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Technik

Palantir-Chef Karp: Ein Manifest der Macht im KI-Zeitalter

Palantir-Chef Alexander Karp erklärt KI zur Machtfrage des 21. Jahrhunderts – und fordert eine neue Allianz zwischen Staat und Tech-Unternehmen.

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Dieser Beitrag ist ein Archiv-Text aus Freilich 42.

Palantir-Chef Karp: Ein Manifest der Macht im KI-Zeitalter
(Bild: KI generiert)

Es gibt Bücher, die sich darauf beschränken, die Herausforderungen ihrer Zeit zu analysieren, und solche, die den Anspruch erheben, in sie einzugreifen. The Technological Republic: Über die Macht des Silicon Valley und die Zukunft des Westens von Alexander Karp und Nicholas W. Zamiska ist ein Werk der zweiten Art. Karp, Mitgründer und Vorstandsvorsitzender von Palantir Technologies, und sein engster Berater Zamiska haben weder eine akademische Studie noch eine distanzierte Bestandsaufnahme des digitalen Kapitalismus verfasst. Entstanden ist vielmehr ein programmatisches Buch, das sich als strategischer Weckruf versteht, und als Aufforderung an die technologische Elite des Westens, sich ihrer politischen Verantwortung in einer Epoche wachsender geopolitischer Rivalitäten bewusst zu werden. Ihr Buch ist ein strategischer Appell, ein politisches Manifest und eine Kampfansage an jene Teile der westlichen Technologieelite, die nach Überzeugung der Autoren den geopolitischen Ernst der Lage nicht erkannt haben.

Im Zentrum der Argumentation steht eine ebenso einfache wie folgenreiche These: Technologie ist nicht länger nur Werkzeug wirtschaftlicher Entwicklung, sondern die entscheidende Grundlage geopolitischer Macht. Im 21. Jahrhundert als „Software-Jahrhundert“ werde nicht mehr primär über Territorien, Rohstoffe oder industrielle Kapazitäten entschieden, sondern über Daten, Algorithmen, Software und digitale Infrastrukturen. Künstliche Intelligenz, Cloud-Systeme und autonome Plattformen seien die eigentlichen Hebel der Macht. Wer sie kontrolliert, kontrolliere die Zukunft.

Diese Diagnose ist nicht neu, wird von Karp und Zamiska jedoch mit einer Vehemenz vorgetragen, die das Buch über weite Strecken wie ein Manifest wirken lässt. Dabei richtet sich ihre Kritik nicht primär gegen China oder Russland, sondern gegen den Westen. Dessen eigentliches Problem sehen sie in der kulturellen und politischen Entwicklung des Silicon Valley. Die amerikanische Technologieelite habe sich, so die Autoren, von ihrem historischen Auftrag entfernt. Anstatt ihre Fähigkeiten in den Dienst wissenschaftlicher, industrieller und sicherheitspolitischer Großprojekte zu stellen, habe sie sich in Konsumtechnologien, Sozialen Medien und werbegetriebenen Geschäftsmodellen eingerichtet. Die klügsten Köpfe einer Generation optimierten Lieferdienste, Dating-Apps und digitale Aufmerksamkeitsökonomien, während nichtliberale Staaten ihre technologischen Kapazitäten gezielt für geopolitische Zwecke mobilisierten. Die „anfängliche Abhängigkeit des Silicon Valley vom Nationalstaat und nicht zuletzt auch vom US-Militär“, so die Autoren, „ist größtenteils in Vergessenheit geraten und wurde aus der regionalen Geschichte als unbequeme und unpassende Wahrheit gestrichen.“

Die Rückkehr des Staates

Gerade hierin liegt die eigentliche Provokation des Buches. Karp und Zamiska fordern nichts weniger als eine Repolitisierung der Technologie. Sie plädieren für eine neue Allianz zwischen Staat und Technologieunternehmen und damit für eine Rückkehr zu jenem Modell, das nach ihrer Auffassung den Aufstieg der Vereinigten Staaten im 20. Jahrhundert ermöglichte. Technologie dürfe nicht länger ausschließlich den Marktkräften überlassen bleiben. Sie müsse wieder Teil eines politischen Projekts werden, dessen Ziel die Sicherung der liberalen Ordnung sei. Im O-Ton der Autoren: „Wir vertreten in diesem Buch die Ansicht, dass der Technologie-Sektor eine ausdrückliche Handlungspflicht hat, den Staat zu unterstützen, der seinen Aufstieg ermöglichte.“

Diese Position macht Die technologische Republik zu einem bemerkenswerten Dokument. Denn Karp und Zamiska argumentieren ausdrücklich gegen die lange dominierende libertäre Tradition des Silicon Valley. Die Vorstellung, Technologie könne außerhalb von Machtpolitik existieren, halten sie für eine gefährliche Illusion. Neutralität sei ein Luxus, den sich westliche Gesellschaften nicht länger leisten könnten.

Dabei fällt auf, dass Karps und Zamiskas Denken weit über klassische Managementliteratur hinausgeht. Ihr Buch bewegt sich vielmehr im Spannungsfeld von Geopolitik, Staatsphilosophie und Techniktheorie. Immer wieder begegnet man Motiven, die an Denker wie Carl Schmitt, Panajotis Kondylis oder Ernst Jünger erinnern. Zwar nennen Karp und Zamiska diese Namen nicht, doch ihre Fragestellungen sind im Hintergrund deutlich erkennbar.

Insbesondere die Nähe zu einem machtpolitischen Realismus ist unübersehbar. Die Autoren gehen von einer Welt aus, die nicht durch Harmonie, sondern durch Konkurrenz geprägt ist. Staaten und politische Systeme befinden sich in einem permanenten Wettbewerb, dessen Ausgang offen ist. In dieser Perspektive erscheint Technologie als das entscheidende Instrument strategischer Handlungsfähigkeit. Der Liberalismus könne nur überleben, wenn er seine eigenen Machtgrundlagen anerkenne und verteidige.

Zwischen Kondylis und Jünger

Hier ergeben sich interessante Parallelen zu Kondylis. Dessen grundlegende Einsicht, dass politische Ordnungen ihre Voraussetzungen häufig moralisch überdecken und dabei ihre eigentlichen Machtfundamente aus dem Blick verlieren, scheint in Karps Diagnose auf. Wie Kondylis kritisieren auch Karp und Zamiska einen Liberalismus, der seine eigene Absicherung durch Macht und militärische Stärke verdrängt. Allerdings besteht ein wesentlicher Unterschied: Während Kondylis analytisch beschreibt, verfolgt Karp ein politisches Programm. Er will nicht bloß erklären, sondern mobilisieren.

Gerade deshalb erinnert Die technologische Republik in ihrer Grundhaltung auch an Ernst Jüngers Idee von der Totalmobilmachung. Technologie erscheint nicht als neutraler Bereich neben der Politik, sondern als eine Kraft, die alle Bereiche der Gesellschaft durchdringt und organisiert. Karp und Zamiska deuten diese Entwicklung jedoch nicht kulturkritisch, sondern überwiegend affirmativ. Wo Jünger zwischen Faszination und Skepsis schwankte, sieht Karp vor allem eine historische Notwendigkeit.

Hier zeigt sich zugleich die eigentliche Stärke des Buches. Denn Karps und Zamiskas Kritik an der Selbstzufriedenheit westlicher Gesellschaften verweist auf eine Entwicklung, die lange unterschätzt wurde, nämlich die zunehmende strategische Entschlossenheit nichtliberaler Staaten und die Gefahr, dass offene Gesellschaften ihre eigenen machtpolitischen Voraussetzungen aus dem Blick verlieren. Diese Kritik beschränkt sich allerdings keineswegs auf das Silicon Valley. Karp und Zamiska richten ihren Blick ebenso auf Europa und insbesondere auf Deutschland, dessen jahrzehntelange strategische Zurückhaltung sie als Symptom eines umfassenderen Verlusts geopolitischen Denkens interpretieren. Klartext reden die Autoren insbesondere mit Blick auf die Bundesrepublik: „Die Kastrierung des Landes über das letzte halbe Jahrhundert hinweg blieb … nicht ohne Konsequenzen: Der Rückzug des muskulösen und durchsetzungsfähigen Deutschland trug zweifellos zu Russlands Invasion in die Ukraine im Februar 2022 bei.“

Dabei bestreiten die Autoren keineswegs die Vorzüge pluralistischer und dezentraler Strukturen. Vielmehr argumentieren sie, dass deren Innovationskraft und Freiheit nur dann dauerhaft gesichert werden können, wenn sie durch eine bewusste Verbindung technologischer Exzellenz mit staatlicher Handlungsfähigkeit ergänzt werden. In diesem Sinne verstehen die Autoren die engere Zusammenarbeit zwischen öffentlichen Institutionen und privaten Technologieunternehmen nicht als Abkehr vom liberalen Modell, sondern als notwendige Weiterentwicklung unter den Bedingungen des 21. Jahrhunderts.

Technologie als Machtinstrument

Auch die von den Autoren geforderte stärkere Kooperation zwischen Staat und Technologieunternehmen erscheint aus dieser Perspektive weniger als Ausdruck eines neuen militärisch-technologischen Komplexes, sondern vielmehr als Antwort auf die veränderten geopolitischen Rahmenbedingungen. Angesichts eines weltweiten Wettbewerbs um Künstliche Intelligenz, Halbleiter und digitale Infrastrukturen plädieren Karp und Zamiska für eine Rückbesinnung auf jene historisch erfolgreiche Verbindung von wissenschaftlicher Innovation, industrieller Leistungsfähigkeit und staatlicher Verantwortung, die den technologischen Aufstieg des Westens im 20. Jahrhundert maßgeblich geprägt hat. Dass Karp diese Argumentation als CEO von Palantir vorträgt, muss dabei nicht zwangsläufig als Ausdruck bloßer Eigeninteressen verstanden werden. Ebenso lässt sich darin die Perspektive eines Unternehmers erkennen, der aus unmittelbarer Erfahrung heraus auf die strategische Bedeutung von Technologie aufmerksam macht und die Notwendigkeit einer langfristigen Sicherung westlicher Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit betont.

Gerade hierin offenbart sich womöglich die eigentliche Pointe des Buches. Denn Die technologische Republik ist nicht nur ein Plädoyer für eine neue Verbindung von Staat und Technologie, sondern zugleich Ausdruck eines veränderten Selbstverständnisses jener Akteure, die diese Verbindung tragen sollen. Man könnte sogar sagen, dass das Buch die Selbstbeschreibung einer neuen Elite darstellt. Palantir und ähnliche Unternehmen sehen sich nicht mehr nur als wirtschaftliche Akteure, sondern als strategische Partner des Staates. Genau hierin dürfte die eigentliche Bedeutung des Buches liegen. Es formuliert die Ideologie eines neuen Zeitalters, in dem Technologieunternehmen nicht länger bloße Dienstleister, sondern Mitgestalter geopolitischer Ordnung sein wollen.

Diese Perspektive erklärt auch Karps und Zamiskas scharfe Angriffe auf die kulturelle Mentalität des Silicon Valley. Seine Kritik an „Wokeness“, politischer Neutralität und moralischem Konformismus wirkt stellenweise wie ein Kulturkampf gegen jene Milieus, aus denen die amerikanische Tech-Branche selbst hervorgegangen ist. Karp zeichnet das Bild einer Elite, die sich in Identitätsfragen verliere und dabei die Realität internationaler Machtpolitik verdränge.

Man muss diese Diagnose nicht teilen, um ihre Bedeutung zu erkennen. Tatsächlich verweist sie auf einen tiefen Wandel innerhalb der amerikanischen Technikelite. Während das Silicon Valley lange von libertären und globalistischen Idealen geprägt war, entsteht nun eine neue Strömung, die Technologie, Staat und nationale Sicherheit wieder enger miteinander verbinden will. Karp gehört zu ihren prominentesten Vertretern.

Bemerkenswert ist dabei die fast religiöse Dimension seines Fortschrittsverständnisses. Technologie erscheint bei ihm nicht lediglich als Mittel, sondern als geschichtliche Schicksalsmacht. Die Zukunft des Westens entscheidet sich an der Fähigkeit, technologische Überlegenheit zu bewahren. In dieser Perspektive wird KI zu einer Frage der Staatsräson. Wer bei der Künstlichen Intelligenz zurückfällt, riskiert nicht nur wirtschaftliche Nachteile, sondern den Verlust politischer Gestaltungsmacht. Die Autoren stellen hier unmissverständliche Forderungen: „Die Vereinigten Staaten und ihre ausländischen Alliierten sollten umgehend ein neues Manhattan-Projekt ins Leben rufen, um ausschließliche Kontrolle über die am weitesten entwickelten Formen von KI für das Schlachtfeld zu gewinnen.“

Genau hierin liegt die Spannung, die das Werk zugleich so faszinierend wie diskussionswürdig macht. Der geopolitische Wettbewerb um Künstliche Intelligenz, Halbleiter, Daten und kritische Infrastrukturen ist längst Realität, und die Vorstellung, Technologie könne unabhängig von Fragen der Macht und der strategischen Konkurrenz gedacht werden, erscheint tatsächlich als Illusion. Andererseits gewinnt das Buch gerade aus dieser Diagnose seine ungewöhnliche Dringlichkeit. Karp und Zamiska verstehen die gegenwärtige Epoche als historischen Wendepunkt, an dem sich entscheidet, ob der Westen seine technologische und geopolitische Handlungsfähigkeit bewahren kann.

Vor diesem Hintergrund erscheinen Geschwindigkeit, strategische Entschlossenheit und die Mobilisierung wissenschaftlicher und industrieller Ressourcen nicht als Ausdruck eines Ausnahmezustands, sondern als notwendige Antworten auf eine zunehmend kompetitive Weltordnung. Politische und ethische Erwägungen werden dabei keineswegs verworfen; vielmehr plädieren die Autoren dafür, diese mit einem stärkeren Bewusstsein für die machtpolitischen Realitäten des 21. Jahrhunderts zu verbinden. Ihr Anliegen besteht nicht darin, liberale Prinzipien zugunsten technologischer Effizienz preiszugeben, sondern die Voraussetzungen ihrer langfristigen Verteidigung unter den Bedingungen verschärfter geopolitischer Konkurrenz neu zu bestimmen.

Zwischen Freiheit und Handlungsfähigkeit

Europäische Leser werden hier nicht zwangsläufig widersprechen. Denn die Fähigkeit liberaler Demokratien zur Selbstbegrenzung, ihre Gewaltenteilung und ihre Skepsis gegenüber Machtkonzentrationen stellen zwar historische Errungenschaften dar, doch drohen diese Tugenden unter den Bedingungen verschärfter geopolitischer Konkurrenz bisweilen in strategische Lähmung umzuschlagen. Langwierige Entscheidungsprozesse, regulatorische Überfrachtung und ein ausgeprägtes Misstrauen gegenüber staatlicher Macht erschweren es westlichen Gesellschaften zunehmend, technologische und industrielle Herausforderungen entschlossen anzugehen.

Vor diesem Hintergrund erscheint Karps und Zamiskas Forderung nach einer stärkeren Verbindung von technologischer Innovationskraft und politischer Handlungsfähigkeit zumindest als ernstzunehmender Versuch, auf die strukturellen Schwächen liberaler Demokratien im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz zu reagieren. Ob die bestehende Balance zwischen Freiheit, Wettbewerb und staatlicher Handlungsfähigkeit angesichts des globalen technologischen Wettbewerbs unverändert fortbestehen kann, gehört jedenfalls zu den zentralen Fragen, die das Buch mit Nachdruck aufwirft.

Verfehlt wäre es, das Buch vorschnell als bloße Unternehmenspropaganda abzutun. Dafür ist seine Diagnose zu präzise und seine Fragestellung zu grundlegend. Die Autoren zwingen ihre Leser, sich mit einer unangenehmen Wahrheit auseinanderzusetzen: Die liberale Ordnung lebt von Voraussetzungen, die sie nicht allein durch moralische Appelle sichern kann. Technologische Kompetenz, industrielle Stärke und militärische Handlungsfähigkeit gehören zu diesen Voraussetzungen. Es sei „entscheidend“, so die Autoren mit Blick auf den militärischen Komplex, „dass wir unsere Aufmerksamkeit auf die Entwicklung einer nächsten Generation von KI-Waffentechnik richten, die das Mächtegleichgewicht nicht nur in diesem Jahrhundert, mit dem das Atomzeitalter endet, sondern auch im folgenden bestimmen wird.“

So bleibt nach der Lektüre ein zwiespältiger Eindruck. Die technologische Republik ist kein ausgewogenes Buch. Es ist polemisch, interessengeleitet und stellenweise alarmistisch. Doch gerade dadurch besitzt es intellektuelle Schärfe. Es macht sichtbar, dass sich im Hintergrund des KI-Zeitalters ein grundlegender Wandel vollzieht. Die Frage lautet nicht mehr nur, welche Technologien entwickelt werden, sondern welchem politischen Zweck sie dienen sollen.

Vielleicht liegt die eigentliche Bedeutung des Buches daher weniger in seinen Antworten als in seinen Fragen. Was schulden Technologieunternehmen dem Gemeinwesen? Kann es technologische Neutralität überhaupt geben? Und wie lassen sich Freiheit und Macht im Zeitalter der künstlichen Intelligenz miteinander versöhnen?

Alex Karp und Nicholas W. Zamiska geben darauf eindeutige Antworten. Ob man ihnen folgen möchte, ist eine andere Frage. Gerade deshalb aber lohnt die Lektüre dieses ebenso provozierenden wie aufschlussreichen Buches. Es ist nicht nur ein Manifest eines Unternehmers, sondern ein Zeitdokument über die Selbstverständigung einer neuen technologischen Elite und über die Rückkehr der Machtpolitik in das Zentrum der digitalen Moderne.

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