Am 31. März stellten Pakistan und China gemeinsam einen Fünf-Punkte-Plan zur Beendigung des Irankrieges vor. Als Pakistan jedoch vorgestern ernst machte und zwischen Washington und Teheran vermittelte, äußerte sich Peking auf Reuters-Anfrage zum Friedensplan nicht. Auch Pakistans Außenministerium konnte zuvor nicht bestätigen, ob China formell als Vermittler oder Garantiemacht eingebunden sei. Die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua, sonst verlässliches Megafon chinesischer Außenpolitik, berichtete kein einziges Mal über den Friedensplan. Diese sehr chinesische Form strategischer Unverbindlichkeit wirft eine unbequeme Frage auf: Betreibt China mit seinem Friedensplan ernsthaft Diplomatie — oder ist es nur ein machiavellistisches Lippenbekenntnis?
Dedollarisierung trumpft Energiesicherheit
Auf den ersten Blick müsste China ein brennendes Interesse an einem schnellen Kriegsende haben. Schließlich bezieht das Reich der Mitte rund 40 Prozent seiner Rohölimporte über die seit Kriegsbeginn blockierte Straße von Hormus. Seitdem ist der Ölpreis von 70 auf rund 110 Dollar pro Barrel geklettert. Bei einem täglichen Verbrauch von 16 Millionen Barrel muss China 640 Millionen Dollar mehr pro Tag hinblättern. Baqir Syed brachte es für Al Jazeera auf den Punkt: Im Interesse von Chinas Energiesicherheit müsse die Straße von Hormus umgehend wieder geöffnet werden.
Doch bei näherer Betrachtung ergibt sich ein komplizierteres Bild: Zwar ist der Handel in der Meerenge drastisch eingebrochen, allerdings beziehen Teile der chinesischen Schattenflotte laut Berichten weiterhin ungestört iranisches Öl von der Insel Charg. China verfügt zudem über Ölreserven für bis zu 100 Tage und kann auf Lieferungen aus Russland, Saudi-Arabien und Brasilien ausweichen. Der Status quo ist für Peking schmerzhaft, aber noch erträglich.
Was die Kosten-Nutzen-Kalkulation jedoch grundlegend verändert, ist die Dedollarisierung, die sich gerade im Persischen Golf vollzieht. Die iranischen Revolutionsgarden haben dort ein Mautsystem etabliert, wonach manche Schiffe bei der Durchfahrt der Meerenge eine Gebühr in Yuan entrichten müssen. Auch der Handel mit dem schwarzen Gold wird im Persischen Golf zunehmend in chinesischer Währung abgewickelt. Somit schwächt jeder Kriegstag den Petrodollar. Und stärkt den chinesischen Traum vom Petroyuan.
Für China ist der Sturz des Dollars als Weltleitwährung von zentraler Bedeutung. Denn amerikanische Sanktionen treffen chinesische Unternehmen und Verbündete regelmäßig über den Hebel des Dollars. Ein Krieg, der die US-Weltleitwährung langfristig schwächt, könnte für Peking die Nachteile einer schwierigeren Rohstoffversorgung bei Weitem aufwiegen.
Die 400-Milliarden-Dollar-Frage: Wer investiert im Iran der Zukunft?
Das zweite Argument für ein chinesisches Interesse an einer Kriegsverlängerung ist subtiler, aber womöglich noch folgenreicher. Im Jahr 2021 einigte sich Peking mit Teheran darauf, in den nächsten 25 Jahren über 400 Milliarden Dollar in Infrastruktur, Telekommunikation und Banken im Iran zu investieren. Im Gegenzug sollte China eine Garantie auf Öl und Gas weit unter Weltmarktpreisen erhalten. Dieses Projekt wurde jedoch nie in der geplanten Tragweite realisiert. Trumps Aufkündigung des Iran-Atomdeals und die folgenden Iran-Sanktionen verhinderten, dass der Iran zum Herzstück der Neuen Seidenstraße werden konnte.
Baqir Syed argumentiert, dass ein baldiger Friedensschluss der Sicherheit chinesischer Investitionen im Iran zugutekommen würde: „China wird kein neutraler Zuschauer bleiben. Es würde es vorziehen, wenn sich stabile Beziehungen zwischen dem Iran und den USA entwickeln, da dies seinen Kerninteressen dient.“
Es ist jedoch alles andere als ausgemacht, dass ein jetzt von Washington gestalteter Nachkriegsrahmen Chinas Einfluss im Iran stärken würde. Die Nationale Sicherheitsstrategie des Weißen Hauses identifiziert China nämlich als zentralen geopolitischen Rivalen. Das Dokument fordert zudem, die amerikanische Dominanz in Handel, Technologie und Finanzordnung unter allen Umständen zu erhalten. Es erscheint daher mehr als fragwürdig, ob Washington nach einem Friedensschluss das chinesische Engagement im Iran akzeptieren würde.
Wie Peking vom Chaos im Nahen Osten profitieren könnte
Die Vorgeschichte des vorletzten Irankrieges stützt diese Lesart: Im Mai 2025 wurde eine Eisenbahnverbindung zwischen Chinas nordwestlicher Provinz Xinjiang und Teheran eingeweiht. Kurz darauf rollte die erste Zuglieferung auf iranischem Boden ein. Die Strecke benötigt lediglich 15 Tage von China in den Iran – verglichen mit 40 Tagen per Schiff. Einen Monat später griffen die USA und Israel den Iran an. Offensichtlich hatten sich die geopolitischen Interessen beider Länder – Washingtons Konkurrenz zu China, Tel Avis Todfeindschaft mit dem Iran – in einem Maße angenähert, das einen gemeinsamen Angriffskrieg begünstigte.
Damit kehrt sich auch das Argument der Investitionssicherheit um. Vielleicht ist für China nicht der schnelle Frieden der beste Schutz der Neuen Seidenstraße, sondern ein Krieg, der die Vereinigten Staaten als Hegemon der Golfregion diskreditiert. Sollten die USA, wie von Trump vorgestern in einem bemerkenswert obszönen und skurrilen Post angekündigt, die zivile Infrastruktur des Iran bombardieren, dürfte der Iran mit massiven Repressalien gegen Ziele in der Golfregion reagieren.
In diesem Fall dürften sich die Golfscheichs fragen, was ihnen die Präsenz von US-Basen eigentlich nützt, wenn diese die Ursache für iranische Racheaktionen sind, ihren Ländern aber keinen Schutz bieten. In dieser Situation könnte sich China als der freundliche Hegemon präsentieren und in das Vakuum des amerikanischen Problembären treten. Auch innenpolitisch entwickelt sich der Irankrieg für die USA immer mehr zum Desaster: Ein Bodeneinsatz ist angesichts der bevorstehenden Midterm-Wahlen nahezu undenkbar — eine klare Mehrheit der Amerikaner lehnt ihn ab.
Machiavelli auf Chinesisch
Es wäre verfehlt, China zu unterstellen, es habe den Krieg geplant oder gar gewünscht. Aber Peking hat eine jahrtausendealte Tradition strategischen Denkens, die zwischen dem lauten Bekenntnis zu Frieden und dem stillen Kalkül über Interessenlagen zu unterscheiden weiß.
So bezweifelte Abid Hussain, Reporter bei Al Jazeera, bereits bei Abschluss des Fünf-Punkte-Friedensplans, ob der Plan für China überhaupt mehr als ein Lippenbekenntnis sei. Die Ereignisse der vergangenen Wochen bestätigen diese Skepsis. Pakistan, das aufrichtig eine Vermittlerrolle anstrebt und dabei sowohl wirtschaftliche als auch strategische Interessen verfolgt, findet sich mit einem Friedensplan wieder, dessen Mitunterzeichner sich in vornehme Zurückhaltung flüchtet.
Für den kanadisch-chinesischen Kommentator Jiang Xueqin sind Trumps Tiraden das Symptom eines „empire in decline“. Angesichts ihres Bedeutungsverlusts schlügen die USA wild um sich und beschleunigten so den eigenen Niedergang. Für China hieße das: „Unterbrich deinen Gegner nie, wenn er einen Fehler macht.“ Vielleicht ist das die präziseste Definition machiavellistischer Großmachtpolitik: Nicht jene Macht sitzt im Sattel, die den Krieg führt, sondern jene, die am meisten davon profitiert – ohne auch nur eine einzige Zeile in der Nachrichtenagentur Xinhua darüber zu verlieren.




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