Es gibt Bilder, die mehr sagen als Absichtserklärungen, und Auslassungen, die aussagekräftiger sind als jede Stellungnahme. Wer in diesen Ostertagen die Social-Media-Kanäle der europäischen Rechtsparteien durchblätterte, begegnete einer bemerkenswert einheitlichen Ikonografie: bunt bemalte Eier in geflochtenen Körben, Weidenkätzchen in Pastellfarben, gelegentlich ein Hase – im Falle der niederländischen PVV sogar ein KI-generiertes Tier in einer Parteischürze, eifrig pinselnd. Die finnische Perussuomalaiset grüßten mit farbenprächtigen Ostereiern im Wiesenkorb, Vlaams Belang mit gelben Tulpen und naturbraunen Eiern und die AfD mit ihren Bundesvorsitzenden und einem blau eingefärbten KI-Hasen. Was all diese Bilder eint: Das Christentum fehlt. Nicht als konfessionelle Pflichtübung, nicht als dogmatischer Appell – schlicht als das, wovon Ostern handelt. Einzig Tino Chrupalla hat als Spitzenpolitiker in einer persönlichen Videobotschaft das Wort Frieden in den Mund genommen. Dass dies auffällt, sagt bereits alles.
Man könnte einwenden, das sei Folklore, eine Frage des Geschmacks. Aber dieser Einwand verfehlt den Kern. Es geht nicht um Frömmigkeit, sondern um Substanz, nämlich um die Frage, ob jene Parteien, die sich als Hüter des abendländischen Erbes verstehen, dieses Erbe noch wirklich bewohnen oder nur noch seine Fassade verwalten. Die Osterbilder geben darauf eine klare Antwort: Sie verwalten die Fassade.
Dabei hat Ostern für das konservative und rechte Denken eine politische Tragweite, die weit über das Konfessionelle hinausgeht. Die Auferstehung ist der komprimierte Ausdruck der Überzeugung, dass das Gegebene nicht das Letzte ist und Geschichte auf etwas hin offen bleibt, das sich der bloßen Machbarkeit entzieht. Wer dem Menschen keine Transzendenz zutraut, traut ihm auf Dauer auch keine Würde zu, denn Würde ohne metaphysischen Rückhalt ist ein leeres Wort, das der nächste Mehrheitsbeschluss hinwegfegen kann. Und der Friede der Osterbotschaft ist keine sentimentale Formel, sondern eine Zumutung: die Unterbrechung des Gewaltkreislaufs aus einer Wirklichkeit heraus, die jenseits des politisch Verhandelbaren liegt. Wer diese Dimension streicht, reduziert das Fest auf einen Frühlingsmarkt. Und wer den Frühlingsmarkt betreibt, hat keine Botschaft mehr, nur noch Dekoration. Das ist eine Kritik, die sicherlich auch in Teilen auf FREILICHs Ostergrafiken zutrifft – aber das ist ein anderes Thema.
Der Algorithmus als Theologie
Die Entleerung des Festes folgt einer Logik, die dem Populismus tief eingeschrieben ist: der Logik der Reichweite. Was an anderer Stelle als „Slopulismus“ beschrieben wurde – die Tendenz, niedrigschwellige Inhalte zu produzieren, die Klicks generieren, aber keine Substanz transportieren –, ist in der politischen Symbolkommunikation längst angekommen. Bunte Eier generieren Interaktion. Mystik hingegen nicht. Der Hase ist universell verständlich, politisch unverdächtig, konfessionell neutral und algorithmisch erprobt. Also wählt man den Hasen. Das ist keine bewusste Entscheidung gegen das Christentum, sondern eine automatisierte Nicht-Entscheidung, die routinemäßig dasselbe Ergebnis produziert wie eine ausdrückliche Absage.
Das Verhältnis der populistischen Rechten zum Christentum war von Beginn an eines des instrumentellen Zugriffs. Man berief sich auf das Abendland, um den Islam als Fremdkörper zu markieren, und auf das Kreuz, um die eigene Kulturzugehörigkeit zu symbolisieren. Was man jedoch nicht tat, war, das Christentum als eigenständigen Anspruch ernst zu nehmen, als eine Botschaft, die sich dem politisch Nützlichen strukturell entzieht und gerade deshalb unverzichtbar ist. Der Konservative und spätere Hitler-Gegner Ewald von Kleist-Schmenzin hat das treffend formuliert: „Konservatismus ist etwas Unbedingtes, das keinen Kompromiss zulässt. Da er nur religiös zu begründen ist, so ist dieser feste Punkt Gott.“ Umgedreht bedeutet das: Das Kreuz als instrumentalisiertes Gegensymbol zum Halbmond ist kein christliches Zeichen mehr, sondern ein tribalistisches. Wer es nur in dieser Funktion führt, hat sein Gehalt preisgegeben, bevor der Gegner die Hand gehoben hat.
Das Fundament, das man nicht sieht
Bereits 1999 hat der konservative protestantische Philosoph Günter Rohrmoser in seinem Werk Kampf um die Mitte festgehalten, dass ein erneuerter Konservatismus nicht nur liberal, sondern auch wieder christlich sein müsse. Und das nicht im funktionalen, sondern im substanziellen Sinne als Quelle jener „Verblüffungsfestigkeit“, die nur durch die Einsicht in eine höhere Wahrheit gewährleistet werden kann. Fehlt dieser Rückhalt, entsteht ein Vakuum, das weder Utilitarismus noch Ökonomismus füllen können. Kirchen, die „nur noch die unendliche Liebe Gottes beschwören, aber nicht das nötige Gesetz“ kennen, in denen Gott Gnade ist, aber nicht mehr Richter, haben dasselbe geleistet wie die Parteien mit ihren Osterhasen: Sie haben die Substanz durch die Hülle ersetzt.
Das Christentum war für den europäischen Konservatismus keine konfessionelle Dekoration. Es lieferte den Begriff der unverfügbaren Würde, den Begriff des Maßes gegen die Hybris der Machbarkeit sowie die Verantwortung vor etwas, das nicht gewählt und nicht verhandelt werden kann. Wer dieses Fundament aushöhlt – und das tut, wer Ostern auf ein mediales Happening reduziert –, sägt an dem Ast, auf dem das konservative Denken sitzt. Kleist-Schmenzins Diagnose, die Konservativen litten an einem „Mangel an Unbedingtheit“, beschreibt den gegenwärtigen Zustand der populistischen Rechten mit unverminderter Präzision.
Kulturell wehrlos gegen sich selbst
Kurz gesagt: Eine politische Bewegung, die ihre eigene symbolische Substanz nicht mehr verteidigen kann, ist kulturell wehrlos. Nicht gegenüber dem politischen Gegner, sondern gegenüber sich selbst. Sie überlässt das Feld der sinnstiftenden Narrative denjenigen, die es zu besetzen bereit sind: einem progressiven linken Kulturestablishment, das sehr genau weiß, dass Symbole und Deutungsrahmen darüber entscheiden, wer eine Gesellschaft versteht – und wer nur in ihr verwaltet. Rohrmoser hat die drei Aufgaben eines erneuerten christlichen Konservatismus benannt: die geistige Rekonstruktion der Nation, die Auseinandersetzung mit der Moderne und als dritten, unabdingbaren Punkt die Reaktualisierung des Christentums. Nicht seine Musealisierung, sondern die Wiedergewinnung seines lebendigen Gehalts. Wer stattdessen Osterhasen postet, hat diese Aufgabe nicht missverstanden. Er hat sie schlicht nicht angenommen.
Der Historiker Hans Delbrück hat einmal geschrieben: „Es ist das Eigentümliche bei absterbenden Ideen, dass, weil sie kraftlos geworden sind, ihre Träger die Form über den Inhalt stellen, die Form heiligen, sich an sie anklammern, weil sie sonst allen Halt verlieren würden.“ Der Osterhase ist das Paradebeispiel für diese Dynamik. Eine Form, die den Inhalt ersetzt, weil der Inhalt nicht mehr bewohnt wird. Rohrmoser hat im beschriebenen Buch auch Goethe zitiert: „Zeiten des Unglaubens sind Zeiten des Niedergangs.“ Das muss man nicht theologisch verstehen, um seine kulturpolitische Schärfe anzuerkennen: Wer das Transzendente gegen den Hasen eintauscht, hat sich dem kulturellen Nihilismus ergeben, den er zu bekämpfen vorgibt.
Ostern hätte die Gelegenheit geboten, anders zu sprechen. Von Frieden, von Überwindung, von einer Wirklichkeit, die größer ist als die nächste Nachrichtenlage. Die meisten haben diese Gelegenheit nicht genutzt. Chrupalla war die Ausnahme. Dass dies auffällt, ist das eigentliche Symptom.





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