Die Landkarte galt einst als erledigt. Nach 1989 schien die Geschichte an ihr Ende gekommen: Der Raum wurde durch den Markt ersetzt und die Grenze durch die Norm. Was folgte, war jedoch nicht der Weltfrieden, sondern ein Imperium Americanum, das seine Interventionen als Verwaltungsakte der Menschheit ausgab. Heute wird aber wieder in Räumen gedacht: Pipelines erweisen sich als strategische Hebel, Chipfabriken als Festungen, Meerengen als Druckmittel und Mackinders Herzlandtheorie ist zum Konferenzsaaljargon geworden. Diese Wende hat auch die Rechte erfasst – bis zu dem Punkt, an dem aus den eigenen Reihen der Primat der Außenpolitik auch auf das eigene Kernanliegen angewandt. Die Remigration sei ein uneinlösbares Reversibilitätsversprechen, heißt es zum Beispiel auf dem geopolitischen Blog des AfD-Beraters Dimitrios Kisoudis. Die wahre Wende liege, so Kisoudis weiter, in der Anbindung an die multipolare Welt, an andere Ressourcenströme und Kapitalflüsse – die Normalisierung der Migrationspolitik erfolge dann fast von allein. Das ist eine ernsthafte These, die eine ernsthafte Antwort verdient. Sie lautet: Hier droht die Geopolitik zur bloßen Form zu werden, also zu einem blutleeren Vokabular, das seinen Träger verliert.
Der Jargon einer subjektlos werdenden Geopolitik lässt sich schnell beschreiben. Da verschieben sich „Machtblöcke“, da ringen „Sphären“ miteinander, da fließen Ressourcen und Kapitalien, als handle es sich um Wetterlagen. Ereignisse ziehen auf, ohne dass jemand Konkretes sie verursacht oder sie erleidet. Diese Rhetorik ist strukturell dieselbe Operation, die seit Jahrzehnten die Politik im Inneren entkernt. Es wird nicht mehr gefragt, was eine gute Schule ausmacht, sondern wie sie organisiert werden soll; nicht, was Heimat bedeutet, sondern wie sich „Integration“ messen lässt. Der Bürger als Fallnummer und das Volk als Funktion von Kapitalflüssen sind zwei Erscheinungsformen derselben Substitution des Inhalts durch die Form. Hans Delbrück hat diesen Mechanismus schon vor dem Ersten Weltkrieg benannt: Es sei das Eigentümliche absterbender Ideen, dass ihre Träger, weil die Ideen kraftlos geworden sind, die Form über den Inhalt stellen, die Form heiligen und sich an sie klammern, da sie sonst allen Halt verlieren würden. Eine Geopolitik, die nur noch Ströme und Anbindungen kennt, ist kein Fortschritt gegenüber dem Moralismus, den sie verachtet, sie ist dessen Spiegelbild mit gewendetem Vorzeichen.
Das verschwundene Subjekt
Dabei dachte die klassische Geopolitik nie subjektlos. Beim Staatswissenschaftler Rudolf Kjellén und dem Geografen Friedrich Ratzel bilden Volk, Raum und Staat eine Einheit. Karl Haushofer verstand seine Disziplin sowohl als Lehre der Erdgebundenheit als auch als Mythos, der Volk und Politik zusammenschließt. Carl Schmitts Formel von Ordnung und Ortung besagt, dass Räume immer für jemanden geordnet werden. Die Logik ist klar: Ohne Träger bleibt Ortung ohne Ordnung, Koordinaten ohne Sinn.
Hans-Joachim Arndt, der als „Lagedenker” unter den Politologen der Bonner Republik gilt, hat den Maßstab formuliert: „‚In wessen Namen‘ ‚entschieden‘ wird, ist nur erkennbar, wenn ‚Name‘ nicht bloße Anrufung von Abstraktion bleibt, sondern konkret wird.” Derselbe Arndt hat jedoch auch aufgezeigt, was an der Kritik der Reversibilität richtig ist: Die Niederlage von 1945 bestimmt die Grundlage der Deutschen, ob bewusst oder nicht. Die äußeren Faktoren, von denen die Republik abhängig ist, sind real und die alte Bundesrepublik war nie der souveräne Nationalstaat, als der sie in manchen restaurativen Phantasien erscheint. Verkennt man diese Lage, kann man keine Politik machen. So weit reicht die Übereinstimmung – und sie reicht weit. Die Ergänzung liegt an anderer Stelle.
Die Versuchsanordnung und ihr Konstrukteur
Er liegt im unscheinbaren „fast von allein“. Wenn die Normalisierung der Volksfrage als Nebenprodukt richtiger Anbindungspolitik erwartet wird und Migranten zur „Versuchsanordnung“ gehören, die man nicht voreilig wegdenken darf, dann ist zu fragen, wer den Versuch durchführt und für wen. Eine Anordnung setzt einen Anordnenden voraus. Die Antwort kann schwerlich lauten: die Ressourcenströme irgendwelcher anderen selbst. Genau hier kippt der berechtigte Primat der Außenpolitik in jenen lageblinden Formalismus zurück, den Arndt bereits der Bonner Politikwissenschaft attestierte – nur dass an die Stelle der „Weltgemeinschaft der Demokraten“ nun die multipolare Weltordnung tritt, an die man sich anzuschließen habe, damit sich die Identitätsfrage erledige. Das Muster ist dasselbe: Der Inhalt ist andernorts bereits gesetzt, der Politik bleibt die Umsetzung. Aus Washington wird Peking, aus der Westbindung die Ostanbindung – die Struktur der Fremdbestimmung bleibt bestehen, sie wechselt lediglich den Haken.
Dabei gilt zweifellos der Satz, dass Remigration ohne geopolitische Änderung unmöglich ist. Er trägt jedoch seine Umkehrung in sich: Eine geopolitische Änderung ohne ein Subjekt, das sie will, hat keinen Träger. Warum sollte irgendeine Macht der multipolaren Welt einem Land bessere Konditionen anbieten, das nicht einmal sagen kann, in wessen Namen es verhandelt? Die Anbindung an neue Ströme setzt also voraus, was sie angeblich erst hervorbringt: ein Volk, das sich als Verhandlungssubjekt begreift. Die Volksfrage ist der Weltordnungsfrage weder nachgeordnet noch vorgeordnet – beide sind dialektisch ineinander verschränkt und jede Auflösung dieser Spannung endet im Formterror oder im Pathos.
Weder Formel noch Pathos
Denn auch die Gegengefahr ist real, und von den Kritikern der Remigration wird sie zu Recht benannt: Reversibilitätsversprechen, die eine Vergangenheit wiederherstellen wollen, die es so nie gab, bleiben ohne Gestaltungskraft. Die Konservative Revolution der Weimarer Jahre verfügte über Inhalte im Überfluss, scheiterte jedoch an der Form, an institutioneller Durchdringung und strategischer Geduld. Die Schlussfolgerung drängt sich auf: Der Wille zur Form darf nicht fehlen. Notwendig ist hier aber eine Synthese: Form und Inhalt dürfen einander nicht ins Abseits schießen, keines darf das andere dominieren, diese Vermittlung gelingt nur von einem konkreten Standpunkt aus: dem deutschen.
Ausgerechnet Karl Marx liefert ein praktisches Beispiel aus der Vergangenheit: Er verband die Utopie mit dem Weg, das Was mit dem Wie, und schuf durch diese Verschränkung eine Kraft, die ein Jahrhundert prägte – im Negativen, aber auch im Positiven. Was der Linken das Proletariat war, ist in diesem Sinne dem Volk die geopolitische Vernunft: der Träger, in dessen Namen Anbindung, Strom und Ordnung überhaupt erst Sinn gewinnen. „Eine Nation ist, was eine Nation sein will und diesen Willen dauernd aufrechterhalten kann“ (Karlheinz Weißmann) – in dieser Bestimmung liegt der inhaltliche Pol, während die geopolitische Begriffsarbeit den formalen Pol bildet, erst beide zusammen machen aus Idee Politik.
Vor der Karte kommt der Wille
Was folgt aus den vorangegangen Zeilen? Erstens nach außen hin: eigene Räume der Lagebeurteilung, eigener Nachwuchs jenseits der etablierten Apparate sowie eine Erziehung und Ausbildung, die die Geografie wieder als Erziehungslehre begreift – Formleistungen, gewiss, aber im Dienst eines Inhalts. Geopolitik ist kein Selbstzweck, sondern ein Instrument. Zweitens bedeutet es nach innen, an der Frage festzuhalten, wer „wir“ ist, auch und gerade dann, wenn der Zeitgeist sie für erledigt oder der Stratege sie für verfrüht erklärt. Die multipolare Welt eröffnet größere Räume als die unipolare Welt, allerdings nur für jene, die sich als Subjekte und nicht als Anschlussstellen für fremde Ströme begreifen.
Solange niemand davorsteht, der „Wir“ sagen kann und weiß, wer dieses „Wir“ ist, bleibt die Karte an der Wand stumm und nicht lesbar. Umgekehrt bleibt ein „Wir“, das keine Karte lesen oder interpretieren mag, ein wirkungsloser Pathos, ein populistischer Trick, der nicht eingelöst wird und somit nur ein ödes Versprechen, ohne Chance, jemals eingelöst zu werden. Aus Verwaltung und Reichweitenoptimierung muss wieder Politik werden, aus Organisation muss wieder Nation werden, aus Masse und Gesellschaft muss wieder Volk werden – und aus Kartenkunde muss wieder Geopolitik werden. Das eine gelingt nur mit dem anderen. Die Geopolitik ist die eine Frage. Die andere Frage lautet, ob es noch ein Subjekt gibt, das sie stellt – und keine Versuchsanordnung wird ihm diese Aufgabe abnehmen.





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