Der französische Auslandssender Radio France International (RFI) berichtet am 20. Mai 2026 von einem für Afrika-Kenner altbekannten Phänomen in Zentralafrika, der Fälschung von Dokumenten wie Geburtsurkunden, Diplomen, amtlichen Bescheinigungen oder Ausweisen: „République centrafricaine: la prolifération des faux documents dans le pays“ (Zentralafrikanische Republik: Verbreitung gefälschter Dokumente im Land).
Für viele arbeitslose Jugendliche in der Zentralafrikanischen Republik (ZAR) seien die Fälschungen zu einer schnellen Einnahmequelle geworden. Ein Straßenhändler, der Stempel, Unterschriften und Dokumente fälschen lässt, sagte RFI: Die Kunden kämen auf Empfehlung von Bekannten. Die Auftraggeber hätten keine Zeit, die normalen Verfahren zu durchlaufen. Sie wollten nicht zur Schule gehen, sondern nur ein Diplom bekommen, um sich anschließend bei Ministerien zu bewerben. Die Leute ließen sich auch gefälschte Reisepässe und nationale Ausweise erstellen. Mangelnde Kontrollen bei den Behörden erleichterten den Betrug.
Korruption und schwache Behörden fördern das Geschäft
Die Preise variierten je nach Dokument. Einfach zu fertigende Nachweise kosteten nur einige tausend CFA-Francs. Schwierig zu fälschende Urkunden könnten bis zu 50.000 CFA-Francs kosten – etwa 76 Euro. Gelegentlich würden Fälscher aufgegriffen und wegen Urkundenfälschung oder Gebrauch gefälschter Dokumente angeklagt. Soweit RFI.
Aufgrund der schwachen staatlichen Institutionen in der ZAR, der unvollständigen Kontrolle der Archive und der Korruption im Lande werden Fälscherringe dort nur selten strafrechtlich verfolgt. Bereits zu meiner Zeit kam es immer wieder zu Plünderungen staatlicher Archive und Dienststellen. Viele gefälschte Pässe fliegen erst auf wenn sie bei ausländischen Botschaften für einen Visaantrag oder bei Grenzkontrollen vorgelegt werden.
Der Boris-Becker-Skandal
Ein bekanntes Beispiel war der Diebstahl von offiziellen Blanko-Diplomatenpässen während des Bürgerkrieges in der ZAR im Jahre 2014. Diese echten, aber gestohlenen Papiere zirkulierten auf dem Schwarzmarkt und wurden gegen hohe Beträge mit gefälschten Identitäten versehen. Ein skurriler Skandal wurde daraus 2018, als Boris Becker, um einem drohenden Insolvenzverfahren in Großbritannien zu entgehen, einen dieser gefälschten Pässe vorlegte. Er behauptete, er sei im April zum offiziellen Sonderbotschafter der ZAR für Sport und Kultur in der EU ernannt worden. Er versuchte, damit diplomatische Immunität zu bekommen. Nachdem die ZAR- Regierung den Pass als Fälschung (die Seriennummer gehörte zu den gestohlenen Blanko-Dokumenten) erklärte, scheiterte Beckers Immunitäts-Versuch grandios vor dem Southwark Crown Court in London. Er wurde 2022 wegen Insolvenzstraftaten zu einer Haftstrafe verurteilt.
Erfahrungen in Kamerun
Gefälschte Dokumente waren zu meiner Zeit als Botschafter in Kamerun alltäglich und wurden von den kamerunischen Behörden gerne toleriert, wenn Fälschungen „nur“ bei ausländischen Vertretungen eingesetzt wurden. Neben der Tatsache, dass man auf einem bestimmten Markt in der Hauptstadt Jaunde so ziemlich jede kamerunische Urkunde kaufen kann, ist die Stadt Kumba in der Südwestprovinz dafür bekannt, dass dort Urkunden besonders gut und häufig gefälscht werden. Es kam zu meiner Zeit vor, dass sich „Studenten“ mit glänzenden Zeugnissen für ein Stipendium in Deutschland bewarben, aber kaum ihren Namen schreiben konnten.
Fälschungen werden auch in informellen Internet-Cafés und kleinen privaten Druckereien in Yaoundé und Douala verkauft. Gefälschte Dokumente werden allerdings auch in Kamerun nicht toleriert, wenn es sich um Identitäts- und Altersbetrug im eigenen Land handelt. Der kamerunische Fußballspieler Youssoufa Moukoko (BVB Dortmund, Kopenhagen) hätte mit einem falschen Geburtsdatum nicht in einer Jugendmannschaft in Kamerun spielen dürfen, da er deutlich älter als seine Mitspieler war. In einer eidesstattlichen Erklärung gestand Josef Moukoko, dass er Youssoufa nicht nur vier Jahre jünger gemacht habe, sondern dass dieser auch nicht sein leiblicher Sohn sei. Zudem behauptete er, dass der BVB von dem Altersschwindel gewusst habe. In Kamerun verlangt Samuel Eto’o, der Präsident der kamerunischen Fußballförderation, dass die Spieler sich einem MRT-Scan unterziehen müssen, der das angegebene Alter bestätigen soll. Das scheint in Deutschland nicht möglich zu sein.
Fälscherzentren von Lagos bis Kampala
Weit bekannt auf dem Kontinent sind auch die Märkte in Lagos, Nigeria (Oluwole-Markt), und in Kampala, Uganda (Nasser Road). In Lagos sitzen hochspezialisierte Fälscher und die Nasser Road gilt als größte Fälscherstraße Afrikas. Die Werkstätten haben hunderte handgeschnitzte nachgemachte Gummistempel von Botschaften, Banken, Standesämtern, Ministerien, akademischen Abschlüssen oder Zollbehörden vorrätig. Fehlende Stempel werden handgefertigt. Afrikanische Journalisten berichteten mir, dass korrupte Beamte Kunden an die Fälscher vermitteln und später das „Dokument“ in die offizielle Akte als geprüft aufnehmen.
Europäische Botschaften wissen, dass ein Großteil der vorgelegten Dokumente gefälscht sind. Deshalb werden Vertrauensanwälte eingeschaltet, die in Archiven, Registerbüchern, Standesämtern, Kirchen, Krankenhäusern die Dokumente überprüfen. Au��erdem wird ein Papiertest gemacht. Pässe werden durchleuchtet und auf Sicherheitsmerkmale wird geachtet. Manchmal ist der Betrug aber offensichtlich, wenn z. B. orthografische Fehler gemacht wurden.
Warum manche Dokumentenbetrug erfolgreich bekämpfen
Länder mit sehr geringen Fälschungs- und Identitätsbetrugsraten sind Staaten mit hervorragenden rechtsstaatlichen Institutionen und geringer Korruption. Wenig überraschend also Mauritius, Botswana, die Seychellen und Ruanda. In diesen Ländern ist es für Fälscher fast unmöglich, echte Dokumente durch Bestechung zu bekommen. Durch transparente Verwaltung und eine starke Justiz gibt es kaum einen Markt für Fälschungen.
Literatur Nobelpreisträger Wole Soyinka ist ein scharfer Kritiker derartiger Fälschungen auf dem afrikanischen Kontinent. Er prangert seit Jahren die sogenannte Fälscherindustrie (Fake Attribution Industry) an. Allerdings drücken sich Politiker in manchen Staaten vor ernsthaften Maßnahmen gegen Dokumentenfälschungen, weil ein hartes Vorgehen ihre eigene Machtbasis und die Stabilität des politischen Systems gefährden könnte. Würde eine Regierung beginnen, die Prüfung von Universitätsabschlüssen, Schulzeugnissen etc. ohne Ansehen der Person durchzusetzen, könnte dies schlimmstenfalls dazu führen, dass Abgeordnete, Minister, hohe Beamte in Staatsunternehmen ihre Posten verlieren. Ein glaubwürdiges Durchgreifen könnte Loyalitätsnetzwerke zerstören, die die Politiker zum Überleben an der Macht brauchen.







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