die Landwirtschaft wieder und die Industrialisierung hielt allmählich Einzug in die deutsche Enklave an der Wolga. Die Mehrheit der Russlanddeutschen arrangierte sich trotz des erlebten Unrechts mit dem System; auch weil es ihnen weiterhin gestattete, als Deutsche zusammen mit ihren Landsleuten ihr Volkstum zu pflegen.
Deportation und Zwangsarbeit
Bei Ausbruch des Deutsch-Sowjetischen Krieges half den Deutschen ihre Unterstützung des neuen Regimes allerdings nichts. Erneut gab es Berichte von Kollaborateuren in der Ukraine. Erneut war es eine willkommene Ausrede für die katastrophalen Niederlagen der Roten Armee des Sommers 1941. So beschloss man, alle Deutschen nach Sibirien oder Zentralasien zu deportieren. Die Deutschen an der Wolga erfuhren davon Ende August 1941. Bis Juni 1942 wurden über 1,2 Millionen Deutsche in den Osten abtransportiert. Selbst kommunistische Parteimitglieder ereilte dasselbe Schicksal.
Vollstrecker dieser Maßnahme war der gefürchtete Geheimdienstchef Lawrenti Beria. Die sowjetkommunistischen Führer der wolgadeutschen ASSR gestanden unter Folter die gegen sie erhobenen Vorwürfe, Teil einer langjährigen Verschwörung mit dem NS-Regime zu sein. Die Abrechnung mit den Deutschen war so vollumfänglich, dass selbst aus dem belagerten Leningrad noch russlanddeutsche Rotarmisten herausgebracht wurden, um sie in den fernen Osten zu verschleppen. Den Bauern wurde zwar versprochen, in den Steppen Asiens neues Land und Ersatz für ihr sonstiges Hab und Gut zu erhalten, doch dürften diesen Worten nur noch die naivsten Kommunisten Glauben geschenkt haben. Besonders viele Kinder starben während des Transports, der in Viehwaggons tausende Kilometer in den Osten führte.
Die Trudarmee – Deutsche in Stalins Arbeitslagern
Noch schlimmer erging es denjenigen Deutschen, die in die Trudarmee eingegliedert wurden, was jahrelange Haft in Arbeitslagern unter unmenschlichen Bedingungen nach sich zog. Der Name bedeutet in etwa Arbeitsarmee und betraf Männer zwischen 15 und 55 Jahren sowie Frauen zwischen 16 und 45 Jahren und wurde offiziell als Ersatz für den nicht mehr zulässigen Dienst in der Sowjetarmee ausgewiesen. Etwa 350.000 Deutsche wurden in diese Lager verbracht, die den Gulags in nichts nachstanden. Ein Unterschied war jedoch, dass Gulag-Häftlinge formal vor Gericht standen, wo theoretisch ein Entlassungsdatum bestimmt wurde. Die Häftlinge der Trudarmee arbeiteten täglich 12 Stunden und erhielten dafür 200 Gramm Brot, was der Verpflegung in deutschen Konzentrationslagern nahekam. Nur die Schwangerschaft ermöglichte die Entlassung aus den Lagern, es kam zu zahlreichen Vergewaltigungen und notgedrungenen Beziehungen, um der harten Arbeit zu entrinnen.
Etwa 70.000 Deutsche starben in diesen Lagern. Die Deportationen insgesamt forderten über Hunderttausend Tote. Rechnet man die hausgemachten Hungersnöte noch dazu, landen Schätzungen bei bis zu 700.000 toten Deutschen. Diese Verfolgung blieb auch den Deutschen im Reich nicht verborgen und dürfte die Ängste vor einem sowjetischen Sieg über Deutschland weiter geschürt haben.
Die Kriegswende 1943 entspannte die Lage in den Arbeitslagern ein wenig. Die Trudarmisten bekamen sogar Uniformen, die denen der Armee ähnelten, und einige würden Jahrzehnte später sogar stolz auf diesen Dienst am Vaterland zurückblicken. Nach dem Krieg wurden diese Arbeitslager aufgelöst und die Deutschen sahen nach Jahren ihre Familien wieder, eine Rückkehr an die Wolga war allerdings ausgeschlossen, so dass die Deutschen fortan in eigenen Dörfern und Siedlungen verstreut in Sibirien und Zentralasien lebten.
Der Kampf um das Ende des Exils
Erst 1964 wurden die Russlanddeutschen im Zuge der Entstalinisierung unter Chruschtschow rehabilitiert. Allerdings verzichteten die Sowjets auf eine großangelegte Verbreitung dieser Nachricht. Die Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg waren dann schließlich die Jahre, die eine langsame Assimilation der Russlanddeutschen bewirkten. Ohne deutschen Schulunterricht ging die Sprache allmählich verloren. Aufstiegschancen fehlten ohne gute Russischkenntnisse und deutsche Kinder wurden auf dem Schulhof als Faschisten bezeichnet. Mehrere Delegationen der Russlanddeutschen nach Moskau mit dem Ziel der Wiedererrichtung ihrer ASSR verliefen im Sande der russischen Bürokratie. Weder die Kasachen noch die russischen Umsiedler im Wolga-Gebiet wollten Land für die Deutschen preisgeben. Zu den skurrileren Vorschlägen der Wolgadeutschen gehört der Vorschlag, diese ASSR im sowjetisch besetzten Ostpreußen zu errichten.
Epilog
Immer war es erklärtes Ziel vieler Russlanddeutscher, als Deutsche unter Deutschen zu leben, mit einem gewissen Maß an Selbstverwaltung und der Möglichkeit, ihre Sprache, ihre Kultur und ihren Glauben frei auszuleben. Solange dies möglich war, waren die Deutschen politisch sehr anpassungsfähig und erduldeten härteste Schicksalsschläge. Doch mit dem Ende der Sowjetunion zerschlugen sich die letzten Hoffnungen auf deutsche Autonomie in Russland, und sie verließen in Scharen das Land, in der Hoffnung, diesen Traum in der Bundesrepublik zu verwirklichen.




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