Mit dem geplanten Freihandels- und Mobilitätspaket zwischen der Europäischen Union und Indien rückt das Thema Migration deutlich sichtbar in den Mittelpunkt einer wirtschaftspolitischen Partnerschaft. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen präsentierte die Öffnung als Win-win-Situation: „Wir beide wissen: Unser größter Reichtum sind unsere Menschen“, sagte sie in Neu-Delhi in Richtung des indischen Premierministers Narendra Modi. Die EU wolle die Mobilität von Studenten, Forschern, Saisonarbeitskräften und „Fachkräften“ erleichtern. Ein neues „Legal Gateway Office“ in Indien solle dabei als Anlaufstelle fungieren und indische Interessenten beim Umzug nach Europa unterstützen. Migration wird somit nicht mehr nur verwaltet, sondern aktiv organisiert und als Vorteil verkauft. „Das ist gut für unsere Wirtschaft“, zeigte sich die EU-Kommissionspräsidentin überzeugt.
Genau an diesem Punkt beginnt für viele Beobachter jedoch die Debatte, die in Brüssel gerne ausgeblendet wird. Wer den Zuzug aus einem Land politisch beschleunigt, muss nämlich auch die Bedingungen ernst nehmen, unter denen Qualifikationen entstehen, sowie die Frage, wie verlässlich Abschlüsse, Leistungsnachweise und akademische Standards tatsächlich sind. Gerade dort, wo Bildung, Karriere und gesellschaftlicher Aufstieg eng mit Statussymbolen verknüpft sind, können sich systemische Fehlanreize bilden. Korruption, Prüfungsbetrug, gefälschte Dokumente oder „Papierqualifikationen“, die auf dem Arbeitsmarkt wenig über echte Fähigkeiten aussagen, sind die Folge.
Ärzteausbildung unter Verdacht: Wenn Kontrolle käuflich wird
Gerade in Bereichen, in denen die Europäische Union künftig besonders viele indische „Fachkräfte“ erwartet, beispielsweise im Gesundheitswesen, stellt sich die Frage nach der Verlässlichkeit von Ausbildung und Standards. Denn aus Indien kommen nicht nur Absolventen, sondern auch Berichte über weit verbreitete Korruption in genau jenen Institutionen, die eigentlich Qualität garantieren sollen.
Im Sommer 2025 deckte die zentrale Ermittlungsbehörde Indiens, das Central Bureau of Investigation (CBI), einen der größten bekannten Korruptionsfälle im medizinischen Bildungssektor auf. Laut den Ermittlern soll ein Netzwerk aus Beamten, Aufsichtsvertretern, Vermittlern und privaten Hochschulen systematisch daran gearbeitet haben, medizinische Einrichtungen durch Inspektionen zu bringen – unabhängig davon, ob die Voraussetzungen tatsächlich erfüllt waren.
Manipulierte Inspektionen mit „Ghost Faculty“ und Fake-Patienten
Laut CBI ging es dabei nicht nur um einzelne Bestechungsfälle, sondern um ein komplexes System organisierter Manipulation. So seien in mehreren Fällen während Kontrollen falsche Dozenten und sogar erfundene Patienten vorgeführt worden, um die Einhaltung der vorgeschriebenen Standards nur vorzutäuschen.
Den Angaben aus dem Umfeld der Untersuchung zufolge betreffen die Ermittlungen dutzende Einrichtungen in mehreren Bundesstaaten. Über vierzig medizinische Institutionen könnten in den Skandal verwickelt sein. Später registrierten die Behörden eine offizielle Strafanzeige, in der 34 Personen genannt werden, darunter hochrangige Vertreter des Gesundheitsministeriums, der National Medical Commission sowie privater Hochschulen.
Digitalisierung als neues Werkzeug der Täuschung
Besonders brisant ist, dass offenbar sogar die Digitalisierung, die eigentlich mehr Transparenz schaffen sollte, Teil der Täuschung geworden ist. Durch manipulierte elektronische Daten, gefälschte Anwesenheitslisten und künstlich aufgeblähte Patientenzahlen konnten Einrichtungen Inspektionen bestehen, ohne tatsächlich die nötige Ausbildungsqualität zu bieten. Ein Vertreter der indischen Gesundheitsbewegung sprach gegenüber University World News von einem regelrechten institutionellen Zusammenbruch.
Sinngemäß warnte er, die staatlichen Regulierer seien nicht länger neutrale Wächter, sondern hätten sich in vielen Fällen zu Akteuren entwickelt, die medizinische Zulassungen de facto verkauften. Besonders deutlich wurde er in seiner Einschätzung, dass das System auf diese Weise nicht nur schlecht ausgebildete, sondern auch ethisch deformierte Ärzte produziere.
Titelhandel statt Studium: Das Geschäft mit den Fake-Diplomen
Ein weiteres Problem, das bei der gezielten Anwerbung indischer Arbeitskräfte kaum offen angesprochen wird, ist die Verlässlichkeit akademischer Qualifikationen. In Indien werden immer wieder großangelegte Fälle bekannt, in denen Abschlüsse nicht das Ergebnis eines Studiums, sondern eines Geschäftsmodells gewesen sein sollen.
Besonders erschütternd war der Skandal um die Manav Bharti University. Ermittlern zufolge wurden dort über Jahre hinweg zehntausende Diplome verkauft. Insgesamt sollen rund 36.000 Abschlüsse gefälscht gewesen sein, wobei die Preise je nach Titel umgerechnet mehrere tausend US-Dollar betrugen. Nur ein kleiner Teil der ausgestellten Dokumente war demnach authentisch.
Solche Fälle zeigen, dass es nicht nur um einzelne „schwarze Schafe“ geht, sondern um ein System, in dem akademische Titel teilweise wie Waren gehandelt werden. Selbst staatliche Behörden veröffentlichen inzwischen regelmäßig Warnlisten: So führt die indische University Grants Commission nach eigenen Angaben aktuell mehr als zwanzig „Fake Universities“, deren Abschlüsse nicht anerkannt sind. Auch der British Council weist darauf hin, dass diese Problematik Risiken für internationale Kooperationen und Studentenaustauschprogramme birgt.
Globale Folgen: Visa, Arbeitsmärkte und Misstrauen im Westen
Die Auswirkungen reichen inzwischen weit über Indien hinaus. So wurden etwa in Singapur nach dem Manav-Bharti-Skandal mehrere Personen überprüft, die entsprechende Qualifikationen für Arbeitsgenehmigungen vorgelegt hatten. Das Arbeitsministerium des Landes betonte, dass Arbeitgeber die Echtheit von Abschlüssen selbst streng kontrollieren müssten.
Auch Australien diskutiert inzwischen öffentlich über mutmaßlich gefälschte Zertifikate. Nach einem großen Polizeifund im indischen Bundesstaat Kerala, bei dem hunderttausende Dokumente sichergestellt wurden, sprach ein australischer Senator von einem wachsenden Problem im Visasystem. Besonders brisant ist, dass solche Papiere Berichten zufolge in sensiblen Bereichen wie der Pflege oder der Kinderbetreuung genutzt worden sein könnten.
Dass diese Sorgen auch an Universitäten und Behörden im Westen angekommen sind, zeigen nicht nur offizielle Ermittlungen, sondern auch Erfahrungsberichte aus dem akademischen Alltag. In Onlineforen wie Reddit schildern Personen aus dem Hochschulbetrieb beispielsweise, dass sie zunehmend mit „gefälschten Unterlagen“ aus Indien zu kämpfen hätten – von Sprachzertifikaten bis zu echten Dokumenten realer Hochschulen, die dennoch manipuliert gewesen seien. In einzelnen Fällen hätten Institutionen sogar damit begonnen, Programme mit indischen Partnern einzuschränken.
Akkreditierung gegen Cash: Das stille System der Bestechung
In Indien gelten nicht nur gefälschte Abschlüsse, sondern auch Korruption innerhalb offizieller Kontrollmechanismen als wachsendes Problem. Selbst dort, wo staatliche Stellen eigentlich für Qualitätssicherung sorgen sollen, berichten Wissenschaftler seit Jahren von systematischen Bestechungspraktiken.
Im Mittelpunkt steht das National Assessment and Accreditation Council (NAAC), eine zentrale Behörde, die indische Hochschulen bewertet und akkreditiert. Gute NAAC-Noten sind entscheidend für das Prestige einer Hochschule, ihre Studentenzahlen und die Höhe der staatlichen Fördergelder. Gerade deshalb, so schildern es mehrere Dozenten dem Portal Scroll, sei die Begutachtung in vielen Fällen längst zu einem Geschäft geworden.
Ein Assistenzprofessor an einem staatlichen College in Delhi berichtete, er sei angewiesen worden, einer Inspektionskommission mehrere zehntausend Euro zu übergeben, um eine positive Bewertung sicherzustellen. Die Verantwortlichen hätten bewusst jüngere Mitarbeiter vorgeschickt, da diese weniger Verhandlungsspielraum hätten und die Bestechungssumme somit begrenzt bleiben könne.
Korruption wird offiziell sichtbar
Laut Scroll sprachen insgesamt zehn Hochschulangehörige aus verschiedenen Landesteilen davon, dass es in akademischen Kreisen ein offenes Geheimnis sei, dass NAAC-Teams gegen Zahlungen Manipulationen übersähen oder Mängel ignorierten. Hochschulen würden sich demnach teilweise schon Wochen im Voraus auf Inspektionen vorbereiten und gezielt Daten fälschen, um die Anforderungen auf dem Papier zu erfüllen. Dabei seien Dokumente erstellt worden, die Veranstaltungen, Lehrangebote oder Finanzflüsse belegten, die tatsächlich nie stattgefunden hätten.
Die Brisanz des Themas wurde zuletzt auch durch Ermittlungen der Behörden sichtbar. So verhaftete Indiens Central Bureau of Investigation im Februar 2025 sieben Mitglieder eines NAAC-Prüfteams. Ihnen wird vorgeworfen, gegen Bestechung eine bessere Einstufung zugesichert zu haben. Bei den Durchsuchungen wurden Bargeld, Gold und elektronische Geräte sichergestellt. Kurz darauf entzog die NAAC hunderten Gutachtern wegen Unregelmäßigkeiten vorläufig die Zulassung.
Kompetenzlücke trotz Abschluss: Indiens Qualifikationsproblem
Auch unabhängig von Korruptionsskandalen gibt es Hinweise auf ein strukturelles Problem bei der Ausbildung in Indien. Laut einer Untersuchung aus dem Jahr 2021 ist ein erheblicher Teil der indischen Arbeitskräfte nur unzureichend qualifiziert, insbesondere in technischen Bereichen. Demnach fehlen der Mehrheit der Absolventen – ein Bericht aus 2019 spricht sogar von 80 Prozent – gerade dort die Fähigkeiten, die internationale Unternehmen voraussetzen.
Für die europäische Mobilitätsagenda ist dies ein sensibler Befund. Denn selbst wenn Abschlüsse formal echt sind, bleibt die Frage, ob sie inhaltlich tatsächlich jene Kompetenzen abbilden, die unter dem Begriff „Fachkraft“ erwartet werden. Eine Politik, die Qualifikation vor allem über Zertifikate und Ausbildungswege definiert, riskiert daher, den Begriff zu überdehnen und so zu Spannungen auf dem Arbeitsmarkt beizutragen, wenn die Erwartungen und die tatsächlichen Fähigkeiten nicht übereinstimmen.
Wie greifbar solche Defizite werden können, zeigt sich nicht nur innerhalb, sondern auch außerhalb der Hochschulen. In Indien geraten immer wieder Infrastrukturprojekte in die Schlagzeilen, bei denen gravierende Qualitätsprobleme sichtbar werden. So ist im Bundesstaat Bihar eine Betonbrücke über den Ganges innerhalb von gut einem Jahr gleich zwei Mal eingestürzt. Die Brücke sollte eigentlich als wichtiger Verkehrsknotenpunkt dienen und mehrere Fahrspuren umfassen. Laut Berichten löste die erneute Havarie neue Fragen nach Bauqualität, Kontrolle und technischer Umsetzung aus.
Publikationsdruck und Betrug: Erosion wissenschaftlicher Standards
Ein weiteres Problemfeld betrifft nicht nur Ausbildung und Abschlüsse, sondern die Glaubwürdigkeit der indischen Wissenschaft als solche. Denn auch im akademischen Forschungsbetrieb häufen sich die Berichte über Manipulationen, Plagiate und systematische Regelverstöße.
Die Zeitung The Hindu wies 2023 auf einen auffälligen Anstieg sogenannter „Retractions“, also den Rückzug wissenschaftlicher Publikationen aus Fachzeitschriften, hin. Besonders im Zeitraum zwischen 2020 und 2022 sei die Zahl stark gestiegen. Solche Rücknahmen erfolgen, wenn Arbeiten nachträglich als fehlerhaft oder manipuliert erkannt werden. Experten betonten demnach, dass diese Fälle oft nur die Spitze des Eisbergs sind, da akademisches Fehlverhalten historisch nur selten vollständig aufgedeckt würde.
Besonders alarmierend ist, dass viele dieser Rückzüge offenbar nicht auf einfache Irrtümer, sondern auf vorsätzliche Verstöße gegen wissenschaftliche Standards zurückgehen. Laut dem Bericht zeige sich in den Daten ein deutlicher Schwerpunkt bei schwerwiegenden Formen wissenschaftlicher Unredlichkeit, etwa bei gefälschten Ergebnissen oder Plagiaten. Auch die Qualität im Verhältnis zur wachsenden Publikationsmenge habe sich dadurch messbar verschlechtert.
Dass es sich dabei nicht um vereinzelte Ausnahmen handelt, legen weitere Berichte nahe. So berichtete die Times of India im Jahr 2023, dass selbst an den renommierten Indian Institutes of Technology (IITs) in den vergangenen Jahren zahlreiche Veröffentlichungen aufgrund von Plagiaten oder doppelter Publikation zurückgezogen wurden. Kritiker bemängelten demnach insbesondere die mangelnde Transparenz darüber, welche Konsequenzen solche Fälle für die Verantwortlichen tatsächlich haben.
Paper Mills und Ghostwriting als akademisches Geschäftsmodell
Parallel dazu berichtete The Print über ein florierendes Geschäft mit wissenschaftlichen Scheinpublikationen. Demnach existiert in Indien ein Markt, auf dem akademische Veröffentlichungen gegen Geld organisiert werden – teilweise in Zeitschriften, die lediglich seriös wirken, oder die zeitweise in internationalen Datenbanken gelistet waren. In diesem Umfeld können nicht nur Publikationen gekauft, sondern im Extremfall sogar komplette Arbeiten durch Ghostwriter erstellt werden, um Karrieren und Beförderungen zu ermöglichen.
Ein besonders gravierendes Beispiel lieferte zudem The Wire Science, wo ein Fall aus einem führenden Forschungszentrum in Bangalore dargestellt wurde. Nach dem Rückzug eines Nature-Fachartikels kam es dort zu gegenseitigen Vorwürfen über Bildmanipulation und gefälschte Daten.
Europas Offensive auf riskantem Fundament
Das geplante EU-Indien-Abkommen zielt darauf ab, Migration als wirtschaftliches Instrument zu nutzen und die Bewegung von indischen „Fachkräften“ gezielt zu beschleunigen. Die aufgezeigten Probleme – von Korruption in der medizinischen Ausbildung und gefälschten Abschlüssen bis hin zu strukturellen Qualifikationsdefiziten und wissenschaftlichem Fehlverhalten – demonstrieren jedoch, dass formale Zertifikate nicht automatisch Verlässlichkeit bedeuten. Ein Mobilitätsprogramm, das solche Risiken ignoriert, läuft – abgesehen von den demografischen Folgen für Europa – Gefahr, Standards und Probleme zu importieren, die einem am Ende teuer zu stehen kommen können.





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