Wie viele andere, die im rechten Spektrum gelandet sind, hat mich die Frage nach der „Vergangenheitsbewältigung“ zu Beginn meines politischen Engagements außerordentlich stark beschäftigt. So nannte man früher jenen Komplex aus instrumentalisierter Geschichtsschreibung und -deutung, der von den heutigen Rechten mit dem Begriff „Schuldkult“ ins Visier genommen wird. Wer in den lang verflossenen, insgesamt eher bleiernen Jahren vor 2015 „dabei“ war, wird sich gut erinnern, was für eine enorme, auch emotionale Rolle die Korrektur des herrschenden einseitigen Geschichtsbildes in der konservativen Publizistik gespielt hat. Man hatte das Gefühl, sich auf einer Mission zu befinden, einer gerechten Sache zu dienen, die unmittelbar mit einem selbst und seiner Herkunft und Zukunft zu tun hatte.
Wer damals in der rechten Szene aktiv war, hatte noch direkten Kontakt mit der Kriegsgeneration und ihren Erzählungen gehabt, und war zum Teil stark von diesen Beziehungen und Begegnungen geprägt worden. Viele waren zornig, als sie herausfanden, wie stark entstellt und manipulativ volkspädagogisch die Geschichtsdarstellungen in unseren Schulbüchern waren, und sie waren empört, wie das Leiden des deutschen Volkes und der deutschen Opfer unterschlagen, heruntergespielt oder gar ideologisch und moralisch gerechtfertigt wurde. Dabei konnte man grob gesagt zwei Fraktionen unterscheiden: Eine, die dachte, man könne die in die Selbstzerstörung führenden geschichtspolitischen Dogmen mit historischen Fakten und Differenzierungen aus den Angeln heben (in diese Sparte gehörte auch die härter „revisionistische“ Fraktion), und eine andere, die sich gleichsam „psychoanalytisch“ einer Erforschung der „Seelengeschichte“ der Deutschen widmete, in der Hoffnung, Heilung durch Bewusstmachung erwirken zu können. Heute erkennen wir, wie hartnäckig sich die sinnstiftende „große Erzählung“ gehalten hat, aber auch, dass sie aus rein biologischen Gründen immer mehr an Macht verliert.
Auf Spurensuche
Einmal angefixt, war ich fasziniert davon, jene Seiten und Kapitel des Zweiten Weltkriegs und seiner Vorgeschichte zu entdecken, die mir in der Schule verschwiegen oder nur in beschönigter Form serviert worden waren. Mein Geschichtsbuch aus dem Gymnasium etwa behandelte die Bombardierung von Guernica auf einer Doppelseite, diejenige von Dresden aber nur in einem kurzen Absatz, der eine Rechtfertigung von Winston Churchill zitierte. Ich empfand diese Entdeckung als regelrechte „Befreiung“ von der Herrschaft der NS-Bewältiger, da mir der „Schuldkult“ in meinen Teenager-Jahren ziemlich in die Knochen gefahren war – allerdings niemals so tief, als dass ich jemals auf die Idee gekommen wäre, meine Großeltern in irgendeiner Weise zu verurteilen oder gar zu verdammen.
Besonders interessierte ich mich für das Thema Flucht und Vertreibung, das auch im Film deutlich unterrepräsentiert war. Ich begann 2004, in Schlesien und im Sudetenland einen Dokumentarfilm über dieses Thema zu drehen. Ich habe in dieser Zeit mit vielen Zeitzeugen sprechen und Interviews mit ihnen aufnehmen können, die noch irgendwo in meinen Archiven existieren, verstreut auf etwa zwei Dutzend Camcorder-Kassetten.
Ich kann mich an ein Treffen heimatvertriebener Niederschlesier erinnern, das ich etwa 2006 besuchte, ich glaube, es war irgendwo in Niedersachsen. Das meiste davon habe ich vergessen, aber ein Bild hat sich mir eingeprägt. Die Veranstaltung fand im Freien statt, es war im Spätsommer oder Frühherbst. Die versammelten Teilnehmer saßen nebeneinander aufgereiht auf Stühlen und hörten einem Redner auf einer Tribüne zu. Die meisten von ihnen waren Kinder oder Jugendliche gewesen, als sie vertrieben wurden. Ich stand etwas abseits und sah vor mir Reihen von weiß- und grauhaarigen Hinterköpfen, auf die das Licht der Herbstsonne fiel. Vor langer Zeit waren sie Opfer eines schrecklichen Krieges gewesen. Die Geschichte war wie eine Feuerwalze über sie und ihre Familien hinweggerollt, aber heute wollte niemand mehr etwas von ihnen und ihrem Schicksal wissen. Schlimmstenfalls wurden sie als „Revanchisten“ oder „Nazis“ beschimpft oder gelegentlich sogar von Antifas angegriffen, als „deutsche Täter“, die „keine Opfer“ sein konnten und durften. Ein Gedanke schoss mir durch den Kopf: In zehn bis zwanzig Jahren, dachte ich, werden all diese Menschen tot sein. Nun sind zwanzig Jahre vergangen, und wahrscheinlich sind all diese weiß- und grauhaarigen Menschen inzwischen tatsächlich tot, und mit ihnen ihre Erinnerungen.
Dieser Text wurde zuerst in der FREILICH-Ausgabe Nr. 40 „Heimat, fremde Heimat“ abgedruckt.





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